Fußballsprache im TV It's the situation, stupid

Von B wie Box bis W wie wichtig werden. Wenn im Fernsehen über Fußball geredet wird, können einem schon mal die Ohren schlackern. Das kleine Lexikon der Fußballsprache.

Thomas Müller (l.) und Mario Gomez
DPA

Thomas Müller (l.) und Mario Gomez

Von Jürgen Roth


B

Bewegungen: Menschen haben Angst, Freude an etwas, gute oder schlechte Laune, Gefühle und solche Sachen, und neuerdings haben sie obendrein Bewegungen. Mehmet Scholl lobte Julian Draxler: "Wunderbar hat er gezeigt, was er für Bewegungen hat." Sprachlich wegweisend sind sie, unsere Fußballexperten.

Bilanz: Unangenehme Angelegenheit, die schurkischen Großbanken und Fußballnationalmannschaften zu schaffen macht. Allein, "die Bilanz geht weiter" (Béla Réthy, ZDF-Kommentator), hinter und vor dem Horizont, da ist nichts zu machen.

Box: Anderes Wort für Strafraum, allerneueste Neuerungsinnovation der Reporterschar. Martin Schneider (ZDF-Kommentator) etwa nahm stellvertretend den "Box-to-Box-Spieler von Irland" unter die Lupe.

Das Internet klärt uns auf: "Ein vor wenigen Jahren noch sehr gefragter Spielertyp ist der Box-to-Box-Midfielder. Die Box steht dabei für den Sechzehner und soll ausdrücken, dass diese Spieler den gesamten Raum zwischen den Strafräumen beackern." (spielverlagerung.de) Mithin ist der Box-to-Box-Gaul bereits wieder obsolet. Kenne sich noch einer aus.

Bügeleisen: Thomas Müller über sich und Mario Gomez: "Wir sind zwei Spieler mit Bügeleisen in den Schuhen." Vulgo: Bodenhaftung.

D

Definitiv: Hat das Wörtlein "gut" abgelöst. Was "Ja, gut" war, sollte "Ja, definitiv" (ZDF-Experte Sebastian Kehl) werden. Und siehe, es ward gut, definitiv.

F

Fehler: Béla Réthy fasste zusammen: "England hats weggeworfen durch zu leichte Fehler." Die schwerwogen. Und die Pässe der Three Lions waren "schwer zu bearbeiten", woraus folgte: "Das ist alles zu gleich." Es ist schon gar zu grandios, was aus dem Munde dieses hochspeziellen Arbeiters des Kopfes sprudelt.

Flügelspiel: Kann kaum passiv gestaltet werden. Richtig ist: "Er versucht das Flügelspiel aktiv zu halten." (ARD-Kommentator Gerd Gottlob)

Fokussieren: Seit geraumer Zeit grassierendes Geckenwort. Heißt ursprünglich "etwas bündeln", "ein Objektiv scharf stellen". Einst "konzentrierten" sich Spieler/Mannschaften auf ein Ziel. In der Epoche des "ewigen Réthy" (Stefan Gärtner) "fokussieren" sie.

Was fokussieren sie? Nichts. Unter dem Regime Réthys hat sich das transitive Verb "fokussieren" in ein intransitives verwandelt. "Sie [die Isländer] haben klar fokussiert, wir können hier heute Großes schaffen." Na dann.

H

Haufen, verschworener: Noch bis vor Kurzem Bezeichnung für eine gruppenpsychologisch und sozialstrukturell gefügte, selbstbewusste, erfolgshungrige Mannschaft. "Wir sind ein verschworener Haufen", sagte etwa der Österreicher Martin Harnik im März dem "Kicker". Leider schied Österreich dann sieglos in der Vorrunde aus.

Deshalb spricht man nun lieber - zumindest laut ARD-Mediathek - vom "eingeschweißten Haufen". Verschwitzten Haufen? Nein, "Italien ist ein eingeschweißter Haufen", hieß es da - also ein niet- und nagelfest und wasserdicht vakuumverpackter Haufen, dem die Luft nie ausgeht, weil gar keine drin ist.

K

Kanten: Jetzt flächendeckend für "Abwehrspieler". Desgleichen stark im Kommen: "Ochsen", wie Mario Gomez seine nordirischen Gegenspieler anerkennend bezeichnete. Und in Bälde, wir prophezeien es: "Brummer".

O

Ohren: Jedes Mal aufs Neue versuchen wir zu kapieren, was uns der Schiedsrichter a. D. Urs Meier mitzuteilen gedenkt. Und "dann schlägt ihm das wieder um die Ohren", das von Urs Meier Gesagte, es schlägt dem leidgebeugten Betrachter um die schlackernden Ohren, dass es bloß so pfeift.

R

Raumgebot: Im Angebot führt der herrliche ZDF-Kommentator Oliver Schmidt ein "knappes Raumgebot", auf das wir wahrlich gewartet haben.

