Facebook-Skandal Die verlorenen Illusionen des Internets

Wer bezahlt für Facebook? Wir alle, indem wir es benutzen. Und man zahlt hier nicht mit Geld, man zahlt hier mit seinem Leben.

Mark Zuckerberg
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Mark Zuckerberg

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Facebook ist eine Gefahr für die Demokratie. Das ist keine besonders originelle Aussage, und sie ist auch nicht von mir. Und es geht dabei nicht primär um Millionen von Daten, die eine kleine Firma mit schmutzigen Absichten genutzt hat, um die Demokratie zu verbiegen. Es geht nicht um Russen, Cambridge Analytica oder Trump.

Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres: Wenn jemand wie Sandy Parakilas, eine ehemalige Managerin von Facebook, zuständig für Privatsphäre, auf die Gefahren für die Demokratie verweist, dann hat sie die ganze Firma in ihrer destruktiven Logik im Blick. Die Regierung, sagte sie, muss Facebook regulieren, zum Schutz der Bürger.

Was ist da passiert? Sie wollten doch einfach "Menschen verbinden"? Sie wollten doch nur, dass diese Menschen sich Fotos voneinander anschauen und Videos und Katzen und möglichst viel Zeit, äh, miteinander verbringen, und das ist es doch, das gute Leben, das ist es doch, die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts?

Nun, nicht ganz, und die Geschichte, wie es dazu gekommen ist, dass wir alle, also die zwei Milliarden Menschen, die Facebook benutzen, nicht gesehen haben, was da wirklich passiert, ist eine Geschichte von Selbsttäuschung, Ignoranz und einer Technologie, die selbst die, die diese Technologie erschaffen haben, nicht in all ihren Konsequenzen verstehen.

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Andererseits, die Grundannahme von Facebook, wie auch die Grundannahme von anderen Internet-Monopolisten wie Google, ist ja so offensichtlich, dass sie kaum zu übersehen ist: Sie bieten ein Produkt an, das zum Teil sehr verführerisch ist und mehr oder weniger gut, und wer dieses Produkt benutzen will, wir leben nun mal im Kapitalismus, der muss dafür bezahlen.

Aber wie bezahlt man für Facebook? Ganz einfach, indem man es benutzt. Denn das Produkt, so stellt sich heraus, ist nicht Facebook. Der Deal ist ein anderer: Das Produkt ist der Benutzer. Man zahlt hier nicht mit Geld, man zahlt hier mit seinem Leben.

Die Frage ist nur: Wusste es niemand? Oder wollte es niemand wissen? Anders gesagt: Wie mächtig ist die Kraft der Illusion oder der Dummheit, wenn doch sonst alles bezahlt werden muss in dieser Welt?

Alles kann zur Ware werden

Facebook zeigt das nur auf besonders radikale Art und Weise: Alles kann zur Ware werden. Freundschaften werden zur Ware, Erinnerungen werden zur Ware, Menschen werden zur Ware. Facebook ist damit, ganz freudianisch, das Es des rabiaten Kapitalismus.

Das "Daten-Leck", das gerade bekannt wurde, ist damit kein Fehler des Systems; es ist das Wesen des Systems, das darauf aufbaut, die Informationen der Nutzer zu nutzen, um damit Geld zu verdienen. Und die Perversion besteht nicht darin, dass Facebook viel Geld verdient; die Perversion besteht darin, dass sie nicht gesagt haben, womit.

Das ist das erste Argument für die zerstörerische Kraft von Facebook: das Geschäftsmodell, das auf Werbung beruht, was kein Problem wäre, wenn es um Seife ginge; es geht aber um die Art und Weise, wie Gesellschaft, öffentliche Meinung, Demokratie oder Diktatur im 21. Jahrhundert funktionieren.

Wie naiv muss man also sein, wenn man, wie Mark Zuckerberg in seinem Weltverbesserungsvorschlag vom vergangenen Jahr, als Ziel seines Unternehmens formuliert, dass man die digitale Zivilgesellschaft für unsere Zeit schaffen will - oder eben wie verlogen, denn das Unternehmen beruht auf Profit, und Profit und Zivilgesellschaft schließen sich eben aus?

Zuckerberg sagt ja selbst immer wieder, dass er nicht weniger als die Informations-Infrastruktur bauen will, die das Leben der Menschen organisiert - aber wer würde schon wollen, dass jedes Wohnzimmer, jede Waldlichtung, jeder stille Ort, jede öffentliche Kundgebung von einer Firma kontrolliert, organisiert, verwertet wird, geleitet von einem Mann, der nicht in der Lage ist, die Rolle von Staat und Gesellschaft zu denken oder gar zu beschreiben, vielleicht einfach auch, weil er zu wenig Zeit hatte nachzudenken, bevor er reich und mächtig wurde.

