Zerstrittene Linke Können wir uns bitte wieder vertragen!

Marine Le Pen umarmt ihre Wähler, Geert Wilders wirft die blonden Haare in den Wind - und die Linke ist schockiert. Statt gelähmt in der Ecke zu sitzen, könnten sie endlich gemeinsam kämpfen.

EU-Flagge im Bundestag
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EU-Flagge im Bundestag

Eine Kolumne von


Die gute Nachricht des heutigen Textes, die einige LeserInnen gewaltig überraschen wird: Ich habe keinen Einfluss darauf, was in den Medien steht. Tja, das muss man erst mal verdauen. Es scheint, viele gingen davon aus, dass ich einen immensen Einfluss auf den Inhalt von zum Beispiel SPIEGEL ONLINE habe. Aber ich schwöre, ich weiß nicht mal, wo die wohnen. Ist auch besser so. Also: Wir können alle aufatmen.

Es ist zwar durchaus möglich, dass die Welt mit Donald Trump in den USA einen grandiosen Rückschritt erleben wird. Stichwort: Krieg, Umwelt, Krieg, beflügelte 1930-Fans - aber WTF. Wir leben noch. Keiner in Europa kann die USA retten, vielleicht sind viele dort auch sehr glücklich. Wir leben noch. Und der Brexit. Meine Güte die Briten! Who cares, sage ich, weg mit Dingen, die man nicht ändern kann. Wir leben noch.

Und hier, in Europa, gilt es jetzt zusammenzuhalten. Ah sorry, jetzt rede ich schon wieder nicht mit den "Reichsbürgern", neuen Rechten, Faschisten, aber die reden ja auch nicht mit mir, außer um mir mitzuteilen, dass ich eine (hier irgendeine Beschimpfung einsetzen) bin. Falls sich einer der zuvor Angesprochenen doch hierher verirrt hat: Nein, ich bin nicht für offene Grenzen ohne Kontrollen. (Ich verstehe nie, was das damit zu tun hat, Menschen in Not zu helfen.) Ja, ich verachte Terroristen, ich halte jeden, der Unschuldige tötet, für eine Wurst, die als Kakerlake wiedergeboren wird.

So, zurück zu uns, Gutemenschenfreunde meiner behaglichen Filterblase, die keine Lust auf noch mehr Zerstörung der Umwelt, Fünfzigerjahre-Mief und Abschottung haben. Obgleich ich weiß, dass mein Einfluss auf niemanden absolut vorhanden ist, murmle ich gegen meine Küchenwand: Medien, hört auf mit dem Katastrophengeschrei und den Klageschriften des zehnten Intellektuellen von der Westküste, der sich in einem Schock befindet, we got it. Werdet zu Kampfblättern, zum Breitbart der Werte, die ihr habt, die anderen können es ja auch.

Es braucht Geschlossenheit

Die sogenannten linken Volksvertreter schüttle ich sanft und sage: Seid ihr noch ganz dicht? Alles, woran ihr geglaubt habt, wofür ihr irgendwann einmal angetreten seid, ist bedroht und ihr tut, was Menschen am besten können: euch hassen. Einander schwächen. Die Linken gegen die SPD, die Grünen gegen alle, zusammen gegen Schulz oder Wagenknecht oder Roth. Bitte! So schrecklich es klingt - diese Zeit ist nicht für Finessen gemacht. Persönliche und innerparteiliche Debatten über wie viel Prozent Steuererhöhung für wen und welche Tempolimits in begrünten Wiesen gelten, müssen leider im Moment im Keller gelagert werden und irgendwann wieder hervorgeholt werden. Später. Wenn es die Welt dann noch gibt, ohne Krieg, ohne Heil-Rufe.

Reißt euch zusammen. Im Moment ist kein Raum für Streitereien unter Menschen, die ein ähnliches Ziel haben. Es braucht Geschlossenheit. Für die nächste Wahl, und um sich gegen den Wahnsinn, der Europa aus Amerika erreichen wird, zu wappnen. Gegen den Irrsinn des Auseinanderbrechens der EU. Geschätzte, eher linksdemokratische Parteien - es ist doch vollkommen egal, wer KanzlerIn wird - Özdemir oder Schulz, Sonneborn oder Wagenknecht, Wilhelm Heitmeyer oder Malu Dreyer. Es ist gleichgültig, ob es einen Veggie-Day gibt oder der Igel in Guatemala geschützt wird. Im Moment geht es darum, wie unser Leben in Europa in den nächsten Jahren aussehen wird. Welches Europa? Welches Leben? Genau. Keine Zeit für Finessen und Eitelkeiten.

Ich hätte nie gedacht, dass diese alten Begriffe von links und rechts wieder etwas meinen. Aber sie sind heute aktuell wie lange nicht mehr - Linke, vertragt euch. Kämpft um alles, woran ihr irgendwann einmal geglaubt habt, bevor ihr eingeschlafen seid.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
Lagenorhynchus 11.02.2017
1. Finessen...?
Was für Finessen, Frau Berg? Programmatik will finanziert sein, da muss man schon über Steuersätze reden, das ist erfrischend bodenständig. Und vielleicht auch mal über die Selffullfilling prophecy, die mit der Diffamierung gesellschaftlicher Gruppen einhergeht. Das ist bei Bestimmten Migrantengruppen nachweisbar, gilt aber auch für das, was Sie hier pauschal als "rechts" bezeichnen. Nein, rechts/links ist nicht aktuell. Würde man hinter das polarisierende Gekreische gucken, wäre mehr Konsens in einer gesellschaftlichen Mitte, als viele sich vorstellen können. Aber dafür interessieren sich die "Meinungsstarken" nicht. Man ist ja bei den "Guten". Da bestätigt die Radikalisierung sogar noch das eigene Weltbild...
torflut 11.02.2017
2. Die Linke...
... hat es in Deutschland noch immer geschafft gespalten zu sein und gegeneiander anzukämpfen! Und das Erstarken rechter Kräfte in Europa hat mit der Schwäche Europas und insbesondere seiner fehlenden Legitimation in den Völkern zu tun. Bis heute konnte das gemeinsame Europa keine kräftigen Wurzeln schlagen! So unvernünftig der Brexit auch scheinen mag, er ist ein europäisches Ergebnis! Leider!
karamelltaler 11.02.2017
3. danke Frau Berg
wieder wunderbar geschrieben. es wäre aber auch mal schön, nicht immer nur in abstrakten Begriffen von links und rechts zu reden, und endlich mal die Worte dafür zu benutzen, worum es eigentlich geht. nämlich darum, ob wir für Menschlichkeit und Gerechtigkeit sind, oder ob Inhumanität und Rücksichtslosigkeit und Recht für denjenigen der lautesten schreit, jetzt unsere neuen Werte sein sollen.
m82arcel 11.02.2017
4.
Vielen Dank für die Kolumne. Da wir in benachbarten Filterblasen leben, stimme ich ihnen zu.
Pecaven 11.02.2017
5.
Man sollte die SPD nicht mit Gruenen und Linken in einen Topf stecken. Sie hat wohl doch bessere Ideen als nur "Biosprit" und die "Enteignung der Deutschen Bank". Wuerde sie ganz offen mit diesen Parteien in den Wahlkampf gehen, waere der Hoehenflug schnell vorbei.
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