Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Esoteriksender Astro TV: Himmel, hilf!

Von Peter Luley

Sieh sich einer das an: Deutschlands Spartensender beglücken die Welt mit Karten-Legern, Bike-Tuning und Grußkarten-Verkauf. Höchste Zeit für einen Streifzug durch unsere kuriose TV-Landschaft. Folge zwei: der Esoterik-Sender Astro TV.

Es ist bereits weit nach ein Uhr nachts, als Hannelore anruft: "Wir hatten gestern schon mal telefoniert", stellt sich die Dame am Telefon dem "hellsichtigen Kartenleger" Jürgen Resch vor, der gerade Studio-Dienst hat beim Spartensender Astro TV. Für 50 Cent pro Minute möchte sie die Frage beantwortet sehen, ob ihr geschiedener Mann beabsichtigt, ihrem Sohn was zu vererben. "Schau ich mal nach", gibt Jürgen betont routiniert zurück und mischt mit Verve sein Arbeitswerkzeug durch. "Wenn, dann läge es im pflichtmäßigen Bereich", lautet sein so schnelles wie mäßig konkretes Urteil nach Ausbreiten der Karten – doch Hannelore scheint zufrieden.

"Beraterin" bei Astro-TV: "Normale Menschen wie du und ich"
Questico

"Beraterin" bei Astro-TV: "Normale Menschen wie du und ich"

Es muss zügig mit dem nächsten Kunden weitergehen, auch wenn der nach Senderangabe per Zufallsgenerator bestimmte Durchstell-Rhythmus häufig für längere Unterbrechungen sorgt. In diesen Pausen, vor allem aber während der "Beratungen" wirkt Jürgen, unter dem die Dauereinblendung "Jürgen Resch ermittelt" prangt, selbst so nervös und stammelig ("also, mehr oder weniger, irgendwo, im Grunde genommen, hier auch" machen einen Großteil seines Vokabulars aus), dass man ihm ebenfalls ein bisschen Hilfestellung wünscht – mehr oder weniger sozusagen.

Die hobbymäßige Anmutung ist Teil des Konzepts. "Unsere Berater sind ganz bewusst nicht gestylt, sie sind als normale Menschen wie du und ich erkennbar, so wie Nachbarn", sagt Martina Wagner. Die Kommunikationswissenschaftlerin ist Unternehmenssprecherin der Questico AG, des Betreibers von Astro TV. Im Jahr 2000 ursprünglich als Expertenportal für Finanzen, Computer und Karriere gestartet, das im Stil von Amazon und Ebay Kundenbewertungen vernetzen wollte, sah sich das Unternehmen alsbald mit rechtlichen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert, und man beschloss, ganz auf die Esoterik-Astro-Schiene zu setzen. 2003 stieß der geschäftstüchtige Sternendeuter Winfried Noé dazu, 2004 wurde Astro TV gegründet.

Kohle scheffeln mit Kartenlegen

Inzwischen zählt Questico – der Name ist von Question abgeleitet – zu den am schnellsten wachsenden Wirtschaftsunternehmen in Deutschland mit geradezu astronomischen Umsatzzahlen (siehe Kasten). Welche Einschaltquoten die TV-Matadore erzielen, ist dabei völlig uninteressant – sie werden nicht einmal gemessen. Entscheidender Geschäftsgedanke des "Esoterik-Dienstleisters" ist die "Medienkonvergenz", wie Wagner es ausdrückt: das Zusammenwirken von TV, Internet und Print, denn Questico gibt auch die Zeitschrift "Zukunftsblick" heraus. Der TV-Ableger fungiert dabei als eine Art Appetitanreger: Hier kann der Interessierte die "Experten" bei der Arbeit erleben, sich einen Favoriten aussuchen – und erhält neben der Möglichkeit, für 50 Cent pro Minute in die Sendung hineinzutelefonieren, auch das Angebot einer Gratis-Erstberatung. Wer dieses wahrnimmt, wird von einer in einem kleinen Bildschirmfenster eingeblendeten "Beraterin" und ihrem Team in Empfang genommen, muss seine Daten registrieren lassen und bekommt dann Antworten, ohne im TV zu hören zu sein.