Zuckerberg hat diese persönliche Unfähigkeit zur Einsicht wieder und wieder gezeigt, bei seiner Rede in Harvard im vergangenen Jahr und in den Interviews seitdem. Das Drama des Mark Zuckerberg ist damit das Drama seiner eigenen Beschränktheit, manche nennen es Techno-Optimismus; das Drama des Mark Zuckerberg ist aber auch das Drama der Demokratie, denn er kontrolliert den Raum, in dem Öffentlichkeit passiert.

Das Soziale also, der Ort, an dem Gesellschaft sich konstituiert, wird privatisiert - wie absurd, wie obszön, wie demokratiefeindlich, denn es bedeutet ja nur das Ende der Öffentlichkeit und das Ende des Sozialen. Der Widerspruch ist eigentlich allzu offensichtlich; und dennoch redet Zuckerberg, auch in den Interviews der aktuellen Krise, als ob er das Wohl der Welt im Sinne hätte.

Verzerrte Weltsicht

Dieses verzerrte Weltbild erklärt auch, warum Mark Zuckerberg, wie so viele andere Techno-Optimisten, nicht wirklich versteht, was seine Erfindung anrichtet: der Schaden für die Medien etwa, die ihr Geschäftsmodell verlieren, was den Journalismus als eine andere und kritisch konstruierte Öffentlichkeit ersetzt, die durch eine rein affirmative, manipulative und hysterische Plattform ersetzt wird.

Das Ergebnis: Facebook und andere soziale Medien, so sagte es Chamath Palihapitiya, der 2011 Facebook als Vizepräsident mit "riesigen Schuldgefühlen" verließ, hat Werkzeuge gebaut, die "den sozialen Zusammenhalt zerstören" - seinen Kindern verbietet er deshalb auch Facebook, genauso wie es Sean Parker tut, der erste Präsident von Facebook, der später reuig feststellte, er habe wohl nie die Folgen dessen verstanden, was er damals bei Facebook sagte und tat.

Und hier, bei der eigentlichen Funktionsweise von Facebook, bei den Mechanismen, die Aufmerksamkeit und Bestätigung erzeugen, bei der geheimen Macht der Algorithmen und der Architektur der Webseite, liegt der Kern dessen, was Facebook zu einer Gefahr für die Demokratie macht: ein Menschenbild, das die komplexe Wirklichkeit auf Zustimmung und Likes reduziert und damit eine Dynamik in Gang setzt, die zu immer einfacheren Antworten führt.

Die Verhaltenspsychologie, die all dem zugrunde liegt, hat ihre Wurzeln in der Propaganda und im Krieg - es ist also nur logisch, dass soziale Medien, so wie sie heute beschaffen sind, zu Waffen werden, wie es etwa Scott Galloway sagt; im Bürgerkrieg in Myanmar hat man gerade gesehen, welche massenmörderischen Konsequenzen das haben kann.

Das alles, und das muss man in diesen Tagen immer wieder sagen, hat weniger mit dem Wesen der Technologie selbst zu tun, die ja tatsächlich die Möglichkeit des Guten in sich birgt; es hat vor allem damit zu tun, wie die sozialen Medien beschaffen sind.

Hier also muss man ansetzen, bei der inneren Logik von Unternehmen wie Facebook. Hier ist ein möglicher regulativer Ansatz - denn das ist der erste Schritt: Facebook muss und wird reguliert werden, so wie all die anderen Monopolisten des digitalen Zeitalters reguliert werden müssen, so wie es auch im ersten monopolistischen Zeitalter des zu Monopolen neigenden Kapitalismus war, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Zuckerberg selbst spricht schon davon, aber auf eine Art und Weise, die zeigt, dass er nicht verstanden hat, wie ernst die Lage ist: Es geht darum, diese Firmen, die zu groß geworden sind, zu zerschlagen, im Sinne des Wettbewerbs- und Kartellrechts - so wie all die Monopole zerschlagen werden mussten und zerschlagen wurden, die der Kapitalismus schafft, wenn er sich ungeregelt entwickeln darf.

Es sei ein "tödlicher Kampf zwischen Politik und Technologie", so hat es Peter Thiel einmal zusammengefasst, einer der ersten Investoren in Facebook. Ich sehe das anders. Ich glaube, es gibt eine inhärente demokratische Logik in der Technologie, die nur zum Nutzen von Politik und Gesellschaft angewendet werden muss.

Die Geschichte von Facebook ist eben auch die Geschichte der verlorenen Illusionen des Internets. Was nicht heißt, dass das utopische Potential nicht da wäre. Es muss nur gesehen und genutzt werden. Es ist der Kampf dieser Generation.

