Familiendebatte bei "Berlin-Mitte" Um den heißen Brei herum

Premiere nach der "Gebärmaschinen"-Schelte: Familienministerin von der Leyen trifft auf katholischen Bischof. Doch der Trierer Oberhirte Marx gab sich bei "Berlin Mitte" zahm. Streiten wollte nur Oskar Lafontaines Frau Christa Müller.

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Hamburg - Die Öffentlichkeitsarbeiter des ZDF hatten sich alle Mühe gegeben, das Thema der donnerstäglichen Abend-Talkrunde von Maybrit Illner kräftig anzuspitzen. Gilt es doch, dem Publikum die nun schon eine gefühlte lange Epoche dahinplätschernden Debatte um bessere Kinderbetreuung noch einmal schmackhaft zu machen.

Ursula von der Leyen bei Maybrit Illner: Geht ihren Weg, auch wenn sie manchmal allein ist
Svea Pietschmann/ ZDF

Ursula von der Leyen bei Maybrit Illner: Geht ihren Weg, auch wenn sie manchmal allein ist

"Super Mami oder Vater Staat - wer erzieht die Kinder besser?" Diese Frage will die Redaktion von "Berlin Mitte" geklärt haben, erinnert vorsichtshalber an Reizwörter wie Rabenmütter, Gebärmaschinen, Heimchen am Herd, ruft den Kampf zwischen Hausfrauen und Karrierefrauen, zwischen Emanzen und Paschas aus - und natürlich den zwischen Bischöfen und Ministerinnen.

Denn erstmals seit der "Gebärmaschinen"-Kritik des Augsburger Bischofs Walter Mixa an Ursula von der Leyens Plänen für 750.000 zusätzliche Krippenplätze diskutiert die Bundesfamilienministerin mit einem der wichtigsten katholischen Oberhirten: dem Trierer Bischof Reinhard Marx. Da darf man doch hoffen, dass sich der konservative Kleriker gegen die progressive Ministerin in Rage redet.

Aber da hätte das ZDF wohl Herrn Mixa persönlich einladen müssen. Hat es vielleicht auch. Marx allerdings hält eigentlich alles für wichtig, was Frau von der Leyen auch wichtig findet. Mehr Krippenangebote, Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf, Qualitätssteigerung der Kinderbetreuung. Selbst ein kurzer Einspieler seines Kollegen aus Augsburg bringt ihn nur vorübergehend in Bedrängnis. "Wenn ein Kind weggenommen wird", beginnt er einen Satz, und die streitlustige von der Leyen stürzt sich drauf: Wenn sie das schon hört: Wegnehmen!

Doch der Geistliche fängt seine Worte ein, er habe ja nur Bischof Mixa wiedergegeben. Die Nachfrage, ob er denn nicht genauso denke, versäumt Illner. Der Bischof darf sich moderat geben: Er habe nichts gegen frühe Krippenbetreuung, finde es aber auch sehr gut, wenn Kinder zwei, drei Jahre in der Familie aufwüchsen. Und wenn Hardliner Mixa vor psychologischen Schäden für Krippenkinder warnt, spricht sich Marx lieber von jeder Kompetenz frei, über so etwas urteilen zu können. So tut er keinem weh, auch wenn man ahnt, dass er dazu eine Meinung hat. Aber wie gesagt: Nachfragen bleiben aus.

Was interessiert mich die Welt in 300 Jahren!

Gut, dass noch ein paar andere Gäste geladen sind. Die streiten zwar zunächst auch nicht, sorgen aber immerhin für einen gewissen Unterhaltungswert. Petra Gerster etwa, 52. Das "größte Übel dieser Zeit" erkennt die Moderatorin der "heute"-Sendung in der "historischen neuen Einsamkeit" unserer Kinder. Zu wenige Kinder bedeuten zu wenig Interaktion, zu wenig soziale Kompetenz. Kein Widersruch. Dass die Deutschen aussterben, so weit wolle sie nicht gehen, sagt Gerster. "Was interessiert mich, was in 300 Jahren ist."

Mit in der Runde sitzt auch Walter Wüllenweber. Der hat zuletzt mit einem Report im "Stern" aufhorchen lassen, in dem er die sexuelle Verwahrlosung deutscher Jugendlicher beschrieb. Mein Gott, was ist das eigentlich für ein Land, in dem wir leben, in dem jede Frau nur 1,3 Kinder bekommt, von denen möglicherweise 0,3 als Elfjährige auf dem Sofa sitzen und mit den Eltern zusammen Pornos gucken? Oder sich zum Gruppensex treffen?

Wüllenweber weist auf die "große Minderheit" der Eltern hin, die mit der Erziehung ihrer Kleinen überfordert sind. "Komplett überfordert?", fragt Illner sicherheitshalber nach. Wüllenweber: "Nicht nur komplett." Mein Gott, wo soll das nur hinführen mit uns? Vielleicht doch wieder zum guten, alten DDR-System? Selbstverständlich nur was die strukturelle Kinderbetreuung angeht, die findet Wüllenweber nämlich gut. Die Inhalte lehne er ab - komplett.

Ursula von der Leyen ist genervt. DDR, DDR, immer nur DDR, die haben ihr auch schon die Parteifeinde vorgehalten. Und jetzt hat die Illner-Redaktion sogar noch ein kleines Filmchen parat, das den real existierenden Töpfchenzwang in der Kommunisten-Krippe von einst dokumentiert. Von der Leyen will nach vorne schauen, in andere Nachbarstaaten. Nach Skandinavien, zum Beispiel. Da funktioniert das mit der Kinderbetreuung, sagt die CDU-Frau. Höhere Geburtenraten, super Kinderbetreuung, und das bei besten Pisa-Ergebnissen. Warum ist eigentlich kein Gast aus Skandinavien da?

Achtung, Hausfrau!

Skandinavien findet auch Christa Müller gut. Die Ehefrau von Oskar Lafontaine war einst, was man eine Karrierefrau nennt, eine, die betonte, ihre Emanzipation gründe sich auf ihren Beruf und die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit. Bald musste die Volkswirtin ihre Laufbahn bremsen, zu Gunsten der Polit-Karriere ihres Mannes. Sie zog sich zurück, pflegte zu Haus Mutter und Schwiegermutter, stülpte dem kleinen Carl-Maurice die Enten-Hausschühchen über die Füße, damit der nicht friert, wenn der Papa draußen vor der Tür seinen Rücktritt erklärt.

Heute rückt sie in die ideologische Nähe von Menschen, die früher die Nachrichten in der "Tagesschau" lasen oder die mit kastrierten Katern verglichen werden. Christa Müller hat ein Buch geschrieben: "Achtung, Hausfrau!" (das noch nicht erschienen ist). Sie hat lauthals Bischof Mixa unterstützt, sie warnt davor, Kinder in Krippen "wegzuorganisieren".

Christa Müller ist so was wie eine Familienministerin in ganz klein. Für die Linke an der Saar, die ist nicht mal im Landtag des kleinen Landes. Ihr Mann, der hat im Bundestag was zu sagen. Aber Oskar Lafontaine teilt die Krippenpanik seiner Frau nicht. Vielleicht wiederholt sie auch deshalb ihren lautstarken "Mixa hat recht!"-Ausruf von vor Tagen nicht. Vielleicht auch nur, weil sie nicht danach gefragt wird. Vielleicht weil sie auf den Angriff vom zahmen Bischof Marx wartet. Vergeblich.

Christa Müller hat einen schroffen Wandel durchgemacht. Auch wenn sie sich nach eigenen Worten so glücklich wie nie zuvor fühlt, hat sie den Weg zum Glück nicht ganz freiwillig eingeschlagen. Sie hat verzichtet und sie hat dabei gemerkt, dass Hausfrau, Erzieherin und Pflegerin zu sein, verdammt hart ist. Mit ihrer Hausfrauen-Offensive fordert sie nun auch Anerkennung für ihre eigene Leistung. Sie verlangt Kompensation für den Verzicht.

Ohne psychischen Defekt

"Sie reden immer nur um den heißen Brei herum", giftet sie Ursula von der Leyen irgendwann in vorgebeugter Angriffshaltung an - da laufen schon die letzten Sekunden der Sendung. Dabei geht es schon seit 60 Minuten um nichts anderes, wer wann wo den Brei gefüttert bekommt. "Geben Sie auch den Eltern was, die zu Hause bleiben wollen, dann bin ich zufrieden!"

Die große Familienministerin pariert in ihrer souveränen Art, die bei so vielen diesen Eindruck eines unangenehmen missionarischen Eifers hinterlässt. Mit einem Hauch von Lächeln auf den Lippen weist sie darauf hin, dass sie das Elterngeld durchgeboxt hat, dass die nächste Erhöhung des Kindergeldes nicht ausfallen wird, wie es die SPD zur Finanzierung zusätzlicher Krippenplätze vorschlägt, und überhaupt, dass ihr Ministerium schon so viel nicht nur für berufstätige Eltern getan habe. Ursula von der Leyen, die Unangreifbare.

Was haben wir gelernt? Christa Müller kann blitzschnell zwischen breitestem Grinsen und stechendem Blick wechseln. Petra Gersters Mann hatte nach einem Jahr Babypause beim ersten Kind auf gut Deutsch die Schnauze voll vom Erzieherjob. Seitdem ist er Feminist. Ursula von der Leyen will ihren Weg überraschenderweise weitergehen, auch wenn sie dabei manchmal allein ist. Bischof Marx war schon mit zwei Jahren im Kindergarten - ohne ernsthafte Folgen, wie er findet. Und selbst Maybrit Illner hat sechs Jahre in einer DDR-Krippe einigermaßen schadlos überstanden, so urteilt zumindest ihre Kollegin Gerster: "Wenn ich Sie mir so ansehe, sind Sie wohl ohne psychischen Defekt davongekommen."

