Riesiger Kunstschatz in München Picasso zwischen Konservendosen

Der Kunst-Krimi von München klingt ungeheuerlich. Ein Sonderling soll die Werke großer Meister jahrzehntelang in seiner Behausung versteckt haben. Wie es mit den sichergestellten Werken weitergeht, ist derzeit unklar - eventuell müssen die Behörden sie sogar zurückgeben.

Corbis

Fauliges Essen stapelt sich auf selbstgezimmerten Möbeln, dazwischen stehen Gemälde von Malern wie Picasso, Chagall, Nolde und Spitzweg - Werke mit Millionenwert: Die Umstände, unter denen Fahnder laut einem Bericht des Magazins "Focus" in einem muffigen Münchner Apartment eine Kunstschatz gehoben haben, lesen sich wie Zeilen eines Kriminalromans. Und wie es scheint, hat diese Geschichte gerade erst begonnen.

Der Verdächtige: Ein mittlerweile 80-jähriger Mann. Laut "Focus" kontrollierten ihn Zollbeamte auf einer Zugfahrt in die Schweiz schon im Jahr 2010 und fanden 9000 Euro Bargeld in seiner Tasche. Obwohl dieser Betrag nicht angemeldet werden musste und der Mann sich nicht schuldig machte, beschattete die Polizei ihn in der Zeit nach dem Vorfall. "Ohne konkreten Verdacht", heißt es in dem Magazin. Trotzdem erteilte ein Gericht im Frühjahr 2011 Fahndern die Erlaubnis, die Wohnung des Mannes zu durchsuchen.

Die Entdeckung: Wie der "Focus" berichtet, stapelten sich in dem Münchner Apartment Teller mit Essensresten, Konservendosen und Lebensmittelpackungen, teilweise mit einem Haltbarkeitsdatum versehen, das aus dem vergangenen Jahrtausend stammt. Fast alle Fenster seien verriegelt gewesen. Dazwischen angeblich: Meisterwerke mit Millionenwerten. Gemälde, Zeichnungen, Radierungen von Pablo Picasso, Emil Nolde, Carl Spitzweg, Henri Matisse. Eine Mischung aus Louvre und Messie-Behausung. In dem Artikel ist von insgesamt 1500 Exponaten die Rede.

Die Hintergründe: Der Vater des Mannes, so das Magazin, war vor dem Zweiten Weltkrieg ein bekannter Kunsthändler. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sei er zunächst von seinem Posten als Hamburger Museumsdirektor verjagt worden - offenbar wegen seiner jüdischen Vorfahren. Weil er jedoch ausgezeichnete Kontakte in der Kunstszene pflegte, sei er damit beauftragt worden, beschlagnahmte Werke aus der Ausstellung "Entartete Kunst" zu verkaufen - ausgerechnet jener Sammlung, für die die Nazis Tausende Werke zusammengerafft hatten, und bei der vor allem viele jüdische Händler dazu gezwungen wurden, ihre wertvollsten Schätze zu lachhaften Preisen abzugeben. Laut "Focus" werden mindestens 300 der in München aufgetauchten Bilder der "Entarteten Kunst" zugeordnet. Der Vater des Verdächtigen blieb nach Kriegsende offenbar unbehelligt. Er habe außerdem angegeben, sein gesamter Besitz an Bildern sei bei der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 in seiner damaligen Wohnung verbrannt. 1956 kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Wem gehört der Millionenfund?

Tatsächlich hatte der Kunstsammler seinem Sohn offenbar einen riesigen Schatz hinterlassen. Dieser habe sich daraus seit Jahrzehnten bedient und eine unbekannte Zahl an Gemälden in Deutschland und der Schweiz verkauft.

Seit der Razzia im Frühjahr 2011 liegt die riesige Sammlung laut "Focus" nun im Zollamt Garching unter Verschluss. Eine Kunsthistorikerin bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass sie seit anderthalb Jahren mit der Begutachtung der Bilder beauftragt ist.

Obwohl der 80-Jährige derzeit keinen Zugriff auf die Kunstwerke hat, ist es dem Magazin-Bericht zufolge möglich, dass er die Picassos, Noldes und Chagalls wieder zurückbekommt: nämlich dann, wenn die Herkunft der Bilder nicht bestimmt werden kann. Selbst bei den Exponaten, die der "Entarteten Kunst" zugeordnet werden können, sei die Rechtslage unsicher. Gegen den Mann werde derzeit nur wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt.

Eine Möglichkeit bleibe den Behörden noch, heißt es in dem Bericht: Die einstige Lüge der Witwe des dubiosen Kunsthändlers gibt demnach Hoffnung.

Der Lüge überführt

Sie habe in den sechziger Jahren gegenüber Behörden ebenfalls angegeben, dass alle Kunstschätze ihres Mannes in der Feuernacht von Dresden zerstört worden seien. Konkret war sie nach dem Verbleib einiger Bilder aus dem ehemaligen Besitz des jüdischen Sammlers Henri Hinrichsen befragt worden, es ging dabei auch um ein Gemälde von Carl Spitzweg. Eben jenes Bild und weitere Dokumente in diesem Zusammenhang seien in der vermüllten Münchner Wohnung aufgetaucht.

