Eröffnung Club Soho House Berlin: München-Frisuren und Disco-Romper

Von Jenni Zylka

Rosé oder Normal? Bei der Eröffnung des ersten deutschen Ablegers in Berlin gab es für die Gäste des legendären Club Soho House Champagner toujours. Auch Provokateur Damien Hirst und andere schillernde Gestalten amüsierten sich auf der Party. Zuvor gab es tote Tiere in Formaldehyd zu sehen.

Angeblich macht Champagner ja keinen Kater. Eruieren könnte man das mit einer Blitzumfrage bei denjenigen, die am Freitag der Eröffnung vom Soho House Berlin beiwohnten. Vielleicht sollte man nicht allzu früh anrufen. Außerdem muss man die meisten eh über ihre Agenten kontaktieren.

Damien Hirst zum Beispiel, der im Rahmen des "Gallery Weekends" (klingt ein bisschen cooler als die im Sommer stattfindende "Lange Nacht der Museen") ein paar eingelegte Tiere ausstellte, in der Galerie "Haunch of Venison", irgendwo hinter dem Hauptbahnhof. Dort, mitten im Industriegebiet, stehen am Abend plötzlich massenweise Kunstmenschen herum.

Zuerst glaubt man noch an einen länger geöffneten Getränkeabholmarkt, bis man die schicken Kleider, die großen Ketten und die Galerie als solche erkennt. Darin stehen, in Hirsts Fall, ein Zebra in Formaldehyd, der Querschnitt eines schwarzen Schafs mit goldenen Hörnern in Formaldehyd, ein Medizinschrank voller schwarzer Pillen und massenweise stählerne chirurgische Instrumente in einem riesigen, kreisrunden, verspiegelten Regal, wie es sich ein Krankenhaus nicht schöner wünschen könnte.

Fotostrecke

6  Bilder
Galerie zur Eröffnung: Fleischbeschau in Formaldehyd
Hirsts Kumpel und Co-Aussteller Michael Joo hat unter anderem eine rosafarbene Zebraskulptur aus Bronze gegossen, und sie "Pink Rocinante" genannt, dabei war Don Quixotes Pferd doch gar kein Zebra. Aber so genau muss man es ja nicht nehmen.

Zwischen den unverschämt riesigen Kunstwerken wird diskutiert und fotografiert, um 21 Uhr brummt die Bude immer noch, obwohl immer wieder verschämt auf die Schließung hingewiesen wird.

Mitgliedsbeitrag: 1200 Euro im Jahr

Hirst ist da längst weg, längst im Soho House angekommen. Er hat bestimmt auch eine Clubkarte, die ihn befähigt, jedes Soho House der Welt zu betreten, auch die in London, West Hollywood und New York, das "Electric House" in Notting Hill, das "Babington House" in Somerset, das "High Road House" in Chiswick und das "Shoreditch House" in East London. So eine "Every-House"-Mitgliedschaft kostet 1200 Euro im Jahr, wenn man - wie Hirst - über 27 ist. Die jüngeren angehenden Exklusiven zahlen 600 Euro plus 190 Euro jährliche Gebühr für die Kindermitgliedschaft. Hirst hat zwei, aber vermutlich sind die gar nicht mit auf dem Berlin-Trip.

Oder vielleicht doch: Im Pool auf der Dachterrasse des Berliner Soho Houses, einem unter Denkmalschutz stehenden Bauhaus-Gebäude mit eindrucksvoller Fassade an der Ecke Torstraße und Prenzlauer Allee, planschen tatsächlich ein paar Kinder. Die müssen aber bald ins Bett, denn jetzt wird feste gefeiert. Ohne Schampus schafft man es nicht mal an der Rezeption vorbei, schon dort im unrenovierten Erdgeschoss, neben einem Boxring, in dem testosterongescheuchtes Blau gegen vitales Rot kämpft, stehen die ersten freundlichen jungen Damen und recken langstielige Gläser: Rosé oder Normal?

Erst mal Normal, später, im Restaurant im zweiten Stock, in dem weitere freundliche junge Damen "Peaches" von The Stranglers und "Nip it in the bud" von The B-52's auflegen, warten wieder an jeder Ecke Champagnergläser, und die kleinen, in Schnapsstamperl gestopften Dessertvariationen werden einem sogar bis zur Raucherterrasse hinterhergetragen.

