Falk-Richter-Uraufführung Leiden in der Komfortzone

Big mother is watching you: In Falk Richters neuem Stück "Im Ausnahmezustand" an der Berliner Schaubühne terrorisiert eine Mutter ihre Familie mit ihrem Überwachungsfimmel. Doch viel mehr als eine Bestandsaufnahme bürgerlicher Ängste hat der Abend nicht zu bieten.

Von Henrike Thomsen


Der wichtigste Satz der Welt, für den - zumindest im Theater - selbst die größte Konformistin auf die Barrikaden ginge, lautet: "Damit machen Sie uns aber keine Freude." Wenn man ihn nicht mehr sagen dürfe, "dann brauchen wir keine Worte mehr, dann hat die Menschheit ausgedient ein für allemal", schreit die Frau und baut sich plötzlich drohend in ihrem Wohnzimmer voller lümmelgerechter Sitzgarnituren auf. Eigentlich ist sie die in dezentes Schwarz und Grau gekleidete Durchschnittsgattin eines Durchschnittspaars im Durchschnittshaus einer Siedlung.

"Im Ausnahmezustand"-Darsteller Beglau, Redetzki, Cathomas (v.l.): "Wir quatschen alle dasselbe dumme Zeugs"
Matthias Horn

"Im Ausnahmezustand"-Darsteller Beglau, Redetzki, Cathomas (v.l.): "Wir quatschen alle dasselbe dumme Zeugs"

Ob Golf spielen, Surfen, Grillen, Laienspiel oder alle 14 Tage vereinbarten Sex mit ihrem Mann, eigentlich macht sie alles gerne mit. Doch jetzt wird sie plötzlich zu einer drohenden Kassandra, die apokalyptische Strafen Gottes prophezeit, denn dies sei "der einzige Satz, der gehört werden muss im Stück, alle anderen Sätze kann man vernichten." Ihrem Mann hat sie damit aber tatsächlich keine Freude gemacht: "Du bist krank", sagt er, während er sie aus einer Ecke des Wohnzimmers beobachtet und sich verkrampft an der Weinflache festhält.

In Falk Richters neuem Stück "Im Ausnahmezustand", das er selbst an der Berliner Schaubühne zur Uraufführung brachte, wohnen auf diese Weise das Banale und das Bedrohliche eng zusammen. Bereits in früheren Stücken wie "Unter Eis" und "Electronic City" aus dem Zyklus "Das System" hatte sich der Autor und Hausregisseur der Schaubühne mit den Untiefen der modernen bürgerlichen Existenz befasst. Es geht ihm um die Schattenseiten eines von Konsum, Arbeit, Medien, Überwachungs- und Sicherheitstechnik geprägten Daseins; um die im Wesentlichen neurotische Gewalt innerhalb der privilegierten Schichten und die reale Gewalt bei den Underdogs draußen.

Die quasi virtuelle "Celebration Community" in "Ausnahmezustand" erscheint wie ein Echo auf Aldous Huxleys Szenario in "Schöne neue Welt": eine künstlich stabile Gesellschaft voller zwanghaft glücklicher Bürger, die ihre individuellen Gefühle und Interessen für das Gemeinwohl geopfert haben. Der zarte Protest, auf dem die Frau so energisch besteht, ist sozusagen das letzte Echo ihrer Persönlichkeit, deshalb ist er so kostbar. Ihr Mann dagegen ist schon kurz davor, im Sinne Huxleys das Recht, untüchtig und unglücklich zu sein, offen für sich zu beanspruchen.

"Wir quatschen alle dasselbe dumme Zeugs und keiner kommt sich näher", brüllt er seinerseits in einem großen Ausbruch. Nonverbal signalisiert er es sowieso dauernd: Bruno Cathomas spielt den Mann mit zahllosen verzagten, verschämten Gesten; dauernd zieht er die schlecht sitzenden Hosen hoch und zerbricht ungeschickt Gläser und Flaschen, aus denen er zu schnell trinkt. Am Ende wird er auf den glitschigen, blutigen Scherben ausrutschen und gar nicht mehr hoch kommen.

Heimliche Lust an der Auflösung der Verhältnisse

Bibiana Beglaus Frau dagegen ist eine Kämpferin, eine dunkellockige Löwenfrau und -mutter, die mit allen Mitteln den Status quo erhalten will. Sie ist aber auch die klassische Verkörperung des Neurotischen, das nach Freud sich genau dem anverwandelt, das es mit untauglichen Mitteln zu überwinden trachtet. Ihr unablässiges Drängen, dass ihr Mann und ihr Sohn die Wahrheit über ihre Gefühle eröffnen sollen, setzt eine vergiftete Atmosphäre von Lüge und Betrug frei.

Ihr Verdacht, dass die beiden nachts die Tore der Siedlung öffnen um den Mob hereinzulassen, sorgt für Endzeitstimmung. Und je mehr sie ihnen deswegen nachts hinterher spioniert, ihren Schlaf und ihre Arbeitsleistung, ihre Betten und Computer überwacht, desto mehr erzwingt sie Heimlichkeiten. Mit dem Sohn (Vincent Redetzki) kommt es gegen Ende zu einer heftigen Auseinandersetzung, nach der er vermutlich endgültig flieht und zu der geheimnisvollen anderen Seite überläuft. Die Frau hat die Katastrophe, die sie verhindern wollte, am Ende selbst herbeigeredet.

Eine Sprechmaschine und implizite Vagina Dentata, alles verschlingend und wiederkäuend, so erinnert die Frau von fern an eine Figur von Elfriede Jelinek. Am Ende arbeitet sie vielleicht sogar mit heimlicher Lust an der Auflösung der Verhältnisse und ihrer eigenen Existenz. Bibiana Beglau monologisiert sich souverän und vielfältig, mit vielen komischen Facetten durch den Abend, die beiden Männer bleiben mehr oder weniger Stichwortgeber. Da aber Bruno Cathomas körpersprachlich so beredt ist und vor allem zu Beginn seinerseits eine schöne Bandbreite zeigt, ehe es zum Ende hin pathetisch wird, bleibt der Abend kurzweilig.

Doch die guten Schauspieler können nicht über die Schwäche des Stücks hinwegtäuschen, das seiner Bestandsaufnahme zu den wohlbekannten Ängsten und Zwängen des Bürgertums nichts hinzufügen kann. Huxleys Roman stammt von 1932, seitdem haben auch Filme wie "Blade Runner" (1982) und die "Truman Show" (1998) die Künstlichkeit und Fragilität der menschlichen Welt bis hin zu ihren scheinbar intimsten Wahrnehmungen und Erinnerungen thematisiert. In Michael Moores "Bowling for Columbine" (2002) geht es darum, wie gerade durch Sicherheitspolitik Angst entsteht und eine Gesellschaft ausgetrickst und gelähmt wird. All das klingt in "Ausnahmezustand" an, aber verwaschen und ohne Konsequenzen. Die Wohlstandsgesellschaft mit ihrer Komfortzone, deren Fetischisierung Falk Richter kritisiert, verlässt er selbst am Ende nicht.


Falk Richter: "Im Ausnahmezustand", nächste Vorstellungen am 7./12./27./28.11. in der Schaubühne am Lehniner Platz Berlin



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