Ex-Pornostar Sasha Grey: "Ich wollte die Männer verunsichern"

Sie wollte die Kunst in den Porno bringen, die klassische Rollenverteilung aufbrechen: Sasha Grey wurde zum Superstar der Sexfilm-Industrie. Mit 23 Jahren hat sie nun ihre Karriere beendet. Im Interview spricht sie über gesellschaftliche Tabus, ihren Spaß am Sex und das nötige Muskeltraining.

Pornostar Sasha Grey: "Alles eine reine Muskelangelegenheit" Fotos
Heyne/ Sasha Grey/ Ian P. Cinnamon

SPIEGEL ONLINE: Frau Grey, kürzlich spazierten Sie über das Münchner Oktoberfest. Wie oft wurden Sie erkannt?

Grey: Ständig kamen Fans, begrüßten mich und baten um ein gemeinsames Foto. Es war lustig: Die Männer schauten mich lange an, bevor sie sich trauten, mich anzusprechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Superstar in einer Industrie, deren Filme meistens im Verborgenen betrachtet werden. Genieren sich Ihre Fans?

Grey: Nein, es ist nur ungewohnt, mich in einer normalen Umgebung zu sehen. Erst war es merkwürdig, überall angestarrt zu werden, aber solange ich das Gefühl habe, es nicht mit Besessenen zu tun zu haben, bleibe ich entspannt. Ich lebe in Los Angeles, einer Stadt, die vom Entertainment geprägt ist. Dazu gehört auch die Pornoindustrie, die viele Menschen beschäftigt. Erkannt zu werden ist da normal. Es war letztlich mein Plan, erfolgreich zu werden, ich darf mich nicht beschweren.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie Ihre Karriere in der Pornoindustrie als Teenager sorgfältig planten, um mit 18 loszulegen?

Grey: Sieben Monate vor meinem 18. Geburtstag begann ich, die Details dieser Industrie zu recherchieren. Ich hatte die Highschool beendet, war im College und jobbte in einem Steakhouse als Kellnerin. Dort wurde mir meine Wirkung auf Männer bewusst, weil ich viel mehr Trinkgeld als alle meine Kollegen bekam. Es war bizarr, ich war nicht stolz darauf, aber ich registrierte, dass es so ist. Ich studierte dann Interviews mit Pornodarstellern. Zu einer von ihnen nahm ich über MySpace Kontakt auf und fragte sie aus: Wieviel verdient man als Frau in einem Film? Wie oft wird man gebucht? Was wird erwartet? Ich machte mir Listen mit den Pros und Contras, in einem Porno mitzumachen. Die Pros überwogen, und als ich 7000 Dollar zusammen hatte, ging ich nach L.A. und versuchte mein Glück.

SPIEGEL ONLINE: Was reizte einen Teenager aus geordneten Verhältnissen mit Schulabschluss ausgerechnet an der Pornoindustrie?

Grey: Ich passe nicht ins Klischee: Ich hatte nie ein Drogenproblem, keine familiären Dramen und bin auch nicht dumm. Das Bild weiblicher Pornodarstellerinnen ist meistens stereotyp und falsch. Pornos faszinierten mich schon lange. Das begann, als ich 16 war und meine Jungfräulichkeit verlor. Im Zeitalter des Internets war der Zugang zu Pornos problemlos geworden. Ich schaute mit Freunden aus Neugier einige Filme und war beeindruckt. Ich habe mich als Mädchen lange für meine sexuellen Gefühle geschämt. Der erste Sex änderte das.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Grey: Es war, als ob eine Lampe in meinem Kopf angeht, als mir klar wurde, dass Sex tatsächlich Spaß macht. Ich fragte mich, wofür ich mich so lange geschämt habe. Bald konsumierte ich sehr viele Pornos. Einerseits machte mich das an, andererseits realisierte ich auch, wie öde diese Filme sind, dass da etwas fehlte, um sie wirklich spannend zu machen. Mein Plan war, diese Lücke zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie diese Lücke beschreiben?

Grey: Das ist schwierig in Worte zu fassen. Pornos sind zweckgebunden, sie zeigen was die Konsumenten sehen wollen. Ich fand aber, dass die Umsetzung phantasievoller sein könnte. Ich behaupte sogar, dass in Pornos Raum für Kunst ist.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir das mal an, aber: Wollen Pornofans Kunst?

