Europäisches Deutschlandbild: Bewundert, beneidet, belächelt

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Deutschland, von Europa gesehen: Ein hartes, aber gerechtes Land?

Unter Angela Merkel ist Deutschland in der EU tonangebend - und womöglich ebenso unbeliebt. SPIEGEL ONLINE bat bekannte Intellektuelle aus Frankreich, Griechenland, Portugal und Spanien um ihre Einschätzung: Was denkt man in ihrer Heimat über die deutsche Politik?

Eines zumindest kann man nicht behaupten: dass Deutschland dem Rest der Welt egal wäre. Der einen Umfrage zufolge halten Europäer anderer Länder die Deutschen für wenig mitfühlend und arrogant. Eine am Donnerstag von der BBC veröffentlichte Erhebung zeichnet ein anderes Bild: Unter den Staaten der Welt ist es die Bundesrepublik, die das höchste Ansehen genießt.

Ungarns Ministerpräsident spricht im Hinblick auf Deutschland von Panzern und Kavallerie. Griechische Demonstranten vergleichen die Bundeskanzlerin mit Hitler. Und nach dem Debakel beim Eurovision Song Contest in Malmö war es gar der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der die Schuld am schlechten Abschneiden von Cascada mit der Unbeliebtheit der deutschen Politik im Ausland begründete: "Ich will nicht sagen '18 Punkte für Angela Merkel'. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne."

Nach der Logik der BBC-Umfrage hätte man dann ja haushoch gewinnen müssen - aber so einfach ist es bekanntlich nicht. Zeit für einen etwas differenzierteren Blick. SPIEGEL ONLINE hat vier europäische Intellektuelle um eine Einschätzung gebeten: Was denken ihre Landsleute über Deutschland und die Politik von Angela Merkel?

Soledad Gallego-Díaz, Kolumnistin von "El País" Zur Großansicht
Samuel Sanchez/EL PAIS

Soledad Gallego-Díaz, Kolumnistin von "El País"

Soledad Gallego-Díaz, geboren 1951: begann kurz nach der Gründung von "El País" im Mai 1976, bei der Tageszeitung zu arbeiten. Seit Ende der siebziger Jahre war sie Korrespondentin in Brüssel, London, Paris, New York und Buenos Aires. Sie war in leitenden Positionen bei "El País", ist heute Kolumnistin und eine der bekanntesten Journalistinnen Spaniens.

Wir Spanier haben weder ein Problem mit Deutschland noch mit den Deutschen. Wir schauen mit Bewunderung auf dieses Land. Wir haben aber ein Problem mit Frau Merkel, oder - um es genauer auszudrücken - mit Frau Merkels Regierung und ihrer kompromisslosen Sparpolitik, die sie der Europäischen Union aufzwingt.

Eine Umfrage des Instituts Metroscopia vom Herbst 2012 spiegelt die Stimmung der Spanier gut wider - und wie sie zwischen beidem differenzieren: 68 Prozent erklärten, dass sie eine positive Meinung von Deutschland haben, aber 74 Prozent bewerteten das Verhalten der deutschen Regierung gegenüber Spanien negativ. Die Kritik kam nicht nur von Menschen, die eher links wählen (84 Prozent), sondern auch von denen, die konservativ wählen (65 Prozent).

Um die Wahrheit zu sagen: Das einzige Land, von dem die Spanier eine schlechte Meinung haben, ist ihr eigenes. Vielleicht akzeptieren wir daher unseren Teil der Verantwortung für das, was passiert ist, ohne dabei zu jammern.

Aber die Krise hat eine Depression ausgelöst, die Monat für Monat schlimmer wird. Und wir Spanier stellen fest, dass die großen und schmerzhaften Opfer, die wir bringen, nichts verändern. Das Land ist zutiefst niedergeschlagen, ohne dass es auch nur das geringste Anzeichen einer Erholung gibt; hart getroffen von Umstrukturierungen, in deren Folge Zehntausende kleine und mittlere Unternehmen schließen mussten, sechs Millionen Menschen arbeitslos sind und das soziale Sicherungssystem ausgehöhlt wurde.

