Premiere des "Exil Ensembles" in Berlin Expedition in die neue Heimat

Die Regisseurin Yael Ronen und das neu gegründete Exil Ensemble am Gorki Theater begeben sich auf eine aufschlussreiche "Winterreise" durch Deutschland.

Emotionale Achterbahnfahrt: Das Exil Ensemble mit Reiseleiter Niels Bormann (l.) auf Yael Ronens "Winterreise" am Gorki Theater
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Emotionale Achterbahnfahrt: Das Exil Ensemble mit Reiseleiter Niels Bormann (l.) auf Yael Ronens "Winterreise" am Gorki Theater


Deutschland im Winter, das ist Nebel, Kälte und eisiger Wind. Und ein Deutscher, der zu spät kommt? Da muss etwas passiert sein. Sechs Personen stehen da zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort, dick vermummt, jeder mit einem Koffer. Sie heißen Maryam, Mazen, Hussein, Karim, Kenda und Ayham - und warten auf Niels, ihren unpünktlichen Kollegen.

Schon in der Eröffnungsszene ihres neuen Stücks "Winterreise" spielt die Theatermacherin Yael Ronen mit den Klischees - und hat ihre Zuschauer im Berliner Gorki Theater, die mit Migrationshintergrund und die ohne, mit dieser Nummer sofort auf ihrer Seite.

Ronen, 40, stammt aus Israel und hat sich in Deutschland einen Namen gemacht mit persönlich gefärbten Stücken zum Zeitgeschehen, die sie gemeinsam mit ihrem Ensemble entwickelt. So hat sie sich etwa mit Schauspielern, deren Eltern aus dem ehemaligen Bürgerkriegsland Jugoslawien stammen, auf Spurensuche gemacht ("Common Ground") und in "The Situation" von den Konflikten erzählt, die entstehen, wenn Syrer, Palästinenser und Israelis in Berlin im Deutschkurs aufeinandertreffen.

Niels Bormann fungiert als Musterdeutscher

Drei der "Situation"-Darsteller sind nun Mitglieder des kleinen "Exil Ensembles", das vor einem halben Jahr mithilfe verschiedener Stiftungsgelder am Gorki gegründet wurde und zunächst zwei Jahre bestehen soll. Die Mitglieder, mit denen Ronen ihre "Winterreise" erarbeitet hat, sind allesamt Theaterprofis, sie stammen aus Syrien und Palästina, zwischen 20 und 36 Jahre alt, und sollen nach Möglichkeit dauerhaft integriert werden in die deutsche Theaterlandschaft - als Künstler, nicht reduziert auf ihren Status als Geflüchtete mit Authentizitätsbonus, wie es in vielen gutgemeinten Projekten derzeit noch der Fall ist.

Yael Ronen schickt das Ensemble auf eine zweiwöchige Bustour durch Deutschland, weil die neuen Kollegen genug davon haben, immer über ihre eigene Geschichte zu reden. Sie wollen, das ist der Ausgangspunkt der Reise, von ihrem Kollegen Niels Bormann etwas über dessen kulturellen Hintergrund erfahren. Er fungiert im Stück als eine Art Reiseleiter, Kultur-Übersetzer und Musterdeutscher.

Dass der Betriebsausflug im Winter stattfindet, hat offenbar nicht so sehr mit Franz Schuberts Liederzyklus zu tun als ganz profan mit Produktionszeiten, aber es macht den Kulturclash natürlich noch etwas härter: In Deutschland, so stellen die Immigranten schnell fest, findet das Leben hinter verschlossenen Wohnungstüren statt, zumindest in der kalten Jahreshälfte. Wie lernt ihr im Winter Leute kennen, wo trefft ihr Euch?, fragt Maryam (Maryam Abu Khaled).

Die erste Station der Reise ist Dresden, und wie es der Zufall oder die dramatische Zuspitzung so wollen, kommt die Truppe dort ausgerechnet an einem Montagabend an. Von den Hotelzimmern hat man einen prima Blick auf den Pegida-Demonstrationszug, und wie sich Niels Bormann windet bei seinen Erklärungsversuchen, dass diese Deutschen da unten zwar gegen Muslime und gegen Einwanderung seien, seine Mitreisenden das aber bitte keinesfalls persönlich nehmen sollten, ist ein erster komischer Höhepunkt des Abends. Anschließend versuchen Karim (Karim Daoud) und Hussein (Hussein Al Shatheli) mithilfe der Pegida-Plakate, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, und führen mit ihren Erklärungen Parolen wie "Fatima Merkel" ("Ich wusste gar nicht, dass sie Muslima ist") und "Sex bleibt deutsch" (sie vermuten, dass Sachsen gemeint ist) ad absurdum.

Die "Winterreise" ist kein Dokumentartheater

Von Dresden ist es nicht weit nach Weimar, und da kommt Niels Bormann als guter Deutscher natürlich nicht umhin, seinen Begleitern erstmal Buchenwald zu zeigen. Dass Menschen, die vor einem Unrechtsregime geflohen sind, vielleicht ihre Gründe haben, die Folterkeller der Nazis nicht sehen zu wollen, kapiert er zu spät. Bittere Pointe am Rande: Einer der Buchenwald-Architekten hat später Gefängnisse in Syrien gebaut.

Von diesem düsteren Moment geht es schnell zurück in den Bus, weiter auf der Fahrt, nach München, Mannheim, Zürich, Hamburg - und Yael Ronen nimmt geschickt jede Kurve auf dieser emotionalen Achterbahnfahrt, biegt immer rechtzeitig ab, wenn die Erinnerungen der Exil-Ensemble-Mitglieder zu trüb zu werden drohen oder die Beobachtungen über das merkwürdige Paarungsverhalten der Deutschen dabei sind, ins Alberne zu kippen. Die Musiker Yaniv Fridel und Ofer Shabi geben geschickt den Rhythmus vor, und auf der gebogenen Panorama-Leinwand im Hintergrund zieht auf Videos stimmungsvoll die Landschaft vorbei, ergänzt von Esra Rotthoffs mal schwarz-weißen, mal krachend bunten Zeichnungen.

Manchmal allerdings übertreibt es Ronen mit dem Einsatz der Mittel: Als etwa Karim Daoud Bertolt Brechts Gedicht "Über die Bezeichnung Emigranten" rezitiert - eine der wenigen Passagen an diesem Abend, an denen nicht arabisch oder englisch gesprochen wird, es gibt natürlich Übertitelungen -, da legt sie soviel Sound- und Bildmaterial darüber, als dürfte man auf keinen Fall hören, dass der Zwanzigjährige mit dem Deutschen noch zu kämpfen hat. Auch die Fluchtgeschichte, die Hussein Al Shatheli erzählt, wird mit der Live-Projektion, die sie begleitet, eher überfrachtet.

Ob es wirklich genau seine eigene Geschichte ist, ist wie in den anderen Szenen des Abends nicht genau zu sagen - dass die Schauspieler ihre echten Vornamen verwenden, heißt nicht, dass die "Winterreise" Dokumentartheater ist. Sie erzählt aber, aus der ganz eigenen Perspektive von Menschen, die sich darum bemühen, die Außensicht zu verlieren, viel Wahres über Deutschland.

Zum Glück ist es oft zum Lachen.


Winterreise. Gorki Theater Berlin, nächste Vorstellungen am 13. und 26.4., www.gorki.de - Gastauftritte in mehreren deutschen Städten sind geplant.



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