"EU-Tube" Erotik gegen Europa-Verdrossenheit

Die EU versucht alles, um ihr Image einer Subventionen verteilenden Riesenbürokratie loszuwerden. Jetzt auch mit Videos im Internet. Zwischen aufklärerischen Politikstücken gibt es Appetitanreger: Sexszenen aus europäischen Filmen sollen den Bürger locken.


Berlin - Stürmisch ziehen sie sich aus, man hört sie stöhnen. Ein Pärchen macht's im Café, ein anderes ganz klassisch im Bett. Man könnte den Film, der auf "EU-Tube" läuft, als Remix der besten Sexszenen aus europäischen Filmen bezeichnen. Es sind unter anderem Szenen aus "Good bye, Lenin", "Die fabelhafte Welt der Amélie" und "The Dreamers". 44 Sekunden aneinander geschnittene Liebesszenen.

Am Ende erfährt der Zuschauer: "Millions of cinema lovers enjoy European films every year." Zu Deutsch: Millionen Kinofreunde erfreuen sich jedes Jahr an europäischen Filmen. Und "Europe supports European films". Europa unterstützt europäische Filme.

Tatsächlich steckt die EU hinter dem Sex-Filmchen - und will damit erklären, dass sie den europäischen Film fördert. Erst am vergangenen Freitag hatte sie auf der US-Filmseite YouTube ihr Angebot "EU Tube" gestartet. Empörte Surfer warfen Brüssel daraufhin "Pornographie", "Propaganda" und "Geldverschwendung" vor. Auch britische Boulevardblätter regen sich über den Zusammenschnitt der Liebesszenen auf. Ein polnischer Abgeordneter beschwerte sich darüber, dass es auch homosexuelle Szenen gibt.

Bei der EU-Kommission sieht man die Kritik gelassen, schließlich sind es nur Ausschnitte aus ganz normalen Kino-Filmen. "Der Film ist für uns ein starkes Zeichen der Emotionalität", erläutert Martin Selmayr, Sprecher der für Medien zuständigen Kommissarin Viviane Reding, den Spot gegenüber SPIEGEL ONLINE. Seit zwei Wochen läuft er auf der neu eingerichteten Seite "EU-tube". Bekannt ist der Spot aber schon lange.

EU freut sich über Aufmerksamkeit

Auf der Berlinale lief er, und auch auf dem Filmfestival in Cannes. Damals hat sich niemand empört. Das Ziel war jedes Mal: Die EU-Bürger auf die europäische Filmförderung hinzuweisen. Genauer: Das Programm "Media", das seit 20 Jahren existiert. Es fördert nicht die Produktion von Filmen, wohl aber deren Verbreitung im Europäischen Ausland. "Good bye, Lenin" zum Beispiel war in Deutschland erfolgreich und konnte Dank EU-Förderung mit Untertiteln versehen im Ausland in die Kinos kommen.

Das Programm gibt es auch noch in der neuen Förderperiode von 2007 bis 2013. 750 Millionen Euro stehen für diesen Zeitraum für alle 27 Länder zur Verfügung. Darauf wollte die EU-Kommission mit ihrem Film eigentlich aufmerksam machen. Jetzt freut sie sich darüber, dass ihre neue Plattform "EU-tube" durch den angeblichen Sex-Skandal bekannter wird. Über das Angebot will die Kommission ihre Strategien und Maßnahmen besser erklären, sagte Margot Wallström, EU-Kommissarin für Kommunikation in der vergangenen Woche.

Kurze Videos sollen über Themen informieren, die den EU-Bürger betreffen. Da hat die Kommission mit ihrem Sex-Filmchen wohl ein gutes Gespür für Themen gehabt. 283.770 Klicks in zwei Wochen hat das Video erreicht. Der Film "Ein Tag bei der Generaldirektion Kommunikation" wurde dagegen nur von 943 Nutzern angeschaut.

cje/afp



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