Und genau dafür wird teilweise die deutsche Regierung verantwortlich gemacht, die unnachgiebig Sparanstrengungen fordert und es ablehnt, europäische Anreize für Wachstum zu geben.

Wir Spanier, die wir über Jahre geglaubt haben, dass wir uns mit unserem wirtschaftlichen und demokratischen Engagement in Deutschland auch einen gewissen Respekt erarbeitet haben, fühlen uns jetzt links liegen gelassen. Wir nehmen die EU unter der Kontrolle von Frau Merkel als deutscher denn je wahr - und sehen, dass diese Führung nicht ein wohlhabenderes und demokratischeres Europa hervorbringt, sondern dass diese Vorherrschaft große Teile der Länder am Rande Europas ins Elend führt. Frau Merkel hat geschafft, was wir Spanier niemals für möglich gehalten hätten: dass wir langsam die Skepsis gegenüber dem Euro nachvollziehen können.

Vítor Bento, Ökonom und Berater des portugiesischen Präsidenten Aníbal Cavaco Silva Zur Großansicht
SIBS

Vítor Bento, Ökonom und Berater des portugiesischen Präsidenten Aníbal Cavaco Silva

Vítor Bento ist ein renommierter portugiesischer Ökonom und Autor mehrerer Bücher über die Krise und den Euro. Er ist Vorstandsvorsitzender des Finanzdienstleisters SIBS und lehrt an der Neuen Universität Lissabon. Außerdem ist er Berater des portugiesischen Präsidenten Aníbal Cavaco Silva.

Es ist nicht einfach darüber zu schreiben, was ein Volk über das andere denkt. Ein Volk hat nicht ein einziges oder einheitliches Bild von einem Thema, welches auch immer das sein mag. Trotzdem will ich versuchen, mich der Herausforderung zu stellen und die vorherrschende Meinung darzustellen.

Die Deutschen werden in Portugal gesehen als gute Unternehmer, fleißige Arbeiter, effizient organisiert, steif und besonders versiert in allem, was mit industrieller Produktion zu tun hat. Mit ihrer perfekten Organisation versuchen sie zu kompensieren, was ihnen fehlt an Flexibilität und der Fähigkeit, sich schnell an sich verändernde Umstände oder Umgebungen anzupassen.

Ferner werden die Deutschen in Portugal sehr positiv wahrgenommen, weil deutsche Unternehmen mit wichtigen Investitionen die wirtschaftliche Entwicklung des Landes vorangetrieben haben. Für die heimische Industrie haben einige Firmen große Bedeutung, darunter AutoEuropa, das Werk von Volkswagen.

Mit dem Fortschreiten der Euro-Krise und den daraus folgenden schweren Zeiten für Portugal hat sich diese positive Sicht eingetrübt. Viele machen die als sehr starr wahrgenommene deutsche Haltung für die Misere verantwortlich. Laut dieser "neuen" Sichtweise tritt Deutschland in der Euro-Krise mit einem unangebrachten erhobenen moralischen Zeigefinger auf, anstatt eine helfende Hand zu reichen. Demzufolge wolle Deutschland die südlichen europäischen Länder, die sich in schwere wirtschaftliche Probleme manövriert haben, für ihre "Sünden" bestrafen - damit sie daraus lernen und sie nicht wiederholen. Die missliche Lage der südlichen Länder wird also auch als ein Ergebnis der unnachgiebigen deutschen Haltung und ihrer "arroganten" Zurschaustellung von Macht verstanden.

Diese Sicht spiegelt nicht die Meinung im gesamten Land wieder. Sie wird aber oft mit einem erheblichen politischen Spin versehen, der nicht auf Deutschland als Ganzes oder die politische Klasse, sondern auf die Regierung zielt. Ein Wechsel an der Spitze Deutschlands könnte demnach auch eine Veränderung bei Deutschlands Haltung in der Krise bewirken, so die Lesart - und somit auch die Auflagen an die südlichen Länder erleichtern.

