Eurovision Song Contest: Unser Boykott für Baku

Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan wird zum Politikum: Nach dem Tod eines Soldaten droht Armenien mit einem Boykott der Veranstaltung, Weißrussland plagt sich mit Fälschungsvorwürfen und die gewählte Kandidatin für die Ukraine ist rassistischen Anfeindungen ausgesetzt.

Eurovision Song Contest: Rassismusdebatte, Fälschungsvorwürfe, Boykottaufruf Fotos
Markus Brandt / dpa

Moskau - Roman Lob, Favorit von "Unser Star für Baku", fährt im Mai für Deutschland zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Aserbaidschan. Doch im Moment sieht es so aus, als würde der Industriemechaniker aus dem Westerwald dort mehr erleben als ein unbeschwertes Musik-Olympia: In der Ex-Sowjetrepublik Ukraine fordert eine Partei, dass die auserwählte Künstlerin, die Sängerin Gaitana, "das Land nicht vertreten dürfe" - aufgrund ihrer Hautfarbe.

Mit Empörung reagierten Prominente in Kiew auf die rassistische Schmähungen gegen die Gewinnerin der nationalen Endausscheidung. Die 32-Jährige ist Tochter einer Ukrainerin und eines Kongolesen. "Durch ihre dunkle Hautfarbe wird die Ukraine mit Afrika assoziiert werden", hatte Juri Sirotjuk von der Partei Swoboda (Freiheit) gesagt. Die Sängerin Ruslana, die 2004 für die Ukraine den ESC gewonnen hatte, bezeichnete Gaitana daraufhin solidarisch als "Freundin und Schwester". Und Boxweltmeister und Oppositionspolitiker Vitali Klitschko droht gar mit dem Bruch eines Bündnisses mit der Swoboda-Partei, sollte Sirotjuk die Vorwürfe nicht zurücknehmen.

Während im Co-Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft 2012 der Streit weiter schwelt, weitet sich in Weißrussland der Grand Prix gar zur Staatsaffäre aus. Bei der Endausscheidung in der Hauptstadt Minsk lag nach dem Live-Programm vor wenigen Tagen die Rockband Litesound nach einem Fachjury-Urteil klar vorne. "Dann aber gefror der Band und den Besuchern im Sportpalast das Blut", kommentierten regierungskritische Medien. Nach einer SMS-Abstimmung von Fernsehzuschauern führte plötzlich die staatstreue Sängerin Aljona Lanskaja. Ein "klarer Betrug" der Führung, die die schöne Repräsentantin nach Baku schicken wolle, tobten Experten in Minsk.

Nachdem sich in weißrussischen Internetforen, die als letzter Freiraum für Diskussionen gelten, scharfe Manipulationsvorwürfe häuften, schaltete sich Staatschef Alexander Lukaschenko ein. Es sei zu einer "unglücklichen Pattsituation" gekommen, teilte der oft als "Europas letzter Diktator" bezeichnete Präsident überraschend mit. Er kündigte die Bestrafung des Kulturministers sowie weiterer Staatsbediensteter für die peinliche Panne an. Nun solle doch Litesound statt Lanskaja, die Lukaschenko unlängst persönlich zur "Verdienten Künstlerin" ernannte, nach Aserbaidschan fahren.

"Hass auf Armenier"

In Armenien ist offen, ob das Land einen Teilnehmer entsendet. In der Hauptstadt Eriwan fordern Künstler den Boykott des Eurovision Song Contests im verfeindeten Nachbarland. Hintergrund ist der Tod eines Grenzsoldaten, der vor kurzem von einem aserbaidschanischen Scharfschützen getötet worden sein soll. "Wir wollen nicht in einem Land auftreten, in dem Hass auf Armenier Teil der Regierungspolitik ist", heißt es in einer Erklärung von mehr als 20 Künstlern. Armenischen Musikern ist die internationale Bühne wichtig, auch Weltstars wie Charles Aznavour und Cher sind armenischer Abstammung.

Nach einem Krieg um die von Aserbaidschan abtrünnige Region Berg-Karabach herrscht zwischen den beiden Kaukasus-Staaten aber ein brüchiger Waffenstillstand. Das öl- und gasreiche Aserbaidschan hatte wiederholt gedroht, mit Militärgewalt sein "Territorium zu befreien".

