Feminismus-Debatte: Die Lisbeth-Salander-Falle

Von Can Mayaoglu

Einen Kerl? Brauche ich nicht, nervt nur. Die US-Autorin Hanna Rosin befeuert mit ihrem neuen Buch die Geschlechterdebatte. Ihre These: Der Mann ist am Ende, die Frau auf dem Gipfel der Macht - was selbst eine kaputte Krimi-Heldin wie Lisbeth Salander beweist. Das mag sogar stimmen. Leider.

Hanna Rosins "The End of Men": Der Triumph der Frau? Fotos
AP

Man wird das Gefühl nicht los, dass der Feminismus seine eigenen Kinder frisst. Er wollte die Ungerechtigkeit bekämpfen, die Unterdrückung und die Ungleichheit, die zwischen den Geschlechtern herrscht und die durch die Geschlechter verursacht wird. Doch nun scheint es, als sei alles beim Alten geblieben, nur unter anderen Vorzeichen: Glaubt man der US-amerikanischen Journalistin Hanna Rosin, sind die Frauen auf dem Gipfel der Macht angelangt. Und die Männer liegen am Boden.

Mit Disziplin, Selbstbewusstsein und Kraft haben sich die Frauen den Status erarbeitet, den sich ihre Mütter und Großmütter auf den Straßen mit Plakaten und herumwirbelnden BHs in den Händen erkämpfen wollten. Nun vollzieht Rosin einen Umkehrschluss: Es scheint bei ihr nur noch komplett verblödete Männer oder erfolgssüchtige Dickheads zu geben, die beruflich zwar reüssieren mögen, denen aber keine Lüge billig genug ist, um eine Frau ins Bett zu bekommen.

In "The End of Men" wirft Rosin einen Blick in überwiegend akademisch geprägte Schichten der US-amerikanischen Gesellschaft. Dabei lernt man viel über Dating-Rituale und darüber, dass es da drüben doch irgendwie anders läuft als bei "uns". Die Reportagen versuchen eine journalistische Bestandsaufnahme: Wo stehen wir in der Geschlechterfrage eigentlich?

Der Mann als Hindernis

Zur Beantwortung trifft Rosin vor allem auf junge Frauen, die ihren Weg in der Gesellschaft noch nicht endgültig gefunden haben. Sie zitiert aus Studien und zieht die Populärkultur als Spiegel tagesgesellschaftlicher Gepflogenheiten heran. Lisbeth Salander, die gebrochene Antiheldin des Krimi-Autors Stieg Larsson, wird als eine Art neuer weiblicher Prototyp eingeführt: Sie ist nicht länger Opfer, sondern pflegt ihre Wunden selbst - und sie "rächt" sich.

Bezeichnend die Schilderung einer Begegnung gleich zu Anfang des Buches. Rosin trifft in einem Vorort-Supermarkt auf eine junge Mutter und ihr kleines Kind und fragt sich, wo denn die ganzen Männer hin sind. Die Mutter gibt Antwort: "But Calvin (ihr abwesender Mann - die Red.) would just mean one less granola bar for the two of us." Die implizite Schlussfolgerung lautet: Der Mann ist ein Hindernis für die Frau und ihre Fürsorge um das gemeinsame (!) Kind.

An diesem Beispiel zeigt sich Rosins leider viel zu einseitiger Blick: Sie scannt, was sie sieht, sie interpretiert es sofort, geht dann aber keinen Schritt zurück, um über die so entstehende Distanz den Raum ihrer Wahrnehmung zu öffnen. Natürlich hält sie fest, dass es nach wie vor mit dem Bildungshintergrund der Eltern zusammenhängt, wie früh junge Frauen heiraten und was für einen Stellenwert sie dem Thema "Heiraten" beimessen. Oder wie stark junge Frauen Karriere und finanzielle Selbstbestimmung gewichten. Natürlich führt sie an, dass Frauen heutzutage ihrer Selbstverwirklichung alles opfern ('What do I need a man for? I don't need him financially. I don't need him for activities. I have a lot of friends here. So fuck it.').

