Kunstfälschung Karl Waldmann, das Dada-Phantom

Das Dresdner Kunsthaus hat Werke aus der Ausstellung "Boundary Objects" entfernt, die einem angeblichen Dadaisten der Zwanzigerjahre zugeschrieben werden. Dessen Existenz ist allerdings äußerst zweifelhaft.

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Courtesy Galerie Pascal Polar

Im kulturbeflissenen Dresden ist das Kunsthaus einer der wenigen Orte, wo bildende Kunst nicht zwangsweise prominent, sondern politisch-konzeptionell im besten Sinne des Wortes ist. Die städtische Galerie für Gegenwartskunst hat eine eingeschworene Fangemeinde in Sachsen und ist auch manchem in der Kunstszene jenseits des Champagner-und-Häppchen-Vernissage-Zirkus' durchaus ein Begriff. Nur Schlagzeilen in den überregionalen Feuilletons produzieren Kunsthaus-Chefin Christiane Mennicke-Schwarz und ihr Team damit nicht.

Das ist derzeit mit "Boundary Objekts", einer Ausstellung, die sich mit dem Kolonialismus auseinandersetzt, ganz anders. Doch nicht das kuratorische Konzept beschäftigt seit mehr als einer Woche die Kunstkritiker-Gemeinde, sondern einzelne Exponate: Elf weithin unbekannte Collagen, die in ihrer Machart ein wenig an den Dadaisten Kurt Schwitters und den kommunistischen Polit-Graphiker John Heartfield erinnern. Die Werke, die mit K.W. signiert sind, stellte ein belgischer Sammler und Galerist dem Dresdner Kunsthaus als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung.

Das Signum soll für einen gewissen Karl Waldmann stehen. Doch jener Waldmann ist gänzlich unbekannt, und seit Tagen mokieren sich die Feuilletonisten, allen voran Thomas Steinfeld in der "Süddeutschen Zeitung" über fehlende Belege für die Existenz des angeblichen Urhebers der Arbeiten. Steinfeld wirft den Ausstellungsmachern im Kunsthaus vor, die Authentizität der Collagen nicht geprüft und damit Exponate präsentiert zu haben, deren Herkunft äußert fragwürdig ist.

Gestern zog die Leitung des Kunsthauses die Konsequenzen, wohl auch auf sanften Druck des Hauptfinanziers des 160.000 Euro teuren Projekts, der Kulturstiftung des Bundes. "Im Einvernehmen mit den Förderern" habe man entschieden, "die dem Künstler Karl Waldmann zugeschriebenen Arbeiten aus der laufenden Gruppenausstellung zu entfernen", heißt es in einer Pressemitteilung.

Gieriger Kunstmarkt

Plötzlich befand sich das konzeptionell arbeitende Kunsthaus mitten in einem Strudel, der bisher immer mal namhafte Museen, Auktionshäuser und Kunsthandel erfasst hat. Sind die Collagen Fälschungen, künstlerisch wertloser Ramsch, die durch öffentliche Präsentation geadelt und damit für einen Kunstmarkt attraktiv gemacht werden sollten, der nach bisher unbekannten Werken der Avantgarde aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren geradezu giert? Oder soll hier eine für Dresden unbequeme Ausstellung diskreditiert werden, in dem sie zum "Fälschungsskandal hochgejuxt wird", wie ein Kunsthaus-Unterstützer auf Facebook mutmaßte?

Nicht zum ersten Mal wurden Collagen, signiert mit dem Kürzel K.W., ausgestellt. Einzelne dieser Arbeiten waren unter anderem in Mailand, Brüssel und Straßburg zu sehen. Im Mai 2005 illustrierte "Le Monde Diplomatique" ein ganzes Themenheft zum 2. Weltkrieg ausschließlich mit angeblichen Waldmann-Collagen. Vor allem wurde mit den Arbeiten auch gehandelt: Allein 150 Verkäufe sind auf der Homepage von Pascal Polar, des Leihgebers für die Dresdner Ausstellung, vermerkt.