Mit dem Beweis der Falschaussage könne nun ein Verfahren angestrengt werden, um die Eigentumsrechte des 80-Jährigen an den Kunstwerken zu verwirken. Bei einem Erfolg für die Behörden würden die Schätze dann an den Staat, genauer an den Bundesfinanzminister, übergehen.

Nicht nur die Frage um die Zukunft des gehobenen Kunstschatzes ist derzeit noch offen: Ob der Senior noch mehr Bilder versteckt hat, ist ebenfalls unklar. Und warum hielten die Behörden den Fall geheim? Antworten darauf könnte die zuständige Staatsanwaltschaft Augsburg geben. Dort herrscht aber Schweigen. Ein Sprecher der Behörde sagte SPIEGEL ONLINE, im Hinblick auf laufende Verfahren könne er zu bestimmten Fällen keine Auskunft erteilen. Und das, so der Sprecher, werde vorrausichtlich noch "eine lange Zeit" so bleiben.

cst

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insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
holger_s. 03.11.2013
1.
selbstverständlich müssen die Behörden die Gemälde den Besitzern bzw. deren Nachfahren zurückgeben. systematischer, flächendeckender Massendiebstahl in nationalsozialistischem Namen kann und darf niemals verjähren.
ratxi 03.11.2013
2. Selbstverständlich. Aber es muss...
Zitat von holger_s.selbstverständlich müssen die Behörden die Gemälde den Besitzern bzw. deren Nachfahren zurückgeben. systematischer, flächendeckender Massendiebstahl in nationalsozialistischem Namen kann und darf niemals verjähren.
Selbstverständlich. Aber es muss bei jedem einzelnen Bild bewiesen werden, dass es illegal angeeignet wurde. Wenn der Vater ein "bekannter Kunstsammler" war, wird er auch sehr viele Werke auch aus heutiger Sicht legal besessen haben. Jedenfalls liegt die Beweispflicht m.E. bei denen, die dem Mann etwas wegnehmen wollen.
bal 03.11.2013
3. Ein schwieriger Fall
An wen soll man die Kunstwerke zurück geben? An diejenigen, die angeben Erben zu sein? Wie soll man nach 80 Jahren nachweisen, ob ein Kunstwerk unter Zwang verkauft wurde, oder einfach nur, weil man Bares brauchte um weg ziehen zu können? Viele Kunstwerke waren damals nicht einmal andeutungsweise so wertvoll wie heute. Bei den Beträgen um die wir reden geht es um Tausende, eventuell Millionen pro Bild. Das weckt Begehtlichkeiten und vielen würde ich zutrauen dafür zu lügen. Vermutlich wäre es das Beste, wenn der Staat diese Bilder zweifelhafter Herkunft der Öffentlichkeit zugänglich macht und gut.
DrGrey 03.11.2013
4.
Zitat von balAn wen soll man die Kunstwerke zurück geben? An diejenigen, die angeben Erben zu sein? Wie soll man nach 80 Jahren nachweisen, ob ein Kunstwerk unter Zwang verkauft wurde, oder einfach nur, weil man Bares brauchte um weg ziehen zu können? Viele Kunstwerke waren damals nicht einmal andeutungsweise so wertvoll wie heute. Bei den Beträgen um die wir reden geht es um Tausende, eventuell Millionen pro Bild. Das weckt Begehtlichkeiten und vielen würde ich zutrauen dafür zu lügen. Vermutlich wäre es das Beste, wenn der Staat diese Bilder zweifelhafter Herkunft der Öffentlichkeit zugänglich macht und gut.
Natürlich, da will da jeder ran um sich zu bereichern, nicht nur Privatpersonen, sondern auch Museen und der Staat. Einst hat er und sein Vater aber verhindert, dass diese Kunstwerke von den Amis als Beutekunst geklaut werden konnten.
Atomkrafteimer 03.11.2013
5. Nunja
Zitat von DrGreyNatürlich, da will da jeder ran um sich zu bereichern, nicht nur Privatpersonen, sondern auch Museen und der Staat. Einst hat er und sein Vater aber verhindert, dass diese Kunstwerke von den Amis als Beutekunst geklaut werden konnten.
Ich wage zu bezweifeln, dass sich Museen und Vater Staat daran "bereichern" - außer vielleicht ideell bzw. das Prestige, dass mit solchen Kunstwerken einhergeht. Es ist zwar sicher so, dass z.B. durch öffentliche Ausstellungen Eintrittsgelder erwirtschaftet werden, diese reichen aber meist nicht einmal, um die Betriebskosten eines Museums zu decken. Zumal ich persönlich solche Kunst lieber in einem Museum öffentlich zugänglich habe, als über dem Kaminsims eines privaten Sammlers.
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