Essay Das Todesspektakel

Hat das öffentliche Sterben des Papstes einen tieferen Sinn? Die Inszenierung von Rom bedient einerseits den Mythos der christlichen Ur-Passion, gleichzeitig unterdrückt die gewaltige Bilder- und Erzählmaschine jede aufklärerische Skepsis.

Von Georg Seeßlen


Aufgebahrter Leichnam von Papst Johannes Paul II.: Triumph des sterbenden Körpers
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Aufgebahrter Leichnam von Papst Johannes Paul II.: Triumph des sterbenden Körpers

Es ist vorbei. Die Gesellschaft des Spektakels geht nach Hause. Schön war es, und jetzt? "Das Spektakel", sagt Guy Debord, "kann nicht als Übertreibung einer Welt des Schauens, als Produkt der Techniken der Massenverbreitung von Bildern begriffen werden. Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat".

Das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II. hat seine Krankheit, sein Sterben und schließlich seine Beisetzung mit Hilfe seiner umfänglichen Institution und im Wissen um die Wirkung der Massenmedien zum größten Spektakel seit Jahren gemacht, das selbst im Vergleich zu Naturkatastrophen, Terroranschlägen und Kriegen an Breitenwirksamkeit nicht schlecht abschneidet.

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Rom: Trauerfeier im Vatikan

Offensichtlich aber gehört zum Gelingen dieses Spektakels nicht nur die dramatische Kunst der Inszenierung, sondern auch jener anschwellende Bedürfnisstrom, in dem Reste aufklärerischer Skepsis ebenso wie der Sinn für die Verhältnismäßigkeit von Spiritualität und Glamour untergehen müssen. Ein gelungenes Spektakel sieht so aus, als hätten die Leute schon lange darauf gewartet.

Der größte "flash mob" des neuen Jahrtausends

Gläubige, Papst-Leichnam: Größter "flash mob" des neuen Jahrtausends
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Gläubige, Papst-Leichnam: Größter "flash mob" des neuen Jahrtausends

Was treibt Menschen mit solch unterschiedlichen Weltanschauungen, solch unterschiedlichen Interessen, ja solch unterschiedlichem Glauben zum nekrophilen Woodstock auf den Petersplatz? Was veranlasst Menschen, denen normalerweise der Anblick eines Papst-Bildnisses auf einem Porzellanteller peinlich ist, die gestern noch wegen der "weltfremden" Haltung des Vatikans ihren Austritt aus der Kirche beschlossen, sich in eine gewaltige Bilder- und Erzählmaschine einzureihen, die sich um tausend Bildvarianten eines greisen, rundköpfigen Mannes in eigenwilligen Gewändern entwickelte, der mit einer gewissen Unbarmherzigkeit der Welt seine körperlichen Gebrechen offenbarte? In Rom versammelte sich der größte "flash mob" des neuen Jahrtausends, wie magisch angezogen von einem großartigen Authentizitäts-Versprechen: Die größtmögliche geistig-moralische Abstraktion verursachte im Zusammenprall mit der größtmöglichen körperlichen Intimität das nächste erhabene Katastrophenbild.

Der Tod als Katastrophe?

Aber ist der Tod eines Papstes in gesegnetem Alter denn etwas Katastrophisches? Auf jeden Fall scheint sich das Publikum auf eine ganz ähnliche Weise zu bedienen wie bei den letzten Katastrophenwellen. Mühelos schreiben sich nationalistische, melodramatische, sektiererische, politische Impulse ins Spektakel ein. Da heulen Menschen hemmungslos, von denen man ziemlich genau weiß, dass sie auf den Tod von Angehörigen mit der berühmten Formel "Es ist besser für ihn" reagieren, und denen die Zustände in deutschen Pflegeheimen vollkommen gleichgültig sind. Da wischen sich Staatsleute Tränen vom Gesicht, die so gern ihre Panzer losschicken und Todesurteile mit derselben Gleichgültigkeit unterzeichnen wie Sozialkürzungen.

Wartende Pilger in Rom: Das Spektakel ist notwendig, damit sich nichts ändert
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Wartende Pilger in Rom: Das Spektakel ist notwendig, damit sich nichts ändert

Wenn es etwas in diesem Spektakel ganz augenscheinlich nicht gegeben hat, dann irgendein Zeichen dafür, dass daraus ein Impuls zur Ein- oder Umkehr ausgehen könnte. Im Gegenteil: Das Glück des großen Spektakels besteht darin, dass es zu absolut nichts verpflichtet außer dazu, sich in ihm gut zu fühlen. Oder, um es noch einmal mit Guy Debord zu sagen: "Das Spektakel ist das, was der Tätigkeit der Menschen, der Neubetrachtung und der Berichtigung ihres Werkes entgeht. Es ist das Gegenteil des Dialogs."

