Manipulation durch Reporter SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen

Ein Reporter des SPIEGEL hat in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert. Durch interne Hinweise und Recherchen erhärtete sich in den vergangenen Tagen der Verdacht gegen Claas Relotius - der inzwischen Fälschungen zugegeben und das Haus verlassen hat. Auch andere Medien könnten betroffen sein.

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Eine Rekonstruktion in eigener Sache von Ullrich Fichtner


Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nah. Es ist der Montag vor drei Wochen, der 3. Dezember, am Abend wird Relotius, SPIEGEL-Mitarbeiter seit sieben, SPIEGEL-Redakteur seit eineinhalb Jahren, in Berlin auf eine Bühne gerufen. Er hat nach Meinung der Jury des Deutschen Reporterpreises 2018 wieder die beste Reportage des Jahres geschrieben, über einen syrischen Jungen diesmal, der im Glauben lebt, durch einen Kinderstreich den Bürgerkrieg im Land mit ausgelöst zu haben. Die Juroren würdigen einen Text

"von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert."

Aber in Wahrheit ist, was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen kann, leider alles offen. Alle Quellen sind trüb. Vieles ist wohl erdacht, erfunden, gelogen. Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake.

Die elende Seite im Leben des Claas Relotius dokumentiert eine E-Mail, die zufällig ebenfalls an jenem 3. Dezember, keine 17 Stunden vor der Preisverleihung in Berlin, um 3.05 Uhr in deutscher Nacht, bei ihm eintrifft. Eine "Jan" meldet sich, das ist kurz für: Janet, sie macht die Pressearbeit für eine Bürgerwehr in Arizona, die entlang der Grenze zu Mexiko Streife auf eigene Faust läuft. Sie fragt Relotius, der über diese Bürgerwehr zwei Wochen zuvor in der dunkel schillernden SPIEGEL-Reportage "Jaegers Grenze" geschrieben zu haben vorgab, wie das denn zugehe? Wie Relotius Artikel über ihre Gruppe verfassen könne, ohne für ein Interview vorbeizukommen? Und dass es doch sehr seltsam auf sie wirke, dass ein Journalist Geschichten schreibe, ohne vor Ort Fakten einzusammeln.

An "Jaegers Grenze" wird Relotius scheitern.

Es ist der eine gefälschte Text zu viel, weil er diesmal einen Co-Autor hat, der seinen "Quatsch" nicht mitmacht, der Alarm schlägt und bald Fakten gegen die Fiktionen sammelt. Juan Moreno ist dieser Co-Autor, seit 2007 als Reporter für den SPIEGEL in aller Welt unterwegs. Im Streit mit und über Relotius riskiert Moreno seinen eigenen Job, zwischenzeitlich recherchiert er dem Kollegen, verzweifelt, auf eigene Kosten hinterher. Drei, vier Wochen lang geht Moreno durch die Hölle, weil Kolleginnen und Vorgesetzte in Hamburg seine Vorwürfe anfangs gar nicht glauben können. Relotius? Ein Fälscher? Der bescheidene Claas? Ausgerechnet?

Es wird im SPIEGEL noch Ende November, Anfang Dezember für möglich gehalten, dass Moreno in diesem Spiel der eigentliche Halunke ist und Relotius das Opfer einer üblen Verleumdung. Geschickt pariert Relotius alle Angriffe, alle gut recherchierten Beweise Morenos. Immer wieder findet er Mittel, Zweifel zu säen, Vorwürfe plausibel zu entkräften, die Wahrheit mit allen Mitteln zu seinen Gunsten zu verdrehen. Bis es irgendwann doch nicht mehr geht. Bis er endgültig nicht mehr schlafen kann, gejagt von der Angst vor Entdeckung. Relotius bricht ein, vergangene Woche, als ihn seine Vorgesetzte Özlem Gezer, Vizechefin des SPIEGEL-Gesellschaftsressorts, zur Rede stellt und ihm auf den Kopf zusagt, dass sie ihm nicht mehr glaubt. Am Donnerstag dann setzt er sich hin mit seinen Ressortleitern, mit einem Chefredakteur, und macht reinen Tisch, oder jedenfalls das, was er dafür hält.

So lässt sich sagen, dass Claas Relotius, 33 Jahre alt, einer der auffälligsten Schreiber des SPIEGEL, ein bereits vielfach preisgekrönter Autor, ein journalistisches Idol seiner Generation, kein Reporter ist, sondern dass er schön gemachte Märchen erzählt, wann immer es ihm gefällt. Wahrheit und Lüge gehen in seinen Texten durcheinander, denn manche Geschichten sind nach seinen eigenen Angaben sauber recherchiert und Fake-frei, andere aber komplett erfunden, und wieder andere wenigstens aufgehübscht mit frisierten Zitaten und sonstiger Tatsachenfantasie. Während seines Geständnisses am Donnerstag sagte Relotius wörtlich:

"Es ging nicht um das nächste große Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern." Und "mein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde".

Die kruden Potpourris, die wie meisterhafte Reportagen aussahen, machten ihn zu einem der erfolgreichsten Journalisten dieser Jahre. Sie haben Claas Relotius vier Deutsche Reporterpreise eingetragen, den Peter Scholl-Latour-Preis, den Konrad-Duden-, den Kindernothilfe-, den Katholischen und den Coburger Medienpreis. Er wurde zum CNN-"Journalist of the Year" gekürt, er wurde geehrt mit dem Reemtsma Liberty Award, dem European Press Prize, er landete auf der Forbes-Liste der "30 under 30 - Europe: Media" - und man fragt sich, wie er die Elogen der Laudatoren ertragen konnte, ohne vor Scham aus dem Saal zu laufen.

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Diese Enthüllung, die einer Selbstanzeige gleichkommt, ist für den SPIEGEL, für seine Redaktion, seine Dokumentationsabteilung, seinen Verlag, sie ist für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Schock. Die Kolleginnen und Kollegen sind tief erschüttert. Auf dem Flur im neunten Stock des SPIEGEL-Hauses, auf dem Relotius' Zimmer 09-161 lag, sind Belegschaft und Leitung des Gesellschaftsressorts, in dem er arbeitete, fassungslos und traurig. Ein Kollege, der viel mit Relotius' Texten zu tun hatte, sagte Anfang dieser Woche, die Affäre fühle sich an "wie ein Trauerfall in der Familie".

