Fall Gurlitt Falsche Methode, richtiges Ergebnis

Die Staatsanwaltschaft Augsburg gibt Cornelius Gurlitt seine Bilder zurück - und korrigiert damit den Fehler, die Kunstwerke beschlagnahmt zu haben. Immerhin gibt es jetzt die Chance, die Raubkunst-Fälle aufzuklären.

Cornelius Gurlitt vor seinem Wohnhaus (Archivbild): Neue Erkenntnisse im Ermittlungsverfahren
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Cornelius Gurlitt vor seinem Wohnhaus (Archivbild): Neue Erkenntnisse im Ermittlungsverfahren


In einem bleibt sich die Staatsanwaltschaft Augsburg treu: Ihre Verlautbarungen im Ermittlungsverfahren gegen Cornelius Gurlittt fallen ausgesprochen sparsam aus. "Zum Zeitpunkt der Beschlagnahme der gesamten Sammlung war die Staatsanwaltschaft Augsburg uneingeschränkt von der Rechtmäßigkeit der Maßnahme überzeugt", erklärten die Ermittler heute in einer elf Zeilen kurzen Erklärung.

Doch nach einer Neubewertung der rechtlichen Situation, so heißt es zu der radikalen und peinlichen Kehrtwende, habe "die Staatsanwaltschaft Augsburg am 9. April 2014 die Beschlagnahme aufgehoben und alle beschlagnahmten Gegenstände freigegeben".

Es wurde auch Zeit. Vor mehr als zwei Jahren, am 28. Februar 2012, waren unter Führung der Augsburger Staatsanwaltschaft rund 40 Ermittler und Experten in Cornelius Gurlitts Wohnung in München eingefallen und hatten 1280 Bilder beschlagnahmt. Zusammengetragen hatte die imposante Privatsammlung Gurlitts Vater, der Kunsthändler und Profiteur des Nazi-Regimes, Hildebrand Gurlitt.

Vorwürfe nicht erhärtet

Die Vorwürfe gegen Gurlitt, er habe beim Verkauf von Bildern im Ausland Steuern hinterzogen, konnte die Staatsanwaltschaft trotz Telefonüberwachung nicht erhärten. Die zweijährige Beschlagnahmung der Bilder war offenbar rechtswidrig, zumindest grotesk unverhältnismäßig. Die Bundesregierung allerdings nutzte sie, um der jüdischen Gemeinschaft zu demonstrieren, dass sie sich tatsächlich bemüht, den Erben von NS-Opfern, denen Kunstwerke geraubt wurden, späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Die Rückgabe der Bilder an Gurlitt ist Bedingung und Teil einer Vereinbarung, welche die Bundesrepublik, der Freistaat Bayern und der Betreuer von Cornelius Gurlitt vergangene Woche abgeschlossen haben. Mit ihr sehen nun alle Beteiligten wie Gewinner in dem verworrenen Fall aus: Gurlitt bekommt die Bilder zurück. Die Taskforce darf weiter ihre Provenienz untersuchen. Mögliche Raubkunst gibt Gurlitt an die Erben zurück.

Dabei ist wichtig zu wissen: Es dürfte sich höchstens bei zwei Dutzend der 1280 bei Gurlitt beschlagnahmten Bildern um Raubkunst handeln. Gurlitt bleiben in jedem Fall die überwältigende Mehrzahl seiner Bilder, die zusammen einen zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag wert sind.

Es geht um den Ruf der Bundesrepublik

Eine der Schlüsselfiguren des Falles Gurlitt ist Ingeborg Berggreen-Merkel oder "IBM", wie die Juristin und CSU-Politikerin gerne intern abgekürzt wird. Als Ministerialdirektorin und Nummer zwei beim Beauftragten für Kultur und Medien in Berlin hatte sie Anfang 2013 dafür gesorgt, dass eine Berliner Kunsthistorikerin Gurlitts Bilder gemächlich untersuchen konnte. Sie hatte allerdings den brisanten Fall nicht weiter verfolgt, bevor sie sich in den Ruhestand verabschiedet hatte.

Im November 2013 als Retterin reaktiviert gelang es Berggreen-Merkel, die Betreuer Gurlitts und seine Anwälte der Staatsräson zu verpflichten. Es gehe um nichts Geringeres als den Ruf der Bundesrepublik, was die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit angeht, argumentierte sie ausdauernd.

Ob Gurlitt, der zunächst gegenüber der SPIEGEL-Redakteurin Özlem Gezer behauptet hatte, er werde keine Bilder herausgeben, die Vereinbarung voll und ganz verstanden hat, ist fraglich. Nach der Überforderung durch das ungerechtfertigte Ermittlungsverfahren und einer schweren Herzoperation ist der alte Einzelgänger beeinflussbar.

Die Vereinbarung bringt allerdings erhebliche Vorteile für ihn. Gurlitt, sein Schwager und deren Erben bekommen die Provenienzen ihrer Sammlung untersucht und aufgeklärt. Aus wegen Raubkunstverdachts nahezu unverkäuflichen Bildern werden Werke mit von Fachleuten gründlich geprüfter Herkunft. Die Kosten für die schätzungsweise mehrere Millionen Euro teuren Untersuchungen der Task-Force trägt - na wer wohl? - der Steuerzahler, vertreten durch die Bundesrepublik und den Freistaat Bayern.

Die Gurlitt-Betreuer und die Presse feiern die Vereinbarung. Heribert Prantl sinniert in der "Süddeutschen Zeitung" darüber, wie unrechtes Handeln der Staatsanwaltschaft zur Entdeckung der Wahrheit über die Bilder Gurlitts führen konnte.

