Von Jenni Zylka
Angeblich macht Champagner ja keinen Kater. Eruieren könnte man das mit einer Blitzumfrage bei denjenigen, die am Freitag der Eröffnung vom Soho House Berlin beiwohnten. Vielleicht sollte man nicht allzu früh anrufen. Außerdem muss man die meisten eh über ihre Agenten kontaktieren.
Damien Hirst zum Beispiel, der im Rahmen des "Gallery Weekends" (klingt ein bisschen cooler als die im Sommer stattfindende "Lange Nacht der Museen") ein paar eingelegte Tiere ausstellte, in der Galerie "Haunch of Venison", irgendwo hinter dem Hauptbahnhof. Dort, mitten im Industriegebiet, stehen am Abend plötzlich massenweise Kunstmenschen herum.
Zuerst glaubt man noch an einen länger geöffneten Getränkeabholmarkt, bis man die schicken Kleider, die großen Ketten und die Galerie als solche erkennt. Darin stehen, in Hirsts Fall, ein Zebra in Formaldehyd, der Querschnitt eines schwarzen Schafs mit goldenen Hörnern in Formaldehyd, ein Medizinschrank voller schwarzer Pillen und massenweise stählerne chirurgische Instrumente in einem riesigen, kreisrunden, verspiegelten Regal, wie es sich ein Krankenhaus nicht schöner wünschen könnte.
Zwischen den unverschämt riesigen Kunstwerken wird diskutiert und fotografiert, um 21 Uhr brummt die Bude immer noch, obwohl immer wieder verschämt auf die Schließung hingewiesen wird.
Mitgliedsbeitrag: 1200 Euro im Jahr
Hirst ist da längst weg, längst im Soho House angekommen. Er hat bestimmt auch eine Clubkarte, die ihn befähigt, jedes Soho House der Welt zu betreten, auch die in London, West Hollywood und New York, das "Electric House" in Notting Hill, das "Babington House" in Somerset, das "High Road House" in Chiswick und das "Shoreditch House" in East London. So eine "Every-House"-Mitgliedschaft kostet 1200 Euro im Jahr, wenn man - wie Hirst - über 27 ist. Die jüngeren angehenden Exklusiven zahlen 600 Euro plus 190 Euro jährliche Gebühr für die Kindermitgliedschaft. Hirst hat zwei, aber vermutlich sind die gar nicht mit auf dem Berlin-Trip.
Oder vielleicht doch: Im Pool auf der Dachterrasse des Berliner Soho Houses, einem unter Denkmalschutz stehenden Bauhaus-Gebäude mit eindrucksvoller Fassade an der Ecke Torstraße und Prenzlauer Allee, planschen tatsächlich ein paar Kinder. Die müssen aber bald ins Bett, denn jetzt wird feste gefeiert. Ohne Schampus schafft man es nicht mal an der Rezeption vorbei, schon dort im unrenovierten Erdgeschoss, neben einem Boxring, in dem testosterongescheuchtes Blau gegen vitales Rot kämpft, stehen die ersten freundlichen jungen Damen und recken langstielige Gläser: Rosé oder Normal?
Erst mal Normal, später, im Restaurant im zweiten Stock, in dem weitere freundliche junge Damen "Peaches" von The Stranglers und "Nip it in the bud" von The B-52's auflegen, warten wieder an jeder Ecke Champagnergläser, und die kleinen, in Schnapsstamperl gestopften Dessertvariationen werden einem sogar bis zur Raucherterrasse hinterhergetragen.
Mit oder ohne Falten - in jedem Fall braungebrannt
Die Stockwerke drei bis sechs sind für den Hotelbetrieb, momentan bekommt man ein Doppelzimmer ab 95 Euro, das ist ein special offer. Hirst hat bestimmt eine "Extra Large"-Suite, für Mitglieder ab 375 Euro pro Nacht, inklusive Plattenspieler- und echter Plattennutzung. Im siebten Stock ist die Bar, Jana Pallaske und Jessica Schwartz sind auch schon da, außerdem der Neuberliner Michi Beck, und wenn Freundesauge sich nicht täuscht, lümmelt Rudolf Moser, hervorragender Percussionist und Einstürzende-Neubauten-Mitglied, auf einem der Sofas herum.
Außerdem jede Menge braungebrannte Männer mit Falten, und braungebrannte Mädchen ohne Falten. Langsam verlagert sich alles auf das Dach mit dem bereits erwähnten Swimmingpool, und da steht auch endlich Damien Hirst, man erkennt ihn am Blitzlichtgewitter, mit Brille und weißem Jackett. Er schiebt sich kurz durch eine Staustelle am Pool, holt er vielleicht seine Kinder raus und steckt sie ins Bett? Braucht er frisches Bier? Ein Brite aus Bristol verträgt doch wohl keinen Schampus, oder?
Männer mit weißen Anzügen und München-Frisuren reden mit Frauen in langen und extrem kurzen Kleidern, eine trägt einen paillettenbesetzten Disco-Romper, so nennt man Overalls in Hot-Pants-Länge. Im Fahrstuhl erzählt sie ihrer Gazellenfreundin in American English, dass der Liftboy in Wirklichkeit Tänzer ist, und die kichert zurück: Riverdance?
Hier im Fahrstuhl müssen die Soho-House-Inneneinrichter auch unbedingt noch etwas mit dem Licht machen: Die schönen Menschen wirken plötzlich fahl und wie von einem blinden Maskenbildner mit dickem beigefarbenen Puder beklebt. Vielleicht ist der Abend ja schon zu Ende, es hat nur noch keiner mitbekommen.
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