Dass es Relotius gelingen konnte, jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der SPIEGEL in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind. Nicht verhindert zu haben, dass die seit 1949 im SPIEGEL-Statut verbrieften Werte des Hauses in derart flagranter Weise verletzt werden, verursacht einen stechenden Schmerz, und das ist nicht nur hingesagt.

Wer das Atrium der SPIEGEL-Zentrale am Ericusgraben in der Hamburger Hafencity betritt, hat an der Wand gegenüber das Motto des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein vor Augen, in dem sich das publizistische Ideal des Hauses in seiner knappsten Form verdichtet: "Sagen, was ist." Das ist der Auftrag immer gewesen, und niemand sollte die silbernen Lettern für bloßen Wandschmuck oder journalistische Folklore halten. Sagen, was ist, das heißt in den Worten des Statuts von 1949:

"Alle im SPIEGEL verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen [...]Berichtigungen kann sich der SPIEGEL nicht erlauben."

Das gilt. Es ist Verpflichtung. Wort für Wort.

Deshalb markiert der Fall Relotius einen Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des SPIEGEL. Die selbst gesteckten Ziele wurden verfehlt, eigene Ansprüche weit unterboten, alte Werte verletzt, wie oft genau und in welchen Weisen, wird noch zu ermitteln sein. Der junge Redakteur, der den großen Reporter mimte, hat sein Büro am Sonntag ausgeräumt und seinen Vertrag am Montag gekündigt.

Als Autor oder Co-Autor hat er im SPIEGEL 55 Originaltexte veröffentlicht, davon gingen drei, ins Englische übersetzt, ins Digitalangebot SPIEGEL International, 18 wurden in Zweitverwertung auch noch digital weitervertrieben. Dreimal schrieb Relotius Texte für SPIEGEL ONLINE, und in seinen insgesamt zehn, elf Jahren als Journalist publizierte er auch in "Cicero", in der "Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag", der "Financial Times Deutschland", der "taz", der "Welt", im "SZ-Magazin", in der "Weltwoche", auf "ZEIT online", in "ZEIT Wissen" und in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Relotius will auch, laut einer biografischen Selbstauskunft, für den britischen "Guardian" geschrieben haben. Im Archiv des SPIEGEL findet sich dafür kein Beleg.

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DER SPIEGEL bittet jeden und jede, der oder die mit falschen Zitaten, erfundenen Details ihres Lebens, in erdachten Szenen, an fiktiven Orten oder sonst in falschen Zusammenhängen in Artikeln von Claas Relotius im SPIEGEL aufgetaucht sein möge, um Entschuldigung. Das Haus entschuldigt sich auch bei seinen Leserinnen und Lesern, bei allen geschätzten Kolleginnen und Kollegen in der Branche, bei den Preiskomitees und -jurys, den Journalistenschulen, bei der Familie Rudolf Augsteins, bei Geschäftspartnern und Kunden. DER SPIEGEL wird eine Kommission einberufen, der auch Externe angehören werden, um die Vorgänge aufzuklären und um Wiederholungsfälle zu vermeiden. Ausschließen lassen sie sich, auch bei bestem Willen, nicht. Der Journalismus unterliegt, wie alles, um ein Wort von Heinrich von Kleist zu leihen, der "Gebrechlichkeit der Welt". Und auch der Mensch, der Journalismus treibt, wird immer fehlbar sein und bleiben.

Einfache Abhilfe ist deshalb leicht zu fordern, aber nicht zu haben. Bereits heute wird jeder Text, der im SPIEGEL gedruckt wird, parallel durch die Dokumentation bearbeitet, die alle Tatsachenbehauptungen auf ihre Korrektheit hin überprüft. Wenn Claas Relotius im August 2014, in seiner ersten großen SPIEGEL-Geschichte "Heim in die Hölle" schreibt, die Stadt Marianna liege "eine gute Autostunde westlich von Tallahassee" im Norden Floridas, dann hat ein SPIEGEL-Dokumentar überprüft, dass das genau so stimmt.

Wenn Relotius schreibt, die kleine Stadt zähle "drei Kirchen, zwei Jagdklubs und eine Hauptstraße, die sich kilometerlang zwischen heruntergekommenen Flachbauten hinzieht", wäre das dank der vielen Möglichkeiten des Internets wohl auch überprüfbar, aber hier geht es schon hinein in die Recherche des Journalisten vor Ort. Seine Arbeit basiert auf einem Grundvertrauen, das ihm die Redaktion zu Hause schenkt. Der Dokumentar beim SPIEGEL ist zwar des Journalisten natürlicher Feind, und das hat SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein so gewollt, er hilft aber auch, liefert zu, versucht, Fehler zu verhindern, und er arbeitet am gleichen Produkt. Dass ein Kollege vorsätzlich betrügt, kann nicht Teil der alltäglichen Überlegungen im Journalismus sein. Die Regel ist das redliche Bemühen um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Der Betrug ist die Ausnahme. Bei Claas Relotius verfließen alle Sphären.

Er sagte am vergangenen Donnerstag, "Heim in die Hölle", die Geschichte einer furchtbaren Besserungsanstalt, in der viele Jahre lang Kinder gequält wurden, sei eine recherchierte Geschichte, im Gespräch mit Opfern und Zeitzeugen und Besuchen vor Ort sauber erarbeitet. Dasselbe sagt Relotius von "Gottes Diener", erschienen im SPIEGEL im Februar 2015. Der Text ist ein politisches Porträt des Gynäkologen Willie Parker, der im US-Bundesstaat Mississippi als letzter Arzt noch Abtreibungen ausführt. Aber kann das, mit dem neuen Wissen um Relotius' Verhältnis zur Wirklichkeit, wahr sein? Dass es im ganzen Staat Mississippi nur noch einen Arzt gibt, der Schwangerschaftsabbrüche vornimmt? Und dass dieser Arzt dann auch noch eine Wandlung vom Saulus zum Paulus hinter sich hat, weil er einst selbst ein Gegner der Abtreibung gewesen sein soll?