Das Spektakel ist also notwendig, damit sich nichts ändert. Wenn der Tod dieses Papstes nicht zu einem Spektakel geworden wäre, hätte es womöglich Gedanken über Wesen und Ziel dieses Amtes und seiner Institution geben müssen, und statt sich so hemmungslos in das Spektakel einzuschreiben, hätten womöglich die weltlichen Kräfte über eine humanistische Neuordnung der Welt sprechen müssen. Das Spektakel aber, die "ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält" (Debord) saugt alle Macht und alle Gewohnheit auf, damit nach dem Moment der artifiziellen Erhabenheit alles genau so weiter geht wie bisher.

Wer gegen das Spektakel spricht, ist gefühllos und dumm

In der medialen Vervielfältigung ist das Spektakel des öffentlichen Todes zugleich demokratisiert und terrorisiert. Man könnte seinen Konsum selber steuern - man muss ja nicht fernsehen und kann auf gewisse illustrierte Blätter verzichten. Doch dem Todesspektakel ist nicht zu entkommen; allein der Wunsch, es zu tun, erscheint ketzerisch. Wer gegen das Spektakel spricht, ist gefühllos, kalt und dumm. Es feiert seine eigene Totalität, und die hat ein eigenes Narrativ. Ein solches multimediales Spektakel nämlich, gleichgültig ob Naturkatastrophe, Fürstenhochzeit, Kindermord oder Prominententod, vollzieht sich in der Regel in der Form eines fünfaktigen Dramas:

1. Akt: Das Ereignis selbst, das als Schock eine gewisse Leere, ein namen- und bildloses Entsetzen erzeugt. Es ist ein Moment der Wahrheit, etwas ist geschehen, das nicht zu beeinflussen und nicht rückgängig zu machen ist. Wir nehmen zur Kenntnis: Die symbolische Ordnung ist gestört durch einen obszönen Rest an Wirklichkeit. Für einen Augenblick scheint es so, als würde etwas nicht mehr so weiter gehen, wie es immer weiter geht.

2. Akt: Es setzen eine hektische Bilderproduktion und ein endlos sich selbst als Echo vervielfältigendes Schwätzen ein. Niemand scheint genug von Nachrichten und Bildern bekommen zu können, jeder muss etwas zeigen, jede muss etwas sagen, es bilden sich Bilderschleifen und ständig wiederholte rhetorische Phrasen. In dieser Phase bricht die Differenz zwischen dem Original und dem Abbild weitgehend zusammen: Das Ereignis selber ist schon ein symbolisches. Kurz: Die Störung der symbolischen Ordnung wird so behandelt, als wäre sie ein Spektakel.

3. Akt: Darauf folgt eine soziale Explosion, eine Art der Realisierung des katastrophalen Geschehens, ein gieriges (um nicht zu sagen geiles) Partizipieren; es treibt die Menschen von den Fernsehern auf die Straße, aus Zuschauern werden Akteure, und aus Akteuren neue Zuschauer. So wie uns gerade das Spektakel ergriffen hat, ergreift nun das Publikum das Spektakel.

4. Akt: Daraus ergibt sich eine zweite Welle der Bilderproduktion, eine Auffächerung der großen Erhabenheit des Negativen und der Katastrophe zu kleinen menschlichen Geschichten, die liefern, was die große Erzählung nicht liefern kann: Sinn und Erlösung, menschliche Nähe. Behutsam wird die große Katastrophe ins Alltägliche versenkt. Die Verwandlung eines Geschehens in ein Spektakel ist abgeschlossen.

5. Akt: Aus diesem Ritual aber entwickelt sich auch ein Katzenjammer, ein Schuldgefühl der Bilderproduktion und dem eigenen Rausch gegenüber; die Rückkehr aus der kollektiven Hysterie zum Alltag ist mit Scham behaftet - und erzeugt schon die Leere, die nach der nächsten Katastrophe gieren lässt. Für einen Augenblick lauscht man Kritik und Selbstkritik der Spektakel-Produktion. Dann geht alles genau so weiter wie bisher.

