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11. Mai 2012, 22:31 Uhr

Ex-"Sun"-Chefin Brooks im Verhör

Der Schulmädchen-Report

Von , London

Als Chefredakteurin der "Sun" war Rebekah Brooks Großbritanniens meistgefürchtete Journalistin. Jetzt musste sie im Abhörskandal um das Murdoch-Presseimperium aussagen. Sie tat betont unschuldig - und plauderte über die merkwürdig liebevollen SMS von Premier David Cameron.

Wie ein Schulmädchen sitzt Rebekah Brooks im Gerichtssaal vor Lordrichter Brian Leveson. Schwarzes Kleidchen, weißer Kragen, die Hände gefaltet. Braver könnte sie nicht aussehen. Nur die roten Locken sind ungebändigt wie eh und je.

Die in Ungnade gefallene Medienqueen will einen guten Eindruck machen. Seit Monaten ist sie von der Bildfläche verschwunden, zweimal war sie in Polizeigewahrsam, regelmäßig konnte sie über sich in der Zeitung lesen, nun darf sie selber ihre Rolle im größten Medienskandal des Landes kommentieren.

Sie erzählt von ihren Treffen und Telefonaten mit den Premierministern Tony Blair, Gordon Brown und David Cameron. Sie redet über die robusten Methoden der auflagenstärksten britischen Boulevardzeitung "The Sun". Und zwischendurch verrät sie auch die kleinen Geheimnisse der Mächtigen des Landes.

Ihre Augen blitzen schalkhaft, als sie von Camerons SMS erzählt. Der Tory-Chef habe seine Handy-Kurznachrichten an sie immer mit LOL beendet, verrät sie. Er habe gedacht, das Kürzel stehe für "Lots of Love", bis sie ihn darauf hingewiesen habe, dass es "Laughing out loud" heißt. Im Gerichtssaal kommt Gelächter auf. Brooks grinst.

Den ganzen Freitag lang sagt die 43-Jährige in London vor der Leveson-Kommission aus. Lordrichter Leveson und seine Anwälte untersuchen seit vergangenem Sommer die fragwürdigen Praktiken der britischen Presse und das enge Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern. "Zu eng" sei es gewesen, hat Premier Cameron bereits eingeräumt.

"Unglaublich aggressiver" Anruf von Premier Gordon Brown

Niemand weiß das besser als Brooks. Als Chefredakteurin der Boulevardzeitungen "News of the World" (2000 bis 2003) und "The Sun" (2003 bis 2009) war sie jahrelang die meistgefürchtete Journalistin Großbritanniens. Sie dinierte mit allen Premierministern. Und sie besaß das volle Vertrauen ihres Chefs Rupert Murdoch, dem mächtigen Gründer des Medienkonzerns News Corp.

Brooks ist auch die Schlüsselfigur des Abhörskandals, der News Corp. seit über einem Jahr erschüttert. In ihrer Zeit bei der inzwischen eingestellten "News of the World" hörten Reporter unter anderem die Handy-Mailbox des entführten Mädchens Milly Dowler ab. Zwischen 2002 und 2006 kamen Hunderte weitere Abhöropfer hinzu. Brooks soll den Skandal zusammen mit der restlichen Unternehmensführung vertuscht haben. Sie hat dies stets bestritten.

Zum Abhörskandal sagt Brooks vor der Leveson-Kommission nichts, weil die polizeilichen Ermittlungen gegen sie noch laufen und sie sich nicht selbst belasten muss. Stattdessen geht es allgemein um das Zusammenspiel von Medien und Politik und welche Rolle insbesondere die "Sun" in der britischen Gesellschaft spielt. Der Einfluss der "Sun" ist vergleichbar mit dem der "Bild"-Zeitung in Deutschland. Das Blatt mit den großen Buchstaben erreicht acht Millionen Leser, und Politiker halten seine Meinung - zu Recht oder zu Unrecht - für die Stimme des Volkes.

Brooks' Aussage liefert daher pikante Einblicke in die Zirkel der Macht. Wie ihr Ex-Boss Murdoch bei seinem Auftritt vor wenigen Wochen klagt sie über die Anbiederungen der Politiker. Jahrelang seien Blairs Leute eine "konstante Präsenz" in ihrem Leben gewesen, sagt sie. Blair habe sich persönlich bei ihr beschwert, wenn ihm die Berichterstattung nicht gepasst habe - meistens zu Europa. Gordon Brown sei sogar ausfällig geworden. Sie erinnert sich an einen "unglaublich aggressiven" Anruf, nachdem die "Sun" vor der Unterhauswahl 2010 von der Labour-Partei zu den Konservativen umgeschwenkt war.

