Ex-"Bild"-Chef Peter Boenisch ist tot

Er galt als brillanter Kolumnist und prägender Blattmacher: Der langjährige Chefredakteur der "Bild"-Zeitung und Kohl-Regierungssprecher, Peter Boenisch, ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Bundeskanzler Schröder würdigte Boenisch als "engagierten Demokraten".


Journalist Boenisch: "Brillanter Kolumnist"
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Journalist Boenisch: "Brillanter Kolumnist"

Die Chefredaktion der "Bild" gab den Tod ihres früheren Chefs bekannt. Er starb nach langer Krankheit am Tegernsee. Erst am vergangenen Freitag hatte Boenisch noch einen Kommentar in dem Boulevardblatt veröffentlicht. Unter dem Titel "Danke, Kanzler!" befürwortete er den Schritt von Gerhard Schröder zu Neuwahlen.

Boenisch wurde am 4. Mai 1927 in Berlin geboren. Nur kurz studierte er Slawistik und Jura, bis er 1945 seine Karriere als Lokal- und Sportreporter der "Allgemeinen Zeitung" in Berlin begann. Er schrieb auch für "Newsweek" und die "New York Times". 1956 beteiligte er sich an der Entwicklung der Zeitschrift "Bravo" und hob damit die bis heute erfolgreichste deutsche Teenager-Postille aus der Taufe.

Im Sommer 1959 kam Boenisch zum Axel-Springer-Verlag und wurde Anfang 1961 Chefredakteur der "Bild"-Zeitung. Für seine Schlagzeilen ("Der Mond ist ein Ami") oder die Attacken gegen die Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre ("Linksfaschisten") nannte ihn der spätere Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll einen "Plattitüdenkrieger". Boenisch, Spitzname "Pepe" trieb die Auflage der "Bild" über die Fünf-Millionen-Marke. Ab 1965 leitete er zudem die Redaktion von "Bild am Sonntag" und avancierte zu einem der bekanntesten deutschen Journalisten.

Die Chefredaktion der "Bild"-Zeitung gab er 1971 an Günter Prinz ab, blieb aber als Kolumnist dem Blatt verbunden. Später wurde Boenisch Chefredakteur der "Welt". Das Flaggschiff von Axel Springer hatte kontinuierlich an Auflage verloren und dem Verlag erhebliche Verluste eingebracht. Unter seiner Leitung wurde das Blatt gründlich umgestaltet. Er bemühte sich, so schrieb die "Zeit", "die Schlagseite auszutrimmen, die das Flaggschiff nach rechts hatte".

Formulierungen nicht immer auf die Goldwaage gelegt

1976 und 1980 beriet der Journalist den CDU-Politiker Helmut Kohl im Bundestagswahlkampf und blieb auch nach der Wende vom Herbst 1982 für ihn beratend tätig. Im Mai 1983 ernannte Bundeskanzler Kohl Boenisch zum Staatssekretär und Leiter des Bundespresse- und Informationsamtes. Boenisch arbeitete als Regierungssprecher nach Beobachtermeinung mit dem erwarteten Geschick. Durch ein lockeres Auftreten und Formulierungen, die er nicht immer auf die Goldwaage legte, brachte er Farbe in die Pressekonferenzen. Zu Kohls engstem Beraterkreis gehörte er aber nicht und war somit auch nicht an der Ausarbeitung politischer Konzeptionen beteiligt.

Journalist Boenisch, Ex-Präsident Gorbatschow (2002): "Förderer der deutsch-russischen Annäherung"
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Journalist Boenisch, Ex-Präsident Gorbatschow (2002): "Förderer der deutsch-russischen Annäherung"

Unerwartet für die Öffentlichkeit trat Boenisch am 14. Juni 1985 von seinem Amt zurück. Anlass war ein steuerrechtliches Ermittlungsverfahren, das Ende Juni durch einen Strafbefehl über 1,08 Millionen Mark rechtskräftig abgeschlossen wurde. Boenisch hatte in den Jahren 1973 bis 1981 Einkünfte aus einer Beratertätigkeit für die Daimler-Benz AG nicht versteuert.

"Er galt zu Recht als Vollblutjournalist"

Bundeskanzler Gerhard Schröder reagierte auf den Tod Peter Boenischs mit "großer Bestürzung". "Er wusste um seine schwere Krankheit, hat aber bis zuletzt Mut und Zuversicht bewahrt", sagte Schröder. "Peter Boenisch gehörte zu den großen Kommunikatoren unseres Landes. Er galt zu Recht als Vollblutjournalist, der die Zeitungslandschaft in Deutschland 50 Jahre lang bereichert, mitunter polarisiert, aber immer wesentlich mitgeprägt hat: als Blattmacher, Chefredakteur, Kolumnist und Berater." Sein großes zivilgesellschaftliches Engagement habe breite Anerkennung gefunden. "Wir haben einen engagierten Demokraten verloren. Ich trauere mit seinen kleinen Töchtern und allen Angehörigen", sagte Schröder.

Altkanzler Helmut Kohl würdigt in der "Bild"-Zeitung das Lebenswerk seines früheren Sprechers: "Der Tod von Peter Boenisch hat mich tief betroffen", sagte Kohl. "In diesen Stunden denke ich vor allem an seine beiden kleinen Kinder, die er nach dem Tod seiner Frau liebevoll betreute." Boenisch habe zur Elite des deutschen Journalismus gehört, "er war ein streitbarer und streitbereiter Kritiker. Peter Boenisch liebte das Leben, und er schätzte es besonders, wenn er andere an seiner Lebensfreude teilhaben lassen konnte. Für die vielen Gespräche, Ratschläge und seine Unterstützung werde ich ihm immer dankbar sein."

"Er hat diesen Beruf geliebt und gelebt"

Der sowjetische Ex-Präsident Michail Gorbatschow, 74, hat ebenfalls mit Betroffenheit auf den Tod des früheren Regierungssprechers reagiert: "Die beiden haben einander sehr gemocht und geschätzt. Michail Sergejewitsch (Gorbatschow) empfindet den Tod des Freundes als schweren Verlust", sagte der Sprecher der Gorbatschow-Stiftung, Karen Karagesjan, der dpa. Gorbatschow und Boenisch hatten zuletzt gemeinsam im "Petersburger Dialog" zur Annäherung Deutscher und Russen gearbeitet.

Der Verleger und Präsident des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger, Hubert Burda, sagte: "Wenn der Begriff 'par excellence' auf einen Journalisten zutraf, dann auf Peter Boenisch. Er hat diesen Beruf geliebt und gelebt. Wir sind nur ein kurzes Wegstück zusammen tätig gewesen, als er 1986 Chefredakteur der "Bunte" war. Diese Zeit war geprägt von großem gegenseitigen Respekt und Bewunderung seiner außerordentlichen Professionalität."

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, sagte: "Mit Peter Boenisch verlieren wir einen großen Journalisten. Wir verlieren einen brillanten Kolumnisten, wir verlieren einen unermüdlichen Förderer der deutsch-russischen Annäherung. Vor allem verlieren wir einen außergewöhnlichen Menschen und Freund unseres Verlages und seiner Mitarbeiter."

Boenisch hinterlässt zwei Töchter aus dritter Ehe. Seine Frau Julia starb am 7. Mai vergangenen Jahres im Alter von 42 Jahren.



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