Falsche Aufmerksamkeitsökonomie Brüllen = Revolution?

Weil man sich so schön lebendig fühlt, wenn man brüllt, sind auf einmal alle laut. Aber so wird es nichts mit dem Zuhören - und schon gar nicht mit der Demokratie.

So geht Aufmerksamkeit!
REUTERS

So geht Aufmerksamkeit!

Eine Kolumne von


Die Überschrift über allem, was wir zu wissen scheinen: Kann sein. Muss aber nicht! Möglicherweise sind viele Menschen im Moment nicht Trotzwähler oder Nationalisten. Vielleicht sind sie weder uniformiert noch abgehängt, sondern einfach nur - gelangweilt.

Vielleicht begann die Deformation der Hirne damals, als das Einkaufen von Dingen, die man nicht benötigte (kurz: Shoppen), zum Religionsersatz wurde. Damals, als der Mensch herausfand, dass sein Belohnungszentrum schneller mit dem Kauf von Müll zu aktivieren war als mit dem Verrichten guter Taten. Dann kam das Netz, die Informationsflut, die sozialen Medien, die Selbstdarstellung, die verzweifelte Erkenntnis, nicht allein zu sein auf dem Planeten, huch, da sind ja noch ein paar andere. Diese Kränkung.

Die Gehirne gierten nach Bestätigung, Likes satt Liebe, die exponentielle Beschleunigung ließ die Reizschwelle noch weiter steigen. Aufregung, Aufregung, Aufregung. Das Netz, der Kapitalismus, der Terror, die Katastrophen, alles so schön schnell und bunt und laut. Menschen aus zerrütteten Familien suchen später oft denselben Grad an Aggression in ihren Beziehungen, weil sie Streit mit Liebe verwechseln. Sag ich mal nur so. Also.

Was wäre, wenn der Hang zu irrationalem Wahlverhalten (irrational, weil: Menschen mit durchschnittlichem oder miesem Einkommen wählen Parteien oder Führerinnen, die klar für nationale, neoliberale Ideen stehen) einfach nur dem Wunsch nach Aktion geschuldet wäre? Denn es gibt kaum etwas Langweiligeres als demokratische Prozesse, die bedeuten: diskutieren, Lösungen finden, Kompromisse eingehen.

Angela Merkel
DPA

Angela Merkel

Demokratische Politik ist das Gegenteil von hyperventilierender Aufmerksamkeitsökonomie. Nichts, was man mit Likes und Geschrei in Zusammenhang bringen kann. Wenn man beobachtet, wer gerade politisch erfolgreich ist, dann sind es verhinderte Popstars, Provokateure, Ex-TV-Stars, Nazis und Diktatoren. Wenn etwas Erfolg hat, ist es Gepöbel, Gefuchtel, Hass, Shitstorms, schmissige Parolen, der Appell an Instinkte und Gefühle.

Apropos Gefühle. In einem Zustand der Dauererregung, unter dem Einfluss von Stresshormonen, werden die Spitzen unserer Emotionen gekappt. Was leise ist, behutsam, was mit Ruhe und Zeit zu tun hat, mit Kompromissen und Abwägungen, hat keine Chance, von einem Hirn in dauernder Alarmbereitschaft wahrgenommen zu werden. Die Menschen wollen: sich lebendig fühlen.

ANZEIGE
Sibylle Berg:
Wunderbare Jahre

Als wir noch die Welt bereisten

Carl Hanser Verlag; 192 Seiten; 18 Euro

Soziales Verhalten ist das Gegenteil von Nervosität. Es verlangt nach Mitgefühl, der Fähigkeit, sich in andere zu versetzen. Das ist - langsam. Die neue Sehnsucht nach kraftvollen Entscheidungen, LAUTSTÄRKE und Halligalli hat leider auch die hervorragende Tradition der Schweizer Volksabstimmungen gekapert. Wo früher studiert, gegrübelt und besonnen entschieden wurde, siegen heute oft jene Kräfte, die ihre Ideen mithilfe von gut finanzierter PR am kreischendsten propagieren. Das demokratischste aller Mittel, die direkte Volksabstimmung, ist also bereits Opfer des neuen finanzgetriebenen Brüll-Populismus geworden.

