Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Erwin Wurm in Hamburg: Metaphysik der Wurstsemmel

Von Jenny Hoch

Erwin Wurm wurde berühmt, indem er einem Bankangestellten Spargel in die Nase steckte oder einen Porsche in ein fettes Marshmallow verwandelte. Auch wenn er in seiner aktuellen Hamburger Ausstellung das Publikum zum Furzen auffordert: Leicht verdaulich ist seine Kunst deswegen noch lange nicht.

Orangen im Dekolleté, Bananen im Schritt, Eimer auf dem Kopf, Stühle im Genick: Wenn der Mensch auf die ihn umgebende Materie trifft, geht das selten reibungslos vonstatten. Dann entstehen merkwürdige Gebilde, wie von unsichtbaren Kräften verformt. Grenzen scheinen nicht zu existieren, eine fröhlich surreale Szenerie jagt die andere: Ein Mann steckt kopfüber im Mülleimer, ein anderer wird von Melonen überrollt. Zwei Frauen teilen sich eine Unterhose. Und dazwischen: dick belegte Wurstsemmeln, schmelzende Hochhäuser, ausgestopfte Kleidungsstücke. So sieht er aus, der wundersame Kosmos des österreichischen Künstlers Erwin Wurm. Doch was diese Welt im Innersten zusammenhält, sind beileibe nicht nur Jux und Dollerei.

Dass die auf den ersten Blick allzu spaßig wirkenden Arbeiten von Erwin Wurm durchaus ihre dunklen Seiten haben, zeigt eindrucksvoll eine große Retrospektive, die von heute an in den Hamburger Deichtorhallen Station macht. Unter dem so umständlichen wie paradigmatischen Titel "Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. Das ernste Leben eines lächerlichen Mannes" sind dort, luftig in der riesigen Halle verteilt, rund 160 Arbeiten des Künstlers aus allen wichtigen Schaffensperioden zu sehen. Trotz der umwerfenden Leichtigkeit, die die Skulpturen, Fotografien, Videos und Zeichnungen des Österreichers auf den ersten Blick auszeichnet, wirken die prallen, bunten Oberflächen wie aufgebläht vom Schreckenshauch der Über-Zivilisation.

Da sind zwei riesige Häuser zu bestaunen, typische Reihenhäuser mit spießigen Satteldächern. Doch eines steht Kopf, es wirkt wie ein vom Himmel gefallener Meteorit. "Herr Krause kommt nach Hause nach der Sause" heißt die eigens für die Hamburger Ausstellung konzipierte Arbeit, und man kann mit dem Bewohner mitfühlen, wenn man durchs Fenster ins Innere dieser aus dem Lot geratenen guten Stube guckt. Das andere Haus steht zwar ordentlich da, ist aber völlig aus dem Leim gegangen und sieht aus wie ein riesiges schwabbeliges Marshmallow – Wurms bissiger Kommentar zur vollgefressenen, saturierten Mittelstandsgesellschaft.

Pausbäckiger Porsche

Überhaupt, die Fettsucht. Die adipöse Verformung von Menschen und Dingen sind ein vielfach wiederkehrendes Motiv in Erwin Wurms Werk. Da ist das sprichwörtliche "dicke Auto", die Karikatur des hochglanzpolierten Statussymbols: Das berühmte "Fat Car" ist ein durch Plastikwulste grotesk aufgeblähter Porsche, der in seiner roten Pausbäckigkeit ein menschliches Antlitz zu haben scheint. In einem Video fängt das übergewichtige Auto gar an zu sprechen und lamentiert in Endlosschleife über Drogen, Gewalt und Sex.

"The artist who swallowed the world", eine übermannshohe Figur mit kugelrundem Bauch, thematisiert dagegen die Belange des Künstlers: das Sich-Einverleiben der Welt, der Anspruch und letztlich womöglich auch das Eingeständnis der Unfähigkeit, diese zur Gänze zu verdauen. Wurm experimentiert mit dem menschlichen Körper als raumgreifende Skulptur, indem er seine Modelle im Normalzustand fotografiert und im verfetteten. Dazu lässt er sie alle Kleidungsstücken, die sie besitzen, anziehen. Das überraschende Ergebnis: Die gesamte Physis der Menschen scheint sich zu verändern.

Auf einem großflächigen Podest finden sich neben verschiedenen Requisiten flüchtig hingekritzelte Aufforderungen: "Sei wie ein Hund", "Denke über deine Verdauung nach" oder "Bitte jetzt furzen" steht da, flankiert von gezeichneten Handlungsanweisungen. "One Minute Sculptures" nennt der Österreicher diese temporären Skulpturen, die ihn zum internationalen Durchbruch verhalfen. Freiwillige, halten die vom Künstler konzipierten Posen nur eine einzige Minute lang, werden fotografiert und landen als Zeugnisse der Wurmschen Weltsicht in den Museen dieser Welt.

Wittgenstein in Yogapose

Als die weltberühmte kalifornische Band Red Hot Chili Peppers vor einigen Jahren ihr Video zu dem Song "Can't Stop" mit absonderlichen "One Minute"-Szenen à la Wurm bebilderte und die Musiker nach Anleitung des Künstlers buchstäblich in die Röhre guckten, war endgültig bewiesen: Wurm rockt.

Der Mensch und sein Alltag werden bei Erwin Wurm zum Material. Sein Geheimnis ist, dass er die Dinge beim Wort nimmt, sie aber trotz ihres scheinbar simplen Strickmusters mit zahlreichen Verweisen, Zitaten und Bezügen unterfüttert. Die galligen Einlassungen eines Thomas Bernhard oder seines Jugendfreundes Werner Schwab etwa, blitzen aus seinem Werk hervor.

Wurm bringt einen Pater dazu, sich in seiner Kirche mit einem ganzen Apfel im Mund - Evas Apfel - fotografieren zu lassen. Doch ist das nicht nur ridiküle Pose, sondern ein moderner Blick auf die Kirche. Wenn er Adorno als in die Breite gegangenes Männchen darstellt, Deleuze mit unnatürlich nach vorne durchgebogenen Knien oder Wittgenstein in Yogapose, dann ist das kein dümmliches Sich-Lustig-Machen über Intellektuelle, sondern eine Verbeugung vor den Geistesgrößen - natürlich augenzwinkernd und ohne den in der bürgerlichen Kunst üblichen Gestus des Erhabenen.

"Humor ist eine Waffe", hat Erwin Wurm einmal gesagt. Wie kaum ein anderer Künstler, versteht er, sie einzusetzen.


Erwin Wurm: Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. das ernste Leben eines lächerlichen Mannes. Retrospektive, Deichtorhallen Hamburg, bis 2.9.2007
Katalog: Erwin Wurm: "The artist who swallowed the world", HatjeCantz Verlag, 304 Seiten, 38 Euro

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: