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Essay: In der Terrorfalle

Von Gerd Koenen

Was den islamistischen Terror von anderen totalitären Massenbewegungen unterscheidet, ist das Fehlen verhandelbarer Ziele. Die gesichtslosen Global-Guerillas sorgen für einen metaphysischen Schrecken, der die westlichen Gesellschaften in gefährliche Hysterie stürzt.

Terrorismus ist weniger eine militärische als eine psychologische Kampfform. Er ist darauf angelegt, einen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu provozieren, durch den sich die Fronten verwischen, Ursachen und Wirkungen verkehren und Konflikte zu einem scheinbar unlösbaren Knoten schürzen. Zu seinen stärksten Wirkungen gehören eine allgemeine moralische Ermüdung und Indifferenz und eine zunehmende Verwirrung der Begriffe und Maßstäbe.

Islamistischer Qaida-Terrorist beim Verlesen einer Botschaft Sarkawis: "Wer sind die, die vor laufender Videokamera ihren flehenden Geiseln die Kehlen durchschneiden?"

Islamistischer Qaida-Terrorist beim Verlesen einer Botschaft Sarkawis: "Wer sind die, die vor laufender Videokamera ihren flehenden Geiseln die Kehlen durchschneiden?"

In diesem Sinne hat der panislamistisch auftretende, global operierende Terrorismus, der mit dem 11. September 2001 seinen weltgeschichtlichen Auftritt hatte und uns seitdem unter der phantomhaften Chiffre "al-Qaida" mit einer nicht abreißenden Serie von mörderischen Selbstmordattentaten und sadistisch inszenierten Geiselnahmen im Bann hält, einen bedeutenden Teilsieg errungen.

Wenn es ein strategisches Traumszenario des Emirs Bin Laden und seines Chefideologen Sawahiri gab, dann war es ungefähr wohl das, was wir seit dem Einmarsch der alliierten Truppen im Irak im Frühjahr 2003 täglich beobachten. Statt sich mit Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft auf den Kampf gegen die Hintermänner des terroristischen Angriffs auf New York und Washington, auf die Ausschaltung ihrer Aktionsbasen in Afghanistan und Pakistan sowie auf die Stabilisierung dieser geopolitischen Schlüsselländer zu konzentrieren, ist die angegriffene Weltmacht unter Führung von Präsident Bush in die Falle eines globalisierten und ideologisch aufgeladenen "Kriegs gegen den Terror" gegangen.

Damit verfällt die Vormacht der offenen und demokratischen Gesellschaften des Westens, wie in den trübsten Jahren des Kalten Kriegs und der antikommunistischen Counter-Insurgency, von Korea bis Vietnam, von Chile bis El Salvador, in unberechenbare Hysterien und entledigt sich ihrer entscheidenden Einflussinstrumente und Waffen, nämlich ihrer zivilen und sozialökonomischen Attraktivität.

Verfehlte Weltmachtpolitik

Viele der historischen Siege linker totalitärer Potentaten, von Kim Il Sung bis Pol Pot, von Fidel Castro bis Mengistu, waren nicht zuletzt durch ebenso rücksichtslose wie erfolglose militärische Interventionen der USA vorbereitet. Von den durch sie unterstützten rechten Diktaturen und ihren Untaten noch gar nicht zu reden.

Das fatale Gegenstück dieser weithin verfehlten US-amerikanischen Weltpolitik der fünfziger bis achtziger Jahre war und ist es allerdings, dass ihre linken und liberalen Kritiker sich ihrerseits in der Falle eines moralischen und politischen Relativismus verfingen, was kaum weniger zur Erfolgsgeschichte totalitärer Regimes im 20. Jahrhundert beigetragen hat. Das betrifft nicht allein die radikalen Sympathisanten und gutgläubigen fellow traveller, die nach Moskau, Peking, Pjöngjang oder Havanna pilgerten, sondern auch die Haltung einer gutbürgerlichen Öffentlichkeit, die sich für kritisch und aufgeklärt hielt, wo sie doch nur eine komfortable Indifferenz praktizierte.

Das führt zurück zu den schleichenden Wirkungsweisen terroristischer Kampfführung selbst. Während die nationalistische Résistance im Irak, die sich großteils noch aus dem Revanchismus der gestürzten baathistischen Machtclans speist, dem zusammengewürfelten Legionärskorps um den Jordanier Sarkawi Deckung gibt und die Position eines panislamischen Widerstands überlässt, schiebt dieser selbsternannte Emir von Mesopotamien die Grenzen des Terrors immer weiter hinaus. Eine als Droge konsumierte Religiosität, die jeden Gewissensbiss betäubt, vermischt sich dabei mit den skrupellosesten Formen mafiöser Kriminalität.

Terror als Abschreckung und Aktivierung

Freilich, kein Beobachter kann sicher sein, wer da wer ist. Wer sind die, die vor laufender Videokamera ihren flehenden Geiseln die Kehlen durchschneiden? Wer lässt Tankwagen auf Marktplätzen explodieren? Wer sprengt sich inmitten einer Hochzeitsgesellschaft oder einer schiitischen Prozession in die Luft?

Die Gesichtslosigkeit dieses entgrenzten Terrorismus, dessen Akteure in den internationalen Presseberichten pauschal als "Rebellen" oder "Aufständische" bezeichnet und damit bereits geadelt werden, addiert sich zur lähmenden und abstumpfenden Wirkung, die von diesen fast schon stereotypen Schreckensmeldungen und Bildern ausgeht. Gleichzeitig haben sich alle Erwartungen als naiv erwiesen, dass dieser Reigen ruchloser Gewalt gegen Zivilisten sich selbst desavouieren werde. Terror schreckt die einen ab und lähmt sie, während er andere aktiviert und anzieht. Gerade die Form des Selbstmord-Attentats hat offenbar etwas spezifisch Verlockendes und zugleich Entlastendes. Das pseudoreligiös verkleidete Selbstopfer sanktioniert jede noch so monströse Tat, schaltet letzte Hemmungen aus.

Damit reiht sich der moderne islamistische Terrorismus, der in vieler Hinsicht innerhalb und an den Rändern unserer westlichen Gesellschaften entstanden ist, freilich nur in die früheren totalitären Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts ein, die einen systematisch geübten, propagandistisch begleiteten Terrorismus bereits zu neuen, bis dahin unbekannten Höhen getrieben haben. Während die kommunistischen Regime in Sowjetrussland und China, in Nord-Korea oder Kampuchea einen beispiellosen, nach innen gerichteten sozialen Exterminismus entfalteten, haben die faschistischen Regime, an erster Stelle das nationalsozialistische "Deutsche Reich", einen organisierten, rassenideologisch begründeten, bis zum Genozid getriebenen Terror zu einem integralen Instrument ihres "Griffs nach der Weltmacht" entwickelt.

Ökonomie der menschlichen Bomben

Es ist keine Verharmlosung, wenn man sagt, dass verglichen mit diesem Zeitalter der Weltkriege die Europäer wie die US-Amerikaner noch immer in relativ sicheren Verhältnissen leben. Noch sind auch die Verlustziffern wie die Kampfformen in Irak mit denen in Indochina nicht angemessen zu vergleichen. Und die Kampfformen der Islamisten sind weniger neu als sie heute erscheinen, auch wenn sie durch die herostratische Großtat des 11. September in eine neue Dimension gerückt sind. Der Befreiungskrieg in Algerien etwa wurde mit mörderischen Massakern und Bombenanschlägen gegen Zivilisten auf beiden Seiten ausgetragen, in Algier wie in Paris.

Die hymnische Beschwörung des Kolonialsklaven, der erst indem er seine Hände in das Blut der ermordeten Frauen und Kinder eingeschlossen tauchte "wahrhaft zum Menschen wurde", wie sie der Arzt und Schriftsteller Frantz Fanon mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre in die intellektuelle Community Europas vor 1968 warf, oder die phantastischen Weltbrandstiftungsszenarien eines Ché Guevara, die noch aus der "atomaren Asche" den Neuen Menschen entstehen sahen, können sich mit der Dschihadistenlyrik eines Bin Laden ohne Weiteres vergleichen.

Und wenn die schöne, zum revolutionären Popidol avancierte palästinensische Flugzeugentführerin Leila Khaled 1970, als man sie überwältigte, in die vollbesetzte Passagiermaschine eine Handgranate warf, die jedoch nicht explodierte - was war das anderes als ein Selbstmordattentat? Überhaupt ist diese Kampfform längst epidemisch geworden, und Frauen, Kinder und Jugendliche sind ihre schuldig-unschuldigen Exekuteure. Ob Tamilen oder Tschetschenen, Palästinenser oder Afghanen - die kulturellen und religiösen Codes, die das angeblich verhindern (sollten), verblassen vor der unvergleichlichen Ökonomik dieser "intelligenten" menschlichen Bomben.

Angriff auf die "große Hure"

So tief also der Schrecken sitzt, den diese Anschläge auslösen - man muss schon genauer hinschauen, wenn man die Phänomene des globalen Terrorismus nicht zu einem einzigen, überwältigenden Gesamtszenario zusammenfließen lassen will. Der Terror der islamistischen Revolution in Iran war nicht derselbe wie der der Taliban in Afghanistan. Der palästinensische Terror war und ist anders codiert als der der algerischen Fundamentalisten oder als der der tschetschenischen Islamisten. Sie alle bewegen sich, so unmenschlich ihre Aktionen und so totalitär ihre Weltbilder sind, in einem Feld regionaler und sozialer Konflikte und Gewaltmilieus, für die es (zumindest auf dem Papier) "politische Lösungen" gibt. Darüber lassen sie sich im günstigen Fall isolieren und austrocknen.

Anders verhält es sich mit der islamistischen Globalguerilla der Bin Ladens, Sawariris oder Sarkawis. Hier gibt es keine verhandelbaren Ziele. Und genau darin liegt der metaphysische Schrecken, der von ihnen ausgeht. Mit den Türmen des World Trade Center sollte das kosmopolitische Völker-Babylon New York getroffen werden, die "große Hure" aus der Sicht der Attentäter, und damit die gesamte, längst nicht mehr nur westliche, sich unaufhaltsam pluralisierende, säkularisierende, demokratisierende, medial vernetzende und ökonomisch getriebene Weltzivilisation, die mit ihrem Materialismus und Hedonismus alles durchdringt und entweiht - und gerade auch das Intimste: die menschliche Sexualität mit ihrem Urbild, dem weiblichen Körper.

Das ist das neue Element, das der moderne Islamismus allen früheren totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts hinzufügt und das am ernstesten zu nehmen ist, weil es am tiefsten sitzt: ein von aggressiver Angst getriebener sexueller Hass. Dieser speist sich keineswegs nur aus der unterminierten Herrschaft des Mannes über die Frau und die Familie, sondern auch aus der habituellen Profanierung des Geschlechts und des menschlichen Körpers in der Werbung, der Kunst oder dem Sport - eine Profanierung, die vielleicht die letzte "Entzauberung" der Welt darstellt, mehr noch als die Entzifferung des menschlichen Genoms, die Hirnforschung oder die Reproduktionstechnologien.

Damit überschreitet der moderne Islamismus, zumal in der globalstrategischen Variante des "Emirs" Bin Laden, noch einmal alle hergebrachten Kategorien einer totalitären Ideologie und Bewegung. Es handelt sich um nichts Geringeres als den desperaten, aber gerade darum so mörderischen und todessüchtigen Versuch, aus der Welt, in der wir leben, noch einmal eine idealisierte "islamische Umma", die es selbst nur als gewaltsame Fiktion gibt, herauszubomben.

Dieser Versuch wird, wie alle totalitären Projekte, früher oder später am Lebenswillen seiner eigenen Subjekte scheitern; fraglich ist nur, um welchen Preis. Die zivilen Entwicklungspotentiale in der arabischen und islamischen Welt zu stärken, die Konfliktherde von Kaschmir bis Palästina zu befrieden, die harten Kerne der islamistischen Globalguerilla zu isolieren und gezielt zu zerschlagen, ohne in Hysterie oder Indifferenz zu verfallen und ohne die eigenen moralischen und demokratischen Standards aufzugeben - das ist der einzig mögliche Weg einer "Operation Enduring Freedom", die diesen Namen auch verdiente.

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