Fragwürdigkeiten stellen sich sofort ein, sobald man einmal anfängt, sie zu suchen. Wer arglos liest, merkt nicht weiter auf. Wer das Falsche sucht, wittert es bald überall. Es gehört zur Grundausstattung des Menschen, im Umgang mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erstaunlich großzügig zu sein, solange kein Grund zum Zweifeln besteht. Dann ist die Bereitschaft, noch die unglaublichsten Geschichten für wahr zu halten, solange sie nur plausibel wirken, ziemlich grenzenlos. Darauf fußte der Erfolg des Claas Relotius. Und sein Elend wird nun ins Unermessliche wachsen, weil man ihm, dem Ertappten, am Ende kein einziges Wort mehr glauben wird.

Immer wieder arbeitet Relotius in seinen Texten mit Musik und Musikzitaten, das zieht sich durch, und die zugehörigen Szenen sind oft mit faszinierender Perfektion gestaltet. Es stehen dann Sträflinge in Waschräumen und beginnen unvermittelt, Popsongs anzustimmen, oder ein verlorenes Kind geht eine dunkle Straße entlang mit einem traurigen Lied auf den Lippen. Die Musik erweitert den Assoziationsraum der Geschichten, sie werden überwältigend sinnlich an diesen Stellen, sie geben der Fantasie der Leserschaft Futter. Das Schreiben fühlt sich dann filmisch an, es beginnt ein "Kino im Kopf", und diese Formulierung gehört nicht zufällig zu den stehenden Redewendungen bei Preisverleihungen an Journalisten. Auch Relotius hat dergleichen über seine eigenen Texte immer wieder gehört. Er hat sich nur offenkundig dagegen entschieden, dass in diesem Kino nur Dokumentarfilme gezeigt werden dürfen. Dass Journalismus, anders als Literatur oder Filme, stimmen muss von A bis Z.

In "Gottes Diener" läuft auf dem Flur der Abtreibungsklinik leise ein CD-Player, der angeblich immerfort dasselbe Lied von Tom Petty spielt, "I Won't Back Down". Der Text des Songs passt so perfekt in die Geschichte, dass man in der Rückschau sagen muss: Es ist zu schön, um wahr zu sein. Der ertappte Reporter sagte am Donnerstag, als er auszupacken begann, auf eine gezielte Nachfrage nach der Musik:

Ja, wenn gesungen werde in seinen Geschichten, dann habe er sich das meistens ausgedacht.

Aber gilt das auch, wenn CD-Player leise spielen? Oder wenn irgendwo ein Radio läuft mit einem passenden Lied?

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Als Redakteur, als Ressortleiter, der solche Texte frisch bekommt, spürt man zuerst nicht Zweifeln nach, sondern freut sich über die gute Ware. Es geht um eine Beurteilung nach handwerklichen Kriterien, um Dramaturgie, um stimmige Sprachbilder. Es geht nicht um die Frage: Stimmt das alles überhaupt? Und dieser Relotius liefert immer wieder hervorragende Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen. Relotius ist ein besonders wertvoller Mitarbeiter. Er schreibt ja nicht nur große Sachen. Er beweist sein Talent, seine Hingabe an den Beruf Woche für Woche. Erledigt Redaktionsdienste, macht auch kleine Interviews, schreibt in schnellem Takt Texte für die SPIEGEL-Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte". Das wöchentliche Format, das hinter die tiefere Wahrheit der kleinen, vermischten Nachrichten steigen soll, liegt ihm. Er beherrscht die Form. Mit Witz. Und Tempo.

Dabei ist er, Jahrgang 1985, auf angenehme Weise anders als viele seiner Altersgenossen, die oft mit starken Ideen und hohen Meinungen vor allem über ihre eigenen Fähigkeiten zum SPIEGEL kommen, um Hospitanzen und Praktika zu absolvieren. Relotius ist ein bescheidener Mensch, hoch aufgeschossen, zurückhaltend, höflich, aufmerksam, ein wenig zu ernst vielleicht. Insgesamt ein Typ, dessen Eltern man gratulieren möchte zu ihrem gelungenen Sohn. Er wirkt eher schwach in mündlichen Diskussionen, aber er ist ja auch noch keine 30 Jahre alt anfangs, als er ankommt beim SPIEGEL, im Frühjahr 2014. Ein neuer, freier Mitarbeiter, der Anlass gibt zu schönen Hoffnungen. Er hat noch kein Büro, keine Hauskarte, er arbeitet auf Honorarbasis, und er verdient nicht schlecht.

Als freier Journalist, der er ist, beliefert er damals auch noch andere Blätter, aber der SPIEGEL bindet ihn enger an sich im Lauf der Zeit. Er bekommt bald ein ordentliches Garantiehonorar, und er liefert. Trägt bei zu Gemeinschaftsstücken des Ressorts, liefert Meldungen, produziert verlässlich, immer in sehr guter Qualität, und er lernt schnell. Er nimmt Hinweise dankbar auf, verarbeitet Verbesserungsvorschläge in perfekter Manier, er setzt um, was Ressortleiter ihm raten, berät sich auch mit Kolleginnen und Kollegen über seine und deren Texte. Er hilft neuen Praktikanten beim Einstieg, er ist ein Kollege, auf den man sich freut im Büro.

Und von Zeit zu Zeit schwingt er den ganz großen Hammer. Legt im April 2016 "Nummer 440" vor, die sensationelle Geschichte über einen zu Unrecht in Guantanamo einsitzenden Jemeniten, der in 14 Jahren Folter und Isolationshaft so verbogen wird, dass er am Ende nicht mehr freigelassen werden will. Drei Monate später nur, im Juli, erscheint im SPIEGEL schon "Königskinder" , der Relotius-Klassiker, mit Preisen überhäuft, die Geschichte zweier Waisenkinder aus Aleppo, die in der Türkei als Kindersklaven enden.

Relotius sagt, mit "Nummer 440" gebe es Probleme in Sachen Fake News, mit "Königskinder" nicht. Aber Königskinder beginnt so:

"An einem frühen Morgen in diesem Sommer geht Alin, ein Mädchen mit müden Augen, 13 Jahre alt, allein durch die noch dunklen Straßen der Stadt Mersin und singt ein Lied."

