Zum Tod von Ernst Nolte Selbst gewählt im Abseits

Der Initiator des Historikerstreits Ernst Nolte ist in Berlin gestorben. Der Geschichtsphilosoph hatte sich mit seiner Relativierung des Holocausts immer weiter in die rechte Ecke manövriert und von seinen Kollegen isoliert.

Ernst Nolte
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Ernst Nolte

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Als im Herbst 1976 viele Studenten der West-Berliner Universitäten gegen Berufsverbote und die Verschulung ihrer Studiengänge streikten, bot Ernst Nolte ihnen die Stirn und hielt wacker seine Vorlesungen ab. Zumindest versuchte er es, bis eine kleine Gruppe von Studenten, mit einer Gitarre bewaffnet, in den Hörsaal kam und mit dem Singen von Streikliedern die Vorlesung Noltes sprengte.

Nolte, gewöhnlich ein sehr distanzierter, ruhiger Mann, war außer sich. Er warf den streikenden Studenten vor, sie benähmen sich wie Joseph Goebbels und die SA-Männer, die 1930 mithilfe des Freilassens weißer Mäuse die Filmvorführung von "Im Westen nichts Neues" gesprengt hätten.

Nolte hatte eine Neigung zu starken Vergleichen, die zudem mit dem Gefallen daran gepaart war, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Dies trug wesentlich dazu bei, dass der im Alter von 93 Jahren in Berlin verstorbene emeritierte Professor zu einem der bekanntesten Historiker seiner Generation wurde. Ohne Frage war er der umstrittenste.

Gleichzeitig ist Nolte über den Status eines exzentrischen Außenseiters seiner Zunft nicht hinausgekommen. Sein Kollege Walter Laquer nannte ihn einen "einsamen Wolf" in seinem Fach.

Dem 1923 in Witten als Sohn eines Volksschuldirektors geborenen Nolte fehlten von Geburt an drei Finger an einer Hand; ihm blieb deshalb im Zweiten Weltkrieg das Soldatentum vorenthalten. Statt für Führer, Volk und Vaterland zu kämpfen, studierte Nolte bei dem NS-Sympathisanten Martin Heidegger Philosophie. 1952 promovierte er mit einer Arbeit über "Selbstentfremdung und Dialektik im Deutschen Idealismus und bei Marx".

Gut zehn Jahre später veröffentlichte der Studienrat, der Deutsch und Altgriechisch unterrichtete, seine Untersuchung "Der Faschismus in seiner Epoche", die zu einem Standardwerk wurde. Als Seiteneinsteiger in den Wissenschaftsbetrieb war er zunächst Privatdozent in Köln, dann Ordinarius in Marburg und schließlich von 1973 bis zu seiner Emeritierung 1991 Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin.

Kampfansage von Habermas

Nolte verstand sich als Geschichtsphilosoph und dachte entlang der ganz großen Linien. In dieser Pose veröffentlichte er auch im Juni 1986 einen Aufsatz in der "FAZ", der den Titel "Vergangenheit, die nicht vergehen will" trug. Darin machte Nolte einen "kausalen Nexus" zwischen der Gewalttätigkeit der russischen Kommunisten und dem Judenmord der deutschen Nationalsozialisten aus.

Er fragte: "War nicht der 'Archipel Gulag' ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der 'Klassenmord' der Bolschewiki das logische und faktische Prius des 'Rassenmords' der Nationalsozialisten?" Jürgen Habermas griff daraufhin Noltes Thesen sowie Schriften zweier weiterer konservative Historiker als "apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung" an. Er bezichtigte sie des "Revisionismus", des Versuchs, historische Schuld abzuwälzen.

Habermas plädierte dagegen für einen Verfassungspatriotismus und ein Bekenntnis zur "politischen Kultur des Westens". Alsbald schlugen sich im sogenannten Historikerstreit dann Hans-Ulrich Wehler, Eberhard Jäckel, Richard Löwenthal, Kurt Sontheimer und viele andere namhafte Kollegen Noltes auf die Seite von Habermas und wandten sich mit großer Schärfe gegen seine offenkundige Relativierung des Holocausts.

Nolte hatte sich in die rechte Ecke manövriert, und er kam Zeit seines Lebens nicht mehr heraus. Er wollte es wohl auch nicht. Statt seine teils vagen Thesen klarzustellen, forderte Nolte ein Ende der "kollektivistischen Schuldzuschreibungen gegen Deutschland" und geißelte das gesetzliche Verbot, den Holocaust zu leugnen, als "Gefahr für die geistige Freiheit." In einem Interview erklärte Nolte 1994 zum Holocaust: "Ich kann nicht ausschließen, dass die meisten Opfer nicht in den Gaskammern, sondern dass die Zahl derer vergleichsweise größer ist, die durch Seuchen zu Grunde gingen oder durch schlechte Behandlung und Massenerschießungen."

Als ihm 2000 der Konrad-Adenauer-Preis verliehen wurde, weigerte sich die CDU-Vorsitzende Angela Merkel die Laudatio zu halten. Nolte erklärte sich seine fachliche und politische Isolierung so, dass er seinen Positionen treu geblieben sei, aber die deutsche Gesellschaft unablässig nach links gerückt sei.

Die Historikerin und Journalistin Franziska Augstein, die bei Nolte studierte, hielt Nolte zwar "für den besten Lehrer", den sie an der Freien Universität angetroffen habe, aber sein Gesamtwerk sei nur "ein Agglomerat von philosophisch empfundenen, mit interessanten Zitaten unterfütterten, Ressentiments". Ihr Vater, SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein, beendete 1988 seine Rezension des Nolte-Buchs "Der Europäische Bürgerkrieg 1917-1945" mit den Worten: "O Nolte, warum hast du uns das angetan."



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