Essay Die Deutschländer-Würstchen

Der Fall Hohmann hat nicht nur bei der CDU eine Debatte über das nationale Selbstbewusstsein ausgelöst. Während sich die älteren Generationen immer wieder verzagt in Täter- und Opfer-Rollen verstricken, wollen sich die Jüngeren ein bisschen Stolz erlauben. Ein Plädoyer für einen weltgewandten, zeitgemäßen Patriotismus.


Deutschland-Flagge vor dem Berliner Reichstag: Neurotischer Wurm im deutschen Selbstbewusstsein
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Deutschland-Flagge vor dem Berliner Reichstag: Neurotischer Wurm im deutschen Selbstbewusstsein

Eigentlich könnte alles wunderbar einfach sein: Durch einen Glücksfall der Geschichte ist Deutschland seit 13 Jahren wieder vereinigt - ein souveräner Nationalstaat in der Mitte Europas mit der weitaus stärksten Wirtschaft innerhalb der Europäischen Union, ohne Feinde weit und breit, geachtet in aller Welt. Die wahren Helden dieses neuen Deutschlands sind indes weder fanatische Parteiführer noch kriegswütige Generäle, sondern Günter Jauch und Dieter Bohlen. Selbst das Wetter ähnelt immer mehr dem mediterranen Sehnsuchtsklima von Arkadien, und die Straßencafés in Berlin halten sich tapfer im harten Konkurrenzkampf mit Rom und Paris.

Wo also drückt der Schuh, wo tut's weh, was stimmt denn nicht? Immer wieder, wie gerade in diesen Tagen, beklagen Deutsche, dass sie von der Welt schlecht und ungerecht behandelt würden. "Ewig", so heißt es in Tausenden von E-Mails, Protestanrufen und Leserbriefen im Gefolge der berüchtigten Hohmann-Rede, müsse man unter der Last der deutschen Geschichte leben, im langen Schatten von Hitler und Holocaust. So sei, meinen viele, kein aufrechter Gang möglich, im Gegenteil: Ein unachtsames Wort, ein kleiner Versprecher genüge, und schon sause das Generalverdikt über "die Deutschen" und "das Tätervolk" wieder herab wie die alles gleichmachende Guillotine der Französischen Revolution. Nicht einmal die Wahrheit dürfe man offen sagen, schon gar nicht über Israel. Wer es dennoch wage, der werde sogleich, siehe Hohmann, abgestraft und ausgeschlossen. Und das soll Demokratie sein?

Um endlich als Gleiche unter Gleichen und in Frieden in der Weltgemeinschaft zu leben, so denken nicht wenige, müsse ein befreiender "Schlussstrich" gezogen werden. Das Unbehagen an der deutschen Nation ist im Alltag weithin spürbar; spektakulär aber entlädt es sich in regelmäßigen feuilletonistischen Konvulsionen, in jenen so genannten Skandalen, die sich umstandslos in endlose Mediendebatten ergießen. An ihrem vorläufigen Ende werden sie in broschierten Sammelbänden fein säuberlich dokumentiert und mit einer griffigen Bezeichnung versehen: "Historikerstreit", "Bocksgesang", "Walser/Bubis", "Leitkultur", "Mahnmal-Debatte".

Ganz egal, was der aktuelle Anlass der jeweiligen Erregung war: Am Ende geht es immer um das Selbstverständnis der Deutschen, um ihre "nationale Identität", um "deutsche Leitkultur", den geistig-moralischen Standort und die "Wer-sind-wir-eigentlich?"-Metaphysik, kurz: Um die alte Frage aus den Zeiten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation: Wes' ist des Deutschen Vaterland?

Nun könnte ein schlichtes Gemüt einwenden, die Frage sei gerade in diesem Fall im Laufe der vergangenen 1000 Jahre recht überzeugend beantwortet worden: Es ist die Bundesrepublik Deutschland in den Grenzen von 2003. Das aber wäre, mit Verlaub, zu schlicht gedacht. So billig lassen sich die Deutschen angesichts einer geschichtsphilosophischen Frage von größter Tragweite und tiefster, ja schwärzester Abgründigkeit nicht abspeisen. Also trat der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann am 3. Oktober 2003, dem deutschen Nationalfeiertag, vor seine Zuhörer in der Mehrzweckhalle Neuhof bei Fulda, um noch einmal die alles entscheidende Frage nach der "Gerechtigkeit für Deutschland" aufzuwerfen. Maliziös fügte der Neuhofer Ex-Bürgermeister hinzu: Und über "seine etwas schwierige Beziehung zu sich selbst".

