Fall Relotius Die Geschichte vom guten Syrer ist wahr

Claas Relotius berichtete über den Fall eines Syrers, der 1000 Euro fand und zur Polizei brachte. Relotius hat Teile vieler seiner Geschichten erfunden, nun stand auch dieser Text in Frage. Doch Zeugen bestätigen die Geschichte.

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Am 2. Oktober 2015 erschien im SPIEGEL ein Text von Claas Relotius in der Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte". Unter der Überschrift "Verlust" lautete die Unterzeile: "Ein Flüchtling aus Syrien findet 1000 Euro auf der Straße und übergibt das Geld der deutschen Polizei."

Relotius erzählt darin die Geschichte eines jungen Syrers, der auf der Straße ein Sparbuch findet, darin zwei 500-Euro-Scheine. Der junge Mann, schrieb Relotius damals, heiße Mahmoud Abdullah. Dieser habe kurz darüber nachgedacht, was er mit dem Geld alles anfangen könne; dann sei er zur Polizei gegangen und habe das Geld abgegeben. Der Besitzer des Sparbuchs habe sich gemeldet und Abdullah Finderlohn angeboten. Abdullah habe abgelehnt. In Syrien, so seine Begründung, sei man ehrlich, "um ein guter und gerechter Mensch zu sein".

Ein bitterarmer syrischer Flüchtling, der 1000 Euro auf der Straße findet, zur Polizei bringt und noch nicht einmal einen Finderlohn will? Das klingt für viele wie eine Geschichte, die zu schön ist, um wahr zu sein.

Umso mehr, seit bekannt wurde, dass Relotius Teile vieler seiner Texte erfunden hat. Jetzt wird der Wahrheitsgehalt all seiner Texte in Frage gestellt. Und die Geschichte von Mahmoud Abdullah, dem ehrlichen Syrer, vor allem in den sozialen Netzwerken rechter Kreise.

Der Vorgang ist aktenkundig

Doch Relotius war nicht der einzige und schon gar nicht der erste, der die Geschichte berichtete. Öffentlich wurde sie durch eine Pressemitteilung der Aachener Polizei. Dort ist der Vorgang aktenkundig, wie die Behörde auf Anfrage des SPIEGEL bestätigt.

Am 20. Juli 2015 um 14 Uhr betrat demnach "ein Mann, der nur sehr gebrochen Deutsch" sprechen konnte, die Polizeiwache in Alsdorf. Er übergab den Beamten 1000 Euro in zwei Scheinen à 500 Euro und lehnte selbst Finderlohn ab. Die Beamten nahmen seine Personalien auf, was auch seine Identität bestätigt.

Relotius erfuhr von dieser Geschichte, weil kurz darauf die Nachrichtenagentur dpa und zahlreiche Medien darüber berichteten - Relotius wurde durch eine Meldung der "Süddeutschen Zeitung" darauf aufmerksam. Er arbeitete sie für das kurze SPIEGEL-Format "Eine Meldung und ihre Geschichte" auf. Damit war sein Stück als Reaktion auf vorhergehende Berichterstattung gekennzeichnet: Abdullahs Geschichte war zu diesem Zeitpunkt regional bereits in mehreren Artikeln berichtet worden.

Autorin vieler Geschichten rund um den Syrer Mahmoud Abdullah war Beatrix Oprée, Redakteurin der "Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten". Sie traf sich mit Abdullah für ihren ersten Bericht, hatte danach noch mehrfach Kontakt zu ihm und seiner Familie und kannte Ereignisse, die auch Claas Relotius später in seiner SPIEGEL-Geschichte widergeben sollte.

Im Sommer 2015 wandte sich Relotius an sie, um den Kontakt zu Abdullah zu bekommen. Oprée: "Er muss sich dann noch eine Weile Zeit gelassen haben, weil er in seinem Artikel ja auf die Zusammenführung der Familie eingeht. Abdullahs Frau Shirin war aber noch nicht in Deutschland, als die ersten Artikel über den Fall erschienen."