Sie singt ein Lied, und wo gesungen wird, beginnt bei Relotius in aller Regel das Reich der Fantasie. In der Rückschau wird das klar, im Alltag bleibt es leicht unsichtbar, zwischen den Texten liegen ja oft auch Monate. In "Königskinder" geht der Text weiter:

"In klappernden Sandalen läuft sie durch die Fabrikviertel, vorbei an verfallenden Gebäuden, an Hunden, die noch schlafen, und an Laternen ohne Licht. Das Lied, das sie singt, handelt von zwei Kindern, denen kein Leben offenstand und die doch, als sie schlimmstes Leid ertragen hatten, gerettet werden sollten."

Man kann das sprachlich schön finden oder für den Kitsch-Preis vorschlagen, man hätte auch fragen können, ob es so ein Kinderlied in Syrien überhaupt gibt. Aber selbst wenn nicht, wäre es schwer gewesen, dem Reporter eine Fälschung nachzuweisen. Als Relotius das eine Kind traf, Ahmed, den Bruder, war ein Fotograf dabei, gewissermaßen als unabhängiger Zeuge. Das Bild des Mädchens Alin dagegen hat Relotius selbst aufgenommen, mit ihr war er allein unterwegs, ohne Fotografen. Aber reicht das, um schon von einer Fälschung auszugehen? Relotius begleitet das Mädchen in seine unterirdische Näher-Werkstatt, als wenn man dort einfach so ein- und ausgehen könnte. Er steigt mit ihr hinab in den Keller, der nach Schweiß stinkt, über eine Treppe mit 15 Stufen, so steht es da: 15 Stufen, weil Relotius gelernt hat, dass exakte Zahlen die Glaubwürdigkeit des Geschriebenen erhöhen.

Aber vielleicht war es ja so. Vielleicht hat Relotius nicht nur das eine, sondern auch das andere Kind begleitet, vielleicht hat das Mädchen gesungen und alles so erzählt, dass er es dann guten Gewissens aufschreiben und berichten konnte. Aber wie soll man ihm glauben? Einem Mann, der zugibt, dass er sich die innere Wandlung des Guantanamo-Häftlings Mohammed Bwasir aus den Fingern gesogen hat?

Er hat das, durch einen Kunstgriff, meisterhaft verschleiert, indem er die Unmöglichkeit des eigenen Tuns auch noch gesondert herausstellte. Ziemlich weit vorn im Text steht da nämlich schon, klipp und klar:

"Wer als Reporter nach Guantanamo reist, kann Mohammed Bwasir dort nicht sehen, nicht sprechen, aber es gibt Menschen, die ihm eine Stimme geben."

Das sind, laut Relotius: ein Anwalt, ein Bruder "im Jemen", einstige Zellennachbarn, und dazu gibt es Lagerberichte, geleakte Geheimakten, persönliche Briefe. Welchen Zugang hatte Relotius? Welche Papiere kannte er wirklich? Wie eng hat der Anwalt mit ihm kooperiert?

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Sein Text suggeriert unter anderem, dass er die vielen Briefe des Häftlings, auf Arabisch geschrieben, von einem Mitarbeiter des Anwalts übersetzt, für seine Recherche sichtet. Er fasst sie zusammen, er referiert, als würde er das ganze Konvolut überblicken: "Am Anfang taucht in seinen Nachrichten häufig das Wort 'Zukunft' auf", steht da zum Beispiel. Was weiß Relotius über den Anfang, über die Mitte, über das Ende eines Zeitraums von 14 Jahren? Nichts weiß er, und er gibt es am vergangenen Donnerstag zu, dass er sich die innere Wandlung des Häftlings weitgehend vorgestellt hat, und ganz sicher ist es ihm nicht zu glauben, wenn er schreibt, live aus dem Inneren von Guantanamo:

"Dann schalten die Soldaten, über vier Lautsprecher direkt neben seinem Kopf, Musik ein, Bruce Springsteen, 'Born in the U.S.A.'."

Im Februar 2017 erscheint "Löwenjungen" im SPIEGEL, ein bestürzender, nicht nur in Journalistenkreisen bekannter Text darüber, wie die Schergen des "Islamischen Staats" zwei Brüdern im Alter von 12 und 13 Jahren die Gehirne waschen und sie als Selbstmordattentäter nach Kirkuk schicken. Aus solchem Stoff sind die ganz großen Geschichten gemacht.

In solchen Texten zieht sich die Gegenwart einmal auf ein lesbares Format zusammen, große Linien der Zeitgeschichte werden fassbar und schlagartig wird das Große ganz menschlich verständlich. Wer als Reporter über solches Material verfügt, und wer Talent hat für Dramaturgie, kann daraus Gold spinnen wie im Märchen. Relotius hat das Talent. Das Material erfindet er. Er legt eine der besten Geschichten der vergangenen Jahre vor, ein Meisterwerk. Der Laudator des Peter Scholl-Latour-Preises, Paul-Josef Raue, selbst jahrzehntelang im Zeitungsgeschäft, sagt, er sei bei der Lektüre stolz gewesen, Journalist zu sein, denn "besser als in dieser Reportage kann Journalismus nicht sein."

Claas Relotius hat alle geblendet. Chefredakteure, Ressortleiter, Dokumentare, Kollegen, Journalistenschüler, Freundinnen und Freunde. In diversen Jurys haben sich Bischöfe und Unternehmer, Menschenrechtler und Medienschaffende, Politiker und Mäzene verzückt über seine Texte gebeugt, und zu Recht: Sie waren oft groß und schön. Aber in "Löwenjungen" legt er dem verhinderten Selbstmordattentäter Nadim, der als Mensch wohl existiert, mit dem Relotius aber nie ausführlich sprechen konnte, lange Unterhaltungen mit ihm in den Mund, und Koranverse, die ihm angeblich von IS-Leuten eingebläut wurden.

"Löwenjungen" ist ein besonders abstoßendes Beispiel für Relotius' Fälschungen. Die Figur des Arztes, auf die sich vieles stützt, hat es so nicht gegeben. Und über die Koranstellen heißt es im Text:

"Nadim hat keinen dieser Verse vergessen. Er sitzt in seiner Zelle, er sagt sie nacheinander auf, wie schüchterne Kinder Gedichte aufsagen, zu Boden sehend, atemlos. Sure 9, Vers 41: Ziehet aus, leicht und schwer, und eifert mit Gut und Blut in Allahs Weg."

So geht das weiter und weiter, es folgt Sure auf Sure, und nichts davon hat sich wirklich ereignet, außer im Kopf des Autors, der sich gerade eine neue Preisgeschichte schnitzt.

Nur einen Monat später, Ende März 2017, erscheint im SPIEGEL "In einer kleinen Stadt", eine Momentaufnahme aus Fergus Falls in Minnesota. Die Idee dahinter war, sie entstand in der Redaktion in Hamburg, die ersten Monate von US-Präsident Trump nicht immer nur von oben herab aus europäischer Sicht zu verteufeln, sondern sie auch einmal aus der Perspektive derer anzuschauen, die den großen Donald mutmaßlich gewählt hatten: Amerikaner vom Land. Der Plan war, dass sich Relotius in Fergus Falls einmietet, Leute kennenlernt, zuhört, und ein kleines Zeitbild aufnimmt, das einen die Amerikaner ein wenig besser verstehen lässt.

Der Plan geht schief, und solche Dinge passieren im Journalismus dauernd. Relotius findet keine Protagonisten, mit denen er etwas anfangen kann, er findet keinen Zugang zum Stoff. Er schreibt E-Mails nach Hause, auch an Kollegen, dass er auf dem Schlauch steht, dass er nicht weiterkommt. Er gerät in eine Situation, die jeder Reporter kennt: Es gibt einfach keine Geschichte, es lässt sich keine finden. In solchen Fällen müssen rasche Entscheidungen her: Abbrechen oder weitermachen? Neu ansetzen oder bleiben lassen? Einen neuen Aspekt suchen oder nach Hause fahren?

Beim SPIEGEL ist man an dieser Stelle in seiner Entscheidung sehr frei. Kein Mitarbeiter muss fürchten, und schon gar nicht einer wie Relotius, dass er wegen einer geplatzten Geschichte Ärger bekommt. Alle Journalisten wissen, dass solche Dinge passieren, dass Recherchen versanden, dass auch aus guten Stoffen nicht immer eine interessante Geschichte werden kann, und manchmal wird dabei eben auch Geld verbrannt, das man hätte sparen können, das gehört zum Risiko.

Relotius will das nicht akzeptieren. Über die Geschichte aus Fergus Falls sagt er, er wisse schon, dass er keine auf den Deckel bekommen hätte, wenn er abgebrochen hätte.

"Ich glaube", sagte Relotius vergangene Woche, "ein normaler Mensch würde sagen, hör' mal, Chef, das funktioniert hier nicht, ich sitze fest, wir können die Geschichte nicht machen." Aber Relotius zählt offenbar nicht zu den normalen Menschen. "Ich neige dazu", sagt er, "die Kontrolle haben zu wollen. Und ich habe diesen Drang, diesen Trieb, es doch irgendwie zu schaffen. Man schafft es natürlich nicht. Man schafft eine Fälschung."

Wenn er "man" sagt an dieser Stelle, kann er nur sich selbst meinen und niemanden sonst.

In seiner Geschichte über Fergus Falls frisiert Relotius auf verletzend hochmütige Weise die Zeitgeschichte. Um einen kernigen Auftakt zu haben, erzählt er, dass am Ortseingang gleich neben dem Willkommensschild ein zweites Schild aufgestellt sei, "halb so hoch, aber kaum zu übersehen... Auf diesem Schild, aus dickem Holz in den gefrorenen Boden getrieben, steht in großen, aufgemalten Buchstaben: 'Mexicans Keep Out' - Mexikaner, bleibt weg."

Das Schild, das der ganzen Geschichte den Grundton gibt, hat nie existiert, es stand nur in der Fantasie des Autors herum. Er hat die Erfindung trotzdem als Faktum an Hunderttausende Leser weitergereicht, einfach so. Und die Einwohner von Fergus Falls hat er damit beleidigt. Es wirkt so, in der Gesamtsicht, dass ihm Menschen, die keine Kinder mehr sind, nichts sagen. Es gibt Ausnahmen, aber den Einwohnern von Fergus Falls gibt Relotius falsche Biografien, wie es ihm gerade passt, als wäre er ein Puppenspieler. Er versteigt sich auch zu grotesken Lügen wie jener, dass die Kinder der John-F.-Kennedy-Highschool ihre Vorbilder für den amerikanischen Traum gemalt hätten und zwar so: "Sie malten", schreibt Relotius, "nicht ein einziges Bild von einer Frau. Eine Klasse malte Barack Obama, zwei malten John D. Rockefeller. Die meisten malten Donald Trump." All das ist gelogen, einfach alles, es ist ausgedachter Mist.

Glaubt Relotius am Ende seinen eigenen Erfindungen? Das verneint er. Er weiß, dass er fabriziert, dass er täuscht, sagt er, und dafür hat einer wie er heute die größte vorstellbare Bastelkiste aller Zeiten zur Verfügung, das sagt er nicht. Aber mithilfe von Facebook, YouTube, Google, Wikipedia lassen sich heute Welten und Gemeinschaften entwerfen, die auch deshalb so wirklich und wahr wirken, weil sie aus Schnipseln bestehen, die irgendwo auf diesem Planeten tatsächlich wirklich sind und wahr. Relotius arrangiert dieses Material, gruppiert es um ein Thema, um eine Figur, und er fährt ja auch hin zu den Orten, sieht manchmal Menschen, und sei es nur flüchtig, und all diese Elemente werden zu Farben wie auf der Palette eines Malers, aus denen er dann sein Bild des Lebens mischt.

Er sagt, er habe das nicht so freihändig gemacht im Fall von "Blind Date", einer Geschichte über eine FBI-Übersetzerin, die sich in den deutschen IS-Kämpfer Denis Cuspert verliebt. Aber wo schon das Thema eigentlich wie erfunden klingt, was wird dann erst für die Einzelheiten der Geschichte gelten? Beweisen lässt sich an dieser Stelle noch nichts. Es gibt Relotius' Aussagen, es gibt erste zusätzliche Recherchen. Es gibt Anhaltspunkte, die es zum Beispiel als sicher erscheinen lassen, dass die SPIEGEL-Geschichte über Colin Kaepernick in weiten Teilen ausgedacht ist, die Story über den Football-Star, der aus Protest gegen den alltäglichen Rassismus in Amerika beim Abspielen der Nationalhymne niederkniete und arbeitslos wurde.

Als Relotius über ihn schreibt und im Oktober 2017 im SPIEGEL die Geschichte "Touchdown" veröffentlicht, ist Kaepernick längst eine globale Ikone. Auch Relotius kommt nicht an ihn heran. Er will es aber doch wieder "irgendwie schaffen" und statt beharrlich an Zugängen zu arbeiten, träumt er sich hinein in Räume, die ihm verschlossen bleiben, in Turnhallen, zu denen er keinen Zugang bekommt, auch in Telefonate mit Kaepernicks Eltern. Die Einstiegsszene der Geschichte ist so geschrieben, als hätte Relotius in der ersten Reihe gesessen, aber er war gar nicht da. Kaepernick, heißt es da,

"sieht in die Gesichter drei Dutzend schwarzer Mädchen und Jungen, die vor ihm auf Stühlen sitzen; er hält lange inne, wie einer, der die Wahrheit kennt, aber sie nicht auszusprechen wagt."

Und bald hat Relotius wie durch ein Wunder Kaepernicks Eltern am Apparat.

"Sie haben gezögert, ob sie am Telefon über ihren Sohn sprechen sollen, sie wollten ihm keine Probleme machen, sagen sie, aber sie wollen auch, dass die Menschen ihn verstehen. Schließlich, manchmal weinend, manchmal lachend, erzählt die Mutter seine Geschichte."

Das Telefonat trägt die ganze weitere Story. Es hat nie stattgefunden. Kaepernicks Anwalt antwortet auf eine Anfrage per E-Mail, ob mit der SPIEGEL-Geschichte etwas nicht stimme, lakonisch: "There is no basis." Erst konfrontiert mit dieser Aussage des Anwalts gibt Relotius am vergangenen Donnerstag zu, dass er nicht mit den Eltern gesprochen hat. Zuvor hatte er im selben Gespräch erst noch das Gegenteil behauptet.

Es beginnt Claas Relotius' letztes Jahr als Journalist, 2018. Im März erscheint "Die letzte Zeugin". Es ist ein grandioses Kammerspiel um eine Amerikanerin, die sich als Zeugin von Hinrichtungen zur Verfügung stellt, weil das Gesetz die Anwesenheit einfacher Bürger vorschreibt. Die Frau befürwortet die Todesstrafe, also hält sie es für ihre Pflicht, den Staat an dieser Stelle zu unterstützen, außerdem dichtet ihr Relotius dramatische persönliche Erfahrungen an, die ihr Verhalten noch weiter erklären. Relotius begleitet sie, behauptet er, die ganze Geschichte lang scheint er an ihrer Seite zu gehen, ganz nah. Das beginnt schon im Einstieg, wenn sie ihr Haus in Joplin, Missouri, verlässt,

"um einen Mann, den sie nicht kennt, sterben zu sehen. Sie verriegelt die Tür, dreht den Schlüssel dreimal um, dann geht sie eine menschenleere Straße entlang, zum Busbahnhof. Sie besorgt sich ein Greyhound-Ticket für 141 Dollar nach Huntsville, Texas, und zurück."

Es ist ein wirklich einfühlsames Porträt, souverän vorgetragen, der Reporter hatte offenkundig viel Zeit mit seiner Protagonistin, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will, so was kommt vor, man kann das verstehen. Relotius nennt sie Gayle Gladdis.

"Sie setzt sich auf einen Platz vorn rechts, auf langen Busfahrten, sagt sie, werde ihr oft übel."

Oder:

"Gladdis holt tief Luft, sie presst ihre Fäuste auf ihrem Schoß gegeneinander, so fest, dass ihre Fingerknochen weiß hervortreten."

Oder:

"Sie trägt eine Bluse und eine Halskette mit einem Kreuz, sie blättert in ihrer Bibel. Sie hat so oft darin gelesen, dass sich der Umschlag gegilbt und die Seiten gewellt haben. Sie schlägt das 3. Buch Mose auf, Kapitel 24, dort steht: 'Wer irgendeinen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben.'"

Passt alles perfekt. Stimmt nur nicht. Nichts davon. Claas Relotius hat in den USA keine Frau zu Hinrichtungen begleitet. Er ist nicht mit ihr Bus gefahren, er hat nicht mit ihr im 3. Buch Mose geblättert. Er hat eine Geschichte erfunden, 40.273 Zeichen lang, fünf Seiten und eine Spalte in der SPIEGEL-Ausgabe 10/2018, Seite 58 bis 63. Das dürfte, selbst für seine Verhältnisse, ein Rekord sein.

Wurde es schlimmer mit der Zeit? Relotius hat es nicht so erlebt. Er beschreibt eine Mechanik, die bei ihm einsetze, seit er als Journalist arbeitet, es war von Anfang an so. Wenn die Recherche gut laufe, wenn er interessante Leute finde, arbeite er wie ein "normaler" Journalist, dann verändere er auch sein Material nicht, poliere nichts. Sagt Relotius. Man mag daran im Lichte der neuen Erkenntnisse berechtigte Zweifel haben.

Wenn es aber hake, sagt Relotius, wenn er nicht weiterkomme, wenn er nicht zu einer Geschichte finde, dann beginne er zu fälschen. Dann schreibe er gefälschte Sätze hin und lasse sie stehen, und er finde sie teilweise selbst so dreist, so lächerlich, dass er während des Schreibens zu sich sage:

"Come on! Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!".

Im Gespräch mit Relotius wirkt es so, als sei er nun, nachdem seine Welt eingestürzt ist, auf der Suche nach Metaphern für sich selbst. Er ist noch nicht fündig geworden.