Doch zwei Sätze später wurde das drängende nationale Erkenntnisinteresse schon herbe enttäuscht. Die schwierige Angelegenheit verlagerte sich überraschenderweise in Richtung Anatolien. Plötzlich ging es um das "türkische Heimatland". Warum? "Ein verurteilter türkischer Mordanstifter" könne, so der Festredner, nach Verbüßung seiner Haftstrafe nicht in sein "türkisches Heimatland ausgewiesen werden". Dies verhinderten deutsche Gerichte, der Rechtsstaat. Bei der "Gerechtigkeit für Deutschland" geht es also, recht verstanden, zuallererst um türkische Straftäter, die in deutschen Gefängnissen sitzen. Dass später auch vom jüdischen Straftäter, von weltumspannenden jüdisch-bolschewistischen Verschwörungen die Rede war und der Begriff "Tätervolk" im Zusammenhang mit Juden benutzt wurde, ist zwar symptomatisch und klar antisemitisch, letztlich aber nur ein rhetorisches Vehikel. Hohmanns Fazit lässt keinen Zweifel: "Erst kommen die anderen, dann wir". In vollem Ernst erbittet der fundamentalchristliche Volksvertreter am Jahrtausende alten Bischofssitz Fulda "wenigstens Gleichbehandlung von Ausländern und Deutschen". Verkehrte Welt.

Die Deutschen, nicht die "Ausländer", so dieses verquere Selbstbild, sind Parias in ihrem eigenen Staat, in gewisser Weise Bürger zweiter Klasse, Opfer rassistischer Demütigung durch den Rest der Welt. Keine Frage: In Wirklichkeit also geht es um das verflixte deutsche Selbstbewusstsein fast sechzig Jahre danach. In ihm steckt nach wie vor, so oder so, der neurotische Wurm.

Wer dachte, spätestens in den neunziger Jahren habe das glücklich wieder vereinte Land, trotz aller politischen Turbulenzen und wirtschaftlicher Schwierigkeiten, endlich halbwegs zu sich selbst gefunden, sieht sich getäuscht. Wer glaubte, die rasche Abfolge neuer Generationen, zuletzt die durch ihre zivile Unauffälligkeit auffällig gewordene "Generation Golf", habe für eine nachhaltige Durchlüftung der alten deutschen Selbstbetrachtung geführt, irrte wohl doch. Und wer fest davon überzeugt war, dass die Regierungsübernahme der rot-grünen 68er-Riege - mit Joschka Fischer als populärstem Politiker - wenigstens eine Art Selbstversöhnung der ideologisch zerstrittenen, von der jüngeren Vergangenheit schwer belasteten Republik repräsentierte, gerät jetzt schwer ins Grübeln.

Fast mehr noch als die antisemitischen Ressentiments, deren Existenz leider notorisch ist, erschüttert Hohmanns absurdes Zerrbild von der nicht nur moralisch unterworfenen deutschen Nation im Jahre 2003: In welchem Land lebt der Mann? In welchem Land leben all jene, die ihm beipflichten, ihn verteidigen und in Schutz nehmen? Welcher Abgrund an Minderwertigkeitskomplexen tut sich da auf? Welcher Gefühlsstau wartet auf Erlösung?

Offenbar hat sich inmitten der Spaß- und Mediengesellschaft eine innere Provinz der Deutschländer-Würstchen gehalten, die in ihrer eigenen anachronistischen Zeit verharrt. Einen "weinerlichen Nationalismus" diagnostizierte die "Stuttgarter Zeitung", und tatsächlich, von einem stolzen, selbstbewussten Nationalismus Wilhelminischer Prägung ist hier nichts zu spüren. Viel mehr dominiert das Verschwitzte und Gebückte, das Ängstlich-Aggressive. "Man wird ja noch sagen dürfen", heißt es da hinter vorgehaltener Hand in beinahe Möllemann'scher Diktion, so, als dürfe man es nicht.

Was genau denn nicht gesagt werden dürfe und welche drakonischen Strafen jenseits einer fraktionslosen Einzelbestuhlung im Deutschen Bundestag bei Zuwiderhandlung drohen, bleibt im Dunkeln. So wird die diffuse Angst zum Argument fürs Ressentiment, das sich selber nährt. Der aufrechte nationale Gang findet im Hobbykeller statt. Das Bild von der unfreien Nation wird ausgerechnet in jenem Augenblick an die Wand deutscher Mehrzweckhallen projiziert, da die Bundesrepublik sich auf ihre eigene, nun schon 55-jährige Geschichte besinnt - mit durchaus positiver, sentimental aufgeladener Sinnstiftung. Die Zeit scheint reif für hausgemachte Mythen und Legenden. Sogar ein bisschen Stolz ist dabei erlaubt.

Der Kinofilm "Das Wunder von Bern" etwa rührt selbst hart gesottene Männer zu Tränen; das zweiteilige, mit dem "Bambi" geehrte TV-"Wunder von Lengede" (Sat.1), eine tragische Heldengeschichte aus der frühen Bundesrepublik, war das erfolgreichste Fernsehspiel eines kommerziellen Senders überhaupt, und auch die halbdokumentarischen Spielfilme über die Schleyer-Entführung, den "Deutschen Herbst" und den dramatischen Rücktritt Willy Brandts wegen der Guillaume-Affäre sind Elemente einer republikanischen Selbstvergewisserung. Ende nächsten Jahres wird die ARD eine sechsteilige Dokumentation über die fünfziger Jahre ausstrahlen - derzeit werden noch geeignete Zeitzeugen gesucht. Was eben noch Gegenwart war, ist zur Vergangenheit geronnen, und noch der Boom der Generationen-Bücher signalisiert das wachsende Bedürfnis nach Selbsthistorisierung der bundesdeutschen Nachkriegs-Gesellschaft: Rückschau, Reflexion und Einordnung.

