Fall Sigi Maurer Endlich wehrt sich mal eine

Eine Ex-Abgeordnete in Österreich erhält sexistische Facebook-Nachrichten. Die veröffentlicht sie samt Absender. Nun muss sie sich dafür vor Gericht verantworten. Dabei hat sie alles richtig gemacht.

Sigi Maurer
imago/ Eibner Europa

Sigi Maurer

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Ich kenne keine einzige Frau, die in der Öffentlichkeit steht und noch keine beleidigenden oder bedrohenden Nachrichten bekommen hat, inklusive Fantasien darüber, was sexuell mit ihr anzustellen wäre, wenn der Verfasser sie eines Tages treffen würde. Es ist eine Pest, dass diese Nachrichten für viele Frauen zum Alltag gehören. Man kann sie ignorieren, man kann sie beantworten, man kann versuchen, sie zur Anzeige zu bringen, man kann Kunst daraus machen oder öffentlich darüber sprechen, aber loswerden kann man sie kaum. Und manchmal geht der Ärger erst dann richtig los, wenn man sich wehrt.

Die österreichische ehemalige Grünen-Abgeordnete Sigi Maurer hat Post dieser Art bekommen und öffentlich gemacht. Sie war im Mai an einem Bierladen in Wien vorbeigelaufen und erhielt kurz darauf Nachrichten vom Facebook-Account des Ladenbesitzers. Sie habe beim Vorbeilaufen auf seinen Penis geguckt "als wolltest du ihn essen", und sie könne ihn beim nächsten Mal "ohne Worte in den Mund nehmen und ihn bis zum letzten Tropfen aussaugen". Sie habe zwar einen fetten Hintern, "aber da du prominent bist, ficke ich dich gerne in deinen fetten Arsch".

Maurer twitterte einen Screenshot der Nachrichten, mit dem Namen des Mannes und der Adresse seines Geschäfts, dazu schrieb sie: "Jetzt hab ich eh das Gefühl, dass sein Geschäft nicht gerade von großem Erfolg gekrönt ist, aber in einer Stadt voller Hipster ist es vielleicht ganz gut zu wissen, bei welchem frauenverachtenden Arschloch man sein Bier kauft."

Nun soll Sigi Maurer sich vor Gericht verantworten, denn der Ladenbesitzer sagt nicht nur, dass er die Nachrichten an Maurer gar nicht selbst geschrieben habe, sondern findet, auch er habe durch sie wirtschaftlichen und "immateriellen Schaden" erlitten. Maurer selbst schrieb auf Twitter, der Ladenbesitzer fordere 20.000 Euro für den materiellen Schaden sowie 40.000 Euro "für die erlittene Kränkung", plus Prozesskosten. (Die ausführliche Geschichte finden Sie hier.)

Das Recht, nicht bloß zu schweigen

Maurers juristische Möglichkeiten hingegen sind begrenzt, weil private Nachrichten dieser Art in Österreich bislang nicht strafbar sind. Seit sie die Screenshots veröffentlicht hat, wird darüber gestritten, ob sie das dürfe, oder ob sie damit am Rechtsstaat vorbei eine Pranger- oder Lynchjustiz schafft.

Es gab diese Art von Vorwürfen auch während der #MeToo-Debatte, wenn Frauen im Internet erzählten, was ihnen passiert war, und andere meinten, sie sollten diese Dinge juristisch klären, statt mutmaßliche Täter im Internet zu benennen. Nur: Manchmal ist da juristisch nichts zu klären. Nicht alles, was als belästigend oder gewalttätig empfunden wird, ist ein Straftatbestand. Und selbst wenn es einen Straftatbestand gibt, schließt es sich nicht aus, zusätzlich öffentlich davon zu erzählen.

Maurer hat genau das getan, was vielen Frauen in der #MeToo-Debatte empfohlen wurde: Sich im Fall einer Belästigung schnell zu wehren und sich nicht erst Jahre später zu beschweren. Jahre, in denen der mutmaßliche Täter Zeit hat, genau so weiter zu machen wie bisher.

Es ist immer gut, die möglichen legalen Wege zu gehen, um sich gegen Belästigung zu wehren. Niemand hat eine Pflicht dazu, denn es kann sehr zermürbend sein, das zu tun, es kostet Kraft und Zeit und, wenn man Pech hat, auch Geld. Aber jede und jeder hat ein Recht darauf, nicht bloß zu schweigen. Nur manchmal ist der Weg, den das Gesetz vorsieht, sehr kurz.

