Fall Claas Relotius Wir ziehen unsere Lehren

Claas Relotius hat die Leser und die Macher des SPIEGEL getäuscht. Doch wir als Haus haben auch in einem erheblichen Ausmaß versagt. Das wird Konsequenzen haben.

Steffen Klusmann, designierter SPIEGEL-Chefredakteur
David Maupilé

Steffen Klusmann, designierter SPIEGEL-Chefredakteur

Vom künftigen Chefredakteur Steffen Klusmann


Dieser Text wurde ergänzt und aktualisiert - u.a. um ein Statement der Anwälte von Claas Relotius. Mehr dazu am Ende des Artikels.

Liebe Leserinnen und Leser,

der Fall Relotius hat beim SPIEGEL in den vergangenen Tagen Erkenntnisse zutage gefördert, die weder wir noch Sie für möglich gehalten hätten. Claas Relotius hat sich als ein genialischer Betrüger herausgestellt, dessen Abgründe sich von Tag zu Tag als tiefer erweisen. Er hat nach seinen Geschichten sogar die Betroffenheit und Hilfsbereitschaft seiner Leserinnen und Leser ausgenutzt und privat Spenden eingesammelt, die nicht bei denen angekommen sind, für die sie gedacht waren. Denn mal gab es die Protagonisten in seinen Geschichten, mal gab es sie nicht, fast immer waren ihre Biografien und Schicksale zurechtgezimmert.

Wir als Macher des SPIEGEL müssen einräumen, dass wir in einem erheblichen Ausmaß versagt haben. Relotius ist es gelungen, sämtliche im Haus üblichen Sicherungsmechanismen zu umgehen und außer Kraft zu setzen.

Zum einen waren Signale und Hinweise, die uns hätten stutzig machen können, nie an einer Stelle gebündelt. So hat Relotius die Übersetzer bei verschiedenen seiner Geschichten gebeten, lieber nichts ins Englische zu übersetzen für das internationale Angebot. Ein anderes Mal sollten die Blattmacher von SPIEGEL+, unserem Bezahlangebot, einen Artikel nicht verwenden.

Wieder an anderer Stelle bat er die Fotokollegen, ein bestimmtes Foto nicht auf die Website zu stellen. Stets hatte er sehr plausible Argumente für sein Ansinnen. Und unser Haus ist groß, in den Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE und in der Dokumentation arbeiten zusammen rund 600 Kollegen, da kriegen Vorgesetzte natürlich nicht immer alles mit.

Aber, und das müssen wir uns im Rückblick schon eingestehen: Wir haben uns von Claas Relotius zu sehr einseifen lassen. Im Umgang mit dem Kollegen waren wir intern so blauäugig wie wir das bei Recherchen nie akzeptieren würden. Wir sind ja eher dafür bekannt, dass wir im Zweifel nichts glauben, was man uns erzählt. Relotius haben wir so ziemlich alles geglaubt.

De facto müssen wir heute davon ausgehen, dass sämtliche Relotius-Geschichten Fälschungen sind, so wie die in den anderen Medien, für die er geschrieben hat. Selbst wenn Teile seiner Geschichten zutreffen, sind sie gespickt mit Erdachtem. Da hilft es dann auch nicht mehr viel zu wissen, welcher Satz womöglich stimmt. Die Geschichten sind als journalistisches Produkt wertlos.

Mir als neuem Chefredakteur ist wichtig, unsere Entschuldigung bei Ihnen mit dem Versprechen der konsequenten Aufklärung und den richtigen Schritten hin zu einer Neuaufstellung zu verbinden.

Einer Marke mit der Autorität des SPIEGEL darf ein solches Versagen nicht passieren, das ist hochnotpeinlich und dafür können wir uns nur schämen - egal wie genialisch Relotius das alles eingefädelt haben mag.

Es hilft aber auch nicht, mit jedem Fitzelchen neuen Erkenntnisgewinns jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir werden den Fall im Ganzen aufarbeiten und das dann dokumentieren, so wie es sich gehört. Im Januar tritt eine Aufklärungskommission ihre Arbeit an. Sie soll herausfinden, wie ein solches Desaster beim SPIEGEL passieren konnte und wie es sich künftig verhindern lässt. Diese Aufarbeitung wird Zeit brauchen, das geht nicht in ein paar Tagen oder Wochen.

Aus den Erkenntnissen der Kommission werden wir in Zwischenetappen und nach Vorliegen des Schlussberichts unmittelbar die notwendigen Konsequenzen ziehen. Wer Verantwortung zu tragen hat, wird sie tragen.

Der Vorteil am Fall Relotius ist: Der Vorgang ist so irre, so dreist und so absurd, dass einem die Verfehlungen im Nachhinein geradezu ins Gesicht springen. Das sollte die Aufklärung erleichtern. Ein anderer Vorteil ist: Es gab solche Fälle (wobei die nicht ganz so irre waren) auch bei anderen renommierten Medienhäusern, bei der "New York Times" etwa. Die haben daraus kluge Schlüsse gezogen, die wir uns abgucken können - und werden.

Bleiben Sie uns treu - auch wenn Ihnen das zurzeit vielleicht schwerfällt.

Herzliche Grüße und frohe Weihnachten

Ihr

Steffen Klusmann,

designierter SPIEGEL-Chefredakteur

Nachtrag: Mit Datum vom 27.12.2018 hat Claas Relotius über seine Anwaltskanzlei die Vorwürfe bezüglich der privat eingesammelten Spenden im Wesentlichen eingeräumt. Er macht geltend, die Spenden nicht selbst vereinnahmt zu haben und dies auch nicht beabsichtigt zu haben. Vielmehr habe er das bei SPIEGEL-Lesern privat eingesammelte Geld - es handele sich um über 7000 Euro - auf 9000 Euro aufgestockt und für einen anderen guten Zweck verwendet. Den Wortlaut der Pressemitteilung finden Sie hier:

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Weiterer Nachtrag: Die Diakonie Katastrophenhilfe bestätigte auf Anfrage am 28. Dezember 2018 den Eingang einer Spende von Relotius in Höhe von 9000 Euro. Sie sei im Oktober 2016 überwiesen worden, so eine Sprecherin. Das Geld sei zeitnah verwendet worden. Es sei einem Gemeindezentrum im Nordirak zugute gekommen, das sich um vertriebene Kinder aus dem Irak und Syrien kümmert.

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