Experimentelle Architektur Wohnpilz mit Meerblick

Bauen wie ein Parasit: Im Naturschutzgebiet an der spanischen Costa da Morte sind keine Häuser erlaubt. Der Architekt Antón García-Abril entschied sich daher, einen "Trüffel" zu bauen - einen Experimental-Schuppen, der ähnlich wie der knollige Edelpilz in die Landschaft hineinwächst.

Von Kaye Geipel

Ensamble Studio

Im Materialraum des Architekten war vor drei Jahren ein Holzverschlag aufgebaut, eine große, nach oben offene Kiste. Sie war gefüllt mit Sand. Auf den Tischen nebenan standen die Architekturmodelle. Die Kiste störte. Man hätte meinen können, unter den Mitarbeitern sei eine Organic-Food-Manie ausgebrochen, hier würden Diätkartoffeln und anderes Gemüse gezüchtet. In Wirklichkeit testete Antón García-Abril in diesem Verschlag Gussformen für seine Hütte in Galizien.

Schon bei den Wohnbauten aus riesigen Stahlbetonfertigteilen, bei der Villa Martemar an der Costa del Sol und dem Hemeroscopium in Madrid, ging es dem Architekten um eine Anverwandlung des Bestehenden. Überdimensionierte Brückenträger wurden "as found" verwendet, die Details sozusagen hinterher konstruiert.

Im Fall der Hütte an der Costa da Morte geht die Anverwandlung noch weiter, das Projekt soll förmlich aus der Erde heraus entwickelt werden. Dies hat unter anderem pragmatische Gründe. In dem Naturschutzgebiet sind keine Häuser erlaubt, nur Schuppen und ähnliche kleine Nutzbauten werden toleriert. "What we created was not architecture, it was a stone", sagt der Architekt.

Tatsächlich ist die freigelegte Oberfläche des Betons mit dem Erdwall als Schalung eine braungraue Verbindung eingegangen, die allerdings weniger an einen Stein, denn an einen freigelegten Wurzelstumpf nach einem Sturm erinnert.

Als Corbusier sein Cabanon in Cap Martin fertig gestellt hat, waren damalige Kritiker ("bloß eine Holzbaracke?") erstaunt über das brave Äußere. Die Nonchalance des Architekten gegenüber der Form hatte verblüfft. Im Inneren hingegen sah es anderes aus. Le Cabanon war ein Testlabor für eine minimale Raumzelle, ein Austesten dessen, was zum Wohnen und Arbeiten in der Natur unter den Bedingungen der Moderne notwendig ist. Die Architektur, einschließlich der sauber detaillierten Möbel und einem raffinierten Klappfenster, fand im Inneren statt.

García-Abril bezieht sich bei seinem Entwurf zwar auch auf Corbusiers Cabanon, aber seine Hütte zielt auf etwas anderes ab. Er will ausprobieren, wie man mit archaischen, eigentlich unbeherrschbaren Produktionsprozessen zeitgemäße Architektur erzeugen kann. Die Ausstattung der Hütte im Inneren, vom Kamin bis zur teuren Sanitäranlage, ist hingegen ziemlich konventionell.

Die "Bauwelt" sprach mit dem Architekten.

Frage: Warum schneidet man eine winzige Behausung in einen künstlichen Felsen, den man in einem mühsamen Verfahren erst einmal herstellen muss? Was war der Auslöser für eine solche Idee?

Antón García-Abril: Unser Konzept war, in dieser unberührten Landschaft, in der man eigentlich nicht bauen darf, ein Stück Natur zu entwerfen. Es sollte ein durch und durch mimetisches Projekt werden, eine Minimalbehausung.

Frage: Die fertige "Hütte" - eine amorphe Figur mit großem Fenster und bröseliger Oberflächen - wirkt formal sehr heterogen. Der Entwurfsprozess bleibt für den Betrachter im Dunkeln. Warum?

García-Abril: Tatsächlich zog sich der Entwurfs- und Bauprozess über vier oder fünf Jahre hin. Wir haben hunderte von kleinen Modellen gebaut, und wir haben eine Menge von Ideen durchgespielt, wie man einen künstlichen Felsen baut und dann aushöhlt. Die anfänglichen Modelle waren noch geprägt von der Vorstellung, einen abstrakten Raum in einen amorphen Felsen zu bauen.

Frage: Wie sah der Bauprozess aus?