So wird die Brücke geschlagen zum Internetangebot von Questico; dort sind inzwischen rund 3000 Kollegen von Jürgen mit Porträtbildern, ihren speziellen Fähigkeiten (neben Horoskopen und Kartenlegen z. B. "Channeln, Indianertiere, Steine", "Engelkontakte" und "Kaffesatzlesen") und auch den Kundenbewertungen zu sehen. Die Questico-Mitarbeiter sind angeblich nach strengen Kompetenz-Kriterien ausgewählt, die freilich genrebedingt recht schwierig in Formeln zu fassen sind. Über die Website wird das eigentliche Geld verdient, denn dort verlangen die "Berater" andere Sätze (auch mal 1,50 bis zwei Euro pro Minute), und vor allem kann hier viel länger telefoniert werden als im TV. Questico kassiert von den Gebühren ein Drittel.

Das Crossmedia-Modell lohnt sich: Astro TV als bloßer Zuschauer dauerhaft zu konsumieren – was mittlerweile tatsächlich rund um die Uhr möglich ist –, ist schwer vorstellbar. Selbst "Nachtfalke"- oder "Domian"-Fans dürften angesichts der immer gleichen Fragen einsamer Seelen ("Wird mein Partner noch mal heiraten?") und der immer gleichen vagen Antworten ("Die Möglichkeit besteht auf jeden Fall!") von einer stumpfen Melancholie erfasst werden. Im günstigen Fall stimmen die Antworten mit dem so genannten gesunden Menschenverstand überein oder erfüllen auf simple Art eine Coaching-Funktion à la "Wenn du wirklich daran glaubst, wirst du es schaffen". Im schlechten Fall liegen sie in einer Weise daneben, die den beladenen Anrufer noch tiefer in die Krise zu stürzen droht – etwa, wenn eine Frau den originellen Rat bekommt, sich für ihren trennungswilligen Mann doch noch mal richtig aufzubrezeln, sich ihm in ihrer ganzen Attraktivität zu zeigen, und sie dann schluchzend erklärt, sie sitze aber doch im Rollstuhl. Handelt es sich in solchen Fällen nicht sogar um die Verführung und Ausbeutung Hilfloser?

Süchtig nach "Beratung"

Tatsächlich haben die Landesmedienanstalten inzwischen eine Arbeitsgruppe zum Thema "Beratungs-TV" gegründet, bisher aber weder Handlungsbedarf noch einen Hebel gefunden. Dass sich die Questico-"Berater" nicht in konkreter Weise zu Krankheiten oder Tod äußern sollen (indem sie beispielsweise leichtfertig von der Operation eines Tumors abraten, anstatt dem Anrufer die Konsultation eines Arztes nahezulegen), hat das Unternehmen in seine Hausordnung aufgenommen. Überhaupt habe man keinerlei Probleme mit Medienaufsicht, Verbraucherschützern oder gar Gerichten, sagt Sprecherin Martina Wagner – sondern nur zufriedene Kunden. Das es sich bei jenen um Verzweifelte handelt, findet sie nicht: "Die machen doch was: Sie greifen zum Hörer und suchen sich Hilfe." Astro TV beziehungsweise Questico sei einfach ein "Dienstleistungs-Tool, das Frauen gern in Anspruch nehmen", sagt sie. Die Preise nennt sie moderat – "wenn ich gefrustet zum Friseur gehe, zahle ich schließlich 70 Euro". Lediglich, dass ein sehr kleiner Teil der Kundschaft einen sehr großen Teil des Umsatzes generiert – was von einem gewissen Suchtpotenzial zeugt –, will sie nicht bestreiten.

Gegen zwei Uhr nachts ruft Hannelore dann noch einmal an. Nun will sie wissen, ob sich ihr Sohn eine Firma näher angucken soll, in der er schon gejobbt und die ihm gut gefallen hat. Ja, Himmel, hilf! Warum denn nicht? Tatsächlich sieht auch Jürgen in den Karten nichts, was richtig doll dagegen spräche.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: