Fälschungsskandal bei der "New York Times" "Schlimmer als der Tod"

Der Fälschungsskandal bei der "New York Times" zieht Kreise. Die Staatsanwaltschaft stellt Fragen, die "Rassenkarte" kommt ins Spiel, die Redaktion mauert sich ein. Selbst nie zimperlich bei der Vorführung anderer Missetäter, findet sich die Gralshüterin des investigativen Journalismus plötzlich auf der falschen Seite wieder.

Von , New York


"Times"-Artikel über die Fälschungs-Affäre: 7500 Worte der Richtigstellung

"Times"-Artikel über die Fälschungs-Affäre: 7500 Worte der Richtigstellung

New York - Der historische Offenbarungseid dauerte mehr als zwei Stunden. In einem Theatersaal stellte sich das Führungstrio der "New York Times" am Mittwochabend dem Zorn der Belegschaft: Herausgeber Arthur Sulzberger, Chefredakteur Howell Raines, Stellvertreter Gerald Boyd. "Ich bin hier, um mir euren Ärger anzuhören", sagte Raines. Die Rücktrittsforderung eines Reporters, so lancierten Teilnehmer nach der Veranstaltung, lehnte er aber strikt ab - sekundiert von Sulzberger: Er würde eine Kündigung sowieso nicht annehmen.

Die Spitze der "New York Times" ist in der Defensive. Der Fälschungsskandal um den jungen Star-Reporter Jayson Blair zieht immer weitere, dramatischere Kreise. Das "blaue Auge" (zu Englisch "black eye", angesichts der Hautfarbe Blairs eine interessante Wortwahl Sulzbergers) wuchert zum Geschwür.

Rücktritt? Eine solche interne Revolte gab es in der 152-jährigen Geschichte der "grauen Lady" noch nie. "Dies waren die schlimmsten zehn Tage, die ich hier erlebt habe", klagt "New York Times"-Veteran Clyde Haberman. "Schlimmer als der Tod." Es ist, so fürchten manche, ein Tod auf Raten. Denn die Affäre ist längst über ihre nackten, peinlichen Fakten hinausgewachsen.

Immer drängendere Fragen werden laut. Wie konnte Blair, 27, über vier Jahre hinweg unertappt lügen, fälschen, erfinden, verdrehen, vortäuschen und fabulieren (und obendrein fortgesetzten Spesenbetrug begehen)? Warum haben die Chefs ihn so lange, trotz Protesten aus der Redaktion und mehr als 50 Richtigstellungen im Blatt, weiter protegiert? Etwa, weil Blair schwarz ist und sich die "New York Times" die "affirmative action", die Förderung von Minderheiten, stoisch auf die Fahne geschrieben hat? Oder vielleicht, weil Blair mit der Exil-Polin Zuza Glowacka verbandelt war, deren Freundin und Landsfrau Krsystyna Stachowiak, wie die Lokalkonkurrenz "New York Post" genüsslich kolportiert, Raines' Gattin ist?

Und: Was sagt das Debakel bei der einflussreichsten Zeitung der USA, die sich gerade erst unter heftigem Schulterklopfen einen Ehrenkodex gegeben hat, über das journalistische Wesen im Allgemeinen?

Die schärfsten Vorwürfe kommen aus dem eigenen Hause. Etwa von William Safire, dem legendären "Times"-Kolumnisten und einstigen Ghostwriter Richard Nixons. Ein weißer Reporter, sagt der, wäre sofort gefeuert worden: "Das passiert, wenn man einen Minderheiten-Angestellten mit Samthandschuhen anfasst, der es verdient, rausgeworfen zu werden." (Am Ende wagte die Chefredaktion nicht mal das: Blair durfte "freiwillig" kündigen.)

Auch Howard Kurtz, der Medienkritiker der "Washington Post", der als erster über den Fall berichtete, fragt sich, "ob ein weißer Schreiberling mittleren Alters mit 50 Korrekturen so einfach davon gekommen wäre". Pikantes Detail: Blairs Mentor, der Vizechefredakteur Boyd, ist ebenfalls schwarz.

"Habe ich Jayson persönlich bevorzugt?" sinnierte selbst Raines auf der Krisensitzung am Mittwochabend. "Nicht bewusst." Doch die Frage sei durchaus gerechtfertigt, ob er, "als weißer Mann aus Alabama", Blair "eine Chance zu viel gegeben" habe. "Wenn ich in meinem Herzen nach der Wahrheit suche, ist die Antwort Ja." Solche Töne schrecken den schwarzen "Times"-Kolumnisten Bob Herbert. "Die Gegner der Minderheiten-Förderung", fürchtet er, "werden diese Sache nun schamlos ausnutzen." Die Gräben sind gezogen.