"Deutsch ist in Mode", schrieb jüngst die "FAZ", und sie meinte es wörtlich. Designer und Modemacher, Zeitschriften und Marketingleute arbeiten zunehmend und ganz selbstverständlich mit den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold. Keine Frage: Die heute 20- bis 35jährigen Deutschen haben in der Regel ein gänzlich anderes Deutschland-, ein ganz anderes Selbstbild als etwa die 40- bis 60-Jährigen, deren Väter und Großväter immerhin noch Nazis und Wehrmachtssoldaten sein konnten - und es oft genug auch waren. Und gewiss: Vor allem die Jungen nervt der moralinsaure Gestus der antifaschistischen Lippenbekenntnisse, das ewige "Durchnehmen" des Nationalsozialismus in der Schule, das wohlfeile und schrecklich abgenutzte "Nie wieder!"-Gemahne, die jahreszeitlichen Gedenkrituale.

Für Verdruss und Verwirrung sorgt zuweilen auch die Verwechslung und Vermischung von Begriffen wie "Schuld" und "Verantwortung", und das in einer Zeit, da die Schuldigen fast ausgestorben sind und die Verantwortung nur zu oft von berufsmäßigen Vergangenheitsbewältigern wie der Mutter Courage des Berliner Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, übernommen wird, deren postum errungener Sündenstolz randvoll betriebsamer Eitelkeit steckt.

Und die Jungen haben ja Recht: Sie haben nichts, aber auch gar nichts mit dem ungeheuerlichen Massenmord an den europäischen Juden zu tun, und niemand irgendwo auf der Welt hat das geringste Recht, ihnen wegen dieses einzigartigen Menschheitsverbrechens auch nur den kleinsten Vorwurf zu machen. Diese jungen Deutschen sind frei. Vielleicht sind sie so frei, wie keine Deutschen je zuvor. Und vielleicht könnten sie gerade deshalb den Kern eines neuen deutschen Selbstbewusstseins bilden, das nicht mehr durch die Springprozession der antifaschistischen Vergangenheitsbewältigung, nicht mehr durch den Kampf gegen die Generation der Eltern und auch nicht mehr durch das Fegefeuer der unendlich mühsamen, polemischen und verletzenden deutschen Aufklärungs- und Selbstverständigungsdebatten gehen muss, um eine Souveränität zu erreichen, die weiß, woher sie kommt und wofür sie steht.

Ein zeitgemäßer, weltgewandter Patriotismus wäre das exakte Gegenteil jenes verklemmten und jämmerlichen Nationalismus, der seinen vermufften Stolz aufs Vaterland vor allem in der Provinz der individuellen Beschränktheit findet. Seine angeblich unterdrückte Wahrheit ist nichts weiter als die eigene, ängstlich gehütete Lebenslüge, die duckmäuserische Selbstunterdrückung, die sich vor wenig mehr fürchtet als vor der offenen Auseinandersetzung mit der bedrohlich scheinenden Wirklichkeit.

Zur eigenen "Identität" braucht diese fromme Denkungsart immer die bösen, im Zweifel ungläubigen Anderen, die wahren Schuldigen, das andere "Tätervolk". Was sie aufrecht nennt, ist in Wahrheit geduckt. Wo sie von Mut spricht, herrscht feiges Schweigen. Wenn sie Überlegenheit spürt, ist sie moralisch schon ganz unten. Ihre Unterwerfung besorgt sie sich selber. Genauso wie ihr Unglück. Da drückt der Schuh. Es ist das, was fehlt: Das Gespür für die eigene, die innere Freiheit, die die Freiheit der anderen nicht bedroht. Das Gefühl eigener Stärke, das nicht auf Kosten Schwächerer errungen wird, die Überwindung jenes neurotischen Minderwertigkeitskomplexes, der die Fortsetzung des alten Untertanengeistes mit anderen Mitteln verkörpert.

So oder so: Die große nationale Wunde bleibt. Man muss sie, wie schwer das auch ist, akzeptieren, mit ihr leben und die Erinnerung an sie lebendig halten. Dann aber, und das haben die bornierten und selbstgerechten Deutschland-Ritter noch gar nicht begriffen, kann, wer will, selbstverständlich stolz sein auf die Entwicklung des Landes seit bald sechs Jahrzehnten: Auf all "unsere Besten" und Zweitbesten, auf die erstaunlichen Schönheiten seiner Natur, auf die Erfindung der Currywurst, auf den ersten VW Käfer, der es 1951 mit Dachgepäckträger über den Brenner geschafft hat, auf Heike Makatsch, Tanner und Schimanski und die alltäglichen zivilen Freiheiten, in einem Wort: Auf das anhaltende Wunder der deutschen Republik.



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