Macht ihm, in den vergangenen Jahren, das Fälschen auch Spaß? Freut er sich an einem gelungenen Einstieg, einer schönen Szene, einem Detail, wenn alles gut erfunden ist? Über solche Fragen schüttelt Relotius am vergangenen Donnerstag den Kopf. Er sagte, dass es ihn sogar ekele vor sich selbst, wenn er fälsche. Dass es ihm leid tue, alles, dass er sich zutiefst schäme. Dass ihm nun erst bewusst werde, was er seiner Umgebung angetan habe. Mit ihm stimme etwas nicht, sagt Claas Relotius, daran müsse er nun arbeiten.

"Ich bin krank, und ich muss mir jetzt helfen lassen."

Er schreibt noch "Ein Kinderspiel", sein vorletztes Werk, das am Montag vor drei Wochen, am 3. Dezember, mit dem Deutschen Reporterpreis 2018 ausgezeichnet wird als beste Reportage des Jahres. Der Text über einen Jungen, der ein Anti-Assad-Graffito an eine Wand in Daraa sprühte und so womöglich eine Massenbewegung lostrat, erschien im SPIEGEL am 23. Juni 2018. Es ist nur, leider, wie so viele andere Arbeiten aus Relotius' Manufaktur, ein fantasievolles Machwerk. Schwer zu sagen, wie sich hier die Fakten von der Fantasie trennen lassen, schwer, die Fragen danach zu beantworten, mit wem Relotius eigentlich Kontakt hatte, wie oft, wie intensiv, wie eigentlich übersetzt wurde, wie all diese Handy-Verbindungen überhaupt rein technisch möglich gewesen sein sollen.

Relotius will nicht ins Detail gehen, dem Augenschein nach: aus Scham. Er gibt pauschal zu, dass es etwa die Führungen per Handyvideo durch eine zerstörte Stadt nie gegeben hat. Er gibt zu, dass die Dramaturgie des Textes (es wechseln sich Erzählpassagen mit scheinbaren Wortprotokollen ab), insofern gefälscht ist, als dass es so viele Protokollabsätze, Wortlaute des Protagonisten gar nicht gab im Material, dass sie deshalb von ihm, Relotius, erfunden oder aus sehr wenigen Zitaten konstruiert wurden. Er zeigt am Donnerstag Stellen im Text, die gefälscht sind, aber ohne Genauigkeit, eher wischte er über Absätze hin.

Bleibt noch "Jaegers Grenze", wo die Geschichte von Claas Relotius als Journalist vorerst endet. Man kann das Davor und Danach sehr lang oder sehr kurz erzählen, entscheidend ist das Ergebnis: Dass im Zuge dieser Textarbeit und ihrer Veröffentlichung im SPIEGEL ein großer Spuk zu Ende geht, den Claas Relotius ungehindert viel zu lange aufführen konnte. Es ist Juan Moreno, der gegen alle Widerstände nicht locker lässt, recherchiert, antreibt, und an seine Fakten glaubt. Leicht ist das nicht für ihn. Anfangs rennt er gegen Wände, wie ein Whistleblower, dem erst nicht geglaubt wird, weil seine Wahrheiten so unbequem sind. Und weil der Beschuldigte so unverdächtig wirkt und so unbescholten ist.

Die Entstehungsgeschichte von "Jaegers Grenze" ist ein kleiner Roman für sich. Im Verlauf der Recherche, die Claas Relotius in die USA führt, während Juan Moreno im Süden der amerikanisch-mexikanischen Grenze unterwegs ist, entstehen bereits viele Verwerfungen, die anschließend dazu beitragen, dass die Vorwürfe nicht schneller ernst genommen und aufgeklärt werden. Auch wird Relotius im November aktiv, um sein falsches Tun mit krimineller Energie zu bemänteln. Er fingert in E-Mails herum, er verschickt irreführende Screenshots von Facebook-Seiten. Am Ende wird er doch von den Beweisen erdrückt, die Moreno gegen ihn versammelt.

Es geht erst um simple Dinge, um Namen von Figuren, die in "Jaegers Grenze" auftauchen, um ihre Biografien, um Identitäten. Es geht darum, schon nicht mehr so simpel, dass sich vieles, was Relotius in seinem Textteil über seine Tage mit einer Bürgerwehr erzählt, sehr ähnlich liest in einer sehr langen Reportage, die der Investigativreporter Shane Bauer für das Magazin "Mother Jones" geschrieben hat. Vieles andere liest sich freilich auch völlig anders. Aber die Hauptfiguren der SPIEGEL-Bürgerwehr nennen sich Jaeger, Pain, Ghost, Spartan - so heißen auch die Hauptfiguren der "Mother-Jones"-Geschichte. Kann das ein verrückter Zufall sein? Und warum heißt der Mann in Camouflage, von dem der SPIEGEL ein Foto druckt, Chris Jaeger - und nicht Chris Maloof, wie in der "New York Times", wo das gleiche Foto schon Ende 2016 erschienen war? Was geht hier vor?

Relotius fertigt ein Manuskript mit dem Arbeitstitel "Showdown", Moreno ist damit sehr unglücklich. Am Abend vor Drucklegung sieht er die Geschichte samt Layout und stolpert gleich über die Bilder. Der Artikel ist illustriert unter anderem mit einem Foto von Tim Foley, dem Bürgerwehr-Chef aus Arizona, der im Text nicht weiter vorkommt. Vor allem wundert sich Moreno, dass Relotius so beharrlich behauptet hatte, die Bürgerwehr, die er angeblich infiltrieren konnte, weigere sich, fotografiert oder gefilmt zu werden. Dieser Foley ist aber eine recht öffentliche Figur, er taucht im preisgekrönten Dokumentarfilm "Cartel Land" auf und lebt unter anderem davon, Journalisten und Touristen gegen Geld an der Grenze entlangzuführen und sie eintauchen zu lassen ins Milieu der Bürgerwehren. Was ist da los?

Moreno schreibt eine E-Mail an die Dokumentation und fragt nach, er macht Kollegen gegenüber bald Andeutungen über womöglich faule Stellen, aber er hat noch nichts Substanzielles in der Hand. Er sucht nach Hinweisen im Internet. Tags darauf, am Donnerstag, 15. November, Tag der Drucklegung, telefoniert er mit einem Dokumentar. Sie tauschen sich aus über die Geschichte, Moreno äußert seine Zweifel. Sie sprechen darüber, dass die Protagonisten des Textes bereits in anderen, älteren Quellen aufgetaucht sind, das Gespräch endet aber für beide Seiten nicht mit dem Gefühl, dass es einen Grund gäbe zu der Annahme einer vorsätzlichen Täuschung, keinen Grund mithin, der es rechtfertigen würde, die Geschichte womöglich noch zu stoppen.

