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11. Januar 2013, 17:10 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Funkelnde Moderne, verquastes Geraune

Eine Kolumne von Georg Diez

Deutschland entledigt sich seiner Nachkriegsmoderne - im Furor gegen eine Architektur, die eine andere, fortschrittliche Republik entwarf. Die Gedankengebäude des Jubilars Ernst Nolte dagegen machen klar, wie gefangen die alte BRD in Angst und Aggression war.

Was war das für ein Land. Entschieden und elegant sind die Formen, Altäre, Lampen. Weit und angstfrei sind die Räume, krass und fensterlos recken sich die Wände dem Himmel entgegen. Und wenn es doch Fenster gibt, dann erzählen sie eine Geschichte, die nicht vom Sehen handelt, sondern vom Spüren, es geht um die Poesie in der Physik, es geht um das, was hinter den Dingen liegt und doch im Licht: schöner, heiliger Beton.

Es ist das Land, das ich kannte und aus dem ich komme. Und es ist doch ein fremdes Land, dieses helle, strenge, fortschrittliche Deutschland, das man fast vergisst, bei all der kontrollfreakigen Traufhöhentristesse in Berlin, bei all dem humorlosen Herumgebaue, das man sonst so sieht. Wie anders, wie menschenfreundlich und modern, wie angenehm deutsch war da doch die alte BRD. Vielleicht war sie nie so, auch wenn sie einem jetzt wieder so begegnet - in dem berauschenden Buch "Einst gelobt und fast vergessen. Moderne Kirchen in Frankfurt a. M. 1948-1973", herausgegeben vom Deutschen Werkbund Hessen und von Wilhelm E. Opatz, erschienen im Niggli Verlag. Ein Bildband, aber auch ein politischer Essay mit visuellen Mitteln, der die alte, immer gültige zentrale politische Frage stellt: In was für einem Land, in was für einer Welt wollen wir eigentlich leben?

Die Antwort, die die Architekten damals nur drei, sieben, acht, neun Jahre nach dem Wahn, dem Weltbrand, dem Judenmord gaben, war atemberaubend: Die Moderne ist die Rettung. Wir wollen ein Land, sagen ihre Bauten, das nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft nach Heil sucht, sondern erkennt, dass Freiheit und Gerechtigkeit nur in der Gegenwart zu haben sind. Wir wollen eine Welt, sagen diese kühnen Kirchenbauten, in der das Sakrale und das Rationale nicht "versöhnt" sind - es muss doch klar sein, dass das eine aus dem anderen erwächst, dass es sich gegenseitig bedingt und durchdringt.

Kein Geraune hier, nur ein Strahlen, das heute suspekt zu sein scheint: Weg also mit einer Nachkriegsmoderne, die schon Alexander Mitscherlich als "unwirtlich" bezeichnet hatte. Weg mit klaren Formen, kühnen Entwürfen, der beschwingten Nachkriegsmoderne. Weg mit dem wunderbaren Hertie-Hochhaus in München, weg mit der schwingenden Fünfziger-Jahre-Post am Ostbahnhof, weg mit dem Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz in Berlin, der Abriss wurde dann doch noch verhindert - dafür wurde ein zentraler Bau der ebenfalls ungeliebten DDR-Moderne abgerissen, das "Ahornblatt" an der Leipziger Straße in Berlin.

Weg, weg, weg: In diesem antimodernen Angstfuror verschwinden aber nicht nur Gebäude, es verschwindet auch das Bild eines Landes, das überraschend aufgeklärt war, stilbewusst, souverän und mutig auf eine freundliche Art.

Auf dem Stahlhelm dengeln, bis eine Russenkappe daraus wird

Womit wir bei Ernst Nolte wären, der an diesem Freitag seinen 90. Geburtstag feiert: ein seltsam unfreundlicher Denker, ein Oberlehrer und Besessener, ein BRD-Baudenkmal ganz anderer Art, weil sein Gedankengebäude nichts von der Würde und Weite und auch heiteren Trauer hat, die dieses Land manchmal zumindest angenehm wirken ließen - alles an Nolte ist im Grunde unangenehm, vor allem sein Geraune, sein Gebohre und sein Man-wird-doch-noch-mal-sagen-Dürfen.

Und trotzdem gehört beides zusammen, gehört dieses Gegenbild zur Dialektik des Nachkriegsdeutschland, macht gerade ein Blick auf den Geschichtsstreit, den Nolte 1986 auslöste, heute noch mal klar, wie eigenartig frei diese BRD auf der einen Seite war, ästhetisch zum Beispiel in dieser funkelnden Moderne, und wie gefangen in altem Reden und altem Denken andererseits: Nolte dengelte damals rhetorisch einfach so lange auf einem Wehrmachts-Stahlhelm herum, bis daraus eine Russenkappe wurde - und das Gepolter war riesengroß.

Der vernichtende Nationalsozialismus, sagte Nolte, dessen Werk "Der Faschismus in seiner Epoche" schon mühsam die Parallelen der totalitären Systeme zeigen wollte, ist nicht originär, sondern eine Reaktion auf das, was die Kommunisten in der Sowjetunion an Vernichtungsphantasien und -plänen hatten - was auch immer Nolte damit sagen wollte, was auch immer das am Verbrechen des Holocaust geändert hätte, was auch immer überhaupt Parallelen oder Vergleiche sollen: Noltes dauerndes "und doch", sein "aber" und "andererseits" standen beim Historikerstreit 1986 insinuierend quer im Land, das war damals hässlich, und ist es heute noch.

Denn Schönheit gibt es eben nicht nur bei Gebäuden, es gibt Schönheit auch bei Gedankengebäuden. Und diese Schönheit hat mit Klarheit zu tun. Nolte konstruierte in seinen Schriften etwas, und man ahnte schon, dass es dahinter Motive geben könnte. Diese Ahnung war es, die seine Thesen so kontrovers werden ließ - weil er nicht aussprach, was er wirklich sagen wollte, so der Vorwurf, weil diese Leerstelle als Relativierung des Holocaust gesehen wurde.

Er ist damit Teil der BRD geworden, gestraft und stellvertretend geächtet. Es war eben doch eine Angst da in diesem Land, natürlich, eine Angst vor uns selbst und dem, was wir angerichtet hatten, eine Angst und eine Aggression. Das ist uns bis heute geblieben, man spürt es in jeder Diskussion über Deutschlands Rolle in der Welt, über Israel, über Antisemitismus.

Die Nolte-Debatte handelt davon, wie man diese Angst politisiert. Die Nachkriegsmoderne handelt davon, wie man diese Angst überwindet.

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