Reden: Besinnungsloses Reden gehört zum Fußball wie Rot-Weiß zum Pommesessen. "Was red ich denn?" (ARD-Moderator Reinhold Beckmann, 27. Juni) Gute Frage.

Runterfaller: ARD-Moderator Alexander Bommes nach Englands Waterloo: Das sei "der große Runterfaller" gewesen. Wir schalten jetzt aus und lesen mal wieder "Das große Umlegen" von Dashiell Hammett.

S

Situation: Die ganze Welt ist dauernd voller Situationen. Wohin du dich auch bewegst (siehe Bewegungen), wohin du auch guckst - irgendeine Situation ist schon da.

"Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" fragte bereits Leibniz. It's the situation, stupid.

Daher lag der sogenannte Fußballfachmann Frank Gollenbeck nicht falsch, als er in der, epistemologisch betrachtet, epochalen Vormittagssendung Volle Kiste respektive Volle Kanne (ZDF) im Hinblick auf die Begegnung zwischen Deutschland und Italien unkte, ja wahrsagte: "Und dann bekommst du eine Situation."

Sprache: Eine "voluminöse Körpersprache, allein schon beim Gesang", machte Claudia Neumann (ZDF) aus. "Das muss das Auge erst mal so erblicken", zumal bei der immensen "Ereignisdichte" vor den Augen der Reporterin.

Streik: Eine Frechheit, eine genuine französische Unsitte, die europaweit um sich greift und sogar den Fußball in Mitleidenschaft zieht. Béla Réthy platzte während des Achtelfinales zwischen Kroatien und Portugal die Hutschnur: "Die Zulieferdienste aus den hinteren Reihen, die streiken auch im Land der Arbeitsniederlegungen." Oliver Kahn hinterher ratlos: "War das ein Box-to-Box-Spiel vielleicht?" Mal unter dem Eintrag "Box" nachgucken.

Szene, eine: Macht man nicht mehr, die ruft man jetzt hervor: "Die erste spannende Szene, die die Russen hier hervorgerufen haben." (Gerd Gottlob, Russland - Slowakei)

V

Verteidigen: "Die Frage ist nur: Wann kommst du tödlich durch?" fragt sich ARD-Experte Stefan Effenberg und antwortet wenig später selbst: "Nein, das Tor konntest du nicht verteidigen." Merke: "So einen Gegner musst du in Schacht halten."

W

Wichtig werden: Der erwähnte Edelaugur Frank Gollenbeck über DJ Poldi: "Der kann uns noch wichtig werden." Und keinesfalls nichtig. Et hätt' noch emmer jootjejange, keine Bange, umpftata!

Zur Person
  • Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller und freier Publizist in Frankfurt/Main. Er observiert den Medienfußball seit zwanzig Jahren und hat über Fußball mehr als zehn Bücher geschrieben, u. a. "Rätsel Fußball", "Ballhunger" und "Nur noch Fußball!" Zusammen mit Ror Wolf hat er 2006 das Hörspiel "Das langsame Erschlaffen der Kräfte" (BR) realisiert.


insgesamt 48 Beiträge
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Barillapestoistliebe 07.07.2016
1. Unvollständig
Hier fehlen aber noch einige typische Begriffe. z.B. Der sog. Zuckerpass oder das aggressive Pressing gegen den Ball
mundusvultdecipi 07.07.2016
2. Na und..
Zitat von BarillapestoistliebeHier fehlen aber noch einige typische Begriffe. z.B. Der sog. Zuckerpass oder das aggressive Pressing gegen den Ball
..wo blieb das LESEN?"Er kann das Spiel lesen,wie kein anderer".A = antizipieren ist auch U= untergegangen..;-)
ralle0507 07.07.2016
3.
"Gegen den Ball arbeiten" ist mein Favorit !
ralle58 07.07.2016
4. Und bis vor kurzem
gab es auch keine "Schnittstellen". Auch wurden Chancen früher herausgearbeitet, nicht etwa "kreiert". Als Kommentator brauchr man eben keinen Meisterbrief.....
mailschlucker 07.07.2016
5. Standardsituation; Links- / Rechtsfuß
Das Reporter-"Sprech" ist zum Teil unsäglich geworden: Sehr beliebt ist ja der Begriff "Standardsituation". Obwohl der Reporter damit ausschließlich Eck- oder Freistöße meint, fallen auch Aktionen wie Einwürfe, Ab- und Anstöße unter diesen Begriff. Hier wird aber nie von "Standardsituation" gesprochen. "Eins-gegen-eins-Situation": der gute alte Zweikampf kling wohl zu altbacken? Und vollkommener sprachlicher Quatsch ist es von einem Spieler als "Linksfuß" zu sprechen. Schon mal beim Handball von einem "Linkshand" gehört?
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