Das Gute an schriftlichen Hassbotschaften

Nun könnte man sagen, Sigi Maurer hätte den Fall auch öffentlich machen können, ohne den konkreten Namen des Ladenbesitzers zu nennen. Aber warum sollte sie? Um jemanden zu schützen, vom dem sie glaubt, dass er ihr Hassnachrichten geschickt hat? Warum sollte sie einen solchen Mann mehr schützen wollen, als die Frauen, die ebenfalls noch belästigt werden könnten, wenn sie in die Nähe dieses Bierladens kommen? Eine andere Frau schrieb zum selben Laden auf Twitter: "Jedes Mal, wenn ich an besagtem Shop vorbeigegangen bin…, wurde ich blöd angemacht/ angestarrt/ begafft."

Sigi Maurer hat die Beweismittel, die sie für ihren Fall hat, öffentlich gemacht. Das ist das einzig Gute an schriftlichen Hassbotschaften, im Vergleich zu mündlicher Belästigung: Man kann sie besser festhalten. Wer hier von einem "Pranger" spricht, sagt nichts anderes als: Halt die Klappe und nimm in Kauf, dass es anderen genau so ergeht wie dir.

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

Der Pranger ist ein Instrument des Beschämens. Sexuelle Belästigung ist auch ein solches Instrument. Wer Frauen auf die Art beleidigt, wie es Sigi Maurer passiert ist, und wie es sehr vielen Frauen tagtäglich passiert, will sie kleinhalten und demütigen.

Kein Beweis, aber auffällig

Die Schuld des Ladenbesitzers ist nicht nachgewiesen, auch wenn seine Reaktion ihn nicht gerade gut dastehen lässt. Die Erklärung auf seiner Facebookseite, dass jemand Fremdes an seinem Computer gewesen ist, ist im selben Stil geschrieben wie die Nachrichten selbst, mit eigenwilliger Zeichensetzung, und das ist kein Beweis, aber auffällig. Vielleicht ist der Mann unschuldig, und der spezielle Schreibstil überfällt wie ein Dämon jeden, der seinen Laden betritt, aber auch dann hätte er sich Maurer gegenüber anders verhalten können, als sie anzuzeigen und von "Kränkung" zu sprechen.

Viel ist darüber geredet worden, ob Sigi Maurer sich falsch verhalten habe, aber was ist eigentlich mit dem Ladenbesitzer, der auch hätte sagen können: Es tut mir leid, dass Ihnen jemand so etwas von meinem Computer geschrieben hat, das soll nicht wieder vorkommen. Stattdessen benimmt er sich wie die vielen anderen, die Frauen zum Schweigen bringen wollen. Wie jemand, der nicht damit gerechnet hat, dass Frauen sich wehren.

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Seite 1
Alexander Del Large 17.07.2018
1. Blaaa Bliii Bluppp
siehe oben :-)
mundusvultdecipi 17.07.2018
2. Unrecht mit Unrecht...
..vergelten=Mittelalter!
emil_erpel8 17.07.2018
3.
Viele glauben ja, nur weil man ihnen juristisch nichts anhängen kann, dürfe man Armleuchter öffentlich nicht für ihr Verhalten bloßstellen. Wer aber meint, man dürfe sich alles, was legal ist, auch herausnehmen, ohne daß sich die Geschädigten wehren dürften, ist auf dem Holzweg.
andreas_stöber 17.07.2018
4.
In diesem konkreten Fall finde ich es durchaus in Ordnung das auch öffentlich anzuprangern. Ich finde es aber nicht gut, dass hier eine Verbindung zu vielen #metoo Fällen gemacht wird, bei denen es eben keinen Beweis gab und trotzdem öffentlich mit Klarnamen angeprangert wurde. Ich halte das schon für einen großen Unterschied.
besser.als.schokolade 17.07.2018
5. Danke für diesen Artikel,
der die Absurdität des Rechtssystems wunderbar aufzeigt. Die Ausrede, es wäre jemand anders am PC gewesen, just in dem Moment, in dem Frau Maurer an dem Geschäft vorbeiläuft, ist ziemlich durchsichtig und auf dem selben Niveau wie "da bin ich von der Maus abgerutscht..." Es kann nicht sein, dass Menschen Unverschämtheiten, die sie sich nie trauen würden, öffentlich zu sagen, weil sie genau wissen, was diese für ein Bild ihres eigenen Charakters zeichnen, im Internet dutzendweise herausposaunen und dann noch klagen, wenn diese mit ihrem Namen veröffentlicht werden. Ich hoffe, Frau Maurer bekommt viel Unterstützung und das Urteil fällt so aus, dass diese kranken Menschen in ihre Schranken verwiesen werden. Mit allerbesten Grüßen!
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