Doch auch diese Frauen sagen: Bis ich heirate, will ich das und das erreicht haben. Ihr Lebensweg hat sich also bloß bis zur Heirat (die nach wie vor ultima ratio eines Lebensentwurfs zu sein scheint) geändert. Genau das hinterfragt Rosin aber nicht weiter.

Männer wissen nicht, wo sie stehen

Dabei wird es doch gerade hier spannend: Wie kann eine Gesellschaft ein Rahmengerüst erschaffen, in dem es allen möglich ist, neben der Selbstverwirklichung im Beruf die privaten Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen? Diese zuzulassen als dem Menschen immanent? Warum muss immer ein Geschlecht auf der Strecke bleiben? Warum müssen Männer (vermeintlich) verdummen, wenn Frauen (vermeintlich) geistig erwachen?

Männer wissen zwar nach wie vor nicht, wo sie stehen. Bereits 1984 schrieb der französische Philosoph Alain Finkielkraut in "La nostalgie de l'épreuve": "Worin besteht das Männliche? Die westlichen Gesellschaften können diese Frage nicht mehr beantworten." Daran hat sich wenig geändert.

Frauen scheinen sich dafür derzeit gut darin zu gefallen, sämtliche Emotionen zu schlucken und mit völlig verdrehter Selbstoffenbarung zu großen und kleinen Machtkotzbrocken zu mutieren. Oder sie entkleiden sich seelisch (wie Charlotte Roche) und brüllen dabei mit von Selbstlüge besoffener Stimme: "Freiheit!" (um hernach beim Therapeuten ihre Kleinmädchenverletzungen mit einem Schluchzen auszuweiden).

Vielleicht wäre es endlich an der Zeit, einen Begriff wie Macht nur noch rein deskriptiv zu verwenden: Wer Macht hat, muss nun einmal beißen, will er nicht gleich wieder von unten gebissen werden.

Die - nicht immer zu Unrecht - vielgescholtene Judith Butler hat in den Neunzigern mit ihrem Werk "Das Unbehagen der Geschlechter" die Diskussion um unsere Kategorien von "männlich" und "weiblich" auf eine neue Ebene gehievt. Ihre These: Die sogenannte heterosexuelle Matrix verhindert die Emanzipation, weil wir als Menschen in Wahrheit durch und durch gemischte Wesen sind. In Rosins Buch gibt es aber auf der einen Seite nur das, was junge Frauen machen. Und auf der anderen Seite nur das, was junge Männer machen. Das schafft vermeintliche Klarheit, wo doch nur große Verwirrung ist.

Die Söhne sind die Verlierer

In Europa haben jüngst vor allem Bascha Mika ("Die Feigheit der Frauen") und Elisabeth Badinter "'Der Konflikt. Die Frau und die Mutter") versucht, einen fordernden Blick auf die (weibliche) Gesellschaft zu werfen. Im Gegensatz zu Rosin sehen sie die Frauen keineswegs auf dem Gipfel der Emanzipation, sondern konstatieren vielmehr, dass wir zurückweichen.

Badinter beobachtete bereits in den Achtzigern, dass der Feminismus seine eigenen Kinder (vor allem die Söhne) enttäuscht - im wortwörtlichen Sinn: "Die Generation der Söhne, die sich vielfach mit dem Kampf der Frauen solidarisiert hatten, bemerkte zu spät, dass sie hereingelegt worden war". Denn kaum hatten die Söhne sich diese Werte angeeignet, taten die Frauen das genaue Gegenteil von dem, was sie zuvor propagiert hatten und distanzierten sich von genau diesen Werten.

Damit stehen wir vor einer entscheidenden Frage: Können wir es wirklich als Gewinn betrachten, wenn die vermeintliche Selbstverwirklichung beider Geschlechter einem falschen Erfolg geopfert wird? Und es ist ein falscher Erfolg, wenn einer auf der Strecke bleibt.

