"Erotic Crisis" am Gorki Theater Die Traumatherapeutin behandelt den Sex

Um den Geschlechtsverkehr wird viel Theater gemacht in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft. Die Regisseurin Yael Ronen blickt nun in Berlins Betten - und entdeckt Erschütterndes: sexuellen Frust.

Von

Ute Langkafel

Yael Ronen ist die Traumatherapeutin des deutschen Theaters: In "Dritte Generation" kotzen sich israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler ihre Vorurteile und ihre Traumata vor die Füße, gestehen sich ihre Schuld und ihre Scham.

In "Common Ground" wagen sich sieben Schauspieler, darunter fünf gebürtige Jugoslawen, auf einen Selbsterfahrungstrip ins ehemalige Jugoslawien. Beide Produktionen gehören zum Besten, was das Theater in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Beide wirken heilsam, für die Schauspieler wie für die Zuschauer, und beide sind noch zu sehen: "Dritte Generation" an der Berliner Schaubühne, "Common Ground" am Berliner Maxim Gorki Theater.

Dem Krieg der Völker lässt Ronen nun den Krieg der Geschlechter folgen, der politischen Krise die erotische: "Erotic Crisis" heißt ihre neue Produktion. Das werde sicher banal, unkten manche vor der Premiere, und man hätte ihnen am liebsten entgegengeschleudert: Wer schon vorher so schlecht gelaunt daherredet, hat sicher schlechten Sex. Oder gar keinen. Und das ist doch eine ernste Angelegenheit, oder nicht? Man war also fest entschlossen, sich Yael Ronen ein weiteres Mal anzuvertrauen - und mit ihr auf den nächsten Selbsterfahrungstrip im Gorki zu gehen. Doch dann, was soll man sagen, wurde es tatsächlich ... ein wenig banal.

Internetpornos und Tantra-Workshops

"Erotic Crisis" beschäftigt sich mit dem letzten sexuellen Tabu der Spaßmetropole Berlin: keinen Sex zu haben. Ronen hat gemeinsam mit fünf Schauspielern recherchiert, hat mit ihnen Geschichten aus Freundes- und Bekanntenkreisen zusammengetragen, hat sich mit ihnen Internetpornos angeschaut, hat mit ihnen Tantra-Workshops besucht. Der Abend hat also einen realistischen, einen recherchierten Kern. Anders als in "Dritte Generation" und "Common Ground" ist dieser recherchierte Kern jedoch fiktiv gerahmt. Die Schauspieler stehen nicht mit ihren eigenen Geschichten auf der Bühne. Sie spielen Rollen.

Es gibt zwei langjährige Paare: Maya und Jan, Kumari und Rafael, die in zerbeulten Boxershorts und Baumwollnachthemden auf die Bühne kommen, dazu den blonden Single Susan im sexy Overall. Die Paare beschwören zunächst ihr Paarleben: "Sie ist definitiv das Beste, was mir je passiert ist", sagt Rafael (Aleksandar Radenkovic). "Wir sind ein Team. Ein Siegerteam", sagt Jan (Thomas Wodianka). Als wären sie sich selbst die Engelchen, während Susan (Mareike Beykirch) ihnen das Teufelchen gibt: "Eine Beziehung hindert einen daran, neue Menschen kennenzulernen", stichelt sie. "In einer Beziehung wird der Sex eh irgendwann langweilig."

Der Zweifel ist gesät, so sehr die Paare sich auch ihrer Liebe versichern, und so dauert es nicht lange, bis sich Beziehungssketch an Beziehungssketch reiht. Mancher ist klischeehaft: Sie will Sex, er tippt im Bett auf dem Handy weiter. Manch anderer ist aber auch großartig, zum Beispiel der Dialog zwischen Rafael und Kumari (Anastasia Gubareva), die vor ihm mit einer Frau zusammen war. Ob sie manchmal Sex mit Frauen vermisse, will er wissen. "Natürlich vermisse ich das. Du nicht?" - "Was?" - "Frauen" - "Ich bin doch mit einer zusammen" - "Mit einer. Was ist mit den anderen?" - "Das ist nicht das Gleiche." - "Woher willst du das wissen?" - "Weiß nicht. Vermute ich. Ich will nur sagen, irgendwie kann ich dir doch nie geben, was dir eine Frau geben kann." - "Du kannst mir auch nicht geben, was mir ein anderer Mann geben kann. Na und?"

