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"Small Town Boy" am Gorki Theater: Auf dem Flokati schimpfen sie über Mutti

Von

Schwulen-Hymne: Ein Leben wie bei Teenagern Fotos
Thomas Aurin

In "Small Town Boy" erzählt Regisseur und Autor Falk Richter von Homosexuellen, die nach Berlin geflüchtet sind. Starke Handlung, starke Schauspieler - doch dann ändert sich die Stoßrichtung des Stückes radikal und verliert sich in Arroganz und Ignoranz.

Romane sind schon lange nicht mehr sicher vor dem Zugriff des deutschen Theaters, Filme sowieso nicht. Der Autor und Regisseur Falk Richter, 44, fügt dem Bühnentrend nun eine neue Facette hinzu: Am Berliner Maxim Gorki Theater adaptiert er die Schwulen-Hymne "Smalltown Boy", in der ein Knabe nach seinem Coming-out aus einer Kleinstadt in eine Metropole flüchtet.

Der Pop-Hit aus dem Jahr 1984 hat einen autobiografischen Hintergrund: Er stammt von der britischen Band Bronski Beat, einem schwulen Trio, das zeitweise gemeinsam in einer Londoner WG wohnte. Im zugehörigen Clip verkörpert der Sänger Jimmy Somerville den Jugendlichen, der hofft, sich in der Metropole zu finden, sich neu zu erfinden. Ähnlich die Theaterversion: Richter ist die Produktion als Rechercheprojekt angegangen, gemeinsam mit vier Schauspielern und einer Schauspielerin. Mal spielen sie Rollen, mal spielen sie sich selbst, den Deutsch-Türken aus Kreuzberg zum Beispiel oder den Provinz-Flüchtling aus Oberbayern, und nicht immer ist ganz klar, wer sie gerade sind: fiktive Figur oder reale Person.

Sie putzten und putzten und putzten

Die Schauspieler sitzen in einem Radiostudio, ausgelegt mit einem weißen Flokati, inmitten von Achtziger-Jahre-Fotos von Annie Lennox, David Bowie, Rainer Werner Fassbinder. Sie erinnern sich an ihre Kindheit, als ihre Mütter nicht arbeiten durften, weil ihre Väter Angst hatten, dass andere Männer denken würden, sie verdienten nicht genug. Und so putzten ihre Mütter tagsüber gegen die Leere und Langeweile in ihren vollvertäfelten Wohnungen an, sie putzten und putzten und putzten - und stöberten in den Tagebüchern ihrer Söhne, um wenigstens an dem Leben eines anderen Menschen teilzuhaben, wenn sie schon kein eigenes Leben hatten.

Vor diesen Müttern und Vätern und vor den Beziehungen, die diese Mütter und Väter führten, sind die Schauspieler, so erzählen sie, nach Berlin geflüchtet. Und was haben sie dort gefunden? Spanische Touristen mit Vollbart, mit denen sie auf dem Kneipenklo rummachen. Gerne würden sie mit festen Partnern über Wohnaccessoires sprechen und über Versicherungen, so denken sie, aber wenn dann mal Sicherheit in Sicht ist, dann sprinten sie davon. Sie sind um die 40, aber sie leben noch wie Teenager.

Richter und seine Darsteller zeichnen das Drama der Multioptionsgesellschaft, ein Drama, in dem Heterosexuelle ebenso gefangen sind wie Homosexuelle, um die es an diesem Abend vorrangig geht. Die Multioptionsgesellschaft macht ihnen dauernd Angebote, die sie nicht annehmen wollen, zumindest nicht auf Dauer, sie legt ihnen dauernd Texte auf den Tisch, die sie nicht spielen wollen, und so finden sie ihre Rolle im Leben nicht. Dazu passt, dass das Stück die Darsteller nicht in einer durchgehenden Rolle aufgehen lässt. Und dazu passt auch, dass es gebaut ist wie ein Popalbum: Die Szenen im Radiostudio sind zwar einem Oberthema untergeordnet, aber nur lose miteinander verknüpft. Eine Nummerndramaturgie. Sie besteht aus Episoden - ganz so wie das merkwürde Liebesleben geschlechtsreifer Großstädter.

