Fall Relotius Antworten auf die Fragen der Leser

Beim SPIEGEL hat die Aufarbeitung des Falls Relotius begonnen. Wir haben eine Auswahl der häufigsten Fragen von Leserinnen und Lesern gesammelt - und beantworten sie so gut wie möglich.

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SPIEGEL ONLINE

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"Wo kann man eine Liste all der gefälschten Artikel sehen?"

Eine solche Liste gibt es derzeit nicht. Im Moment ist nicht abschließend geklärt, welche Artikel in welchem Umfang von Fälschungen und Manipulationen betroffen sind. Der SPIEGEL geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen. Wir bitten um Hinweise an hinweise@spiegel.de.

Hier finden Sie Aufstellungen der bei uns von Claas Relotius veröffentlichten Artikel für die Jahre von 2011 bis 2016 und von 2017 bis 2018 (wir mussten die Übersicht aus technischen Gründen auf zwei Listen aufteilen).

"Welche Artikel sind konkret betroffen?"

Die genaue Größenordnung ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht abschließend geklärt. Relotius schrieb erst als freier Mitarbeiter für das Haus, seit anderthalb Jahren war er als Redakteur fest angestellt. Von ihm sind seit 2011 knapp 60 Texte im SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE erschienen. Seinen eigenen Angaben zufolge sind mindestens 14 betroffen und zumindest in Teilen gefälscht. Der SPIEGEL geht nach jetzigem Stand davon aus, dass noch viele weitere Relotius-Texte manipuliert und gefälscht sind.

Nach ersten Recherchen können wir Manipulationen in einigen Beiträgen bestätigen: Zum Beispiel in "Jaegers Grenze", in dem es unter anderem um eine bewaffnete Bürgerwehr an der mexikanisch-amerikanischen Grenze geht, und in "Ein Kinderspiel" über einen Jungen in Syrien, der im Glauben lebt, den Bürgerkrieg im Land mit ausgelöst zu haben.

Wie wir zuletzt durch eigene Überprüfung feststellen konnten, ist auch Relotius' Interview mit Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der NS-Widerstandsgruppe "Weiße Rose", an mehreren Stellen manipuliert: Lafrenz erklärte gegenüber dem SPIEGEL, dass es sich an mehreren Textstellen nicht um ihre Worte handle; zudem dauerte das Gespräch nach Angaben ihrer Schwiegertochter viel kürzer als durch Relotius angegeben.

Weitere betroffene Texte sind:

  • "Die letzte Zeugin" über eine Amerikanerin, die angeblich als Zeugin zu Hinrichtungen fährt
  • "Löwenjungen" über zwei irakische Kinder, die vom IS verschleppt und umerzogen worden sein sollen
  • "Nummer 440" über einen vermeintlichen Gefangenen in Guantanamo
  • "Touchdown" über den US-Footballer Colin Kaepernick
  • "In einer kleinen Stadt" über die US-Kleinstadt Fergus Falls

"Muss der Autor die verliehenen Preise zurückgeben?"

Zu den von Fälschungen betroffenen Texten gehören auch Artikel, die mit dem prestigereichen Reporterpreis ausgezeichnet worden waren, darunter "Nummer 440". Der Autor hat die insgesamt vier Reporterpreise, die er in den vergangenen Jahren gewann, mittlerweile zurückgegeben. Das teilte der Veranstalter am Donnerstag mit. Der Nachrichtensender CNN International gab bekannt, dass er Relotius zwei Auszeichnungen aberkannt habe: Die unabhängige Jury, die Relotius 2014 sowohl zum Print-Journalisten des Jahres als auch zum Journalisten des Jahres gekürt hatte, habe sich aufgrund der Täuschungsvorwürfe einstimmig zu diesem Schritt entschieden, so CNN in einer Pressemitteilung. Am Mittwoch hatte bereits die Ulrich-Wickert-Stiftung Relotius den Peter-Scholl-Latour-Preis aberkannt.

