Leitender "F.A.Z."-Redakteur: Essayist Henning Ritter ist tot

Henning Ritter bei der Buchmesse Leipzig 2011: Preis für die "Notizhefte" Zur Großansicht
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Henning Ritter bei der Buchmesse Leipzig 2011: Preis für die "Notizhefte"

Fast 25 Jahre lang betreute er das Ressort Geisteswissenschaften im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", danach profilierte er sich als Buchautor. Henning Ritter, ein Gebildeter alter Schule, ist in Berlin gestorben, er wurde 69 Jahre alt.

Ausgerechnet ein Autor, der manchmal wie von der Gegenwart berauscht schreibt, lobte den Essayisten: "Henning Ritter entwickelt seine Gedanken aus der Lektüre heraus, im Dialog mit den Denkern der Tradition", schrieb Rainald Goetz 2011 im SPIEGEL, "und als Leser, der in dieses Gespräch einbezogen ist, wird man selbst zu Antwort, Zweifel, Widerspruch, sehr bevorzugt aber zur Zustimmung veranlasst beim Lesen der Notizen." Goetz, der zeitweilige Internet-Tagebuchschreiber, freute sich über die "Notizhefte", kurze, aphorismusartige Aufzeichnungen aus den Jahren 1990-2009, die eigentlich "Stoff zum späteren Nachdenken" hätten sein sollen.

Die "Notizhefte" wirkten so aus der Zeit gefallen wie ihr Autor, Henning Ritter, über den es immer wieder hieß, er betreibe eine "ältere Denkkunst", er sei "ein Gebildeter der alten Schule", so Martin Meyer in der "Neuen Zürcher Zeitung", und zwar "einer der Letzten solcher Spezies". Und doch waren es gerade dieser so andere Ton, sein Understatement, die Eleganz seines Stils, die Ritters Texte für die Gegenwart so anregend machten.

Henning Ritter wurde 1943 geboren, studierte an der Freien Universität in Berlin Kunstgeschichte, Philosophie und Altphilologie, schlug aber keine große akademische Laufbahn ein. Ritter übersetzte Werke von Rousseau, gab die Buchreihe "Europäische Bibliothek" heraus und rief 1985 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" das Ressort Geisteswissenschaften ins Leben. Seine Kollegen erinnern sich an Ritter als einen "Redakteur der alten Schule" - da ist der Begriff wieder - er sei "der sorgfältigste Gegenleser, den man sich wünschen konnte", gewesen.

2008 schied er bei dem Blatt aus, zog nach Berlin zurück, und widmete sich zunehmend dem Verfassen von Büchern. Neben den "Notizheften" - "schon jetzt ein Klassiker der Gegenwart", schrieb die "Zeit" - wurden auch seine Studien über das Mitleid, über die Grausamkeit und die Denker des 20. Jahrhunderts mit großem Interesse aufgenommen.

2011 wurde Henning Ritter für die "Notizhefte" der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik verliehen. Zuvor bereits hatte er unter anderem den Ludwig-Börne-Preis erhalten (von Michael Krüger), ebenfalls 2005 bekam er den Friedlieb-Ferdinand-Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung. Fünf Jahre zuvor schon erhielt Ritter die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg.

Am Sonntag ist Henning Ritter nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin gestorben, wie seine langjährige publizistische Heimat, die "F.A.Z." meldet. Er wurde 69 Jahre alt.

feb

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