S.P.O.N. - Der Kritiker Tahrir

Fünf Jahre Tahrir, das bedeutet fünf Jahre enttäuschte Hoffnungen und gebrochene Versprechen. Ein Aufbruch in die Freiheit, brutal gestoppt. Es war der Beginn der Zeit, in der wir heute leben.

Tahrir-Platz in Ägypten, 2011: Tragischer Irrtum
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Tahrir-Platz in Ägypten, 2011: Tragischer Irrtum


Fünf Jahre Tahrir bedeutet Mut und Schönheit und das Verlangen einer ganzen Generation, endlich das zu haben, was ihnen zusteht.

Fünf Jahre Tahrir bedeutet das grausame Gesicht der Geschichte, die Rückkehr der Realpolitik und die Ratlosigkeit des Westens.

Es bedeutet auch den tragischen Irrtum, dass das alles ohne Auswirkungen auf Europa bleiben würde, dass sich Europa weiter mit seiner Eingeweideschau beschäftigen könne, dass das Leiden, das Sterben, der Verrat für immer durch einen Bildschirm von uns getrennt bleiben würde.

Es war nicht so. Sie kämpften, sie verloren, in Ägypten und vor allem in Syrien, wo es ein paar Wochen später begann, sie litten dort, sie hungerten, sie starben, und irgendwann machten sie sich auf, weil es nicht mehr anders ging, es ist der Wille des Menschen zu überleben, es ist sein gutes Recht, es ist die Grundlage aller Ethik, weil der Mensch der Ausgangspunkt von allem ist.

Fünf Jahre Tahrir bedeutet damit in vielem den Anfang dessen, was wir gerade sehen, es ist der Beginn der Zeit, in der wir leben, und die Fragen von damals sind die Fragen von heute.

Falsche Politik und ihre Folgen

Was tun wir, was denken wir, was bedeutet es, wenn andere Menschen unterdrückt werden und sich dagegen auflehnen? Ist es egal? Ist es ihr gutes Recht? Sind das die Abendnachrichten? Ist es störend für die Weltwirtschaft und die globale Ordnung?

Und was bedeutet es für die Freiheit, wenn sie nur für die gilt, die sie sich leisten können, ist sie teilbar, portionierbar, abpackbar, kann man sie in Tüten stecken und glauben, sie hält sich frisch?

Und was bedeutet es für Demokratie, was vor fünf Jahren in Kairo passierte und in weiten Teilen der arabischen Welt? Wie naiv waren die, die dachten, es wird alles gut? Wie naiv waren die, die dachten, es geht alles schnell? Wie naiv waren die, die dachten, es geht alles vorüber?

Und was ist unser Teil, unsere Verantwortung, als Bürger dieser Welt? Vor allem: Warum sind solche Fragen so vielen unangenehm? Und warum ist Moral so ein schmutziges Wort?

Heute sehen wir: Der 25. Januar 2011 war ein Epochenbruch, es sind Grundzüge einer neuen globalen Wirklichkeit, die sich von diesem Datum ausgehend abzeichnen.

Die "Frankfurter Allgemeine" nennt so etwas "Globalisierungspropaganda", als sei die Wirklichkeit eine Ideologie, aber vielleicht behaupten sie dort bei ihren antirationalistischen Kreuzzügen demnächst auch, dass sich die Sonne um die Erde dreht.

Aber tatsächlich ist die trotzige Verweigerung und die Verleugnungsverkrampfung, die in diesem Wort steckt, enorm. Und sie ist symptomatisch: Die vergangenen fünf Jahre waren Jahre der Verdrängung.

Es waren Jahre der falschen Politik und der falschen Prioritäten: Vier Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben in Lagern in Jordanien, im Libanon, in der Türkei, eine Milliarde Euro wollte die Weltgemeinschaft dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR dafür geben, jahrelang hatten sich zuvor Verantwortliche über zu wenig Geld beschwert und vor den Folgen dieser falschen Politik gewarnt.

Nur mal zum Vergleich, wahllos herausgepickt: Der Berliner Flughafen kostet 4,5 Milliarden Euro, mindestens, die Rettung der kleinen HSH Nordbank kostet bis zu 13 Milliarden Euro, der Bankenrettungsfond Soffin hatte Ende 2014 einen Fehlbetrag von 21,9 Milliarden Euro, die Risiken für die Griechenlandkredite belaufen sich allein in Deutschland auf 100 Milliarden Euro.