Mit oder ohne Falten - in jedem Fall braungebrannt

Die Stockwerke drei bis sechs sind für den Hotelbetrieb, momentan bekommt man ein Doppelzimmer ab 95 Euro, das ist ein special offer. Hirst hat bestimmt eine "Extra Large"-Suite, für Mitglieder ab 375 Euro pro Nacht, inklusive Plattenspieler- und echter Plattennutzung. Im siebten Stock ist die Bar, Jana Pallaske und Jessica Schwartz sind auch schon da, außerdem der Neuberliner Michi Beck, und wenn Freundesauge sich nicht täuscht, lümmelt Rudolf Moser, hervorragender Percussionist und Einstürzende-Neubauten-Mitglied, auf einem der Sofas herum.

Außerdem jede Menge braungebrannte Männer mit Falten, und braungebrannte Mädchen ohne Falten. Langsam verlagert sich alles auf das Dach mit dem bereits erwähnten Swimmingpool, und da steht auch endlich Damien Hirst, man erkennt ihn am Blitzlichtgewitter, mit Brille und weißem Jackett. Er schiebt sich kurz durch eine Staustelle am Pool, holt er vielleicht seine Kinder raus und steckt sie ins Bett? Braucht er frisches Bier? Ein Brite aus Bristol verträgt doch wohl keinen Schampus, oder?

Männer mit weißen Anzügen und München-Frisuren reden mit Frauen in langen und extrem kurzen Kleidern, eine trägt einen paillettenbesetzten Disco-Romper, so nennt man Overalls in Hot-Pants-Länge. Im Fahrstuhl erzählt sie ihrer Gazellenfreundin in American English, dass der Liftboy in Wirklichkeit Tänzer ist, und die kichert zurück: Riverdance?

Hier im Fahrstuhl müssen die Soho-House-Inneneinrichter auch unbedingt noch etwas mit dem Licht machen: Die schönen Menschen wirken plötzlich fahl und wie von einem blinden Maskenbildner mit dickem beigefarbenen Puder beklebt. Vielleicht ist der Abend ja schon zu Ende, es hat nur noch keiner mitbekommen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Rosa Rosinante
Nothing is irreversible 01.05.2010
Großartig. Berlin ist die coolste Stadt Europas.
2. Spätrömische Dekadenz?
hadean 01.05.2010
Zitat von sysopRosé oder Normal? Bei der Eröffnung des ersten deutschen Ablegers in Berlin, gab es für die Gäste des legendären Club Soho House Champagner toujours. Auch Provokateur Damien Hirst und andere schillernde Gestalten amüsierten sich auf der Party. Zuvor gab es tote Tiere in Formaldehyd zu sehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,692432,00.html
Da bevorzuge ich doch eher den "Schokoladen" oder den "Club der polnischen Versager" in der Ackerstraße hier in Berlin-Mitte. Dies nur als zwei Beispiele genannt _°°_
3. absurd
manda chuva 01.05.2010
Zitat von Nothing is irreversibleGroßartig. Berlin ist die coolste Stadt Europas.
tote tier in formaldehyd....es ist ganz einfach nur ekelerregend. jene selbsternannten kuenstler sind einfach nur billig und laecherlich. geht's noch?
4. Kunst oder Krank?
Leberwurstpizza 01.05.2010
Ein totes Tier in Formaldehyd mag ja als Kunst durchgehen. Das zur Masche zu machen ist allerdings nur noch krank. Damien Hirst sollte mal was richtig provokatives machen und sich selbst aufschneiden, einlegen und ausstellen. Dafür bekäm er dann auch Applaus von mir.
5. ++
saul7 01.05.2010
Zitat von LeberwurstpizzaDamien Hirst sollte mal was richtig provokatives machen und sich selbst aufschneiden, einlegen und ausstellen. Dafür bekäm er dann auch Applaus von mir.
Seit der Plastination Gunter von Hagens ist das auch kein großer Gag mehr.;-) In Formalin eingelegte Tiere, wen haut das eigentlich noch vom Hocker?? Albern!!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Damien Hirst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 19 Kommentare
Fotostrecke
Damien Hirst bei Sotheby's: Tanz ums goldene Kalb