Zusammenfassend gesagt ist die allgemein vorherrschende Meinung gegenüber den Deutschen in Portugal eher positiv, obwohl die momentane Euro-Krise Groll und Ängste befördert hat.

Alexis Jenni, französischer Schriftsteller Zur Großansicht
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Alexis Jenni, französischer Schriftsteller

Der französische Schriftsteller Alexis Jenni wurde 1963 in Lyon geboren, wo er heute Biologie und Naturkunde unterrichtet. An seinem monumentalen Roman "Die französische Kunst des Krieges" schrieb er fünf Jahre lang, meistens in einem Café. Das Buch wurde zum gefeierten Überraschungserfolg und mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet.

Von Frankreich aus können wir nichts, was aus Deutschland kommt, mit neutralen Gefühlen, leichten Herzens oder gar rational betrachten.

Die Grande Nation ist ihrer selbst müde und von Zweifeln geplagt. Unsere deutschen Nachbarn hingegen erscheinen uns erfolgreich und gut organisiert. An ihrer Spitze eine Kanzlerin, die ein wenig barsch wirkt - und nicht den Charme hat, den wir von einer Frau zwangsläufig erwarten. Für uns ist Angela Merkel eine energische, eigensinnige Person. Eine Frau, die weiß, was sie will. Wir bewundern und beneiden sie - und belächeln sie gleichermaßen, weil sie uns so deutsch erscheint.

Auch die Bundesrepublik beneiden wir, ebenso fürchten wir ihre Strenge und ihr autoritäres Wesen - und lachen gleichzeitig darüber. Angela Merkel scheint dieses Deutschlandbild der Franzosen perfekt zu verkörpern - in all seiner Schlichtheit, seiner Bitternis und seinem Neid.

Denken wir an Angela Merkel, stellen wir uns vor, wie sie voller Geiz und Verachtung den Griechen mit germanischer Strenge Faulheit unterstellt und jegliche Hilfe verweigert. Im selben Moment aber erscheint sie uns als die kluge Krisenmanagerin, die ihr Land mit der besagten deutschen Härte regiert.

Selbstverständlich stimmt nichts an dieser Sichtweise. Denn wir wissen gar nichts über Deutschland. Was wir im Kopf haben, ist ein Zerrbild, geprägt von "Asterix"-Comics und der Erinnerung an die Kapitulationsverhandlungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Diese Unwissenheit gleicht unserem Mangel an Selbstreflexion und der Unfähigkeit, den Zustand des eigenen Landes richtig einzuordnen: zwischen Absturz und Größenwahn.

Aus dem Französischen von Valérie Wagner

Christos Ikonomou, griechischer Schriftsteller Zur Großansicht
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Christos Ikonomou, griechischer Schriftsteller

Der griechische Schriftsteller Christos Ikonomou wurde 1970 in Athen geboren und wuchs auf Kreta auf. Er arbeitet als freier Autor, Journalist und Übersetzer und lebt in Piräus. Er schreibt unter anderem für die Athener Tageszeitung "Ethnos". Für seinen zweiten Erzählband "Warte nur, es passiert schon was" wurde er mit dem griechischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet.

Seit Beginn der Krise vor drei Jahren ist Deutschland in den Augen vieler Griechen zu einem boshaften Gegner geworden. Hier gibt es keinen, der nicht glaubt, dass die Wurzel allen Übels und der Grund für die Misere der großen Mehrheit der Bevölkerung die rachsüchtige und ungerechtfertigte Haltung der deutschen Regierung gegenüber Griechenland ist.

Viele Griechen sind ziemlich sicher, dass Deutschland ihnen eine harte und unverdiente Strafe auferlegt hat, die das ganze Land in ein Labor der zerstörerischen Sparpolitik verwandelt hat. Sie glauben, dass die "Medizin", die die deutsche Regierung verschrieben hat, den Patient nicht heilt, sondern tötet. Und sie glauben, dass Angela Merkel das gleiche schädliche "Rezept" dem ganzen europäischen Süden aufzwingt und damit aus der EU eine "Deutsche Union" machen und, natürlich, vor der Bundestagswahl im Herbst politisches Kapital daraus schlagen will.