Vegetarisch vögeln

Ausstaffiert mit Fetisch-Fummeln, erzählen die Paare sich ihre sexuellen Fantasien. Jan, ein Uni-Professor, träumt davon, eine Orgie mit seinen "Student_Innen" zu haben: "Gruppensex. Aber ohne normative Blicke." Alle seien nackt, es gebe keine Machthierarchie: "Wir lieben. Wir ficken. Wir kommen. Wir essen Obst, es gibt ein vegetarisches Büffet mit regionalen Biogerichten." Rafael berichtet davon, dass sein Vater immer Angst hatte, sein Sohn werde schwul, und daher schon dem Zwölfjährigen Pornos geschenkt habe: "Prince of Perversia. Cockwork Orange. Der Sexorzist." Als Rafael 16 war, wollte er seiner ersten Freundin was Nettes sagen, damit sie sich freut. "Ich sag, sie ist meine kleine Hure und dass ich sie in den Arsch ficken werde."

Das alles ist amüsant, natürlich ist es das, aber es sagt nicht mehr über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter als eine gute Frauen- oder Lifestylezeitschrift. Die Erkenntnisse taugen für eine Kolumne, für einen Theaterabend sind sie zu dünn. Zumal sie nicht mal damit aufgesext werden, dass die Schauspieler ihre eigenen Hosen runterlassen, also von sich selbst und ihren eigenen Erfahrungen sprechen, so wie in "Dritte Generation" und "Common Ground". Das aber war doch das Erfolgsrezept der theatralen Gruppentherapien à la Ronen: Alle sind ehrlich miteinander. Öffnen sich. Lassen los.

Größer als der inhaltliche Anspruch ist der sprachliche Anspruch des Abends: Die Schauspieler sprechen einen großen Teil des Textes auf Englisch, allen voran die wirklich tolle Orit Nahmias als Maya. Sie reden auf der Bühne wie viele ihrer Berliner Zuschauer draußen vor der Tür: in einem Sprachmix, weil sie keine gemeinsame Muttersprache mehr haben. Das ist Programm am Gorki, auch wenn es so extrem wie in dieser Produktion noch nie zu beobachten war.

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird aus der Komödie übrigens eine Tragödie. Leider vergeht jede Menge Zeit, ziemlich genau zwei Stunden. Und so hat die Produktion am Ende das Problem, das auch manche Beziehung hat: Sie dauert zu lang.

Zu lang zumindest für das, was die Beteiligten sich zu sagen haben.

"Erotic Crisis". Uraufführung der Inszenierung von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater Berlin. Nächste Vorstellungen: 15., 19., 20., und 28.9., 8., 10. und 14.10., jeweils 19.30 Uhr. Tickets unter http://www.gorki.de/spielplan/erotic-crisis/.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
twister-at 15.09.2014
1. Kein Sex
Interessanterweise werden auch in den aufgeklärten (sogenannten jedenfalls) Texten zum Thema Sex und Beziehung immer die Standardbeziehungen quasi als Dogma verkauft - wer in einer Beziehung steckt, hat eben keinen Sex mit anderen, der ist glücklich bis ihm die Sonne sonstwo herausscheint und natürlich vermisst er nie etwas. Glückliche Dreier-, Mehrbeziehungen bis hin zu völlig offenen Beziehungen ohne Zusammenleben und Co. finden in der ganzen Diskussion genauso wenig statt wie Beziehungen ohne Sex. Die führen höchstens dazu, dass gleich angenommen wird, man sei frustriert, verklemmt, gehe fremd oder man müsse zum Therapeuten. Wer zugibt, dass er sich jede Woche einmal mit dem Hamster vergnügt, hat heutzutage mehr Chancen, als normal zu gelten als jemand, der keinen Sex hat.
specialsymbol 15.09.2014
2. Langweilig
Solche pseudo-aufklärerische scheinprovokante Theaterstücke langweilen mich nur noch.
gantern 15.09.2014
3. Sollte man sich mal wieder Theater antun
Erotic Crisis im Theater – lockt mich da etwas nach Jahren wieder ins Schauspielhaus? Nein, denn die zugrunde liegende Geschichte ist bei vielen Pornofilmen und Mitternachts-Fernsehsendungen der gängige Rahmen für Freizügigkeiten. Sicher der Dreh „ein Leben ohne Sex“ hat schon etwas Ruchloses, aber durch entsprechende Erfahrungen gewitzt befürchte ich, dass wieder nur langatmig um den heißen Brei herumgeredet wird.
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