Europas Logik zu helfen

Geld ist also nicht das Problem, das Problem ist der Wille, etwas zu ändern, etwas zu tun, im 21. Jahrhundert anzukommen, wie es gerade der kanadische Premierminister Justin Trudeau vorgemacht hat, der in Davos nochmal eindrucksvoll erklärt hat, dass Diversität die Zukunft ist, das Diversität gut ist für eine Gesellschaft, dass man auf Diversität der Motor des Neuen ist.

Stattdessen bei uns: Professoren, die vom Untergang der römischen Reiches schwafeln, natürlich mit direkten Parallelen zu diesen neuen Hunnen, die Germanien überrennen, oder die mit vielen wirren Worten eine "gediegene Freiheitspraxis" fordern, als sei Freiheit ein Ohrensessel, in dem man sich setzen kann, und dann legt man gemütlich die Beine hoch.

Das sind gerade die europäischen Reflexe, die Reflexe eines im Schrecken erstarrten Kontinents, der seinen eigenen Prinzipien nicht mehr traut, der an seine eigene Zukunft nicht mehr glaubt, der seine alten Egoismen entdeckt, die womöglich nie weg waren und nun wieder Politik werden.

Da hat dann Merkel das "deutsche Volk" verraten, was auch immer das sein soll. Da ist dann Merkels konstruktiver Realismus auf einmal nicht Vorbild, sondern Fanal, weil alle anderen, so scheint es, dagegen sind. Da werden keine Prinzipien für eine richtige, für eine gerechte Politik formuliert, da wird nur noch Rette-sich-wer-kann gespielt.

Aber so geht das nicht: Man rettet nicht etwas, indem man es zerstört. Das ist ja die finstere Logik unserer Tage. Widersprüche sind Politik geworden.

Österreich will Griechenland aus dem Schengenraum werfen, weil das Land die Bewegungsfreiheit, die genau dieses Schengener Abkommen garantiert, einfach nicht einschränken will?

Die Türkei darf weiter Krieg gegen die Kurden führen, weil die Türkei so wichtig im Kampf gegen die Flüchtlinge ist, obwohl die Kurden mehr oder weniger die beste Hoffnung sind, Daisch zu bekämpfen und damit der Flüchtlingskrise einen wesentlichen Grund zu nehmen?

Und die Toten im Mittelmeer sind auf einmal "Merkels tote Kinder", wie der "Stern" im "Stürmer"-Stil schreibt?

Die gegenwärtige Diskussion prägt ein tiefer Unernst und die Weigerung, wenigstens die offensichtlichsten historischen Verbindungen zu sehen oder zu benennen: Auch deshalb ist der 25. Januar so ein trauriges Datum.

Die Botschaft von Tahrir

Was soll man zum Beispiel von dieser Seifenoper halten, die Horst Seehofer da täglich veranstaltet, diesem manisch-depressiven Irrlicht, der Politik in eine Psychogruppe verwandeln will, also die Angela und ich, wir haben uns bislang richtig gut verstanden, und jetzt, ich weiß auch nicht, nichts ist mehr so, wie es war?

Aber eine Regierungskoalition ist doch nicht betreutes Wohnen. Es ist diese Faszination für mikroskopische Binnenwahrheiten, die gegenwärtig so nervt, so lähmt, diese Flucht in Befindlichkeiten und Taktik.

Und gleichzeitig stellen viele Politiker und Journalisten Europa mit einer Selbstverständlichkeit zur Disposition, die mich schaudern lässt. Diese gemeinschaftliche Idee von Europa ist tot, sagen sie lässig.

Ist das also das Fazit, ist das das Ergebnis der Amnesie der gegenwärtigen Hecheldiskussionen? Der dauernden Klippklapp-Politik? Warum gibt es so wenige, die wenigstens versuchen, sich auf Augenhöhe mit der Weltgeschichte zu bewegen?

Dann würde man sehen: Fünf Jahre Tahrir bedeutet, dass die Kämpfe unserer Tage nicht Abendland gegen Morgenland sind, nicht Christen gegen Muslime, keine kulturellen Schlachten um das Eigene und die Identität.

Es ist, quer durch die Länder und Kulturen, der Kampf der Progressiven gegen die Reaktionäre. Das sind die Verbindungen, das sind die Allianzen, die man suchen muss. Das wäre die Botschaft von Tahrir.

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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
syracusa 24.01.2016
1.
"Es ist, quer durch die Länder und Kulturen, der Kampf der Progressiven gegen die Reaktionäre." Genau das. Oder anders formuliert: das ist der Kampf von Freiheit gegen Unfreiheit, der Kampf von Vernunft gegen Irrsinn, der Kampf von Lernbereitschaft gegen Borniertheit, der Kampf von Wertegebundenheit gegen Bigotterie. Das ist Aufklärung gegen Pegida/Islamismus. Die Aufklärung hat vor 400 Jahren in unserem Kulturkreis begonnen, und wir werden wohl noch 1000 Jahre auf ihre Vollendung warten müssen. Es kann allerdings sein, dass es im arabischen Kulturraum noch ca 15 Jahre länger dauert als bei uns.
angst+money 24.01.2016
2. Guter Artikel
... aber welche Kräfte der Mensch mobilisieren kann wenn es darum geht, Wahrheiten zu verdrängen zeigt sich in diesem ganzen hysterischen Religion-Polit-Kriegs-Empörungs-Gekreisch das derzeit die "Diskussion" bestimmt. Dürfte also nur das übliche Gemaule nach sich ziehen, von seitenlangen Zeigefinger-Postings bis zum "System-Medien"-Geschwafel.
kleinbürger 24.01.2016
3. europa
zitat : Es ist, quer durch die Länder und Kulturen, der Kampf der Progressiven gegen die Reaktionäre. Das sind die Verbindungen, das sind die Allianzen, die man suchen muss. Das wäre die Botschaft von Tahrir. bleibt nur die frage wer ist progressiv und wer ist reaktionär. meiner meinung nach ist der reaktionär, der an einer weiteren ungebremsten zuwanderung aus vorgeblich humanistischer anschauung festhält selbst wenn er sich im gegensatz zum überwiegenden teil der gesellschaft weiss. die rückkehr zur kuscheligen nationalität ist die größte anti-globalisierungs-campagne überhaupt. globalisierung in form von unbegrenzter zuwanderung (von kabul bis berlin braucht man mit etwas glück kaum 20 tage) wird zunehmend als bedrohung wahrgenommen. europa ist nicht die (mit abstrichen) usa, kanada oder australien - die suchen sich aus wenn sie aufnehmen wollen, die können wie der kanadier schöne reden schwingen, die politik seines landes wird sich kaum ändern. es ist bitter, aber europa scheitert an der flüchtlingskrise, einfach weil niemand dem deutschen beispiel folgen will. vielleicht sollten wir uns etwas bewegen hin zu einer strikteren einwanderungspolitik und nicht reaktionär an einer nachteiligen willkommenskultur festhalten.
muunoy 24.01.2016
4. Ein typischer Diez
Tja, wieder einmal ein Kommentar von Diez, in dem alle möglichen Leute, die zumindest über Lösungsansätze nachdenken, diffamiert werden. Was der Autor stattdessen möchte, erschließt sich dem Leser jedoch nicht. Selbstverständlich ist die Außenpolitik des Westens gegenüber dem Nahen Osten falsch gewesen. Wer den Nahen Osten kennt, weiß, dass sich die Region auch in den nächsten 20 bis 30 Jahren nicht befrieden lässt. Hinderungsgründe sind ein gewaltiger Bevölkerungsdruck, eine weitgehend archaische Denkweise, die mit der heutigen modernen Welt inkompatibel ist und die zunehmende Verquickung von Staat und Religion. Die meisten Länder des Nahen Ostens sind hoffnungslos rückständig und entwickeln sich seit dem sog. Arabischen Frühling auch noch rückwärts. Denkt der Autor des Kommentars wirklich, dass die nun eingesetzte Völkerwanderung, deren Beginn wir ja gerade erst erleben, die Lösung aller Probleme des Nahen Ostens ist? Vermutlich ist das Gegenteil der Fall. O. k., ich habe auch kein Patentrezept für eine Lösung der Probleme der Länder des Nahen Ostens, spiele mich aber auch nicht als Moralapostel auf und diffamiere nicht jeden, der die Wanderbestrebungen der Völker des Nahen Ostens als Risiko für unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand betrachtet. Und von einer von mir durch meine Steuern bezahlten Regierung, Exekutive und Judikative erwarte ich ein passendes Risikomanagement. Leider hat unser Staat erst jetzt mit dem Risikomanagement begonnen. Aber immerhin, man hat damit begonnen. Ach ja, es gibt z. B. in Kairo einige durchaus interessante Gelehrte, die sich intensiv Gedanken über die Lösung der Probleme des Nahen Ostens machen. Vielleicht sollte man die mal fragen. Die Völkerwanderung gehört aber definitiv nicht zu den Lösungsvorschlägen.
frank57 24.01.2016
5. Wenn dieser Platz
als negatives Beispiel jetzt herhalten muss, muss man korrekterweise auch erwähnen, daß dieser Aufbruch gut gemeint war, aber nach den Wahlen befand sich Ägypten auf dem besten Weg ein ISIS-Staat zu werden....Soviel zu den politischen " Machern" in unserer Politik!
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