Grey: Natürlich nicht, das ist ihnen völlig egal. Wer Pornos anschaut, will immer nur schnelle Befriedigung, das ist auch mir klar. Aber man kann dem Publikum die Kunst ja aufdrängen, denn zuschauen tun sie ohnehin. Und diese Kunst wollte ich beisteuern. Ich wollte außerdem Frauen vermitteln, dass sie sich nicht für ihre Sexualität schämen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Entschuldigung, wir verstehen leider immer noch nicht, worin Ihre Pornokunst besteht.

Grey: Sie besteht darin, dass ich als Person, Mensch und Charakter in einem Pornofilm wahrgenommen werde. Das erreichte ich zum Beispiel, indem ich immer direkt in die Kamera sprach, was mir gerade durch den Kopf ging. Ich durchbrach, was in der Theaterwelt die "Vierte Wand" genannt wird, was bedeutet, dass ich einer imaginären Handlung einen Hauch Realität verpasste. Dadurch irritierte ich die Zuschauer, die an dezent stöhnende Frauen gewöhnt waren. Die Idee war, dass Männer, wenn sie befriedigt sind und ihren Computer ausschalten, immer noch darüber grübeln sollen, was ich ihnen da eigentlich vorgeführt habe.

SPIEGEL ONLINE: Unterschieden sich Ihre Auftritte denn so sehr von denen Ihrer Kolleginnen?

Grey: Oh ja! Die meisten Frauen lassen in Pornos alles wortlos über sich ergehen und das habe ich immer gehasst. Die Rollen in Pornos waren klar verteilt: Der super-maskuline Typ beglückt die dankbar schweigenden Frauen. Mein Plan war, die männlichen Darsteller zu verunsichern, ihre Maskulinität klein zu reden während der Aufnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Das bereitete Ihnen keine Probleme bei den Dreharbeiten?

Grey: Viele Männer waren geschockt. Sie waren es gewohnt, vor der Kamera die Kontrolle bei einer Sexszene zu haben. Das verweigerte ich und übernahm, wann immer es ging, die Führung. Das war für viele Männer schwer zu akzeptieren. Glauben Sie mir, das war ganz einfach, weil ich unerwartet eine Routine durchbrach. Außerdem war ich physisch und verbal bereit, Dinge zu tun, vor denen selbst viele Männer zurückschrecken. Das war der Reiz.

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insgesamt 131 Beiträge
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1. .
tbax 13.10.2011
Gerade die Filme, die ich mit der da gesehen habe, brachten mich alle fast zum Erbrechen! Eklig wie nur was. Und die faselt was von Kunst *autsch* Die heutigen Turnfilme für Erwachsene finde ich übrigens fast alle nur obereklig. Gut finde ich nur die älteren Filmchen, Classics genannt.
2. .
Steve Holmes 13.10.2011
So widerspenstig wie sie sich in diesem Interview darstellt habe ich sie am Set nie erlebt. Sie hat immer gute Szenen geliefert und ich habe immer gerne mit ihr gearbeitet.
3. *lol*
Coolie 13.10.2011
Zitat von Steve HolmesSo widerspenstig wie sie sich in diesem Interview darstellt habe ich sie am Set nie erlebt. Sie hat immer gute Szenen geliefert und ich habe immer gerne mit ihr gearbeitet.
Angeber. :P
4. Kunst?
cooleriker 13.10.2011
Also ich hab mir gerade mal ein paar sachen von ihr reingezogen und konnte keine Unterschiede zu anderen Darstellerinnen feststellen. Worüber ich am meisten lachen musste ist ihre angebliche Dominanz..Sorry aber wo ist jetzt die Lücke die sie meinte geschlossen zu haben, ausser ihre eigene;)
5. Sie hat(te) aber den Anspruch der Außergewöhnlichkeit
National-Oekonom 13.10.2011
Zitat von Steve HolmesSo widerspenstig wie sie sich in diesem Interview darstellt habe ich sie am Set nie erlebt. Sie hat immer gute Szenen geliefert und ich habe immer gerne mit ihr gearbeitet.
und - naja - da war wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens.
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