Brooks und Premier Cameron: Treffen, Telefonate, SMS

Besonders unangenehm ist Brooks' Auftritt jedoch für Regierungschef Cameron. Die SMS-Indiskretion sorgt im Internet für reichlich Spott. Er hätte erwartet, dass der Premierminister seine Handy-Nachrichten mit den Worten "Mit freundlichen Grüßen" beendet, lästert der Tory Jacob Rees-Mogg. Brooks bestreitet allerdings, dass Cameron ihr jemals zwölf SMS an einem Tag geschrieben habe, wie die "Times" diese Woche behauptet hatte. Höchstens zweimal pro Woche habe man sich geschrieben. Unter anderem habe sie Cameron im Wahlkampf 2010 nach den Fernsehdebatten ihr Urteil gesimst.

Auch die Zahl der gemeinsam besuchten Abendessen und Partys dürfte für neue Diskussionen sorgen. Mehr als 20-mal traf sich Brooks mit Cameron im kleinen Kreis, seit er 2005 zum Tory-Chef gewählt wurde. Die von ihr zusammengestellte Liste sei nicht komplett, sagt Brooks, die Zahl der Treffen wahrscheinlich noch höher. Auch über den Abhörskandal habe sie mit Cameron zweimal zwischen 2009 und 2011 gesprochen, gibt Brooks zu Protokoll.

Allerdings scheint Camerons Neugier begrenzt gewesen zu sein. Er habe nie gefragt, wie sein damaliger Regierungssprecher Andy Coulson darin verwickelt war, sagt Brooks. Coulson war ab 2003 Chefredakteur der "News of the World" und wegen des Abhörskandals 2007 zurückgetreten. Das hinderte Cameron nicht, ihn wenige Monate später als Parteisprecher einzustellen und ihn 2010 zum Regierungssprecher zu machen.

Von der Regierung "mit Argumenten überzeugt"

Coulson hatte am Donnerstag vor der Leveson-Kommission gesagt, Cameron habe ihn vor seiner Einstellung nur einmal nach seiner Rolle im Abhörskandal gefragt. Er habe das Thema kein zweites Mal angesprochen, als der "Guardian" 2009 enthüllte, dass die Abhörpraktiken systematisch waren und Coulson wahrscheinlich Bescheid wusste.

Die Aussagen von Coulson und Brooks erhöhen den Druck auf Cameron. Der Premierminister muss in den kommenden Monaten selbst vor der Leveson-Kommission erscheinen. Er steht seit längerem unter Druck, weil er jahrelang im Freundeskreis der Murdochs verkehrte. Das liegt auch daran, dass sie alle Wochenendhäuser in der Grafschaft Oxfordshire haben und somit Nachbarn sind. Cameron und Brooks sind in der Vergangenheit zusammen ausgeritten. Es sei allerdings nicht so gewesen, dass man ständig beim anderen angeklopft habe, sagt Brooks. Man habe sich vielmehr "gelegentlich auf dem Land getroffen".

Brooks versucht - wie ihr Mentor Murdoch bei seinem Auftritt kürzlich -, ihre Macht herunterzuspielen. Politiker hätten keine Angst vor der "Sun", behauptet sie. Mit ihren Anekdoten widerlegt sie diese These jedoch selbst. Das beste Beispiel ist die "Sun"-Kampagne im Fall Madeleine McCann. Die Zeitung hatte vergangenes Jahr mit Nachdruck eine neue Untersuchung des Verschwindens des kleinen Mädchens aus einer portugiesischen Ferienanlage gefordert - und die Regierung hatte schließlich nachgegeben.

Ob es stimme, dass die "Sun" gedroht habe, jeden Tag die Innenministerin auf die Titelseite zu heben, bis die Regierung einknicke, wird Brooks vor der Leveson-Kommission gefragt. Nein, Drohung sei das falsche Wort, sagt Brooks, ohne mit der Wimper zu zucken. Man habe die Regierung "mit Argumenten überzeugt".

"Ich habe aber nie vergessen, dass ich Journalistin bin"

Stellenweise gerät die Befragung jedoch zur Farce. Brooks muss sich dafür rechtfertigen, warum sie sich mit Politikern trifft oder gewisse Geschichten auf die Titelseite hebt. Einmal fragt Anwalt Robert Jay sie sogar, ob der Informant eines bestimmten Artikels Tony Blair gewesen sei. Da kann Brooks nur mit den Schultern zucken: "Meine Quellen gebe ich nicht preis".

Es ist diese offensichtliche Unkenntnis des journalistischen und politischen Alltags, die in den britischen Medien inzwischen auch Kritik an der Leveson-Kommission laut werden lässt. Denn dass Politiker und Journalisten miteinander reden - gerade auch heimlich -, gehört zum Wesen der Demokratie. Anders würden viele politische Skandale gar nicht ans Licht kommen.

Selbst beim "Guardian", der den Murdoch-Skandal enthüllt hat, fürchten Kommentatoren inzwischen, dass die Leveson-Kommission mit ihren Empfehlungen zur Neuregulierung der britischen Presselandschaft übers Ziel hinaus schießen könnte.

Auf die Frage, ob Politiker und Journalisten befreundet sein dürften, sagt Brooks, über zwei Jahrzehnte hinweg würden sich unausweichlich Freundschaften ergeben. "Ich habe aber nie vergessen, dass ich Journalistin bin, und sie haben nie vergessen, dass sie Politiker sind".

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