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Gleichstrom 25.03.2018
1.
Die Kombination aus erschreckender Naivität und wenig nachdenklichem Machertum hat mich an Zuckerberg immer erschreckt. "Erstmal machen, wird bestimmt alles gut!" - nein, erstmal die Folgen einschätzen! Wann schnallen wir dummen Menschen das endlich, daß unser Kardinalfehler seit wir technische Systeme entwickeln nie darin lag, sie zu spät anzuwenden, nie darin, daß sie zu unnütz waren, sondern immer darin, daß nicht der verantwortungsvolle, sondern einzig der gewinnbringende Einsatz darüber entscheidet, was wann in welchem Maßstab eingesetzt wird? Alles, was an Skandalen und Skandälchen so im Lauf der Zeit über Facebook bekannt wurde, hat mich wieder und wieder darin bestätigt, daß diese Nummer ohne mich läuft. Zum Glück, zurecht, noch immer. Seid Demokraten: Meldet Euch ab!
spon_4_me 25.03.2018
2. Du meine Güte,
Herr Diez, geht‘s bei Ihnen auch eine Nummer kleiner? Kampf dieser Generation, das Ende der Öffentlichkeit und das Ende des Sozialen - alle Wetter. Mich überrascht vor allem, wie offenbar naiv-blumenkindlich SPON-Redakteure (ausser Herrn Lobo, aber inklusive Ihrer Netzweltexpertinnen) bislang das Internet gesehen haben. Weshalb, das wird mir in Anbetracht Ihrer Intelligenz und Bildung ein Geheimnis bleiben. Sie müssten nur mal im eigenen Haus zu den Content Managern (oder wie die heißen mögen) hinuntersteigen und sich ein wenig Nachhilfe zu IP-Tracking geben lassen. Sie könnten in Ihrem Artikel das Wort FB durch „Buchdruck“ ersetzen und klängen dann in etwa so wie dazumal die kirchlichen Wissensmonopolisten angesichts von Gutenbergs Erfindung. Und ja: Das Internet hat - wie damals der Buchdruck - viele und schlimme Schattenseiten. Es gibt eine Ochlokratisierung des Wissens; man braucht viel Stroh für ein paar Nadeln; Leute lügen und verdienen Geld damit, Leute lügen und werden Präsident damit. Warum deshalb so eine Jeriminade? Das ist der Welten Lauf, wie schon Heine sagte. Und sehen Sie es doch einmal so: Jede Fehlentwicklung ist eine evolutionäre Chance, das System besser an seine Umstände anzupassen. Nicht mehr nicht weniger. Und wenn Ihnen um die Zukunft bang ist, lesen Sie Stephen Pinkers neues Buch. Das macht Mut.
cerberus66 25.03.2018
3. Deutschlands heimliche Datenkrake
Also wenn wir damit anfangen, dann ganz von Anfang an: es gibt eine Organisation in Deutschland, die weiß wirklich alles Wichtige über jeden erwachsenen Menschen. Diese Organisation ist seit Jahrzehnten tätig und gerade seit den Nuller Jahren wird sie von der Politik zu einer gefräßigen Datenkrake weiterentwickelt. Liebe Leute, kommt mir bitte nicht mit Facebook, solange euer Finanzamt über die allerwichtigsten Dinge über euch Bescheid weiß. FB ist ein Kinderspielzeug. Wenn ihr in FB von der letzten Weihnachtsfeier bei eurem Arbeitgeber postet, dann ist das eure Entscheidung. Beim Finanzamt habt ihr und euer Arbeitgeber diese Freiheit nicht, sonst seid ihr ganz schnell Hinterzieher. Die Datenkrake Finanzamt ist erheblich schlimmer als FB.
chico 76 25.03.2018
4. Man
bezahlt mit seinem Leben? Geht es nicht etwas kleiner? *Der Satz: " was seine Erfindung anrichtet: der Schaden für die Medien etwa"......* enthüllt das Leben, um das es geht, dem manipulativen Journalismus. Wer Facebook/Twitter u.a. nutzt kann Meinungsfreiheit ausüben ohne zensiert zu werden, wie es viele Foren praktizieren.
raoul2 25.03.2018
5. Interessanter Kommentar
Und nun? Wer glaubt denn wirklich, daß Zuckerberg "das Gute" im Sinn hatte und hat? Es ging und geht auch ihm nur und ausschließlich um Geld. Das hat doch jeder, der sich auf die "Krake" engelassen hat, von Anfang an gewußt. Und hat sich mehr oder weniger (meist weniger) konsequent darauf eingelassen, solange es unter'm Strich so aussah, als könne man es zumindest ansatzweise "steuern". Bleibt also nur das späte Aussteigen? Oder ist es nicht längst schon viel zu spät?
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