Essay Ich morde, also bin ich

Die Bluttat von Erfurt offenbart ein verhängnisvolles Paradoxon moderner Gesellschaften: Je stärker Gewalt im öffentlichen Leben geächtet wird, umso höher ist der Gewinn an Aufmerksamkeit für die, die sie ausüben – ein Dilemma, dem keine Politik entrinnen kann.

Von Herfried Münkler


Gewalttäter im Kino (Szene aus dem Film "Pulp Fiction"): Je excessiver die Gewalt, desto höher die Aufmerksamkeit
Miramax

Gewalttäter im Kino (Szene aus dem Film "Pulp Fiction"): Je excessiver die Gewalt, desto höher die Aufmerksamkeit

Kaum etwas bekommt in modernen Gesellschaften so hohe Aufmerksamkeitsprämien wie die Anwendung von Gewalt: je exzessiver die Gewaltanwendung, desto höher die Aufmerksamkeit der Medien und damit der gesamten Gesellschaft. Da Aufmerksamkeit in modernen Gesellschaften eine knappe Ressource ist, womöglich die knappste überhaupt, ist die Anwendung von Gewalt attraktiv, wenn es darum geht, das mediale Rauschen zu übertönen. Indem sie mit Gewaltanwendung verbunden werden, werden Probleme, Ereignisse oder menschliche Schicksale in die öffentliche Wahrnehmung gerückt.

Diese Erfahrung haben bereits die Demonstranten der späten sechziger Jahre gemacht, sie ist grundlegend für das Agieren terroristischer Gruppierungen, und inzwischen scheint sie auch für die spektakuläre Inszenierung eines Suizids handlungsleitend zu werden. Gewalt ist dabei kein Instrument, mit dem bestimmte Ziele verfolgt und konkrete Absichten durchgesetzt werden sollen, sondern sie ist eine Botschaft, die oftmals nichts anderes besagt, als dass hier ein gescheitertes Leben zu Ende gegangen ist.

Offenbar gilt die Regel: Je gewaltärmer eine Gesellschaft ist, desto nachdrücklicher sind die durch Gewaltanwendung zu erzielenden Effekte. Dieser fatale Zusammenhang wird übersehen, wenn Ausmaß und Niveau medial vermittelter Gewalt, etwa in bestimmten Videos oder Computerspielen, als Ursache der Gewaltanwendung ins Spiel gebracht wird. Im konkreten Fall mögen solche Gewaltdarstellungen und Gewaltspiele für den Einzelnen enthemmend und gewaltstimulierend sein, aber der gesellschaftliche Mechanismus, der die Gewalt als Botschaft attraktiv macht, wird damit nicht erfasst – genauso wenig im übrigen wie bei der Suche nach weiteren Begrenzungen für den Zugang zu Waffen. Im Gegenteil: je höher die Gewaltschranke einer Gesellschaft heraufgesetzt wird, desto größer sind die Aufmerksamkeitsprämien, die auf Gewaltanwendung ausgezahlt werden.

 Professor Herfried Münkler lehrt seit 1992 Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Münkler, Jahrgang 1951, promovierte über "Niccolò Machiavellis Antworten auf den Zusammenbruch der christlichen Geschichtsphilosophie" und habilierte sich mit einer Schrift über die Genese des Begriffs Staatsraison. Münklers Lehr-Schwerpunkte sind unter anderem die politische Ideengeschichte sowie die Theorie und Geschichte des Krieges.

Professor Herfried Münkler
lehrt seit 1992 Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Münkler, Jahrgang 1951, promovierte über "Niccolò Machiavellis Antworten auf den Zusammenbruch der christlichen Geschichtsphilosophie" und habilierte sich mit einer Schrift über die Genese des Begriffs Staatsraison. Münklers Lehr-Schwerpunkte sind unter anderem die politische Ideengeschichte sowie die Theorie und Geschichte des Krieges.

Das ist zugleich das Dilemma, in dem Politik und Gesellschaft stecken, wenn sie nach Mitteln und Wegen der Gewaltprävention suchen: Je erfolgreicher sie damit im Allgemeinen sind, desto attraktiver machen sie den Gewaltexzess im Einzelfall. In einer Gesellschaft, die sich an ein hohes Niveau von Alltagsgewalt gewöhnt hat, wie dies in vielen Ländern Lateinamerikas der Fall ist, fällt es schwer, durch individuelle Gewaltanwendung große Aufmerksamkeitsprämien zu erzielen. Freilich: So richtig diese Beobachtung der Sozialwissenschaft sein mag, so wenig lassen sich aus ihr irgendwelche akzeptablen Hinweise für gesellschaftliches und politisches Handeln ableiten.

In Gesellschaften, die keine metaphysischen Verstrebungen mehr besitzen, also Gesellschaften ohne den gemeinsam geteilten Glauben an einen Gott und die daraus gewonnenen Gemeinschaftserfahrungen, sind gesellschaftliche Aufmerksamkeit und individuelle Bedeutsamkeit identisch geworden. Wer nicht wahrgenommen wird, kann sich des Eindrucks, bedeutungslos zu sein, kaum erwehren. Der Trost, den der Glaube an das Wahrgenommenwerden durch einen gütigen Gott lange geboten haben mag, ist für uns allenfalls individuell, aber nicht mehr gesellschaftlich verfügbar.