"Times"-Reporter Blair: "Ich ringe mit den Dingen, die mir schwere Schmerzen bereitet haben"
AP / New York Times

"Times"-Reporter Blair: "Ich ringe mit den Dingen, die mir schwere Schmerzen bereitet haben"

Alex Jones, Journalismus-Professor an der Harvard-Universität, sieht in der Affäre die Symptome einer Krankheit des gesamten US-Pressewesens. Denn ihm ist etwas Seltsames aufgefallen: "Keiner derjenigen, denen Blair Worte in den Mund gelegt hat, habe sich je beschwert." Mit anderen Worten: Das Renommée einer Zeitung, selbst wenn sie so legendär ist wie die "New York Times", sei ohnehin längst im Keller. "Die Leute zucken nur mit den Schultern und sagen: Was will man schon erwarten?"

Blair, sagt Medienkorrespondent Sridhar Pappu vom "New York Observer", war ein typisches Kind eines Konkurrenzsystems, das "der Arroganz einer großen Institution, die unanfechtbar geworden ist", entsprang. "Ein Produkt einer hyper-ambitionierten Generation, die in Journalistenschulen herangezüchtet werden."

Das merkte auch Blairs ehemaliger Co-Volontärin Macarena Hernandez: "Jayson war sehr ehrgeizig, der wollte Journalist werden, bevor er sprechen konnte." Ironischerweise war es Hernandez, die Blair nun auffliegen ließ: Er hatte ganze Passagen einer Reportage abgekupfert, die sie im "San Antonio News-Express" über die Mutter eines im Irak gefallenen US-Soldaten veröffentlicht hatte.

Blairs Fälschungen unter der Nase seiner Vorgesetzten waren so schamlos, dass sich jetzt sogar die Justiz dafür interessiert. Das Büro des Generalstaatsanwalts von Manhattan hat bei der "New York Times" schon mal höflich nach "Infomationen" nachgefragt (welche die Zeitung den Ermittlern ebenso höflich verweigerte). Die Fahnder halten sich bisher bedeckt, welcher konkrete Strafbestand hier geltend gemacht werden könnte. Ex-Staatsanwalt Matthew Fishbein tippt auf obskure Betrugsklauseln im Postgesetz, aus denen Juristen meist dubiosen Politikern eine Schlinge zu drehen versuchen.

Kein Wunder, dass der Verlag den 375 "Times"-Reportern striktes Sprechverbot erteilt hat. Die Schreiber, deren Job es ist, "Quellen" zum Reden zu bringen, müssen sich den Fragen der Kollegen nun mit dem verhassten "no comment" entziehen. "Im Moment geben wir keine Interviews", wiegelt "Times"-Sprecherein Catherine Mathis alle Erkundigungen ab. Die 7500 Worte Richtigstellung vom Sonntag (sieben mal so viele, wie die Zeitung auf den Beginn des Irak-Kriegs verwandte) sollen da genug sein.

Trotzdem konnte Mathis nicht verhindern, dass erboste Mitarbeiter nach der Sitzung vom Mittwochabend doch plauderten. Allen voran der leitende Redakteur R.W. Apple. "Die Leute sind sehr entmutigt", berichtete er über die Diskussion mit Sulzberger, Raines und Boyd. Da half auch ein E-Mail Raines' an alle Mitarbeiter nicht, in dem er den Einsatz einer internen Untersuchungskommission versprach.

Wie geht es weiter? Raines räumte vor der Mitarbeiterversammlung seine persönliche "Schuld am Versagen der Wachsamkeit" ein - und verwies entschuldigend auf seinen Ruf, "unzugänglich und arrogant" zu sein. Erstaunlich demütige Worte für einen, der vor kurzem noch in einem Interview seinen Anspruch formulierte, "die Hochkultur zu dominieren". Angeblich ist jetzt der Aufsichtsrat des Verlags auf die wachsende Unzufriedenheit in der Redaktion "aufmerksam" geworden. "Raines Probleme haben gerade erst begonnen", sagt ein Redakteur.

Jayson Blair ist derweil untergetaucht. Er beantwortet weder sein Mobiltelefon, noch E-Mails. Nach Informationen von "Newsweek" liegt er mit einer Art Nervenkollaps im Krankenhaus. Der "Associated Press" übermittelte Blair eine Stellungnahme, in der er sich entschuldigte, sich selbst zugleich aber als größtes Opfer der Affäre darstellte: "Ich ringe mit den Dingen, die mir schwere Schmerzen bereitet haben." Auf weitere Fragen gab er keinen Kommentar.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.