Essay von Walter Jens Frau von Kaschnitz und die 68er

"Vor-den-Kopf-stoßen als erzdemokratische Tugend" fordert der Tübinger Zeitkritiker Walter Jens im SPIEGEL-ONLINE-Essay. Dabei verknüpft er das gegenwärtige Gezeter über die 68er mit einer fast vergessenen Frankfurter Schriftstellerin.

Von Walter Jens


Der Tübinger Essayist und Zeitkritiker Walter Jens exklusiv in SPIEGEL ONLINE: "Alt- und Neokonservative rechnen mit den 68ern ab"
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Der Tübinger Essayist und Zeitkritiker Walter Jens exklusiv in SPIEGEL ONLINE: "Alt- und Neokonservative rechnen mit den 68ern ab"

Eine Zumutung, diese Zusammenstellung, mögen voreingenommene Kritiker meinen. Hier die große alte Dame der deutschen Nachkriegsliteratur, Marie Luise von Kaschnitz, und dort die Schmuddelkinder; hier Zeitenthobenheit, dort rüdes Prügeln - eine Frechheit, solche Konfiguration! Die Lady, deren 100. Geburtstag wir in diesen Tagen gedenken, gehöre auf die Nobelseiten der Feuilletons; die Rabauken à la Fischer, Schröder, Trittin, die Terroristen von gestern hingegen in Artikel, wo Alt- und Neo-Konservative mit den 68ern abrechnen.

Schröder: ein polizeilich gesuchter Krimineller (als den man ihn, so Frau Merkel mit wahrhaft verwegener Chuzpe, natürlich nicht habe darstellen wollen), Trittin, umgeben von Gewalt-Instrumenten (pardon, "Bild" hatte geirrt: Ein "Fehler", wie es seit der Kohl-Affäre so gerne heißt, wurde begangen - und nicht etwa verlogen und amoralisch gehandelt). Fischer schließlich, ein Revoluzzer in ferner Turnschuh-Zeit und nicht etwa, was in der Tat von Inhumanität zeugen könnte, ein Befürworter jener Kampfweise, die im Kosovo-Krieg zu "Kollateralschäden", sprich: Ermordung unschuldiger, als "Menschenmaterial" eingestufter Zivilisten führte.

Marie Luise Kaschnitz - "sie nahm die schlimmste Position ein, die damals einem Bürger zudiktiert wurde"

Wie immer - die 68er stehen, in Ermangelung zeitbestimmender Sachthemen, nach langer Pause wieder einmal auf der Agenda der Opposition. Was aber - mögen Geschichtsunkundige fragen - hat mit alldem unsere große Poetin zu tun? Sehr viel! Sie nahm schließlich die schlimmste Position ein, die damals einem Bürger oder einer Dame von Adel, einerlei ob man Böll, Albertz, Gollwitzer, Dönhoff oder Kaschnitz hieß - zudiktiert wurde: die Rolle des Sympathisanten. Gegner der Gewalt, gut und schön, aber eben doch Spießgesellen des linken Pöbels, der die Straße beherrschte ("Straße", eine Schreckensvokabel, die auch nach den Leipziger Demonstrationen anno 1989 nicht evaluiert wurde), Komplizen der Aufmüpfigen in den Universitäten, "liberale Scheißer" allesamt, die es wagten, mit Heinrich Albertz die Losung "Bürgerfreiheit gegen Obrigkeitsstaat" zu legitimieren.

Lektüreempfehlung für Angela Merkel über Frankfurter Hausbesetzer-Demonstrationen

Frau Merkel, mit ihren von keiner Kenntnis getrübten Attacken gegen die 68er, möge nachlesen, was Marie Luise Kaschnitz, die Demonstrantin auf der Bockenheimer Straße, gegen brutale Polizeieinsätze aufbegehrend, in jener Zeit schrieb:

Die engagierte Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz, die am 31. Januar 100 Jahre alt geworden wäre. Sie lebte zuletzt in Frankfurt am Main. Auf ihren Adelstitel verzichtete sie bewusst. Das Bild entstand 1973, ein Jahr vor ihrem Tod.
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Die engagierte Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz, die am 31. Januar 100 Jahre alt geworden wäre. Sie lebte zuletzt in Frankfurt am Main. Auf ihren Adelstitel verzichtete sie bewusst. Das Bild entstand 1973, ein Jahr vor ihrem Tod.

"Die Leute im Frankfurter Westend halten es mit den Hausbesetzern, den Studenten. Wenn ein Umzug stattfindet, gehen sie auf dem Trottoir, auch die alten Damen, neben den roten Fahnen her und richten feindselige Blicke auf die Polizeiautos, die Wasserwerfer und was noch alles von der Ordnungsmacht in den Zug eingefädelt wird. Es geht um ihr Westend, um die alten Häuser, die ihre Besitzer verwahrlosen lassen, um sie bald abzureißen und dann durch vielstöckige Bürobauten ersetzen zu können. Sie selbst sind arm und auf der Seite der Armen. (...) Die Häuser, an denen sie vorüberziehen, könnte man als Kulturdenkmäler betrachten, aber das interessiert niemanden, am wenigstens die Stadt. Wenn man noch eine Weile zusieht, werden Regen, Schnee und Wind geleistet haben, wozu man nach den Protestaktionen (dieser Jahre) zu feige ist. Dem Abbruch aus Sicherheitsgründen wird dann nichts mehr im Wege stehen."

"Es ist viel zu lernen von aufrechten Citoyens, die damals als Feinde herhalten mussten - und heute wieder"

Marie Luise Kaschnitz, eine Sympathisantin: kritisch gegenüber der Gewalt und jeder Form von ideologischer Einseitigkeit, aber konsequent und entschieden auf Seiten der Armen, die im Zeichen des real existierenden Kapitalismus die Zeche bezahlen: so wie sie oder wie Heinrich Böll e tutti quanti es damals beschrieben: das große Geld und seine dienstbaren Geister in Gazetten und Rundfunkanstalten, auf Parlamentsbänken und in wohldotierten Kirchenräumen Hand in Hand.

Oder war's anders in jenen Jahren? Zweifler wären rasch zu belehren: Der Rowohlt-Verlag sei gebeten, seine Schriften aus den sechziger und siebziger Jahren, mit aktuellen Einleitungen versehen, so rasch wie möglich zu publizieren: Es ist viel zu lernen von aufrechten Citoyens, die damals als Feinde herhalten mussten - und heute wieder.

"Hätten wir ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das diesen Namen verdient"

Hätten wir ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das diesen Namen verdient, wir könnten, das Gestern mit dem Heute verknüpfend, Kontinuitäten aufzeigen, könnten die Citoyen-Feindschaft damals und heute auf den Begriff bringen, und zwar zur Primetime, nicht husch-husch, sondern ausführlich, anschaulich, spannend, situativ und publikumsbezogen.

Zwei Stunden lang, und das nicht nur einmal, sondern wiederholt: aus immer neuer, über unser Land hinausführender Perspektive. Mit solchen Diskussionen verglichen würden - nicht nur für Schöngeister! - die Berichte über Babs und Boris, die armen Kinder und das neue Betthascherl, das event in der Wäschekammer oder das Gestotter vor Gericht noch lächerlicher wirken, als sie es ohnehin schon sind.

"Einstweilen beherrscht die BIKI ("Bild"-Kirch-)Fronde die Szenerie"
SPIEGEL ONLINE

"Einstweilen beherrscht die BIKI ("Bild"-Kirch-)Fronde die Szenerie"

Einstweilen aber beherrscht die BIKI ("Bild"-Kirch-) Fronde die Szenerie, Quoten regieren, Gegenläufigkeit ist nicht gefragt und wäre doch nötiger denn je - und resonanzreich dazu. "Die Menschen draußen im Lande", wie wir noch immer genannt werden, weit entfernt vom Hof zu Berlin, beginnen des Geplappers und ungeordneten Talkshow-Geredes müde zu werden; die in neunzig Sekunden abgehandelten news (alles auf einer Ebene: Tausende von Toten in Indien, Magath entlassen) verlieren Farbe, Konkretion und Besonderheit.

"Scharping vom Saulus zum Paulus: Wie kann einer so leben?"

Da werden Fakten aneinander gereiht, während die Faktoren, von denen die Tatsachen abhängig sind, unsichtbar bleiben. Personen reihen sich in wirrer Folge aneinander, ihr Psychogramm ist schemenhaft. Was denkt George W. Bush in der Kirche, was über das Gebot "Töten wirst du nicht!", wenn er der Hinrichtungspraktiken in Gods own country gedenkt? Und wie - ein großer Sprung - hält's Rudolf Scharping mit der eigenen Glaubwürdigkeit? Als Kanzlerkandidat versprach er, das "Bombodrom" auf der Freiheide nördlich von Berlin, den Tummelplatz der Sowjetarmee und der NVA, unverzüglich aufzulösen und die Menschen wieder frei atmen zu lassen; als Verteidigungsminister aber sagte er allen zivilen Träumen Valet - den Gerichtsurteilen zum Trotz. Scharping, vom Saulus zum Paulus geworden: Wie kann einer so leben?

"Für die regierenden Politiker bleiben Zivilcourage und Vernunft nichts als Leerformeln"

Und dagegen nun die großen Probleme der Alltagsnormalität, die so viel erregender sein können als das Treiben in den Kreisen der upper ten. Was erfahre ich zum Beispiel in den Medien über das Kirchenasyl, das, exemplarisch ökumenische Zivilcourage übend, die Christen einer kleinen Schwarzwaldstadt zugunsten einer kurdischen Familie praktizierten, weil der gefolterte Vater mit den Seinen ihren Verfolgern ausgeliefert werden sollte? Leider, offenbar, vergebens der Versuch. Für die regierenden Politiker bleiben Zivilcourage (ein Ausdruck übrigens, den Bismarck geprägt hat), Vernunft und Empathie nichts als Leerformeln: Da könnte ja jeder kommen! Jesuanische Frömmigkeit in Furtwangen: ignoriert von den Reinen und Feinen in den Chefetagen - welch ein Gespräch könnte sich da im Pro und Contra ergeben!

"Probleme, die dich und mich betreffen: Selbstverantwortung für Leben und Sterben"

Welche Debatte aber vor allem, wenn es um Probleme geht, die nicht nur Einzelne, sondern dich und mich in gleicher Weise betreffen: die Frage der Sterbehilfe zum Beispiel. Wie viel gelassener könnten wir leben, wenn wir wüssten: Ich darf auch in der letzten Stunde ein autonomes Individuum bleiben.

Unglaublich, das rasche Abtun des holländischen Modells - grad so, als hätte es niemals einen Sigmund Freud gegeben, der mit beispiellosem Mut alle Operationen über sich ergehen lassen konnte, weil er wusste: Du darfst gefasst sein; einer wird dir helfen, wenn's gar nicht mehr geht, dein Arzt, Doktor Max Schur.

Euthanasie: das Gegenteil einer niederträchtigen Mordpraxis, in deren Zeichen Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus zu preisgegebenen Objekten gemacht worden sind. Und dagegen nun: Selbstverantwortung für Leben und Sterben als Fundament einer humanen Gesellschaft - das wäre die Jahrhundertdebatte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen - aber nur Phoenix vertieft das Thema derzeit.

"Widerborstigkeit und Vordenkopfstoßen als erzdemokratische Tugend"

"Was Not tut, ist Widerborstigkeit und gegenläufiges Denken"
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"Was Not tut, ist Widerborstigkeit und gegenläufiges Denken"

Kurzum, was Not tut, hier und heute, sind Alltagsdispute, die jung und alt, Mann und Frau in gleicher Weise betreffen: geprägt von Sachkenntnis, Empathie und besonnener Moral. Und keine Angst, bitte sehr, wegen des Beharrens auf existenzbestimmenden Problemen als "Gutmensch" abgestempelt zu werden, der ohnehin längst "weg vom Fenster" sei. (Frage: Wo befindet sich das Fenster, hinter dessen Scheiben angeblich das out beginnt?)

Fazit: Was Not tut, in den Medien ist Widerborstigkeit und gegenläufiges, den Mainstream nicht akzeptierendes Denken: Vordenkopfstoßen als erzdemokratische Tugend.

"Bezüge sichtbar machen statt Datenfetischismus"

Dabei sind - wie zwischen Frau von Kaschnitz und den 68ern - immer wieder Beziehungen herzustellen, mit deren Hilfe sich Widersprüche nicht anders als Kontinuitäten beleuchten lassen. Vergangenheit kann Gegenwart ins Licht rücken: Wie doppelt kläglich nehmen sich die Schurkenstreiche einer Industrie aus, die, um des eigenen Profits willen, Zwangsarbeiter jämmerlich verrecken lässt, wenn man sie mit dem Satz des alten Bodelschwingh konfrontiert: "Macht schnell, sie sterben sonst darüber."

Nachzulesen in den Schriften jener liberalen 68er, deren Erbschaft eingeklagt werden will - in knappen Kommentaren, die, von Selbstkritik getragen, in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von Zeit zu Zeit fragten: Wie sieht die Welt aus, in der wir leben? Was haben wir beigetragen zu ihrer Erhellung? Halfen wir, hier belehrend, dort witzig, auf jeden Fall unterhaltsam, die Bürger ihre Primärwelt besser und kritischer verstehen zu lassen als vorher? Machten wir, getreu unserem Auftrag, Bezüge sichtbar, statt punktuell dem Datenfetischismus zu frönen?

"Politiker und Publizisten der militanten Rechten: demokratischer Konsens - papperlapapp!"

Öffentliche Selbstkritik, schonungslos und präzise: Als ich, vor vielen Jahren in meiner tausendsten und letzten Fernsehkolumne als "Momos", diesen Vorschlag zur Beförderung einer demokratischen Kommunikation, vortrug,

"Befremdlich, befremdlich für Politiker und Publizisten der militanten Rechten, die nur im Freund-Feind-Schema zu denken vermögen"
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"Befremdlich, befremdlich für Politiker und Publizisten der militanten Rechten, die nur im Freund-Feind-Schema zu denken vermögen"

reagierten die Fernsehmacher positiv. Aber dabei ist es geblieben; der Posten eines weitsichtigen Beckmessers im Studio blieb unbesetzt. Man macht unbekümmert so weiter; nicht einmal die Fremdworte werden richtig ausgesprochen: Néptun, Vúlkan, Kónsens - nicht lange mehr und es wird Órkan heißen.

Wer denkt da noch an Relationen und wechselseitige Erhellungen? Frau von Kaschnitz und die 68er? Befremdlich, befremdlich für Politiker und Publizisten der militanten Rechten, die nur im Freund-Feind-Schema zu denken vermögen: das Fahndungsplakat - ein Fehler, nicht mehr. Entschuldigung: unnötig. Demokratischer Konsens: papperlapapp!

Nun, noch lässt sich Eintracht gewinnen: durch die Lektüre der poetischen Traktate der Marie Luise Kaschnitz, einer Sympathisantin der großen Umkehr in der 68er-Zeit.



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