Auch in der Vergangenheit gab es Versuche der Politisierung des ESC. Georgien scheiterte 2009 dabei, in Moskau mit einem kritischen Lied über Regierungschef Wladimir Putin anzutreten. Der Grand Prix in Baku gilt aber als brisant wie kaum zuvor. Der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew steht bei Menschenrechtlern in der Kritik, selbstherrlich zu regieren. Und Andersdenkende beklagen ein Klima des Drucks, in dem es schwer sei, seine Meinung frei zu äußern. Ell & Nikki sehen dies nicht so. Baku sei ein echter Party-Ort für den ESC, betonte das aserbaidschanische Sieger-Duo von 2011 vor kurzem.

jjc/dpa

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Baku Boykott auf FACEBOOK
drfarnsworth 26.02.2012
Hier gibt es bei FACEBOOK einen Boykottaufruf zu BAKU: https://www.facebook.com/groups/199111366857790/
2. Ich haben letzten September...
iskin 26.02.2012
Zitat von drfarnsworthHier gibt es bei FACEBOOK einen Boykottaufruf zu BAKU: https://www.facebook.com/groups/199111366857790/
Aserbaidchan bereist. Es landschaftlich ein sehr schönes Land, auch die Stadt Baku ist reizvoll. Überall wird wie wild gebaut. Aber, mich widerte es an, wie dort geprotzt wird. Der Reichtum durch das Öl wird zur Schau gestellt. An der Uferpromenade gibt es ein Designer-Laden neben dem anderen. Aber kaum geht man paar Straßen weiter, trifft man auf Elend und Armut wie in der dritten Welt. In den Provinzen ist es noch schlimmer. Ich habe abgerissen gekleidete bettelnde Kinder gesehen, denen man ansah, dass sie mangelernährt sind: graue Gesichter, stumpfe Haare. Viele Häuser sind halb verfallen, trotzdem wohnen Menschen darin. Der Präsident, Sohn eines ehemaligen Parteichefs aus Sowjetunionzeiten regiert nicht anders als ein Assad. Die Industrie gehört größtenteils dem Familienclan, die Tochter gibt nebenbei intern. Frauenzeitschriften heraus. Die Familie bestimmt, ob einer ein Business machen darf oder nicht. Wer aufbegehrt, landet im Knast oder verschwindet auf nimmerwiedersehen. Es ist schlimm, dass unsere Regierung zu diesen Zuständen schweigt.
3. Hayastan
Frusciante 26.02.2012
Zitat von sysopArmenischen Musikern ist die internationale Bühne wichtig, in den Adern von Künstlern wie Charles Aznavour und Cher fließt auch armenisches Blut. Eurovision Song Contest: Unser Boykott für Baku - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,817621,00.html)
Nichts gegen den Artikel in seiner Gesamtheit, aber eines solche Aussage ist doch wohl etwas banal. Welchem Musiker welcher Nationalität ist denn die internationale Bühne nicht wichtig? Armenien und Aserbaidschan sind tragischerweise bis aufs Blut verfeindet. Nur da liegt das Prblem.
4. ESC Nee
chriddex 26.02.2012
Zitat von sysopDer Eurovision Song Contest in Aserbaidschan wird zum Politikum: Nach dem Tod eines Soldaten droht Armenien mit einem Boykott der Veranstaltung, Weißrussland plagt sich mit Fälschungsvorwürfen und die gewählte Kandidatin für die Ukraine ist rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Eurovision Song Contest: Unser Boykott für Baku - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,817621,00.html)
Verstehe nicht wie man in Ländern wo gegen Menschenrechte verstoßen wird so einen Contest veranstalten kann.Die Machthaber wirds freuen.
5. Vielleicht bekommt das Ding jetzt endlich einmal einen Sinn...
own_brain_user 26.02.2012
Zitat von chriddexVerstehe nicht wie man in Ländern wo gegen Menschenrechte verstoßen wird so einen Contest veranstalten kann.Die Machthaber wirds freuen.
Wer sich den ESC einfängt, muss damit rechnen, dass auch mal geguckt wird, wo er denn stattfindet. Das Gastgeberland könnte interessant werden, und Schlagerfans könnten sich mal für was anderes interessieren.
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