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Experimentalfilmer John Smith Amphibien? Kaugummimädchen? Illusionen!

So lustig können Kunstfilme sein: Weil der Brite John Smith während des Studiums beschloss, Filme zu drehen, die auch seine Freunde verstehen, zeigen seine Werke auf äußerst kurzweilige Art, wie wenig der Verführungskraft von Bildern zu trauen ist. Zu sehen sind sie nun in gleich drei Ausstellungen.

John Smith fand den Zettel, als er seine Sachen in die Waschmaschine steckte. Er verbarg sich in der Brusttasche eines Hemdes. "Ihr Film hat mir sehr gefallen", stand da.

Kurz zweifelte der Filmemacher an seinem Gedächtnis, doch dann fiel ihm ein: Die Fanpost musste auf dem Filmfestival in Cork in sein Hemd gewandert sein. Dort hatte es nämlich eine besondere Vorführung seiner "Hotel Diaries" gegeben: Festivalbesucher konnten in ein Hotel einchecken und dort Smiths Kurzfilmsserie gucken. Und das in dem Zimmer, in dem Smith selbst wohnte: dort, wo im Bad seine Zahnbürste stand, wo seine Zeitung auf dem Nachttisch lag und sein Hemd am Haken hing.

Der 1952 geborene John Smith lehrt Kunst an der University of East London und ist in Großbritannien ein bekannter Experimentalfilmer. Seit einigen Jahren aber sind seine so schlauen wie lustigen Filme auch in der Kunstwelt gefragt: Er nahm 2010 an der Berlin Biennale teil, in diesem Winter ist ein Film in der Londoner Tate Britain ausgestellt, und in den nächsten Wochen finden unabhängig voneinander gleich drei Ausstellungen statt: im Weserburg Museum in Bremen, in der Kestnergesellschaft in Hannover und in der Galerie Tanya Leighton in Berlin.

"Ich wollte Filme machen, die auch meine Freunde verstanden"

Schon als Jugendlicher hatte Smith Lightshows für Bands gemacht. Im Laden eines Bekannten konnte er damals ausrangierte Schullehrfilme billig kaufen. Er zerschnitt sie, loopte sie, projizierte sie übereinander: "Fasziniert sah ich zu", erzählte Smith bei der Eröffnung in Bremen, "wie aus zufälligen Nachbarschaften Bedeutungen entstanden. Dass wir nicht anders können, als bei gereihten Bildern ständig irgendwelche Schlüsse zu ziehen, das hat mich Filmer werden lassen."

Smith studierte dann bei dem Experimentalfilmer Peter Gidal am Londoner Royal College of Art. In diesem Umfeld waren schwierige, formal-analytische Filme angesagt. "Ich aber", so Smith, "wollte Filme machen, die auch meine Freunde verstanden. Deshalb war ich glücklich, als sich in ihnen so etwas wie Humor ergab. Das machte sie zugänglicher."

Von ihrer Zugänglichkeit kann man sich jetzt in Bremen überzeugen, wo das Weserburg Museum fünf Filme in seinen Räumen und einen weiteren in einem Innenstadt-Schaufenster zeigt. Alle Exponate sind filmische Etüden, die kurzweilig vorführen, wie wenig der Verführungskraft von Bildern und Tönen zu trauen ist - und wie gern wir es trotzdem tun. Auch eine Neuauflage des Hotel-Viewings wird es geben. Wer sich vorher im Museum angemeldet hat, kann am 4. oder 18. Februar für zwei Stunden kostenlos ins noble Atlantic Grand Hotel Bremen einziehen, um in einer elegant-behaglichen Suite im sechsten Stock das Hotel-Opus zu sehen.

Begonnen hatte Smith den achtteiligen Zyklus am 8. Oktober 2001. Damals lagen die Attentate des 9/11 erst wenige Wochen zurück, und zwei Tage zuvor hatten die USA und Großbritannien Afghanistan zu bombardieren begonnen. Smith nahm gerade an einem Filmfestival teil, und als er nachts in sein Hotelzimmer kam, schaltete er BBC News ein. Doch statt der Nachrichten gab es elf Minuten lang die regungslose Nahaufnahme des Sprechergesichts zu sehen.

Noch während des Bildausfalls hatte Smith damals seine Videokamera gezückt, das gespenstischen Standbild und sein Zimmer gefilmt und dazu geäußert, was ihm durch den Kopf ging. In folgenden sechs Jahren entstanden in wechselnden Ländern und Hotels sieben weitere Videos. Stets verbanden sie die tagesaktuellen Konflikte in Afghanistan, Irak oder Palästina mit persönlichen Reaktionen und der zufälligen Hotelumgebung. Entstanden sind filmische Tagebücher, die von der ernsten und zugleich auch absurden Anstrengung handeln, angemessen auf medial vermittelte historische Ereignisse zu reagieren.

Verknäulte Kopfhörerkabel als kleine Rache

Smiths bekannteste Arbeit aber ist "The Girl Chewing Gum" von 1976. Sie zeigt eine großstädtische Straßenszene, die anscheinend aus dem Off heraus inszeniert wird; denn zu hören sind die Anweisungen eines wichtigtuerisch klingenden Regisseurs, der abruft, was im nächsten Moment ins Bild kommt: der Mann mit der Zeitung, das Mädchen mit dem Kaugummi, der Lastwagen. Schon bald aber begreift man: Was man sieht, ist keine Filminszenierung, sondern eine reale Straßenszene. Und die Tonspur wurde nachträglich besprochen.

Das pfiffige "Kaugummimädchen" ist so populär, dass im Internet nicht nur mehrere Kopien kursieren, sondern auch etliche Filme, in denen sich Nachahmer nach Smiths Strukturprinzip eigene Bild-Ton-Arrangements zurechtgebastelt haben.

John Smith weiß auch das mit Humor zu nehmen: In einer Ausstellung der Londoner Kunstinstitution Peer präsentierte er kürzlich ein eigenes Remake: dieselbe Straßenecke 35 Jahre später. Dazu ließ er auf etlichen gebrauchten Computerbildschirmen die fremden Abkömmlinge seines Kaugummimädchens laufen, wobei er allerdings - kleine Rache des Urhebers - die langen Kabel der Kopfhörer so ineinander verknäulte, das die Sounds den Bildern nur mühsam zuzuordnen waren.

Wem Smiths gefilmte Filmanalysen trotzdem zu dröge sind, dem kann geholfen werden. Zumindest beim Public-Private-Viewing im Bremer Hotel. Die Bestände der dortigen Minibar sind zwar nicht umsonst, aber durchaus konsumierbar. Schließlich hat bei Entstehung der "Hotel Diaries" ihr Macher auch manchen Drink genommen: "Genug," so Smith, "um locker zu sein, und höchstens so viel, um noch klar sprechen zu können".


John Smith: Worst Case Scenario bis zum 25. März im Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen.
John Smith: Bildstörung vom 24.2. bis 29.4. in der Kestnergesellschaft, Hannover.
John Smith 11. Februar bis 3. März in der Galerie Tanya Leighton, Berlin.

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