Ruhrtriennale: I Ging gegen das Ego

Von Anke Dürr

Am Freitag beginnt die Ruhrtriennale. Ihr neuer Leiter ist der Multi-Künstler Heiner Goebbels, der zum Auftakt einen anderen radikalen Erneuerer des Musiktheaters inszeniert: John Cage. In seinen "Europeras" fasst er 400 Jahre Operngeschichte zusammen - an einem Abend.

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Klaus Grünberg

Wir gehen ins Theater, um etwas zu verstehen. Zunächst die Geschichte, die da oben erzählt wird, dann vielleicht auch die Absicht des Autors oder die des Regisseurs. Alles in der Hoffnung, die Welt ein bisschen besser zu verstehen. Oder wenigstens uns selbst. Alles falsch, meint Heiner Goebbels. "Mich interessiert Theater nicht als Instrument der Mitteilung." Es gehe in der Kunst um Erfahrung, um "eine Vielfalt von Eindrücken aus Bewegungen, Klängen, Worten, Räumen, Körpern, Licht und Farben", postuliert der Musiker, Komponist, Regisseur, Autor und Professor Heiner Goebbels, der am 17. August 60 Jahre alt wird.

Am selben Tag eröffnet die Ruhrtriennale, die so heißt, weil sie alle drei Jahre einen neuen künstlerischen Leiter bekommt - und der neue für die Jahre 2012 bis 2014 ist Heiner Goebbels. Zum Auftakt inszeniert der Chef selbst in der grandiosen Bochumer Jahrhunderthalle John Cages "Europeras 1&2" - eine Oper, zu der der große amerikanische Komponist (1912-1992) bemerkte: "200 Jahre lang haben die Europäer ihre Opern zu uns rübergeschickt. Jetzt schicke ich ihnen alle zurück." Und zwar an einem Abend.

"Das Werk zerlegt praktisch die Oper in ihre Bestandteile"

Jeder Künstler des Teams - die zehn Sänger, rund 30 Musiker, der Bühnenbildner, die Kostümbildnerin - stellen ihr Repertoire zur Verfügung, so Cages Idee, und nach einem Zufallsprinzip spielen und zeigen sie Ausschnitte daraus, jeder für sich. Cage gab für sein radikales Werk nur den Rahmen vor, etwa den Rhythmus, in dem die Szene wechselt, sich alles verändert. So ist ein "Musiktheater aus 128 Opern in 32 Bildern" entstanden.

"Cages Grundprinzip ist die Trennung aller Mittel. Die Arie hat nichts mit der Musik der Instrumente zu tun, das Bühnenbild passt nicht zum Kostüm, der Gang nicht zur Geste. Das Werk zerlegt praktisch die Oper in alle ihre Bestandteile, und nichts hängt mit anderem zusammen außer durch Zufall", sagt Goebbels. Damit seine Oper auch wirklich zufällig zusammengestellt ist, verwendete Cage das chinesische Orakel I Ging, und auch Heiner Goebbels hat es nun bei einigen neu zu treffenden Entscheidungen befragt. Regisseur ist also eigentlich nicht er, sondern der Zufall. Goebbels ist bei den Proben nur für das "Feintuning" zuständig - für ihn kein Problem, sagt er. "Ich habe keine Visionen und keine eigenen Bilder im Kopf. Ich will nicht mein Ego auf die Bühne bringen."

Es sei nur für alle, sagt Goebbels, und er meint damit auch die Zuschauer, eine Riesenumstellung. "Das komplette Theaterdenken, das seit Hunderten von Jahren über Figuren und Rollen und Interpretationen und Gefühle kodifiziert ist, das funktioniert hier überhaupt nicht", sagt der Regisseur, während einer Probenpause in Essen in der Sonne stehend, in sein Handy hinein. "Das alles darf gar nicht zum Zug kommen, und das ist für alle gleichzeitig erleichternd, aufregend, irritierend und überraschend." Es gehe um einen anderen Zustand, in den man nach einer Weile hineingerate, einen "entspannteren, meditativeren".

Das legendäre Experiment von John Cage wurde erst zweimal aufgeführt

Auch für die beteiligten Künstler sei das eine völlig neue Erfahrung. "Es ist eine demokratischere Struktur des Arbeitens, es geht um Koexistenz auf der Bühne, nicht um Hierarchie." Die Wirkung wird nicht vom Komponisten oder Regisseur vorgegeben, "sondern zwischen den Elementen auf der Bühne ausgetragen". Deshalb nannte Cage sein radikales Werk "Europeras" - aus den "europäischen Opern" werden "Eure Opern".

Klingt abgedreht? Das Publikum der Ruhrtriennale ist offenbar bereit dafür, sich auf Cages in 25 Jahren erst zweimal aufgeführtes, legendäres Experiment einzulassen. Alle Vorstellungen sind seit Monaten ausverkauft; die elektronische Pinnwand auf der Internetseite der Ruhrtriennale verzeichnet deutlich mehr "Suche Karte"-Zettel als Kartenangebote.

Heiner Goebbels setzt als Programmgestalter der Ruhrtriennale aber nicht nur zum Auftakt bewusst auf Unerwartetes - so hat er etwa Boris Charmatz' verstörendes, antiniedliches Tanztheaterstück "Enfant" eingeladen, in dem das Verhältnis von Kindern und Erwachsenen ganz neu ausgelotet wird, und "Life and Time - Episode 2" des Nature Theater of Oklahoma, bei dem eine eigentlich banale Lebensgeschichte zum Ereignis wird durch den Rhythmus und den Ton, in dem die Gruppe sie erzählt.

Außerdem kommt Carl Orffs auf Altgriechisch gesungener "Prometheus" zur Aufführung - eine Oper, sagt Goebbels, "die sich total auf Form und Rhythmus der Originalsprache bezieht". Auch hier steht also nicht die Geschichte im Vordergrund. Regisseur ist der Samoaner Lemi Ponifasio. Begleitet wird diese Produktion von einer starbesetzten Szenischen Lesung des "Prometheus" in der deutschen Fassung von Heiner Müller. Eine Hilfestellung des Ruhrtriennale-Chefs für alle, die kein Altgriechisch können? "Es ist", sagt Goebbels, "eher das Angebot an das Publikum, zu erleben, dass man selbst auf Deutsch diese Tragödie nicht wirklich verstehen kann."


Ruhrtriennale. 17. August bis 30. September in Bochum, Bottrop, Duisburg, Essen, Gladbeck. Karten: Tel. 0201/887 20 24.
"John Cage: Europeras 1&2"; Jahrhunderthalle Bochum; Premiere 17. August 2012; weitere Termine: 19., 21., 29., 31. August und 2. September jeweils 20 Uhr; ausverkauft.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. ...
champagnero 15.08.2012
Kann mir jemand die mal wieder pseudowitzige Überschrift erklären?
2. De Profundis: Laßt die Tiefe an das Ich heran!
spiralartig 15.08.2012
"Ich habe keine Visionen und keine eigenen Bilder im Kopf. Ich will nicht mein Ego auf die Bühne bringen." Die Wirkung wird nicht vom Komponisten oder Regisseur vorgegeben, "sondern zwischen den Elementen auf der Bühne ausgetragen". Heute ist das Ich das bestimmende Element, das die Tiefe zu beherrschen glaubt oder gar ihr das Sein abspricht. Ändert doch mal die Richtung und laßt die Tiefe sich bilden und sich dem jeweiligen Ich präsentieren.
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