Verzweifelte Suche nach individueller Bedeutung

Unter diesen Umständen ist das verzweifelte Bemühen um die Erregung von Aufmerksamkeit ein Haschen nach Bedeutsamkeit, auch wenn deren Anerkennung in nichts anderem liegt als in dem öffentlichen Entsetzen über die Gewalttat und der in Talkshows zelebrierten Suche nach Erklärungen dafür. Das gilt für den Jugendlichen, der vor einigen Monaten in den USA seinem Leben ein Ende setzte, indem er sein Sportflugzeug in einem Hochhaus zerschellen ließ, das gilt wahrscheinlich auch für den Todesflieger von Mailand vor wenigen Wochen. Und es gilt schließlich für den Erfurter Todesschützen. Man wird schwerlich verhehlen können, dass sie in ihrem verzweifelten Bestreben nach öffentlicher Aufmerksamkeit erfolgreich gewesen sind. Die ihnen posthum zuteil gewordene Aufmerksamkeit ist, so gesehen, ein Anreiz für alle diejenigen, die sich mit ähnlichen Absichten tragen.

Gedenkstätte Friedhof (in Freiburg): Schwindende Bedeutung als Stätte des Erinnerns
DPA

Gedenkstätte Friedhof (in Freiburg): Schwindende Bedeutung als Stätte des Erinnerns

Der Abbau der metaphysischen Verstrebungen einer Gesellschaft, durch den der Wert öffentlicher Aufmerksamkeit für das Bewusstsein individueller Bedeutsamkeit so sehr gesteigert worden ist, kann gesellschaftlich konkretisiert werden: Eine der kaum beachteten Begleiterscheinungen des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses ist die schwindende Bedeutung von Friedhöfen als Stätten des Eingedenkens und Erinnerns. Was eine Stätte des Fortlebens im Gedächtnis einer sozialen Gruppe war, ist zu einem Ort für die Entsorgung der sogenannten sterblichen Überreste geworden. Das mag überspitzt formuliert sein, bezeichnet aber eine starke Tendenz moderner Gesellschaften, denen die Erinnerung an die Endlichkeit menschlichen Lebens zur Störung des Alltagsbetriebs geworden ist.

Die Todes-Inszenierung als medienwirksames Ereignis

Je stärker diese Gesellschaften am Auskosten des Augenblickes orientiert sind, desto unerträglicher ist ihnen das Bewusstsein des Todes. Also wird der Tod von denen, die ihn aus eigenem Entschluss suchen, als medienwirksames Ereignis in Szene gesetzt. Die Entwertung der Gräber und Gedenksteine wird beglichen durch die Inszenierung des Suizids als aufmerksamkeitsheischender Event. Das beginnt beim Sprung vor die U-Bahn, durch den ein Suizid als Eingriff in den öffentlichen Nahverkehr Aufmerksamkeit erlangt, und reicht bis zu spektakulären Flugzeugabstürzen und Amokläufen. Dabei kann sich der zur Selbsttötung Entschlossene sicher sein, dass ihm um so größere Aufmerksamkeit zuteil wird, je mehr Menschen er an der Beendigung des eigenen Lebens beteiligt. Er bedient sich der Logik einer Mediengesellschaft, die den Augenblick der Katastrophe notiert, für die die Gewöhnlichkeit eines misslingenden Lebens aber keine Zeile wert ist.

Dabei folgen die Inszenierungsmodelle gewalttätiger Aufmerksamkeitserzielung häufig den Vorgaben politischer Gewaltanwendung: Die Schreckensbilder der im World Trade Center zerschellenden Flugzeuge sind ebenso wie die palästinensischen Selbstmordattentate zur Regieanweisung für die Lösung privater Aufmerksamkeitsprobleme geworden. Man kann von einer Privatisierung politischer Gewaltanwendung sprechen, und diese Privatisierung wird möglich, weil die Aufmerksamkeitszuwendung der Medien identischen Mustern folgt.

Spektakuläre Selbsttötungen werden zunehmen

Das gibt zu der Vermutung Anlas, dass exzessive Gewaltanwendung und spektakuläre Selbsttötungen in Zukunft häufiger und nicht seltener werden – so lange zumindest, wie sie nicht durch zu große Häufung selbst den zu erzielenden Aufmerksamkeitseffekt abschwächen. Sicherlich wird man in jedem Fall Ansätze finden, wo durch ein anderes Verhalten des gesellschaftlichen Umfeldes vor der Tat diese hätte verhindert werden können: hier durch schärfere Regelungen für den Besitz von Waffen, durch mehr pädagogische Zuwendung, oft durch mehr menschliche Aufmerksamkeit. Hier sind gesellschaftliche und politische Präventions-Möglichkeiten zu suchen und zu nutzen.

Den Mechanismus der Prämierung von medienwirksam inszenierter Gewalt werden sie jedoch nicht aushebeln können. Und vor allem werden sie nichts daran ändern können, dass Gewaltanwendung als Botschaft um so attraktiver wird, je gewaltarmer eine Gesellschaft ist. Mit der Paradoxie, dass gerade erfolgreiche Gewaltprävention die Gewaltattraktivität steigert, werden wir leben müssen. Oder wir müssten, was aber ganz unwahrscheinlich ist, die Regeln unserer Aufmerksamkeitsverteilung ändern.



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