Frauen im Kabarett: Erotische Genies mit unzähligen Liebhabern

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Frauen im Kabarett: Die Kunst der Bubiköpfe Fotos
Archiv Evelin Förster

Fransenkleidchen, Bubikopf und Zigarettenspitze: Wer an die zwanziger Jahre denkt, stellt sich lüstern-frivole Tänzerinnen vor. Aber Frauen standen nicht nur auf der Bühne, sondern bestimmten auch, was sich darauf abspielte. Ein Buch beweist es.

"Du bist varickt, mein Kind, du mußt nach Berlin, wo die Varickten sind, da jehörst du hin!" So aktuell die Diagnose auch klingen mag: Die Zeile stammt nicht aus dem Jahr 2013, nein, sie ist mehr als hundert Jahre älter, gesungen als Gassenhauer zur Melodie des Fatinitza-Marschs von Franz von Suppé. Damals, um 1900, schickte Berlin sich schon einmal an, eine moderne Kulturmetropole zu werden; beinahe wöchentlich eröffneten neue Theater, Varietés und Tingeltangel. Eine goldene Zeit für die Künste, die bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten andauerte.

Wer an diese Zeit denkt, der denkt an Friedrich Hollaender und Erich Mühsam, an Max Reinhardt, Erich Kästner und Ernst Busch, an Bert Brecht, Christian Morgenstern und Heinrich Zille. Und er denkt an lüstern-frivole Tänzerinnen und Chanson-Sängerinnen, mit Bubikopf und Zigarettenspitze, in leichten Fransenkleidern oder Frauenhosen. An Schriftstellerinnen und Komponistinnen denkt er eher nicht.

Die Silberne Punschterrine

Die Berliner Chansonsängerin Evelin Förster, geboren 1955, will das nun ändern: In dem Sachbuch "Die Frau im Dunkeln" porträtiert sie 19 Autorinnen und Komponistinnen, die zwischen 1901 und 1935 für das Kabarett und andere Unterhaltungsgenres arbeiteten. Mit dabei sind bekannte Namen wie Else Lasker-Schüler und Mascha Kaléko, aber auch heute fast vergessene Künstlerinnen wie die Komponistin und Vortragskünstlerin Käthe Hyan, die mit ihrem Mann Hans Hyan das Berliner Kabarett Silberne Punschterrine gründete, sowie die Autorin und Pianistin Marita Gründgens, die kleine Schwester von Gustaf Gründgens.

Benannt ist das Buch nach der Operette "Die Frau im Dunkeln" mit Musik von Siegfried Schulz, die 1920 an der Komischen Oper in Berlin uraufgeführt wurde. Die Verse für die Oper schrieb Marie Cohn, ihre Autorenschaft aber wurde in zeitgenössischen Rezensionen kaum erwähnt. Und das, obwohl sie sich extra ein männlich klingendes Pseudonym zugelegt hatte: Eddy Beuth.

Diese Taktik teilte sie mit anderen Geschlechtsgenossinnen: Die Komponistin, Konzertpianistin und Autorin Hildy Löwi etwa nannte sich Henry Love. Dazu ermutigt hatte sie ihr Musikverlag: Als Frau werde sie niemals denselben Erfolg haben wie ein Mann.

Der Verdacht liegt nahe: Sexy singen und tanzen durften die Frauen, aber wenn sie auch komponieren oder schreiben wollten, dann waren sie den meisten Männern ihrer Zeit suspekt. Vielleicht war das für die meisten Männer zu viel des Guten: die Vorstellung einer neuen Frau, die nicht nur Hosen trug und Bubikopf, sondern die auch im übertragenen Sinn das Korsett früherer Zeiten ablegte und sich von alten Zöpfen trennte. Zumal mit den libertären Kabaretttexten oft ein libertäres Lebens- und Liebesmodell einherging: Viele der porträtierten Frauen ließen sich scheiden, hatten uneheliche Kinder und junge Liebhaber.

Seltsam unlebendige Texte

Marie Cohn, alias Eddy Beuth, zum Beispiel, die Texterin der Operette "Die Frau im Dunkeln", war insgesamt drei Mal verheiratet. Die Schriftstellerin und Kabarettistin Emmy Hennings, laut Erich Mühsam "ein erotisches Genie", hatte Zeit ihres Lebens ungezählte Liebhaber, darunter Johannes R. Becher, und war zwei Mal verheiratet, zunächst mit einem Laienschauspieler, später mit dem Dadaisten Hugo Ball. "Das arme Mädchen", notierte Mühsam in sein Tagebuch, "kriegt viel zu wenig Schlaf. Alle wollen mit ihr schlafen, und da sie sehr gefällig ist, kommt sie nie zur Ruhe."

Evelin Förster ergänzt ihre Porträttexte mit lexikalisch aufbereiteten Textschnipseln zu weiteren Künstlern der Zeit, auch männlichen, zu wichtigen Spielstätten und Zeitungen. Zudem gibt es jede Menge Fotos von Künstlerinnen und Kabaretts, Abbildungen von Plakaten und Notentitelblättern, ein Werkverzeichnis jeder erwähnten Künstlerin sowie Hinweise auf eventuelle Bestände in Archiven. Das alles tröstet ein wenig darüber hinweg, dass die Autorin Förster mit ihrem interessanten Material nichts Interessantes anzufangen weiß: Sie kommt weder ins Erzählen noch ins Analysieren Ihre Texte sind seltsam unlebendig und fast thesenfrei.

Försters Buch ist eine Fleißarbeit, in der viele Recherchestunden stecken, aber leider kaum eigene Gedanken. Ein Nachschlagewerk, das wenig Lesegenuss bietet, aber viele Informationen für künftige Autoren, die mehr zu sagen haben als sie.

Auch Autorinnen sind natürlich willkommen.


Evelin Förster: "Die Frau im Dunkeln. Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935". Edition Braus, Berlin; 416 Seiten mit 192 Abb.; 34,95 Euro.

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1. nene
rabenkrähe 31.07.2013
Zitat von sysopArchiv Evelin FörsterFransenkleidchen, Bubikopf und Zigarettenspitze: Wer an die Zwanziger Jahre denkt, stellt sich lüstern-frivole Tänzerinnen vor. Aber Frauen standen nicht nur auf der Bühne, sondern bestimmten auch, was sich darauf abspielte. Ein Buch beweist es. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/evelin-foerster-und-ihr-kabarett-buch-die-frau-im-dunkeln-a-913929.html
..... Glücklicherweise sind hier historische Zusammenhänge das Thema und nicht die schreckliche Gegenwart des Frauen-Kabaretts, das sich, bis auf ganz wenige erfreuliche Ausnahmen, bemüht und stümperhaft am Feindbild Mann, am eigenen, ach so schrecklichen Schicksal, und an der Kanalisierung der eigenen Wut über was auch immer abarbeitet. rabenkrähe
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