Sie halten es auch für inakzeptabel, dass der normale Bürger den hohen Preis für das Versagen des politischen Systems in Griechenland zahlen muss - selbst wenn Merkel und andere bekannte deutsche Politiker gesagt haben, dass das politische System Griechenlands verantwortlich gemacht werden muss für die Not der Griechen.

Auf der anderen Seite glauben zahlreiche Griechen, dass es zu einfach ist, den "bösen Deutschen" statt den "bösen Griechen" die Schuld für die finanzielle und humanitäre Krise im Land zuzuschieben. "Merkel macht ihren Job, sie schützt die Interessen des deutschen Volkes. Unsere Politiker haben das nicht gemacht", sagen sie. "Wir hätten es besser wissen müssen. Wie können wir vom deutschen Steuerzahler erwarten, dass er die Kosten für unsere Verschwendung bezahlt?"

Alles in allem gibt es keine einheitliche Haltung der Griechen gegenüber Deutschland, obwohl die meisten wohl darin übereinstimmen, dass Merkels europäische Politik bald zum Schwanengesang der Euro-Zone oder vielleicht sogar der Europäischen Union wird.

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insgesamt 185 Beiträge
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    Seite 1    
1. Danke....
Der_zu_spät_geborene 24.05.2013
....für ne rationale Sicht der DInge. Die Haltung, die wir von vielen Griechen gehört haben "Ihr Deutsche wollt uns zerstören", ist schlicht und ergreifend Mumpitz. Was habe ich davon, das die Griechen arm sind ? ""Merkel macht ihren Job, sie schützt die Interessen des deutschen Volkes. Unsere Politiker haben das nicht gemacht", sagen sie. "Wir hätten es besser wissen müssen. Wie können wir vom deutschen Steuerzahler erwarten, dass er die Kosten für unsere Verschwendung bezahlt?""
2. optional
guteronkel 24.05.2013
Bei mir ist Frau Merkel mit ihrer Gurkentruppe nicht gut angesehen. Aber mich hat bislang noch niemand gefragt. Vielleicht liegt diese Fehleinschätzung daran, dass man in Deutschland das Leid der Anderen nicht gerne darstellt. Ab und zu mal eine Meldung, dass kleine Kinder verhungert sind oder von einem Elternteil umgebracht wurden (wegen der Schmach), aber das wars dann auch schon. Somit kann man den Medien einen großen Teil der Schuld zusprechen. Hauptsache es wird zum 120. Male berichtet wie die Kate sich gebückt hat und die edlen Leute gefurzt haben, dann ist das deutsche Volk glücklich.
3. so stereotyp das klingen mag, aber
ironbutt 24.05.2013
wer die Bilder der "Intellektuellen" anschaut, weis sofort, welche Antwort kommt.
4.
gannicus 24.05.2013
"Demzufolge wolle Deutschland die südlichen europäischen Länder, die sich in schwere wirtschaftliche Probleme manövriert haben, für ihre "Sünden" bestrafen - damit sie daraus lernen und sie nicht wiederholen." - nicht bestrafen, aber was ist daran grundsätzlich verwerflich, dass sie für ihre Fehler selbst gerade stehen müssen? Dass es kaum Wachstumsanreize gibt, mag falsch sein; genauso falsch wäre es aber, wieder alles auf Geld zu finanzieren, dass nicht vorhanden ist. Im Übrigen: die Hoffnung scheint in Südeuropa noch nicht gestorben zu sein, immerhin hält man es dort wohl immer noch für möglich, dass Merkel im Herbst abgewählt wird. Da wird man wohl noch lange hoffen.
5. Was denken die Nachbarn?
carolian 24.05.2013
Früher hat der Spiegel gegen diese kleinbürgerliche Anpassungsideologie gewettert. Heute jubelt er. Der neue Kaiser des deutschen Untertans ist "das Ausland".
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