Erziehungs-Drama in Dresden Wenn "Nido" lesen überfordert

"Erklär du ihm deine Prinzipien": Der Dramatiker Martin Heckmanns hat mit "Vater Mutter Geisterbahn" eine kleine Erziehungsfarce geschrieben, so komisch, dass es zum Verzweifeln ist. Am Freitag wird sie in Dresden uraufgeführt.


Schon der Anfang missglückt. Der Vater kommt nach Hause, Mutter und Kind erwarten ihn freudig, aber er hat keine gute Laune, er bringt den Ärger des Alltags mit ins Heim, das sich die Mutter traut wünscht: "Es wird immer schwüler. Überall Hunde. Halbnackte. Fast nackt alle. Und durch die Königsallee demonstriert eine Minderheit."

Also alles noch mal auf Anfang. Der Vater soll noch einmal zur Tür reinkommen, und diesmal "positiv", dem Kind zuliebe. So steht es in den Erziehungsratgebern und vermeintlichen Fachzeitschriften, die Vater und Mutter in der Kleinfamilie namens Klein dauernd zitieren.

Der Dramatiker Martin Heckmanns, 39, hat mit seinem neuen Stück "Vater, Mutter, Geisterbahn", das jetzt am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt wird, eine feine, kluge und genau beobachtete Satire auf das moderne junge Familienglück geschrieben. Ein kleines Drei-Personen-Drama, das im Schnelldurchlauf die von Vater und Mutter stümperhaft vorangetriebene Erziehung ihres Sohnes Otto zeigt. Sie streiten sich über Banales wie die Frage, wann das Kind nach dem Zähneputzen noch ein Gummibärchen haben darf und wann nicht ("Erklär du ihm deine Prinzipien") und geben fragwürdige Kommentare ab, wenn der Junge verprügelt nach Hause kommt. Von wem? Erklärt Otto: "Irgendeine Minderheit. Mit Wut und Kickboxtraining." Sagt die Mutter: "Aber Du bist auch eine Minderheit. Dein Vater arbeitet im Copyshop."

Ein Stück für die "Irgendwas mit Medien"-Generation

Der Vater nämlich ist ein gescheiterter Theaterregisseur, die Mutter hat ihr Philosophiestudium abgebrochen. Auch das ist ein Grund, warum sie an ihrem und dem Anspruch der Ratgeberliteratur scheitern, dem Kind ein glückliches Leben vorzuleben. Der weise Sohn erkennt das im Traum: "Ja, ich habe geträumt, dass ihr beiden nur noch ein Paar seid, weil ihr Angst habt vor der Altersarmut und dass ihr euch nicht trennt, weil ihr niemanden mehr findet und dass ich nur dazu da bin, um am Ende die Schuld gehabt zu haben an eurem verpfuschten Leben."

Das Stück lebt von dem beklemmenden Gefühl, das alles genau zu kennen, und der befreienden Erkenntnis, dass es ganz so extrem dann doch nicht ist, im eigenen trauten Heim. Es ist ein Stück für die Generation der viel beschriebenen jungen "irgendwas mit Medien" machenden Bewohner angesagter Großstadtviertel, die eine Familie gegründet haben und jetzt von den Ansprüchen zerrissen werden, die sie selbst, ihre coolen Freunde und die Eltern-Zeitschrift "Nido" an sie stellen.

Der Regisseur Christoph Frick, 50, steht also unter Erfolgsdruck: Wer, wie wohl die meisten potentiellen Zuschauer, 40 Euro für den Babysitter ausgegeben hat oder von dem Gedanken abgelenkt werden muss, was wohl der alleingebliebene Halbwüchsige gerade zu Hause anstellt, hat gewisse Erwartungen an einen Theaterabend. Heckmanns Stück hat das Potential, sie zu erfüllen. Das Thema war zwar schon Stoff für viele durchs Land tingelnde Comedy-Veranstaltungen, aber so intelligent, ironisch und sprachlich pointiert hat es noch niemand bearbeitet.


Vater Mutter Geisterbahn. Uraufführung am 6.5. im Kleinen Haus 2 des Staatsschauspiels Dresden. Auch am 11. und 20.5., Tel. 0351/491 35 55.



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