Pilger-Massen auf dem Petersplatz: Größter flash mob des neuen Jahrtausends
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Pilger-Massen auf dem Petersplatz: Größter flash mob des neuen Jahrtausends

Wenn das Spektakel auch zu nichts verpflichtet und keine andere Veränderung bringen kann als die Festigung der gewöhnlichen Macht, so heißt das freilich keineswegs, dass es auch nichts bedeutet. Das öffentliche Sterben des Papstes missversteht sich seit geraumer Zeit auch als Lehrstück: Seit Jahren werden wir von Fachleuten darüber aufgeklärt, was es zu bedeuten hat, dass ein leidender alter Mann sich nachgerade aggressiv ins Öffentliche drängt. Er wende sich da, hieß es, gegen den Jugendwahn, er wolle gar den Mühseligen und Beladenen Mut machen, und ausgerechnet dieser "Medienpapst" inszeniere sein öffentliches Leiden als Gegenbild zu den medialen Leitbildern der unauthentischen Perfektion.

Natürlich geht es auch um "Gehorsam". Die Erinnerungen an archaische und mittelalterliche Rituale sind durchaus Teile dieser Inszenierung: Im Kern dieses Spektakels stecken einige Elemente, die bei Licht betrachtet nicht nur ins Vor-Moderne, sondern sogar ins Vor-Christliche reichen, ins Animistische und Magische. Das Spektakel macht die Grenzen von Religion und Mythos durchlässig, und so ist es nicht verwunderlich, dass das öffentliche Sterben dieses Papstes und der spektakuläre Abschluss immer wieder als "Passion" bezeichnet wird, als Double der zentralen Passions-Vorstellung der Religion selber.

Das öffentliche Sterben als Ur-Mythos

In der Dramaturgie des Spektakels entspricht dem das Verlangen der Menge nach dem Paradox der sofortigen Heiligsprechung, denn hier gibt es keinen Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Populären. Darin steckt aber auch ein verborgenes Verlangen nach Wiederauferstehung. Denn eben das, wenn auch in der Regel unter weniger luxuriösen Umständen, begründete die Ur-Mythen der Heiligen: das öffentliche Sterben. Auch in Kardinal Ratzingers Ansprache spielte das Leiden, das Kranksein, die Passion, das "Bis-zum-Ende" eine bedeutende Rolle.

Die Rückkehr des Körpers in die Religion hat eine schlichte, aber vermutlich nachhaltige Bedeutung im Spektakel des öffentlichen Sterbens des Papstes. Sie ermöglicht seinen Teilnehmern möglicherweise eine Rückkehr in den eigenen Körper, der ihnen durch die Medialisierung, aber auch durch die Ökonomisierung der Gesellschaft verwehrt schien.

Triumph des siechen Körpers

Pilger-Transparent: Double des zentralen Ur-Mythos
AFP

Pilger-Transparent: Double des zentralen Ur-Mythos

Denn das Verschwinden der Arbeit in der neoliberalen Weltordnung ist verbunden mit einer Hysterisierung des alternden, sterbenden Körpers, der selber zu verschwinden droht. Der Neoliberalismus hat dazu eine Zauberformel gefunden: Der Körper muss "in Form" gebracht werden. Er muss so aussehen, als ob er in der Lage wäre, schwere Arbeit zu verrichten, er muss so aussehen, als könne er Lust empfangen und geben, er muss so aussehen, als könne er Angriffen von innen und außen trotzen. In dieser Zerreißprobe kann er nur irreal und beliebig werden.

Wer unbedingt einen guten Körper braucht, riskiert, dass es nicht mehr der eigene Körper ist - und seine Seele zu verlieren. Am Zwang zu dieser Körpermaske aber leiden nicht nur die Verlierer, die sich die Formung nicht leisten können, sondern schließlich sogar die Gewinner des Neoliberalismus, aus Furcht vor ihrem unheiligen Alter, ihrer deformierenden Krankheit, werden sie noch verbissener und tückischer.

Im Spektakel des öffentlichen Sterbens triumphiert der siechende Körper über den lustvollen und begehrenden Körper. Oder, und da sind wir ganz nahe am Bild, das der Papst gegeben hat: Der eigene Körper triumphiert über den "guten" Körper. Und so hat diese Passion nicht nur einen archaisch-theologischen Untergrund, sondern auch einen sehr pragmatischen Trost: Es gilt, den Körper, den überflüssigen, den begrenzenden, den schmerzenden, anzunehmen. So geht es zu Ende, das Spektakel des heiligen, nutzlosen Körpers.



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