García-Abril: Das letzte große Modell, das wir im Büro schließlich gebaut hatten, brachte uns auf eine Analogie, die uns dann sehr gefallen hat: Wir wollten den ausgehöhlten Felsen so bauen, wie ein 3-D Printer arbeitet, also Schicht für Schicht von unten nach oben ziehen. Wir setzten uns ein ehrgeiziges Ziel. Wir - das heißt Javier, Ricardo und ich - wollten die Rohform des Trüffels in einem Tag bauen - also den strohgefüllten Felsen fertig stellen, umgeben von einem Erdwall, der verhindert, dass der Zement wegfließt. Wir haben unsere Kräfte überschätzt. Es hat dann vier Tage gedauert. Wir haben aber alles selber gemacht, die notwendigen Maschinen ausgeliehen, zuerst den Bagger und später die Steinsägen, die wir uns in einem Steinbruch borgten. Das Loch, das wir für das Fundament des Trüffels gegraben hatten, war gar nicht so tief. Abwechselnde Arbeitsgänge waren notwendig: zuerst den Fertigbeton in die Erdwanne gießen, dann die Strohballen für den späteren Innenraum platzieren, dann wiederum mit dem Bagger den Erdwall erhöhen, damit der Beton an Ort und Stelle bleibt. Nachdem wir die Dachschicht gegossen hatten, haben wir das ganze einige Monate trocknen lassen. Dann wurde der Erdwall weggebaggert. Es sah tatsächlich aus wie ein Trüffel! Die unsaubere Hülle, dieses Ineinander von Beton und dunkler Erde, hat uns sofort begeistert. Danach haben wir mit der Steinsäge die Öffnung für das Fenster zum Meer und die Öffnung für die Tür freigelegt.

Frage: Dann beginnt die anekdotische Episode, in der Sie die Natur, eine Kuh, zu Hilfe nehmen.

García-Abril: Das innere Volumen der kleinen Hütte war jetzt zugänglich. Dieser Raum war vollgestopft mit Strohballen. Das ist ja eigentlich ein Futtermittel. Und der Nachbar hatte ein Kalb. So wurde Paulina der erste Gast in der Hütte. Wir haben sie fast ein ganzes Jahr lang dort fressen lassen - sie hatte natürlich auch einen Auslauf im Freien. Aber da wir uns sowieso Zeit lassen wollten, war das kein Problem. Schließlich war das meiste Stroh weg und wir hatten einen Raum, der an eine Höhle erinnert, mit amorphen schmutzigen Oberflächen. Richtig hässlich. Gerade auch diese Phase hat uns interessiert. Welche Oberfläche wollten wir im Inneren der Hütte haben? Wir haben dann den Innenraum sandgestrahlt und das große Fenster und die Tür eingebaut.

Frage: Ist die Hütte eher eine Höhle aus Beton oder ist sie minimaler Wohnraum? Anders gefragt: Wie viel Mobiliar verträgt eine solche Behausung?

García-Abril: Wir haben uns die Pläne für Corbusiers Cabanon genau angesehen: Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, eine Waschgelegenheit. Viel mehr ist nicht nötig.

Frage: Corbusiers Hütte war ursprünglich als Geschenk des Architekten an seine Frau gedacht. Gewohnt hat er dann selbst darin, und in der Praxis war es mehr eine Enklave, ein strenger Raum, eher zum Arbeiten denn für die Ferien.

García-Abril: Das ist richtig. Wir haben uns zwar in der Größe des Innenraums an den Kubus des Cabanons gehalten. Corbusiers Raum, so klein er war, ist aber noch geprägt von der die Idee der Wohnmaschine. Die winzigen Fenster sind ein Zeichen dafür. Wir wollten eher einen kontemplativen Raum. Wir wollten es etwas bequemer. Wir haben ein großes Fenster eingebaut und ein breites Bett davor gestellt.

Das Interview führte Kaye Geipel für die "Bauwelt"

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
TheBear, 09.06.2010
1. falsch gespart
Zitat von sysopBauen wie ein Parasit: Im Naturschutzgebiet an der spanischen Costa da Morte sind keine Häuser erlaubt. Der Architekt Antón García-Abril entschied sich daher, einen "Trüffel" zu bauen - einen Experimental-Schuppen, der ähnlich wie der knollige Edelpilz in die Landschaft hineinwächst. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,699155,00.html
Erst mal eine interessante, charmante Idee, die durch das rechteckige, aesthetisch völlig inakzeptable Fenster zunichte gemacht wird. Schade, wenn man am falschen Platz spart, weil man seine Idee nicht zu Ende denkt.
Juan Pérez, 09.06.2010
2. Na Toll,
das Ding ist wohl als Kuhstall genehmigt worden und wird hoffentlich bald wieder aus dem Naturschutzgebiet entfernt!
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