Es pollescht im Maxim Gorki Theater

Richter war in Berlin bislang an der Schaubühne zu Hause, aber sein Projekt wirkt in manchen Momenten wie bei Regisseur René Pollesch und so, als sei Richter aus der Volksbühne ausgezogen: Es pollescht also im Maxim Gorki Theater. Wobei das junge, hippe, szenige Premierenpublikum - anders als bei Pollesch - nicht allzu schlau sein muss, um alle inhaltlichen Anspielungen und theaterästhetischen Spielereien zu durchschauen. Es schaut schließlich seinem eigenen Leben zu, nur eben einer zugespitzten Version, die es jauchzen und glucksen und klatschen lässt, immer wieder. Es ist wie in einem Kabarett, das es seinem Publikum einmal so richtig besorgt, so richtig frech, und dafür von seinem Publikum mit Szenenapplaus belohnt wird.

Keine Frage: Der Abend hat das Zeug dazu, ein Dauer-Hit zu werden, weit über die Spielzeit hinaus, und dagegen ist über weite Strecken auch wenig zu sagen. Die Schauspieler sind eine Wucht, und die Gesangseinlagen von Mehmet Atesçí sowieso. Im letzten Drittel aber ändert die rund zweistündige Aufführung ihre Stoßrichtung: Sie besorgt es nun nicht mehr dem eigenen Publikum drinnen, den linksliberal aufgeklärten Großstadtmenschen also, die ein postmigrantisches Theater wie das Gorki besuchen, sondern sie besorgt es den kulturfernen Konservativen draußen. Berlin amüsiert sich nun nicht mehr über sich selbst, Berlin amüsiert sich nun über den Rest der Welt. Das ist unangenehm arrogant und unterkomplex ignorant.

Ein Schauspieler schmäht Putin als eitle Tunte

In einer minutenlangen Pathos-Polterei, einer Hasstirade, hetzt der Schauspieler Thomas Wodianka gegen das schwulenfeindliche Russland, allen voran gegen Wladimir Putin, der als Reiter mit freiem Oberkörper aussehe "wie eine würde- und glanzlos gealterte eitle Tunte aus den achtziger Jahren", gegen Putins Freunde Silvio Berlusconi und Anna Netrebko, "ein Diktatorenflittchen", gegen Angela Merkel, Ilse Aigner und vor allem Erika Steinbach, die alle kinderlos seien, also in ihren Leben selbst "gar nix an Beziehungen aufgebaut" hätten, das den Namen Ehe verdient: "Was wollt ihr denn da immer schützen?"

Es ist ein handwerklich virtuoser, inhaltlich aber platt provokanter Wut-Monolog, der an diesem Ort niemanden provoziert. Es ist eine Predigt zu den Bekehrten, die Türen einzurennen versucht, die sperrangelweit offen stehen. Ein Berliner Lehrstück vom Einverständnis. Denn wie viele Fans wird Erika Steinbach wohl haben im postmigrantischen Maxim Gorki Theater? Wie viele homophobe Zuschauer werden dort wohl im Parkett sitzen?

Vielleicht sollte Intendantin Shermin Langhoff einen Satz Freikarten an die Senioren-Union schicken, auf dass die Rentnerreisebusse mal woanders halten als immer nur vorm Friedrichstadtpalast oder vorm Berliner Ensemble. Es könnte die Chance sein, mit diesem Abend doch noch jemanden zu provozieren. Vermutlich die einzige.

Vielleicht sollte Regisseur Falk Richter aber auch einfach das letzte Drittel streichen. Dann wäre es ein grandioser Abend.

Falk Richter: "Small Town Boy". Nächste Vorstellungen im Maxim Gorki Theater Berlin am 15. und 28. Januar sowie am 25. und 28. Februar, Karten unter Telefon 030/20221115.

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1. Stimmt
leserkommentator 14.01.2015
Ich habe das Stück erst viel später gesehen und erst im Nachhinein diese Kritik gelesen. Es hat sich trotzdem gelohnt, die Vorstellung zu besuchen, auch wegen der großartigen Schauspieler und weil es thematisch interessant ist, selbst wenn wirklich ein Großteil des letzten Drittels irgendwie agitatorisch und nicht reflektierend, teilweise wohlfeil wirkte und damit den Gesamteindruck trübte. Ich finde mich in der Einschätzung des Kritikers völlig wieder.
2. Putin ist Schuld?
hermannheester 15.01.2015
Schwulenhass in umgekehrter Richtung ist nicht angenehmer als zuvor. Wenn Schwule dann auch noch pflichtgemäß Regierungsorganen treulich das Wort reden, wird Sozial- und Gesellschaftskritik zur Farce. Unglaubwürdig.
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