Im Jahr 2000 lief in den argentinischen Kinos der Film "Fuckland" von José Luis Márques. Obwohl man diesen nach den Regeln des Dogma-95 gedrehten Film eigentlich sofort vergessen konnte (und er bald tatsächlich vergessen wurde), bleibt seine Idee revolutionär: ein junger Argentinier reist inkognito über die Inseln im Atlantik gleich vor der argentinischen Küste - mit dem geheimen Ziel, so viele Frauen wie möglich zu schwängern. Die trojanische Utopie dahinter ist klar: Argentinisches Blut soll durch die Adern der nächsten Generation von Insulanern fließen, damit wir endlich unser ozeanisches Territorium wiedergewinnen können. Diesmal sozusagen von innen her. Statt Kinder, die mehrheitlich unbewaffnet sind, einen Krieg führen zu lassen wie 1982, wird hier das Kinderkriegen als Waffe eingesetzt. Am Ende singt der Protagonist die argentinische Nationalhymne unter der Dusche, allerdings in der Version unseres Rockstars Charly García, der seinerzeit wegen "Beleidigung der vaterländischen Symbole" vor Gericht gebracht wurde.
Auch wenn einen dieser langweilige Film nicht zum Lachen brachte, blieb er doch eine Komödie, und in diesem Sinne darf man ihn als Zeitenwende beschreiben. Endlich versuchten die Argentinier, über den Wahn zu lachen: den Wahn, ein Paar Erdbeulen im Meer wiederzubekommen. Dazu nahm der Film noch einige weitere argentinische Mythen auf den Arm, angefangen mit dem machistischen Latin Lover (das einzige lateinamerikanische Klischee, das wir Argentinier für uns gelten lassen wollen) bis hin zur vermeintlichen Vaterlandsliebe, die uns vereinen sollte - obwohl die meisten von Einwanderern abstammen.
"Wir haben gewonnen!" - dann aber doch nicht
Dieser satirische Umgang mit einer traumatischen Vergangenheit stellte eine radikale Wandlung in der Wahrnehmung derselben dar - konnte man meinen. Vor allem deswegen, weil schon der Grundkonflikt (freilich nicht das Trauma selbst) als ziemlich lächerlich zu bezeichnen war. Aber der Sieg wurde zu früh gefeiert - wie damals, als die hiesige Zeitungen euphorisch "Wir haben gewonnen!" verkündeten, ehe sich die Briten überhaupt aufgemacht hatten, unsere Armee zu zerschmettern.
Tatsächlich gefeiert wurde nach unserer großen Krise im Jahr 2001 die sogenannte Argentinidad oder "Argentinität" - also das, was kein Argentinier definieren kann, wenn er gefragt wird, aber, sobald nicht, perfekt versteht. (Argentinier zu sein, ist eine Frage des Glaubens, meinte Borges, der ein überzeugter Atheist war.) 2003 kamen die Kirchners an die Macht, für die das Thema Malvinas (so nennen wir sie, und nur so, verstanden?) alles andere als verjährt oder vergessen, geschweige denn humoristisch war. Erst Néstor, dann Cristina (sie jetzt zum zweiten Mal), haben keine Gelegenheit verpasst, unsere Souveränität über die Inseln zu verteidigen, und dies auch aggressiv zur Staatspolitik gemacht - aber immer innerhalb der Grenzen der Diplomatie, keine Panik.
Nun sollte man wissen, dass die Kirchners in ihren fast zehn Jahren an der Macht auch andere für uns längst verloren gehaltene Kämpfe wieder aufgenommen haben, und zwar nicht erfolglos. Sie haben sich mit dem IWF und mit den privaten Anlegern gestritten (Achtung, Griechenland!), sie haben sich mit den großen Medien gestritten (Achtung, Herr Wulff!), sie haben sich sogar mit der Kirche angelegt (wir haben jetzt die Homoehe, bleiben aber abtreibungs-unfreundlich).
Die größte Schlacht allerdings, die die Kirchners geliefert und bisher auch gewonnen haben, war die der Wiederherstellung der Politik als eben das Schlachtfeld, auf dem man die Probleme ausficht und löst. Und auch wenn man sie nicht löst, bleibt die Politik (auch mit ihren Tricks und dubiosen Manövern) die einzige Waffe, nach einer neuen Lösung zu suchen.
Cameron verdreht die Geschichte
In diesem Kontext gewinnt der jetzige Aufruhr um das (ja, liebe Brüder und Schwestern in England, auch viele von uns ermüdet es) Thema Malvinas eine neue Kontur. Über den Mercosur, unsere lateinamerikanische EU ohne Geldprobleme (freilich auch ohne Geld), haben es die Kirchners geschafft, auch die anderen Mitgliedsstaaten auf Linie zu bringen. Sogar die, die damals mit England kollaborierten, sind jetzt auf argentinischer Seite; sogar US-Präsident Obama hat dem britischen Premier David Cameron freundlich angedeutet, er solle sich dem Mandat der UNO fügen und sich mit Argentinien an den Verhandlungstisch begeben. Und vor Kurzem hat sich nun auch endlich ein echter Filmstar für die argentinischen Malvinas eingesetzt: Sean Penn sagte nach einem Treffen mit Cristina Kirchner: "Es ist notwendig, dass Großbritannien und Argentinien verhandeln. Ich denke, die Welt ist heute nicht mehr bereit, einen lächerlichen und archaischen Kolonialismus zu tolerieren."
Genau darum geht es: Die Malvinas, einst Sache einer dekadenten Militär-Diktatur, die nicht wusste, wie sie mit dem Morden und dem Ausbeuten der eigener Bevölkerung weiter machen konnte, sind jetzt zur Sache Lateinamerikas geworden, zu einem Weltthema sogar: als einer der wenigen, immer noch ungelösten Fälle von kolonialistischen Ansiedlungen (mehr als die Hälfte davon englische, einer davon sogar in Europa selbst). Die Absurdität also, einst Sache der schrecklichen argentinischen Diktatur, dann Sache eines schlechten argentinischen Films, hat sich nun endlich auf die Seite der übermächtigsten aller Kolonialmächte verzogen.
Allerdings nicht in den Augen des Premierministers Cameron. Seiner Meinung nach ist eigentlich Argentinien die Kolonial(ohn)macht, die die Selbstbestimmung der Völker nicht respektiert und sich Menschen gegen ihren Willen einzuverleiben versucht. Das stimmt, wenn man auf die Geschichte Argentiniens blickt: Die Kolonialzüge gegen die Urbevölkerung im Neunzehnten Jahrhundert hießen schon vor ihrem Beginn "Feldzüge in die Wüste", und zu einer Wüste wurden die Felder auch gemacht, was die dort wohnende Urbevölkerung betraf.
Im Streit um die Inseln begeht Cameron allerdings eine an Zynismus grenzende Verdrehung der Tatsachen - wenn man bedenkt, dass das in seinem Selbstbestimmungsrecht gefährdete freie Volk der Malvinas eben von der Kolonialmacht selbst eingepflanzt wurde und seitdem erzeugt und ernährt wird. Die Antwort auf Camerons Neuauslegung der Weltgeschichte kam vom argentinischen Vizepräsident, der ihn ebenfalls paradox mit Leopoldo Galtieri verglich, dem uniformierten Trinker, der Argentinien in der Stiefmutter der Cousine dritten Grades aller Kriege gestürzt hat, eben wegen seiner Zuneigung zum Alkoholgenuss.
Die sowieso schon angespannte umwelt-handelspolitische Lage (erst wegen der Ölbohrungen der Briten im Meer ringsherum, und neulich wegen eines Ankerverbots in allen Häfen Lateinamerikas für Schiffe unter britischer Flagge) wurde somit tief philosophisch zugespitzt, was die darauffolgende Visite des ganz in grün gekleideten englischen Kronprinzen auf den Inseln und die Entsendung eines sogenannten Zerstörers (auf die englische unverblümte Direktheit kann man sich verlassen!) nicht gerade entschärfen sollte.
Krieg ist für Argentinien keine Option mehr
Dafür hat Cristina Kirchner jüngst das gesamte politische Spektrum Argentiniens zu sich eingeladen, um eine Botschaft prunkvoll und dramatisch an den (wahrscheinlich schon schlafenden) Cameron zu senden: "Give peace a chance", schleuderte sie dem Piraten seinen eigenen Lennon ins Gesicht, natürlich auf Spanisch. Großer Applaus. In keiner Sache sind sich die Argentinier so einig wie in der Frage der Malvinas. Man kann sich höchstens nicht dafür interessieren, schwerlich aber die englische Sicht teilen. Neu scheint aber zu sein, dass unsere Kommandantin ausdrücklich den militärischen Weg ausschließt (schon, wie auch unsere Gegner wissen, weil wir kaum noch Militärkraft haben), und jede Aktion seitens Englands in dieser Richtung als verfehlt und lächerlich dastehen lässt. Eine Sichtweise, die übrigens auch viele englische Medien teilen.
Ob sich deswegen irgendetwas an unserem Kalten Frieden ändern wird? Hoffentlich nicht! Was sollen wir mit den Dingen schon anfangen?) Wahrscheinlich aber vor allem deshalb nicht, weil es England nie so schwer hatte wie heute, auf seiner geographisch und womöglich sogar ökonomisch unhaltbaren Sturheit zu bestehen.
Dass die Einwohner der Inseln uns nicht mögen, kann im Übrigen keine Ausrede sein, die Malvinas nicht wieder zu argentinisieren. Wir mögen uns im Grunde auch nicht! Abgesehen davon stammt die argentinische Elite ohnehin größtenteils von englischen Familien ab. Viel mehr Leute, und reichere Leute, als die dreitausend Insulaner, die Ihr ja seid, würden nur allzu gern im ganzen Land die englische Flagge flattern lassen, wenn euer Selbstbestimmungsrecht es ihnen erlauben würde.
Sachlich betrachtet sind wir also ein Volk. Nur das Zwei zu Eins mit der Hand Gottes bleibt ein Zwei zu Eins. Sonst gibt es echt Ärger.
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