Junggesellenabschiede Fake News übers Matriarchat

"Das wars. Jetzt hat sie die Macht." Solche T-Shirt-Botschaften tragen künftige Ehemänner beim Abschied vom Solo-Sein spazieren. Dabei ist die Ehe alles andere als das geheime Herrschaftsparadies der Frauen.

Junggesellenabschied in München
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Junggesellenabschied in München

Eine Kolumne von


Neulich war ich in München, weil ich dort eine Lesung hatte. Gleich mal kontrolliert, wie weit der Zerfall des Patriarchats drüben im Süden inzwischen fortgeschritten ist. Gar nicht so schlecht. Am Eingang zum Augustiner-Keller hängt ein Schild, das verkündet, dass dort keine Junggesellenabschiede geduldet werden ("Bitte haben Sie Verständnis dafür, da diese Abschiede immer mehr zu Saufpartys und schlechtem Benehmen führten"). Dieses Schild hängt dort offenbar schon seit 2012. Anlass genug, in dieser Kolumne auch mal ein lobendes Wort auszusprechen: schön.

Ein guter Anlass aber auch, mal die Tradition des Junggesellenabschieds an sich zu betrachten. Bevor es jemand anders tut, muss ich anmerken, dass es auch Junggesellenabschiede ohne Alkoholvergiftung, Würdeverlust und Sexualstraftaten gibt; manche treffen sich für Radtouren oder zum Paddeln. Lieb. Die klassische Form des Junggesellenabschieds besteht allerdings immer noch aus einer kleinen Gruppe Männer, die sich schlecht gekleidet schlecht benimmt.

Wer nicht Teil dieses kleinen, für die Länge einer Nacht bestehenden Stammes ist, wendet sich meist instinktiv und zu Recht von dem Elend ab, aber man verpasst dann auch die Gelegenheit, alle Mythen zum Thema Ehe einmal vollständig durchperformt zu sehen: eine Veranstaltung, bei der so getan wird, als gehe für den Mann nun das wilde und schöne Leben zu Ende, bevor er sich - warum eigentlich? - in den Herrschaftsbereich einer Frau begibt, die ihn von nun an aus romantischen Gründen knechten wird.

Oder wie Jens Friebe in seinem Buch "52 Wochenenden" mal schrieb: "Junggesellenabschied! Dieses grandiose Fest! Diese Zäsur im Leben eines Mannes, welche rituell die pagane Periode sorgloser Ausschweifung, die es nicht gegeben hat, von der Phase ernst und treu bewahrten Eheglücks trennt, die es nicht geben wird."

Nun ist es natürlich so, dass Frauen diesen Brauch auch betreiben und dabei nicht unbedingt sympathischer auftreten als Männer, was ihr gutes Recht ist. Meinen privaten Studien zufolge ist dabei der abergläubische Anteil zentraler als bei Männern. Es gibt zum Beispiel - als Alternative oder Zusatz zum Brautstraußwerfen - den Brauch, dass alle unverheirateten Frauen, die am Junggesellinnenabschied teilnehmen, im Hochzeitsschuh der Braut unterschreiben, und diejenige, deren Name nach der durchgetanzten Hochzeit noch am lesbarsten ist, wird die nächste sein, die heiratet.

So sagen die Weisen und die Beautyblogs. Ich kenne kein vergleichbares Ritual für Männer, was aber auch logisch ist, denn wenn man Hochzeit so versteht wie in dunklen Zeiten erdacht wurde, ist die Frau diejenige, die erstens ihrem Schicksal ergeben warten muss, bis irgendein Dödel sie fragt, und zweitens diejenige, die vom Heiraten als Frau so komplett erfüllt wird, dass ihr ganzes vorheriges Leben nur als vorfreudige Erwartungsphase dieser schönen Zeit gilt, die dann auf sie wartet.

Weil das Abendland so eine zivilisierte, ausdifferenzierte Gesellschaft ist, gibt es für Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede spezielle Kleidungsstücke, wahlweise T-Shirts mit Aufdruck oder Peniskostüme. (Vulvakostüme für Junggesellinnen: bisher nicht gesichtet.) Auf den T-Shirts steht dann zum Beispiel: "Veni vidi vici, sie kam, sah und siegte", dazu drei Bildchen: ein fröhlich feiernder alleinstehender Mann, dann ein Hochzeitspaar, dann eine Frau, die einen knienden Mann an einer Hundeleine hält.