Dies ist in der Tat eines der faszinierenden Momente des Falles Gurlitt. Ein Unschuldiger gerät durch einen dummen Zufall in einen falschen Verdacht. Die Bundesregierung nutzt dies aus, um ihre skandalösen Versäumnisse bei der Identifizierung und Rückgabe von Raubkunst aufzuarbeiten. Mit falschen Mitteln wurde das Richtige getan.

Die Staatsanwaltschaft Augsburg betont in ihrer heutigen Presseklärung: "Das Ermittlungsverfahren selbst ist noch nicht beendet." Nun, das dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein beziehungsweise die Frage einer ausreichenden Schamfrist.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
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"Armenhaus" 09.04.2014
1. Aber erstmal,
Aber erstmal, aufblähen, verdächtigen; beschuldigen etc.-- Schon sehr anmassend was sich hier unsere ach so tolle deutsche Staatsanwalschaft von sich gibt ..-- Ohne öffentlichen Druck wäre hier nichts passiert - beweist mal wieder mehr wie "einseitig", ungerecht und asozial die deutsche Rechtssprechung ist.- Kein Wunder beim dem "Klüngelpack" - Parteibuch, "Amigos" und "Schmierenpresse" - machen aus jedem redlichen Bürger einen Verbrecher. Und umgekehrt -?- --- siehe Fälle wie Hoeness& Co.-- !! Rechtsstaat?? -Ade !!!
götzvonberlichingen_2 09.04.2014
2. Das übliche.......
Zitat von sysopBabirad PictureDie Staatsanwaltschaft Augsburg gibt Cornelius Gurlitt seine Bilder zurück - und korrigiert damit den Fehler, die Kunstwerke beschlagnahmt zu haben. Immerhin gibt es jetzt die Chance, die Raubkunst-Fälle aufzuklären. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-gurlitt-mit-falschen-mitteln-das-richtige-getan-a-963502.html
Man hatte sich hier medienwirksam und voller telegener Entschlossenheit auf einen Kunsthändler eingeschossen. Gemäß dem Motto "der deutsche Staat handelt". Selbstverständlich fehlten auch nicht die (inzwischen verstummten) anbiedernden Kommentare der üblich verdächtigen Politiker, Motto auch hier: "Deutschland kämpft für die gerechte Sache". Fragt sich, warum man sich dabei mit dem Fall Gurlitt begnügt, denn in deutschen Museen dürften noch jede Menge Kunstwerke lagern, die das Prädikat Raubkunst verdienen. Hier stehen vermutlich die Kosten für die Nachforschung der Gerechtigkeit im Wege und vermutlich dürfte auch kein Politiker mutig genug sein, öffentlich in Talkshows die Rückgabe von Beutekunst aus deutschen Museen zu fordern. Niemand möchte schließlich dafür verantwortlich sein, dass vielleicht dann sogar ein paar ägyptische Kunstwerke weniger in Berlin ausgestellt werden.... Also läuft es wie immer: mit viel Getöse auf einen einzelnen Privathändler, eine gute Goodwill Show abliefern und dann alles beim alten belassen.
mischpot 09.04.2014
3. Zu einfach
Wie einfach dürfte es sein aus Raubkunst und sonstiger beschlagnahmter Kunst, rechtmäßig erworbene Kunst zu machen. Man benötigt dafür Aufzeichnungen die nachweisen, das diese Bilder rechtmäßig erworben wurden. Vielleicht genügt auch schon eine Aufzeichnung in einem Heft wo man selbst aufgeführt hat welche Bilder man zu welchem Preis gekauft hat. Wer will heute das Gegenteil beweisen? Dazu noch die Unschuldsmine von Herrn Gurlitt. Naja er hat nicht umsonst so lange gewartet bis einfach Zeugen oder rechtmäßige Besitzer einfach weg sterben oder im KZ schon längst ermordet wurden. Es dürfte mal interessant sein zu erfahren von welchen neuen Beweisen die Staatsanwaltschaft München überhaupt spricht. Fakt ist das diese Bilder nicht auf rechtschaffende Weise in die Hände der Gurlitts gekommen sind. Auch wenn Sie vielleicht für einen Millionenwert heute damals 50 Reichsmark bezahlt haben. Ein ganz trauriges Kapitel Deutschlands das dieses Trauma bis heute nicht auf und verarbeitet hat und heute die Nachfahren der Täter noch schützt.
nachtmacher 09.04.2014
4. na ja, die Presse hat sich da auch nicht grade mir Ruhm bekleckert...
was waren da nicht für Summen, Zahlen im Umlauf... schöne Bananenrepublik. Um welchen Ruf macht "IBM" sich denn Sorgen? Den der Melkkuh? Den des nützlichen Deppen oder den des schuldbewußten Sünders? Wie geht das weiter? Drücken die dem alten Mann jetzt einfach die Bilder in die Hand? Wird auch für eine sichere Unterbringung gesorgt? Was verdienen die "Betreuer" dran? Die Sache stinkt zum Himmel!
spon-facebook-10000769497 09.04.2014
5. Es ist allmählich beängstigend was in Deutschland schon wieder möglich ist.
Als Niederländer der zeitweilig beruflich in Deutschland leben muss, bekommt man es so langsam wieder mit der Angst zu tun. Da werden Regierungen gestürzt um anschliessend Nazis ins Amt zu bringen. Die Justiz hat scheinbar auch schon wieder Narrenfreiheit.Die deutschen Medien scheinen auch schon wieder gleichgeschaltet zu sein, den Eindruck habe ich jedenfalls wenn ich sehe, was seit Sochi verbreitet wird. Deutschland mir graut vor Dir, wir fangen allmählich in den Niederlanden an uns wieder ernsthaft Sorgen zu machen.
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