Die Preise, die dafür aufgerufen wurden, lagen zwischen ein paar 1000 Euro und mehr als 10.000 Euro. Es kauften offenbar private Sammler in Asien, Russland, den USA und Europa, womöglich wissend, dass die Arbeiten nicht datiert werden können und zur Herkunft des Künstlers nahezu nichts bekannt ist. Das zumindest sagt Verkäufer Polar.

Angeblich soll Waldmann aus dem Umfeld des Bauhauses stammen, entweder in Dresden oder in der Umgebung geboren sein, Daten sind aber nicht bekannt. Und 1958 soll er dann einfach verschwunden sein. Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks gibt es auch keine Spuren zu seinem angeblichen künstlerischen Werk, das nach Angaben von Polar über 1000 Arbeiten umfassen soll. 1989 sollen dann Collagen auf einem polnischen Flohmarkt aufgetaucht sein, ein französischer Journalist für kleines Geld dort kaufte.

Diskrete Branche

Jener Journalist verkaufte dann die ein oder andere Arbeit, meist an Antiquariate. 2001 auch gleich dutzendweise an den belgischen Galeristen Polar. Auch dessen Pariser Kollege Marcel Fleiss zeigte sich anfangs sehr interessiert am unbekannten Avantgarde-Oeuvre. Doch als der Pariser Galerist 2005 mit der angeblichen Waldmann-Collage "Jugend und Arbeiter" in Kontakt kam, wurde er skeptisch. Diskret, wie für die verschwiegene Branche üblich, stellte er nun Nachforschungen an. Erst erkundigte er sich bei der Stadt Dresden, die aber weder in Melderegistern oder Akten der Standesämter Hinweise auf einen Karl Waldmann fand.

Dann wandte sich der Pariser Galerist an eine Dresdner Kollegin, die sich in der Moderne der Zwanzigerjahre bestens auskennt, nach etwaigen künstlerischen Spuren. Ihre schriftliche Antwort war ernüchternd: "Jeder meint hier, dass es diesen Karl Waldmann in Dresden nicht gab." Möglicherweise, so die Galeristin, handele es bei den Collagen "um genial neu angefertigte Arbeiten in Russland" - ähnlich der Fälschungen russischer Avantgarde-Künstler, wie sie in jenen Jahren den internationalen Kunstmarkt überschwemmten.

Schließlich ließ Fleiss die Arbeit auch noch chemisch untersuchen. Das Gutachten des Laboratoire MSMAP legte offen, dass die Arbeit frühestens in den Vierzigerjahren entstanden sein konnte, da Papieraufheller nachgewiesen wurden, "die erstmals während des 2. Weltkrieges benutzt wurden".

Daraufhin ließ Fleiss künftig die Finger von dem angeblichen Avantgarde-Künstler. Allerdings hängte der Galerist damals seine Erkenntnisse zu Waldmann auch nicht an die große Glocke. Denn tauchen erst einmal öffentlich Gerüchte über Fälschungen eines Vertreters einer bestimmten Kunstrichtung auf, weitet sich das Misstrauen auf weitere Vertreter aus - vor allem bei Avantgarde-Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, die weit einfacher zu fälschen ist als beispielsweise ein Raffael oder andere Künstler der italienischen Renaissance.

Dass dieses Schweigen der Branche nun fast zehn Jahre später gebrochen wird, dürfte weniger mit der Präsentation der angeblichen Waldmann-Collagen in der Dresdner Kolonialismus-Ausstellung zu tun haben als mit den Empfindlichkeiten des Kunstmarktes.

Im vorigen Jahr zog das Londoner Auktionshaus Sothebys überraschend eine Collage des tschechischen Avantgarde-Künstlers Jindrich Styrsky aus der Versteigerung zurück, nachdem der belgische Galerist Polar behauptet hatte, die Arbeit hätte unverkennbar die Handschrift von Karl Waldmann.

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