Fälschungs-Affäre Chefredakteure der "New York Times" treten zurück

Der Fälschungs-Skandal um den "New York Times"-Reporter Jayson Blair zieht Kreise: Nach massiver Kritik an ihrem sorglosen Umgang mit dem jungen Journalisten sind Chefredakteur Howell Raines und sein Stellvertreter Gerald Boyd zurückgetreten.


"Times"-Chefs Boyd, Raines, r.: Hartes Regiment im Newsroom
AP

"Times"-Chefs Boyd, Raines, r.: Hartes Regiment im Newsroom

New York - "Dies ist ein Tag, der mein Herz bricht", sagte "Times"-Herausgeber Arthur Sulzberger laut einer Meldung der Nachrichtenagentur AP am Donnerstagmorgen zu seiner Belegschaft. Zuvor hatten Executive Editor Howell Raines und sein Stellvertreter, Managing Editor Gerald Boyd, ihren Rücktritt erklärt. Sulzberger dankte den beiden Chefredkateuren dafür, die Interessen des krisengeschüttelten Blattes vor ihre eigenen zu stellen.

Noch vor zwei Wochen, kurz nachdem der Fälschungs-Skandal um den "Times"-Reporter Jayson Blair enthüllt worden war, hatten sich die beiden verantwortlichen Redakteure, die von den unlauteren Machenschaften ihres Untergebenen offenbar nichts mitbekamen, gegen Rücktrittsforderungen seitens der Medien gewehrt. Doch nun wurde der Druck offenbar zu groß.

Im Zuge der Ermittlungen der eilig einberufenen redaktionsinternen Kommission, die klären soll, wie Blair über Monate hinweg kontinuierlich Geschichten und Reportagen fälschen oder erfinden konnte, waren die Vorwürfe gegen Raines und Boyd immer lauter geworden. Offenbar hatten die beiden Chefredakteure Blair sogar noch auf den "Sniper" von Washington D.C. angesetzt, nachdem der Ressortleiter der "Metropolitan Section" schon längst Bedenken bezüglich der Fehler und Ungenauigkeiten des jungen Reporters angemeldet hatte.

Die "New York Times" gab bekannt, dass zunächst der frühere Chefredakteur Joseph Lelyveld vorübergehend Raines' Posten übernehmen wird. Lelyveld, 66, der 2001 nach sieben Jahren als Chefredakteur in den Ruhestand ging, hat viel für das ehrwürdige Blatt getan. Unter seiner Führung gewann die "New York Times" 12 Pulitzer-Preise.

Howell Raines wurde nur wenige Tage vor den Anschlägen vom 11. September 2001 zum Chefredakteur berufen. Im darauf folgenden April gewann die "Times" sieben Pulitzer-Preise, fünf für die Berichterstattung über die Attentate, zwei für die Berichte über den Krieg in Afghanistan. Raines' Regiment im berüchtigten Newsroom der Zeitung war hart. Für seinen autokratischen Führungsstil und seine gutsherrenhafte Bevorzugung einzelner Journalisten wurde der 60-Jährige oft kritisiert. Mitarbeiter charakterisierten ihren Chef als unzugänglich und arrogant. Raines, der zuvor acht Jahre für die "editorial page" des Blattes zuständig war und später die Außenbüros in Washington und London leitete, gewann 1992 einen Pulitzer-Preis für ein Feature über seine Kindheit im US-Bundesstaat Alabama.

"Times"-Herausgeber Sulzberger würdigte die beiden scheidenden Chefredakteure in einer Mitteilung. Beide hätten "enorme Beiträge" während ihrer Dienstzeit geleistet. "Ich weiß ihre Anstrengungen zu schätzen, das Erbe dieser großartigen Zeitung fortzuführen", sagte Sulzberger.

Ein Nachfolger für den Posten des Managing Editors, der gleichzeitig die Funktion des Chefs vom Dienst einnimmt, wurde am Donnerstag noch nicht benannt.



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