Oder, im Star-Wars-Look: "Das wars. Ich heirate. Möge die Macht mit mir sein." Und: "Das wars: Heiraten du wirst, vorbei die schöne Zeit jetzt ist." Oder: "Das wars. Jetzt hat sie die Macht." Oder: "Heute: Ledig. Morgen: Erledigt." Oder: "JGA. Bräutigam. Meine letzten Stunden in Freiheit." Oder: "Junggesellenabschied. Game over", dazu wieder ein kniender Mann vor einer Frau.

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Man muss nicht unbedingt in Psychologie und Literaturwissenschaften promoviert haben, um die Message interpretieren zu können: Haha, die Ehe, dieses Quasimatriarchat, in dem Männer nichts zu sagen haben. Lustig. Also lustig, in einem Land, in dem nur sechs Prozent der Hochzeitspaare sich entscheiden, den Namen der Frau anzunehmen. In drei Vierteln der Fälle nimmt die Frau den Namen des Mannes an. Ein Zeichen ihrer geheimen Herrschaft?

Sehr geheim allerdings, diese Frauenherrschaft. Nicht mal die Frauen merken etwas davon. Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe erlaubt, und heute stirbt immer noch jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau in Deutschland, weil ihr Partner oder Ex-Partner sie tötet. Bei Gewalt in Beziehungen sind Frauen mit Abstand die häufigsten Opfer: 98 Prozent bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung, 80 Prozent bei Mord, 75 Prozent bei Verletzungen mit Todesfolge.

Diese Zahlen vom Bundeskriminalamt enthalten zwar alle Formen von Beziehungen, das heißt, sie gelten nicht nur für Ehen. Die Idee, dass Frauen besonders mächtig würden, sobald sie sich an einen Mann binden, stützen sie aber definitiv nicht. "Die größte Gefahr für eine Frau, im Erwachsenenalter getötet zu werden, gehe meist von ihrem Ehemann oder sonstigen Intimpartnern aus", stand neulich im SPIEGEL.

Männer hingegen profitieren von der Ehe laut vielen Studien in vielerlei Hinsicht. Verheiratete Menschen leben im Schnitt insgesamt länger. Verheiratete Männer benehmen sich sozialverträglicher und leiden besonders unter Scheidungen: Das Ende einer Ehe wirkt sich auf Männer gesundheitlich schlechter aus als für Frauen. Das heißt nicht, dass es für Männer keine negativen Folgen der Ehe gibt. Ein gesundheitliches Risiko für verheiratete Männer, das sich in Studien finden lässt, ist, dass sie tendenziell mehr zu Übergewicht neigen.

Das einzig ehrliche Junggesellenabschieds-Shirt wäre demnach: Bald bin ich fett, aber immer noch mächtig. Stößchen!



insgesamt 152 Beiträge
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Seite 1
antimaterie 26.02.2019
1. Ja, so was
Liebe Masto, Folklore ist kein Hort der Innovation. Man muss sich darüber nicht sonderlich aufregen.
Mehrleser 26.02.2019
2.
Junggesellenabschiede? Echt jetzt? Als nächstes dann ein kurzer Studienabriss über "Bachelor und Genderprototypen".
Olaf Köhler 26.02.2019
3. Verwaltungsakt
Ach Gottchen! Wenn ein Paar schon länger zusammen lebt - was ändert sich denn dann durch die standesamtliche Trauung? Einen Verwaltungsakt also? Nichts! Ob es sinnvoll ist, deswegen einen "Abschied" zu feiern, bezweifle ich, zumal die Art und Weise oft nicht gerade die feinste ist.
dirktoeper 26.02.2019
4. Merkwürdig
Es gibt 18 Mio. Ehepaare in Deutschland. Wenn wirklich jeden zweiten Tag eine Ehefrau von ihrem Mann getötet wird, sind das im Jahr rund 180 Tote - und bezogen auf alle Ehen 0,001 %. Ob man (oder Frau) darauf nun ernsthaft eine Verallgemeinerung stützen sollte, scheint mir fraglich. Die Chancen, fünf richtige im Lotto zu haben, sind besser, ohne dass ich Männer als potentielle Lottogewinner sehen würde.
kausalnexus 26.02.2019
5. Köstlich
über Frau Stokowskis Satirebeiträge kann ich immer wieder herzlich lachen. Bitte mehr davon
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