Dostojewski-Inszenierung in Dresden Seifenoper halt?

Derart gebuht und gejubelt wurde lange nicht: Sebastian Hartmann verknüpft bei seiner Dresdner Inszenierung von Dostojewskis "Erniedrigte und Beleidigte" kritische Zeitdiagnose mit Bruchstück-Ästhetik.

Sebastian Hoppe

Von Christine Wahl


Zwar schält sich der Schauspieler Yassin Trabelsi genau wie seine Kollegen zu Beginn des Abends am Staatsschauspiel Dresden erst einmal aus meterdickem Kunstnebel heraus. Aber dafür ist die Ansage, die er dann über die Rampe sendet, von absolut unnebulöser Klarheit: Es ginge ums "Überwinden", erklärt Trabelsi dem Publikum. Und so, wie er dabei in seinen schwarzen Klamotten auf der Bühne turnt und semi-ironisch ins Parkett hinunterdoziert, kann natürlich nur das Überwinden gähnend langweiliger Theaterkonventionen gemeint sein.

Alles klar: Auf eine Inszenierung, die die Romanhandlung von Fjodor Dostojewskis "Erniedrigte und Beleidigte" von 1861 zum x-ten Mal nachbetet, sollten sich die Zuschauer gar nicht erst einstellen. Für jene Art Zombie-Theater stand der Regisseur des Abends, Sebastian Hartmann, sowieso noch nie.

Die zentrale Figur des Geschehens, das sich in Dresden vor einer riesigen Leinwand abspielt, die permanent mit meisterhaften neuen Illustrationen von Tilo Baumgärtel schwarzweiß überschrieben, übermalt und überblendet wird, ist der Fürst Walkowski. Ein Oberzyniker vor dem Herrn, den der Schauspieler Torsten Ranft angemessen breitbeinig mit dem Satz einführt, die ganze Welt sei für ihn geschaffen.

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"Erniedrigte und Beleidigte": Grundsatzfragen über Bühnenkunst

Walkowskis Sohn Aljoscha (Lukas Rüppel) irrt sich hingegen gewaltig, wenn er wiederholt verkündet: "Mein Papa ist der netteste, vornehmste und aufrichtigste Mann, und er liebt mich." Denn de facto entfernt ihn der Papa eigennützig von seiner Geliebten Natascha (Fanny Staffa), der Tochter des Gutsverwalters Ichmenew - den Walkowski zum Dank für die Führung seiner Geschäfte in einem Gerichtsverfahren ruiniert. Und den Torsten Ranft - ein schlackerndes Bein hier, eine angedeutete devote Kopfsenkung dort - schauspielerisch gleich mitübernimmt.

Der Fürst schielt also grundsätzlich nach Kapital. Er will Aljoscha lieber mit der schönen Erbin Katja (Eva Hüster) verheiraten. Und der Sohn erweist sich da als klassischer Fall maskuliner Indifferenz, also durchaus beweglich. Während in einem zweiten Handlungsstrang auch noch die kranke Waise Nelly (Luise Aschenbrenner) durchs Geschehen turnt, die sich ebenfalls als Tochter des Fürsten Walkowski erweist. Seifenoper halt. Der Fürst hatte Nellys arme Mutter einst um ein Vermögen betrogen und skrupellos der Armut preisgegeben.

Wider den sonntäglichen Tatort-Wahnsinn

All das wird in Dresden - der Romananfang wird erst nach über einer Stunde chorisch über die Rampe deklamiert - eher bruchstückhaft präsentiert. Hartmann geht es mehr um Grundmotive, um Assoziationen statt um Handlungslinien. Wie hatte es Trabelsi eingangs doch gleich so knackig formuliert? "Erst mal also: Nix Meinung zu irgendwas" und "nix psychologisches Problem". Sondern: "Sound." Trabelsis geturnte kleine Theatertheorie, die immer wieder ins Geschehen grätscht, entstammt der Hamburger Poetikvorlesung des jungen Erfolgsdramatikers Wolfram Lotz. Der denkt dort ganz grundsätzlich übers Gegenwartstheater nach, fragt sich insbesondere, welche Texte die Bühne heute braucht und vertritt - in aller Kürze - die Meinung, dass der "sonntagabendliche Tatort-Wahnsinn" so ziemlich das genaue Gegenteil von der Weisheit letztem Schluss sei.

Und diesem Credo folgt Hartmann vorbildlich. Der "Sound" dieser Inszenierung, also der Grundton, ist eine Art hastig erregter Überdruck: Der Regisseur überträgt die Seins-, Habens- und Liebesproblematik der Vorlage praktisch in die Grundaufgeregtheit eines nervösen Zeitalters, das vielleicht sogar unseres ist.

Worte werden hier eher stakkatohaft hervorgestoßen als erfühlt, abgeschmeckt und wohlartikuliert versendet. Dazu kreiert Hartmann, der auch wieder sein eigener Bühnenbildner ist, im Zusammenspiel mit Adriana Braga Peretzkis grandiosen, in Schwarz-Weiß gehaltenen Kostümen suggestive Bilder - von ewigen Kreisläufen, von Permanenz-Überblendung und mithin Dauerüberforderung, von Beschleunigung und bewusstem Stillstand. Es gibt Exkurse über Exkurse, von der Liebe über den Surrealismus bis zum Schauspiel im Allgemeinen und Besonderen und wieder zurück.

"Geld zurück", rufen die Zuschauer

Wobei dem Dresdner Premierenpublikum offenbar besonders die ebenfalls reichlichen selbstironischen Inszenierungskommentare in dieser Materialschlacht gefielen. Als ein Schauspieler zu vorgerückter Stunde sagt: "Ich muss das jetzt erzählen, damit die Leute überhaupt wissen, was los ist", gibt es spontan Szenenapplaus. Einige klatschen auch frenetisch zur selbstkritischen Bühnen-Anmerkung, "den Dostojewski" hätten "andere eh schon besser gemacht, zum Beispiel der Frank".

"Der Frank" - namentlich Castorf, seines Zeichens Ex-Intendant der Berliner Volksbühne und unangefochtener Dostojewski-Bühnenexeget - sitzt übrigens in Reihe zehn und verzieht zwar angesichts des Bühnenlobes keine Miene, applaudiert am Schluss aber stark und ausdauernd.

Wie die Hälfte der restlichen Zuschauer. Wenn man den finalen Publikumsreaktionswiderstreit zum Maßstab nimmt, ist dieser Dresdner Hartmann so gelungen wie lange kein Theaterabend mehr: Passionierter Jubel und ebenso leidenschaftliche "Buh, Geld zurück"-Rufe halten sich die Waage. So ein Hallo erlebt man tatsächlich nicht mehr oft im Theater. Und auch sonst hat das Staatsschauspiel Dresden mit diesen fast dreistündigen, pausenlosen "Erniedrigten und Beleidigten" einen außergewöhnlichen Abend in seinem Programm. Einen wirklich in jeder Hinsicht hundertprozentig "Tatort"-fernen.


"Erniedrigte und Beleidigte". Schauspielhaus Dresden; nächste Vorstellungen am 2., 8. und 21.4., www.staatsschauspiel-dresden.de



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