Eröffnung der Ruhrtriennale Ein Rebell ohne Chance

Johan Simons ist neuer Chef der Ruhrtriennale. Zum Auftakt hat er "Accattone" inszeniert, Pasolinis Geschichte eines Arbeitsverweigerers. In einer riesigen Halle kommt der Regisseur dabei mit fast nichts aus - eine grandiose Entscheidung.

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Julian Röder/ Ruhrtriennale

Er wolle hier keine Eventkultur, hatte der erste stellvertretende Bürgermeister der Stadt Dinslaken vor Beginn der Ruhrtriennale erklärt. Seine Stadt habe ganz andere Probleme. Johan Simons, der neue Chef der Ruhrtriennale, reagierte darauf, indem er den Mann zur öffentlichen Diskussion einlud. Aber auch seine Eröffnungsinszenierung ist eine Antwort: Sie ist kein Event, sie ist ein Ereignis. Simons hat Pier Paolo Pasolinis "Accattone" für das Theater adaptiert und - wie im Filmoriginal von 1961 - dabei Musik von Johann Sebastian Bach verwendet.

Zum Ereignis wird diese Inszenierung schon durch den Ort, an dem sie stattfindet. Getreu der Ruhrtriennale-Tradition, alte Industriestandorte mit Kultur zu füllen, haben Simons und sein Team die Kohlenmischhalle der stillgelegten Zeche Lohberg in Dinslaken für sich entdeckt: rund 200 Meter lang und 64 Meter breit - das entspricht zwei Fußballfeldern hintereinander. Das Dach sieht aus wie ein gekentertes Riesenschiff. Auf der einen Längsseite der Halle ist eine steile Tribüne für mehr als tausend Zuschauer aufgebaut, die andere Seite gibt den Blick nach draußen frei.

Die ganze heruntergekommene römische Vorstadt, in der "Accattone" spielt, hätte hier als Kulisse Platz gehabt. Aber die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner hat der Versuchung widerstanden. Als Behausung für alle gibt es nur einen schäbigen Container. Der mit grauem Schutt bedeckte Boden, der im Laufe des Abends mehr und mehr auf alle abfärben wird, ist die Bühne - und Simons bespielt sie in ihrer ganzen gigantischen Tiefe und großen Leere. In der Mitte befindet sich ein Gleis. Manchmal versucht jemand darauf zu balancieren oder springt kreuz und quer drüber, um dann doch irgendwann zu straucheln. Wer mag, kann darin ein Symbol für den Lebensweg sehen.

Amore liebt nicht mehr

"Accattone" erzählt die Geschichte eines Gelegenheitszuhälters und -diebs, der Frau und Kind verlassen hat, mit seinen Ganovenfreunden rumhängt und gern auch mal zu viel trinkt. Einen Taugenichts hätte man so einen früher genannt; mit "Schmarotzer" kann man Accattone übersetzen. In der Leistungsgesellschaft ist einer mit dieser Haltung schon ein Rebell - aber natürlich ohne Chance.

Das Schauspiel-Ensemble ist das zweite Ereignis dieses Abends. Steven Scharf ist Accattone. Er spielt ihn dynamischer, weniger larmoyant als der auf seine Art ebenfalls grandiose Laiendarsteller in Pasolinis Film. Accattones Vorliebe, betrunken von hohen Brücken zu springen, ist bei Scharf Ausdruck von Abenteuerlust und Todessehnsucht zugleich. Wenn ihm ein Mädchen ihr Herz ausschüttet, geht er lieber auf Abstand und vergräbt die Hände in den Taschen. Zu viel Gefühl: lebensgefährlich. Sicherer fühlt er sich bei Frauen wie der toughen Prostituierten Maddalena (Sandra Hüller), deren Zuhälter und Freund er ist, und ihrer souverän kaltschnäuzigen Kollegin Amore (Elsie de Brauw), die der Liebe abgeschworen hat.

Simons Inszenierung hält sich im Wesentlichen an den Film, Handlung und Personal sind aber konzentriert. Benny Claessens etwa spielt - für seine Verhältnisse extrem zurückgenommen, aber mit der ihm eigenen genialen Mischung aus Tragik und Komik - als "Das Gesetz" sämtliche Polizisten und bezeichnenderweise auch Salvatore, den mafiösen Chef einer anderen Ganovenbande.

Gefühle kann er sich nicht leisten

Viele Szenen sind nur skizzenhaft angedeutet: Wenn Accattone beschreibt, wie Maddalena nach einem Unfall mit verbundenem Bein im Bett liegt, steht Sandra Hüller einfach neben ihm und bindet sich ein Tuch um die Wade. So einfach ist das. Grandios abstrahiert ist auch die Szene, in der Salvatore Maddalena verprügelt: Simons übersetzt die Brutalität in einen wilden, immer wieder auch fast zärtlichen Tanz. Die Verweigerung von Opulenz und Naturalismus schärft den Blick für die Figuren. Sie lässt Raum für ihre Sätze.

Dann taucht Stella in Accattones Leben auf. Schon lange, bevor er sie bemerkt, bemerkt man als Zuschauer eine weiße Figur, die weit hinten, im Brachland vor der Halle, gelegentlich aufblitzt. Dann ist sie da. Stakst durch den Schutt und sucht immer etwas, woran sie sich festhalten kann. Anna Drexler spielt die junge Frau, die sogar noch an Freundschaft glaubt, wie Accattone ungläubig bemerkt. Trotzig beharrt sie auf ihrer Andersartigkeit, auch wenn sie das weiße Unschuldskleid schon bald gegen ein buntes tauscht, wie es auch die anderen Frauen anhaben - die Kostümbildnerin Anja Rabes hält die Balance zwischen den Sechzigern und der Gegenwart. Schon bald ist es um Accattone geschehen. Dabei kann er sich Gefühle nicht leisten. Er wird beim Versuch, für Stella sein Leben zu ändern, draufgehen.

Der Holländer Simons hat "Accattone" vom Katholischen ins Nüchtern-Protestantische übersetzt. Den emotionalen Kontrapunkt dazu bildet die Musik, live gespielt von Orchester und Chor des Collegium Vocale Gent. Auch sie hat einen wesentlichen Anteil daran, dass diese Ruhrtriennale-Eröffnung ein Ereignis ist. Pasolini hatte seinen Film mit Auszügen aus Bachs "Matthäus-Passion" unterlegt; Simons hat sich für die Kantaten entschieden, in denen es viel um das Elend und das Leid des Menschen geht, in denen aber auch das Leben besungen wird. Er setzt sie zwischen die Szenen, sodass sie für sich wirken. Die Figuren mögen mitleidlos sein, mit sich wie mit den anderen, die Musik ist es nicht.

Die Inszenierung richtet sich gegen unsere eigene Mitleidlosigkeit. Ja, Accattone ist ein Arschloch, manchmal, und ja, er ist mitschuldig an seiner Lage, aber dennoch: Er ist ein Mensch. So einfach ist das.


"Accattone". Nach Pier Paolo Pasolinis. Im Rahmen der Ruhrtriennale. Weitere Termine am 19., 20., 22., 23. August, Start jeweils um 20.00 Uhr. Tickets unter www.ruhrtriennale.de

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
sabishiran 17.08.2015
1.
Schön. Ich freue mich auf die Vorstellung am Mittwoch!
troy_mcclure 17.08.2015
2.
Zitat von sabishiranSchön. Ich freue mich auf die Vorstellung am Mittwoch!
Immerhin ist die Eröffnungsveranstaltung "kein Event sondern ein Ereignis".
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