Expressionist Ernst Toller Die Kunst der Rebellion

Erst Hurra-Patriot, dann Kriegshasser und Revolutionär: Ernst Toller schrieb nicht nur Theaterstücke, sondern führte auch selbst ein bühnenreifes Leben. Seine Autobiografie "Eine Jugend in Deutschland" wurde nun erstmals als Hörspiel inszeniert.

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In den zwanziger Jahren war er einer der bekanntesten deutschen Dramatiker, bekannter noch als Bertolt Brecht: der Expressionist Ernst Toller. Heute ist er fast vergessen; seine Stücke werden so gut wie nie gespielt.

Toller-Hörbuch: Exemplarisches Leben

Toller-Hörbuch: Exemplarisches Leben

Man mag das bedauern, aber man kann es auch verstehen: Tollers Größe liege nicht in seinem Werk, schrieb der Kulturtheoretiker Ludwig Marcuse einmal, sondern in seinem exemplarischen Leben: "Toller war eine der leuchtendsten Figuren jener Tage: Zeugnis ihrer Größe, nicht unbedingt ihrer künstlerischen Blüte."

Der Text aus seiner Feder, der die Zeit am ehesten überdauert hat, ist denn auch seine Autobiografie "Eine Jugend in Deutschland", erschienen 1933. Regisseurin Katja Langenbach hat Tollers bühnenreifes Leben für den Bayerischen Rundfunk nun erstmals als Hörspiel inszeniert; die Geschichtslektion ist auf CD im Hörverlag erhältlich.

Geboren wird Toller 1893 in Samotschin in der preußischen Provinz Posen; sein Vater ist ein jüdischer Getreidehändler. Er hat gerade mit dem Studium in Grenoble begonnen, als sich der Erste Weltkrieg ankündigt: Der 20-Jährige kehrt sofort heim nach Deutschland und meldet sich, wie viele Gleichaltrige, noch im August 1914 freiwillig.

Im Januar 1917, nach Kämpfen an der Front in Verdun, wird er aus dem Heer entlassen, kriegsuntauglich und kriegsunwillig. Binnen zweieinhalb Jahren ist aus dem Hurra-Patrioten ein Kriegshasser und sozialistischer Revolutionär geworden. Mit Kurt Eisner organisiert Toller die großen Anti-Kriegs-Streiks in München 1918. In der kurzlebigen Münchner Räterepublik wird er 1919 Vorsitzender des "Zentralrats der bayerischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte", später Truppenkommandant der "Roten Armee" nahe Dachau.

Als die Revolution scheitert, werden Münchens Straßen mit einem Fahndungsplakat tapeziert: "Toller ist von schmächtiger Statur und etwa 1,65 bis 1,68 Meter groß, hat ein blasses Gesicht, trägt keinen Bart, hat große braune Augen, scharfen Blick, schließt beim Nachdenken die Augen, hat dunkle beinahe schwarze wellige Haare, spricht schriftdeutsch."

10.000 Mark Belohnung winken demjenigen, der ihn ergreift. Züge werden angehalten, Dörfer umzingelt, sein Vetter verhaftet. Zwar trägt Toller inzwischen einen Schnurrbart, anders als auf dem Plakat behauptet, aber das hilft nichts: Er wird gefasst und im Juni 1919 wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft in Niederschönenfeld verurteilt. Ein vergleichsweise mildes Urteil, das Toller wohl auch dem Soziologen Max Weber zu verdanken hat, der sich vor Gericht für ihn einsetzt.

Die Jahre im Gefängnis werden seine künstlerisch produktivsten: In der Zelle, oft heimlich und im Kerzenschein, schreibt er die Dramen "Masse Mensch", "Die Maschinenstürmer", "Hinkemann" und "Der entfesselte Wotan". Es sind Zeitstücke, tief verwurzelt in der Weimarer Republik: politisches Theater voller Pathos, für den heutigen Geschmack wohl zu naiv und zu pathetisch.

Tollers Autobiografie hingegen besticht bis heute, auch wenn das Hörspiel eher spröde inszeniert ist: eine nüchterne Lesung mit nur wenigen szenischen Einsprengseln bekannter Sprecher wie Brigitte Hobmeier, Maximilian Brückner und Stefan Wilkening.

"Ich bin 30 Jahre, mein Haar wird grau. Ich bin nicht müde", schreibt Toller zu seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1924, mit der sowohl seine Autobiografie als auch das Hörspiel endet.

Zur Ruhe wird er vorerst auch nicht kommen: In der Endphase der Weimarer Republik sieht Toller sich immer wieder mit Morddrohungen konfrontiert, Nazi-Trupps stören die Aufführungen seiner Stücke, Goebbels bezeichnet ihn als Staatsfeind Nummer eins. 1933 flieht er ins Exil, seine Stücke werden verboten, seine Bücher verbrannt, sein Eigentum beschlagnahmt.

Als Künstler verstummt Toller fast vollständig, als politischer Aktivist nicht: Aus der Schweiz, Großbritannien und den USA kämpft er weiter gegen das Nazi-Regime, hält über 200 Ansprachen, Vorträge und Rundfunkreden. Er ist eine der wichtigsten und meist gehörten Stimmen eines anderen Deutschlands.

Am 22. Mai 1939 gibt Toller auf: Er erhängt sich im New Yorker Mayflower-Hotel mit dem Gürtel seines Bademantels, 45 Jahre alt.


Eine Jugend in Deutschland: Hörspiel nach Ernst Toller. Der Hörverlag, München. 3 CDs, Laufzeit 171 Minuten, 24,95 Euro.



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MonaM 18.10.2008
1. Ein großer Autor und Humanist
Zitat von sysopErst Hurra-Patriot, dann Kriegshasser und Revolutionär: Ernst Toller schrieb nicht nur Theaterstücke, sondern führte auch selbst ein bühnenreifes Leben. Seine Autobiografie "Eine Jugend in Deutschland" wurde nun erstmals als Hörspiel inszeniert. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,584269,00.html
Ich habe Ernst Tollers Autobiographie "Eine Jugend in Deutschland" erst vor wenigen Monaten gelesen, ein schmaler Band von nur 167 Seiten, und war begeistert. So schreibt nur ein wahrer Könner, schlicht und nüchtern, aber ausdrucksstark und voller Humor, auch in Form herrlicher Selbstironie. Toller macht die verstörenden historischen Entwicklungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verständlich, das Exil machte ihn auch politisch heimatlos, sein Scheitern war eine Metapher auf die Wirren jener unseligen Zeit. Empfehlenswert ist auch die Autobiographie von Tollers Ehefrau Christiane Grautoff: "Die Göttin und ihr Sozialist. Christiane Grautoff - ihr Leben mit Ernst Toller", hrsg. v. W. Fuld und A. Ostermaier (Weidle Verlag).
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