Am Freitagabend, der Text liegt nun gedruckt vor im neuen SPIEGEL, der tags darauf ausgeliefert wird, redet Moreno mit seiner Ressortleitung, mit dem Gesellschaftschef Matthias Geyer, und informiert ihn darüber, dass er glaube, der Text enthalte Fälschungen. Geyer fordert ihn auf, seine Vorwürfe schriftlich zu fixieren. Am Sonntag schickt Moreno einen ersten Katalog von drei Fragen, in denen es um Foleys Foto und andere Elemente des Textes geht. Relotius wird mit diesen Fragen konfrontiert. Er verteidigt sich auf ebenso brillante wie verschlagene Weise. So eloquent antwortet er auf die Vorwürfe, und er gibt auf so perfekte Weise auch Imperfektionen in seiner Arbeit zu, dass plötzlich Moreno wieder wie ein Stänkerer aussieht. Er geht durch tiefe Täler damals, ohne eigenes Verschulden.

Moreno nutzt eine Recherchereise in die USA, um noch mehr Material gegen Relotius zu sammeln, vor allem aber, um sich selbst zu schützen. Ihn treibt der unerträgliche Gedanke um, dass sein eigener Name über einer Geschichte steht, die er für unwahr hält in weiten Teilen. Für das SPIEGEL-Sportressort beginnt er mit der Arbeit an einer Reportage über den Boxer Floyd Mayweather, den aktuell bestbezahlten Sportler der Welt. Mit an Bord ist der Münchner Fotograf Mirco Taliercio, der bei der Vermittlung eines Treffens mit Mayweather geholfen hat, Moreno und Taliercio sind gut befreundet.

Deshalb nimmt ihn Moreno auch auf den geheimen zweiten Teil seiner Reise mit: Er möchte Tim Foley besuchen, den Chef der Bürgerwehr Arizona Border Recon, und vielleicht auch Chris Maloof finden, den Mann in Tarnkleidung, der im SPIEGEL Jaeger heißt. Da beide in der SPIEGEL-Geschichte auftauchen, muss Claas Relotius mit beiden Kontakt gehabt haben, jedenfalls dann, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Mit Jaeger/Maloof will er schließlich ganze Tage und Nächte in der Wüste verbracht haben, wenn sich der Amerikaner daran nicht erinnert, wäre das mehr als merkwürdig. Moreno gelingt es, zu Foley Kontakt herzustellen. Über ihn wird er auch Maloof treffen können.

imago/ CHROMORANGE

Moreno und der Fotograf Taliercio kommen aus Las Vegas, sie fahren 770 Kilometer im Auto nach Arivaca, Arizona, wo Bürgerwehrler Foley alias Nailer gegen eine Gebühr von 200 Dollar mit ihnen zu sprechen bereit ist. Moreno zeigt Foley ein Bild von Relotius. Es gibt ein Video davon, und es ist für jeden erschütternd, der bis dahin geglaubt haben mag, Claas Relotius sei nichts als der zuverlässige, freundliche Mensch, als den man ihn die längste Zeit zu kennen glaubte. Der Amerikaner sagt, klipp und klar, er habe diesen Deutschen noch nie in seinem Leben gesehen.

Die Szene wiederholt sich wenige Tage später an anderem Ort, in anderer Besetzung. Es ist der 4. Dezember, Relotius hat tags zuvor die E-Mail von Janet Foley und den Reporterpreis erhalten für "Ein Kinderspiel". Nun sitzt in Arizona ein bärtiger Mann vor einer Videokamera, der der Chris Jaeger aus dem SPIEGEL sein sollte und sich hier Chris Maloof nennt. Er zeigt sogar eine ID zum Beweis. Er wirkt ruhig und entspannt.

Er bekommt Relotius' Foto gezeigt und sagt, noch überzeugender als zuvor Foley:

"Ich habe diesen Mann noch nie im Leben gesehen."

Relotius hat trotzdem über ihn geschrieben, oder über Teile von ihm. Es heißt zum Beispiel, er trage die Worte "Strength" und "Pride" auf seine Handrücken tätowiert. Aber Maloofs Hände sind nicht tätowiert. Maloof ist nicht Jaeger. Es gibt Jaeger nicht. Und Relotius ist weder dem einen noch dem anderen begegnet.

Es ist alles nur ein Arrangieren von Rohmaterial, vor allem fremdes, das ist die eigentliche Methode Relotius.

Er bedient sich aus Bildern, aus Facebook-Posts, YouTube-Videos, er fleddert alte Zeitungen, entlegene Blogs, und aus den Teilen und Splittern und Fetzen und Krümeln erschafft er seine Kreaturen wie ein verspielter kleiner Gott. Chris Jaeger, Gayle Gladdis, Neil Becker aus Fergus Falls, Nadim und Khalid in Kirkuk, Ahmed und Alin aus Aleppo, Mohammed Bwasir aus Guantanamo, sie sind keine Menschen aus Fleisch und Blut, sie leben nur auf dem Papier, und ihr Schöpfer heißt Claas Relotius. Manchmal lässt er sie singen, manchmal weinen, manchmal beten. Und wenn es ihm gefällt, wie in "Jaegers Grenze", dann lässt er seine Hauptfigur auch einmal schießen, mit einem Sturmgewehr, mit scharfer Munition, in die Nacht hinein, einfach so, und weil es an den Schluss seines Märchens gerade so gut passte.

Hinweis: In einer früheren Fassung dieses Textes wurde der unangemessene Ausdruck "getürkt" verwendet. Wir haben das korrigiert. Außerdem wurde der Boxer Floyd Mayweather als bestbezahlter Sportler aller Zeiten bezeichnet. Tatsächlich ist er der aktuell bestbezahlte Sportler der Welt. Wir haben die entsprechende Stelle geändert.

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