"Ich finde den transparenten Umgang mit dem Fall sehr gut und bemerkenswert, aber muss der Klarname des Journalisten genannt werden? Ist er wirklich eine Person der Öffentlichkeit oder wird hier vielmehr eine Strafaktion aus gekränkter Reporterehre durchgeführt?"

Die Artikel, um die es geht, sind untrennbar mit der Person des Autors verbunden. Es handelt sich um eine Vielzahl von Texten, darunter lange Reportagen und Interviews, mit denen teilweise namhafte Preise und journalistisches Ansehen gewonnen wurden. Relotius ist mit seinen Texten selbst in die Öffentlichkeit getreten und hat die Öffentlichkeit unter seinem Namen getäuscht. Wer Manipulationen an seinen Texten transparent macht, kann dies nicht, ohne auch den Autor der jeweiligen Stücke zu benennen. Über vergleichbare Verfehlungen würde der SPIEGEL auch außerhalb des eigenen Hauses mit Namensnennung berichten. Zudem war Relotius ein Idol vieler junger Journalisten, die ein Recht darauf haben, über die Vorgänge informiert zu werden.

"Warum wurde auf Juan Moreno nicht gehört? Hat sich die Redaktion bei ihm entschuldigt?"

Die Vorwürfe von Juan Moreno gegen Claas Relotius waren anfangs nicht belegbar. Seine Vorgesetzten wurden zudem durch plausibel wirkende Gegenargumente von Relotius getäuscht. (Lesen Sie hier eine Rekonstruktion des Falls.) Die Vorgesetzten haben sich mittlerweile für die anfängliche Skepsis bei ihm entschuldigt. Wie er selbst den Fall erlebt hat, sehen Sie hier:

DER SPIEGEL

"Wie arbeitet die SPIEGEL-Redaktion? Ruft die Dokumentation nicht bei den Protagonisten und Informanten der Reporter an? Mangelt es im Haus an Kontrollmechanismen?"

Die SPIEGEL-Dokumentare überprüfen Fakten, Namen und Daten in jedem Text, der im SPIEGEL erscheint. (Lesen Sie hier ausführlich, wie das redaktionelle Kontrollsystem im Fall Relotius an seine Grenzen stieß.) Sie rufen aber nicht ohne vorherige Absprache mit dem jeweiligen Autor Informanten an, unter anderem, um gerade bei schwierigen Recherchen das Vertrauensverhältnis zwischen Journalist und Protagonist nicht zu gefährden. Aktuell diskutieren wir, ob und wie diese redaktionelle Richtlinie geändert werden muss. Darüber hinaus sind im Fall Relotius aber auch bestimmte Sachinformationen nicht zureichend überprüft worden - wie es dazu kommen konnte, wird derzeit aufgearbeitet.

Könnten rechtliche Schritte gegen Relotius eingeleitet werden?

Der SPIEGEL hat bislang keine Strafanzeige erstattet, behält sich dies aber vor. Derzeit wird der Sachverhalt geprüft und aufgearbeitet. Auch Schadensersatzforderungen haben wir bislang nicht geltend gemacht. Auch hier gilt: Derzeit wird der Sachverhalt geprüft und im Anschluss entschieden.

Kann es sein, dass Claas Relotius geglaubt wurde, weil seine Texte vielen ins Weltbild passten? Weil die Szenerien, die er beschreibt, so genau und auf den Punkt sind, wie in einem Lehrstück?

Nein. Einem Journalisten wird beim SPIEGEL grundsätzlich nicht geglaubt, weil er eine bestimmte Haltung einnimmt. Claas Relotius wurde geglaubt, weil er stets überzeugend darlegen konnte, wie er an seine Informationen gekommen ist. Auch diese Darlegungen haben sich als Fälschungen erwiesen. Dass Relotius trotz diverser SPIEGEL-Kontrollmechanismen mit dieser Methode so lange durchkommen konnte, wollen wir aufarbeiten. Die Chefredaktion und die Geschäftsführung haben zu diesem Zweck eine Kommission aus drei erfahrenen Journalisten berufen, sie sollen Routinen und das Versagen der Sicherungssysteme überprüfen.

red

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