Bei aller Liebe für mein eigenes Geschlecht: Das kann es doch nicht ernsthaft gewesen sein? Was ist lebenswert an einer Gesellschaft, die bei der Nabelschau bloß das Geschlecht geändert hat, auf das sie schaut? Was bitte schön ist daran emanzipiert?

Das wirklich große Verdienst, das Rosin erbringt, ist daher womöglich völlig unbeabsichtigt. Sie erinnert uns daran, dass wir weiter aufmerksam beobachten müssen: Denn so, wie es ist, ist es nach wie vor nicht gut.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
!!!Fovea!!! 29.10.2012
Zitat von sysopEinen Kerl? Brauche ich nicht, nervt nur. Die US-Autorin Hanna Rosin befeuert mit ihrem neuen Buch die Geschlechterdebatte. Ihre These: Der Mann ist am Ende, die Frau auf dem Gipfel der Macht - was selbst eine kaputte Krimi-Heldin wie Lisbeth Salander beweist. Das mag sogar stimmen. Leider. Falscher Feminismus in Hanna Rosin: The End of Men - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/falscher-feminismus-in-hanna-rosin-the-end-of-men-a-863392.html)
So, auf dem Gipfel der Macht?! Na ja, dann gehts ja jetzt mit der Frau bergab....., da nicht mehr geht und der Zenit überschritten ist. D. h. ,der Feminismus ist endgültig vorbei. Gut.
2. Alice Schwarzer
Buergerunion 29.10.2012
Da wird Alice Schwarzer klatschen bei dieser Meldung. Und mir ist es egal was meine Frau denkt, in unserem Haushalt herrscht Gleichberechtigung. Wenn ihr dass nicht passt kann sie gehen. Oder ich gehe.
3. Oh Gott..
KardinalLandrut 29.10.2012
Zitat von sysopEinen Kerl? Brauche ich nicht, nervt nur. Die US-Autorin Hanna Rosin befeuert mit ihrem neuen Buch die Geschlechterdebatte. Ihre These: Der Mann ist am Ende, die Frau auf dem Gipfel der Macht - was selbst eine kaputte Krimi-Heldin wie Lisbeth Salander beweist. Das mag sogar stimmen. Leider. Falscher Feminismus in Hanna Rosin: The End of Men - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/falscher-feminismus-in-hanna-rosin-the-end-of-men-a-863392.html)
Wieder so ein Auswuchs der zeigt dass diese (westliche) Gesellschaft einfach zum Untergang verdammt ist, früher oder später. Dekadenz und Egoismus bis zum Gehtnichtmehr. Hoffentlich geht das mit dem Untergang (und Neuanfang) schnell, ich halts langsam nicht mehr aus... Aber der Artikel ist wirklich gut!
4. Aha...
Eviathan 29.10.2012
Und nachdem wir diese ganze, wohl zum 1.000.000sten Male vorgetragene weibliche Selbstbeweihräucherung gelesen haben, uns wieder mal fragen, ob Frauen denn wirklich nichts anderes zu tun haben, als sich andauernd selbst zu preisen und die Männer abzuwerten, stellen wir bei genauerem Hinsehen fest: Science-Fiction, wie Lisbeth Salander eben. Wenn Emanzipation nur darin besteht, dass Frauen sich die Charaktereigenschaften von Psychopathen zulegen - Verzichte dankend. Immer diese Berufsnarzisstinnen...
5. Rosinenfeminismus
Buergerunion 29.10.2012
Überall wo man sich die Hände schmutzig macht, ist der Feminismus nicht so stark verbreitet. Da sollte sich Frau Schwarzer für stark machen http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Frauenanteilen_in_der_Berufswelt
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Zur Person
  • Can Mayaoglu, Religionswissenschaftlerin und Autorin, befasst sich seit ihrem Studium mit feministischer Literatur, vor allem mit Werken des amerikanischen und französischen Feminismus.

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