Hurra, Brüllen ist Stärke ist Revolution, nach der sehnen sich viele gerade. Ob sie von links, rechts oben oder aus der Mitte kommt, ist dabei egal. Es geht um etwas Neues, Aufregendes. Darum, wahrgenommen zu werden und DARUM, SICH FÜR DIE DAUERNDE KRÄNKUNG ZU RÄCHEN.

Wenn der Neoliberalismus verspricht, dass der Beste sich durchsetzt, dann ist jeder doch überzeugt davon, der Beste zu sein, in einer Zeit, wo man selbst den Bau von Atombomben im Netz nachlesen kann. Jeder ein Experte, und warum wohnt man dann nicht auf St. Barth, verdammte Hacke.

Ich weiß nicht, was das für die Demokratie bedeutet. Meint es, dass man Themen, die mit einer utopisch gerechten Gesellschaft zu tun haben, brüllen muss, um ihnen Glamour zu verleihen?

Bedeutet es, dass es vollkommen egal ist, wer sich mit seinen Argumenten, beziehungsweise seiner Aggression durchsetzt, denn im Hintergrund grinsen immer die Marktliberalen und freuen sich, lenkt das Theater im Vordergrund doch großartig vom eigentlichen Ziel, der Schrumpfung des Staates, ab? Oder bedeutet es, dass es an der Zeit ist, sich zu wehren? Wie das funktionieren kann, der Textlänge geschuldet, demnächst an dieser Stelle.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anonymerkrankonstrukteur 27.01.2018
1. Ich habe lange uberkegt
Einen Kommentar zu verfassen. Eigentlich bin ich neugierig wieviele Leute nun einen Kommentar abgeben. Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Früher war für so etwas ein Stück Papier, ein Stift, körperliche Arbeit im Sinne von schreiben, ein Briefumschlag, Briefmarke und der Gang zum Briefkasten notwendig. Heutzutage muss man nur noch sein Smartphone rausholen und Google bzw. Siri anschreien und der Kommentar ist in die Welt posaunt.
dasfred 27.01.2018
2. Wer am lautesten schreit hat Recht
So wurde es schon immer von den Schreihälsen hinausposaunt. Wer still im Hintergrund bleibt, abwägt und wartet, wie sich eine Situation entwickelt wird überrannt. Heute werden Parteien auf der Forderung gegründet, Frau M. muss weg. Es braucht keine Verbesserungsvorschläge mehr. In Hamburg baten mich vor Jahren Leute um meine Unterschrift, die die Hürden für Volksentscheide senken wollten. Ich antworte sehr ungehalten, dass damit ja nicht nur die Initiatoren mehr Mitsprache haben, sonder mit Verweis auf östliche Bundesländer auch den politischen Gegnern in die Hände gespielt wird. Dazu noch ein paar reißerische B... Artikel und wir können die Demokratie vergessen. Dann herrscht der pöbelnde Mob.
ayumu 27.01.2018
3.
Das ist genau das, was ich auch schon öfter angebracht habe. Alle brüllen, keiner hört zu. Das Problem ist, dass die vernünftigen, leiseren Stimmen dabei komplett untergehen. Und das beschränkt sich nicht nur auf Politik. Ist doch klar, dass die, die eine Meinung irgendwo dazwischen haben, eine die kein Extremismus in irgendeine Richtung ist, gar keinen Bock mehr auf das Theater haben und sich zurück ziehen. Das Problem der brüllenden Choleriker ist: je lauter sie sind, desto mehr fühlen sie sich bestätigt, weil die anderen irgendwann nicht mehr mit ihnen reden wollen. Sie erschaffen sich damit ihre Filterblase selbst. Im Internet wie auch im echten Leben.
unnglaublich 27.01.2018
4.
Selten, daß ich malin so vielen Punkten SB zustimme. Die conclusio fehlt aber: wo wird denn gerade ohne großes Brüllen die Grundlage unserer Politik verhandelt? Aber halt: das widerspricht natürlich der allgegenwärtigen Kritik an den Verhandlungen zwischen SPD und CDU.
kalim.karemi 27.01.2018
5. Ich red mir die Welt wie sie mir gefällt
Merkel macht die Raute, trifft am Band falsche Entscheidungen, zieht sich in Krisensituationen zurück und Frau Berg nennt das modernes regieren in einer Demokratie. Andere nennen es Staatsversagen, Unentschlossenheit und Zeit zu gehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.