Relotius Artikel im SPIEGEL basierte demnach nicht nur auf dem Kenntnisstand der ersten Meldungen, sondern auf dem eines deutlich späteren Zeitpunkts. Den Inhalt des Relotius-Artikels kann Oprée zum größten Teil bestätigen. Sie stellt aber auch fest, dass Vorgänge offenbar verkürzt dargestellt wurden.

Wo Relotius' Geschichte von der, die Oprée selbst basierend auf Gesprächen mit Abdullah aufgezeichnet hat, abweicht, ist vor allem die Darstellung der Flucht der Familie von Abdullah, die ihm in zeitlichem Abstand folgte:

  • Oprée hatte erfahren, dass Abdullahs Frau Shirin nicht allein, sondern mit familiärer Begleitung floh.
  • Dass der Kontakt zwischen Abdullah und seiner Frau während der Flucht mehrfach abriss, kann sie bestätigen, nicht aber die zeitlichen Zusammenhänge. Im Relotius-Artikel ist die Ungewissheit über den Verbleib seiner Familie gepaart mit dem Fund der 1000 Euro ein emotionaler Höhepunkt des Textes.
  • Dass Abdullah das Geld fand, gerade als er den Kontakt zu seiner Frau verloren hatte und dabei war, auch seine Hoffnung zu verlieren, ist demnach eine Dramatisierung.
  • Wie und auf welchem Weg Abdullah und seine Frau letztlich zusammenfanden, ist ebenfalls verkürzt dargestellt.

In Summe lässt sich damit feststellen, dass die Darstellung des Falles des "ehrlichen Syrers" durch Claas Relotius in der Sache richtig, in Details aber möglicherweise geglättet, verkürzt und vielleicht auch aus dramaturgischen Gründen geschönt war.

Folgende Tatsachen sind jedoch gesichert:

  • Abdullah fand am 20. Juli 2015 die 1000 Euro auf der Straße.
  • Er brachte das Geld zur Polizei.
  • Er lehnte einen Finderlohn ab.
  • Die Beamten fanden das so beeindruckend, dass sie es per Pressemitteilung öffentlich machten.

Mahmoud Abdullah möchte sich dazu im Augenblick nicht äußern. "Er hält sein Deutsch noch nicht für gut genug", sagt Oprée, um die Feinheiten in einem Zeitungsartikel adäquat beurteilen zu können. Zudem seien seitdem mehr als drei Jahre vergangen.

Mit Medien möchte Abdullah derzeit nicht sprechen. Beatrix Oprée hat ihn seit Donnerstag mehrfach kontaktiert und dabei auch eine Anfrage des SPIEGEL übermittelt. Er hat sich dazu entschieden, seine Antwort durch sie übermitteln zu lassen.

Oprée: "Mahmoud hat mir mitgeteilt, dass er sich nicht genau erinnern kann, ob es Claas Relotius war, auf alle Fälle sei jemand vom SPIEGEL da gewesen. Die meisten Gespräche habe sein Schwager geführt." Zwischenzeitlich hatte Oprée auch Kontakt zu Abdullahs Schwager: Er und Abdullah wollen den Artikel in den kommenden Tagen zusammen noch einmal durchgehen.

Wir wissen damit, dass die Geschichte über Mahmoud Abdullah im Kern wahr ist. Was Relotius in seiner Version der Geschichte erzählt, kann er im direkten Gespräch mit Mahmoud Abdullah und dessen Schwager erfahren haben. Wir können derzeit aber nicht ausschließen, dass er sich auch aus anderen Quellen bediente. Denn alles Wesentliche, was dem Relotius-Artikel zu entnehmen ist, konnte man zuvor auch schon in den Artikeln von Beatrix Oprée in der "Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten" lesen - und mehr.

Sollte sich Mahmoud Abdullah dazu entscheiden, seine Sicht der Dinge detaillierter zu ergänzen, werden wir auch das öffentlich machen. Bis dahin gilt festzustellen: Die Diffamierung seiner Person in sozialen Netzwerken und durch Protagonisten des rechten Spektrums entbehrt jeder Grundlage. Die Geschichte vom ehrlichen Syrer ist und bleibt wahr.



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