Europa-Skulptur Tschechischer Jux-Künstler provoziert Ärger in EU

Mit einer Kunst-Installation wollte Tschechiens Regierung ihren EU-Vorsitz schmücken. Jetzt gibt es Ärger: Deutschlands Motiv erinnert manche an ein Hakenkreuz, Bulgarien ziert ein Stehklo. Und der Künstler hat auch noch geschwindelt.


Brüssel/Prag - Lego-Steine? Klar, Dänemark. Eine Autobahn, die manche Betrachter sogar an ein Hakenkreuz erinnert? Deutschland. Und für welches Land Ikea-Kartons stehen, ist ebenfalls leicht zu erraten: Schweden. Komplizierter wird es dagegen bei einem Stehklo. Die Schüssel soll Bulgarien symbolisieren, weshalb sich dessen Außenminister im Vorfeld über die Darstellung seines Landes als "Hocktoilette" bei der tschechischen Regierung bitter beschwerte. Was der aufgebrachte Bulgare zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Tschechen waren selbst einem Kunst-Jux aufgesessen.

Was ist da passiert? Eigentlich hatte die Regierung in Prag ein Kunstwerk über die Vorurteile in Europa bestellt. 27 Künstler hatten an dieser Collage mitwirken sollen, für Donnerstag war eine feierliche Einweihung in Brüssel geplant, zwei Wochen nachdem Tschechien dort den EU-Vorsitz übernommen hat.

Nun hängt die rund zehn mal zehn Meter große Installation namens "Entropa" allerdings schon seit Montag im Eingangssaal des EU-Ratsgebäudes und hat, siehe Bulgarien, in den vergangenen Tagen für einige Aufregung gesorgt. Das Werk hatte die Vorurteile über die 27 EU-Mitgliedstaaten aufs Korn nehmen sollen, doch viele Politikern fanden die Darstellungen offenbar doch zu platt.

Und jetzt stellte sich auch noch heraus, dass "Entropa" keineswegs das Werk verschiedener Künstler ist, wie ursprünglich geplant, sondern ein Jux des tschechischen Bildhauers David Cerny.

Er habe sich die Namen der Künstler und deren Biografien einfach ausgedacht, sagte Cerny. So sollte etwa der deutsche Beitrag (die Autobahn, die einige an ein Hakenkreuz denken lässt) von einem gewissen Helmut Bauer entworfen worden sein - was sich aber genauso als eine Schwindel herausstellte, wie die anderen angeblichen Schöpfer.

"Wir wollten herausfinden, ob Europa über sich selbst lachen kann", schrieb der renommierte Künstler und Provokateur in einem offenen Brief. Das ursprüngliche Konzept habe aus "Gründen der Zeit, Produktion und Finanzen" nicht verwirklicht werden können.

Daher habe Cerny sich "ohne Wissen des Außenamts" entschieden, gemeinsam mit seinen tschechischen Künstlern Kristof Kintera und Tomas Pospiszyl ans Werk zu gehen - und zwar mit aller Konsequenz. Sogar Internet-Seiten richteten sie für einzelne der erfundenen Künstler-Identitäten ein.

"Deutschlands Obsession mit Autos"

Sein Landsmann und Europaminister Alexandr Vondra konnte erstmal nicht über die Kunstaktion lachen, die Frankreich mit einem "Im Streik"-Schild und Spanien zubetoniert darstellt. Er sei "schockiert".

Cerny konterte und sagte SPIEGEL ONLINE, er sei geschockt, wie wenig Humor einige Staaten hätten. Auf das vermeintliche Autobahn-Hakenkreuz angesprochen, versicherte er: "Es hat nichts mit einem Hakenkreuz zu tun. Es geht nur um die Autobahn. Es soll Deutschlands Obsession mit Autos wiederspiegeln."

Nach offizieller, aber wohl bald überholter Darstellung wollte Prag das Kunstwerk im Brüsseler Hauptquartier eigentlich bis zum 30. Juni von Cerny mieten, und das für 50.000 Euro. Doch was soll jetzt mit "Entropa" geschehen?

"Vermutlich müssen wir den ganzen Kram abbauen", sagte ein tschechischer Diplomat der Nachrichtenagentur dpa. Er wollte anonym bleiben - aus Gründen der "EU- Räson".

Die bedeutete dem Künstler ja etwas weniger.

chc/AFP/dpa



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