Immerhin.



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Querverweis, 26.02.2007
1.
---Zitat von sysop--- Zu wenig Kinder, Streit um Krippenplätze, die Situation der Familie in Deutschland wird derzeit intensiv diskutiert. Was lief bisher falsch, was kann kurzfristig besser gemacht werden? Wo sollt der Staat Prioritäten setzen? ---Zitatende--- Alles begann wohl damit, dass das Heimbringen von Geld dem Mann eine gewisse Machtposition einbrachte, was nie hätte sein dürfen. Von diesem Geld hängt letztendlich alles ab, und in Zeiten des Wachstums wurde sich so einiges geleistet, was in den darauf folgenden Zeiten der Teuerung zu einer Zwangsjacke wurde, die nicht mehr abgelegt werden konnte, sodass ein neuer Zwang entstand: Das Geld des Mannes reichte nicht mehr, also musste auch die Frau arbeiten gehen, um die nimmersatte Zwangsjacke in einer solchen Distanz zu halten, damit keine Atemnot entstehe. Nun sind wir in den Zeiten besagter Atemnot angelangt, die Familie wurde schon seit einiger Zeit geopfert: Altenheime und das Abschieben der Alten und die damit verbundene Abgabe der Verantwortung, was natürlich ein Vorbild für die jüngere Generation ist, deren Egoismus hat den des Vorbildes mit Bravour übertrumpft. Entsprechend hat sich die Industrie, und mit ihr die Politik geändert: Es sind plötzlich Dinge hoffähig geworden, die früher nicht für möglich gehalten wäre, Spitzenverdiener saugen Unternehmungen aus wie nimmersatte Vampire, das Wachstum wird künstlich und mit immer brachialeren Kosten am Leben erhalten (wie das Am-Leben-erhalten von Koma-Patienten), Ärzte gehen mit ihren Patienten oft wie Kunden um, kurz und schlüssig, so wie ein Boomerang am Hinflug steil aufsteigt, um dann zurück zuschlagen, sind wir nahe einem Zusammenbruch. Alle Zeichen deuten darauf. Insoweit sind Prioritäten von einem scheinheiligen Staat als solche zu sehen: Scheinheilig. Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Menschen beginnen, sich selbst zu helfen, in Form von selbst organisierten Vereinigungen, wo Weisheit und Vernunft herrscht, und keine Habgier.
Statikus 26.02.2007
2.
---Zitat von Querverweis--- Alles begann wohl damit, dass das Heimbringen von Geld dem Mann eine gewisse Machtposition einbrachte, was nie hätte sein dürfen. Von diesem Geld hängt letztendlich alles ab, und in Zeiten des Wachstums wurde sich so einiges geleistet, was in den darauf folgenden Zeiten der Teuerung zu einer Zwangsjacke wurde, die nicht mehr abgelegt werden konnte, sodass ein neuer Zwang entstand: Das Geld des Mannes reichte nicht mehr, also musste auch die Frau arbeiten gehen, um.... ---Zitatende--- Eine wie ich finde ziemlich gute Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft!
Antje Technau, 26.02.2007
3. Familie - was läuft schief?
In grauer Vorzeit war die Welt noch in Ordnung: sowohl Mann als auch Frau sammelten und jagten und kümmerten sich gemeinsam um die Kinder. Und wenn sie das nicht konnten weil sie beide auf Nahrungssuche waren, dann taten es die Alten oder der Rest der Horde. ---Zitat von Querverweis--- Alles begann wohl damit, dass das Heimbringen von Geld dem Mann eine gewisse Machtposition einbrachte, was nie hätte sein dürfen. ---Zitatende--- alles begann wohl damit, dass die Männer die Frauen von Bildung und Macht ausschlossen. Nur Männer durften etwas lernen, durften Besitz haben - zu dem auch die Frauen und Kinder zählten. Der Besitz, der Frauen z.B. aus dem väterlichen Erbe zustand wenn kein Bruder da war, ging vom Vater auf den Ehemann oder den Sohn über. Männer waren der Vormund der unmündigen (weil ungebildeten) Frau und Frauen waren von Männern abhängig. Nur Prostituierte verdienten ihr eigenes Geld (wenn sie nicht Besitz eines Mannes waren). Dann geschah etwas, das für die Patriarchen eine Katastrophe war: die Frauen eroberten sich das Recht, etwas lernen zu dürfen und Besitz haben zu dürfen, zurück. Sie wurden von den Männern wieder unabhängig. Zwar stand noch bis in die 70er Jahre im Bürgerlichen Gesetzbuch, dass ein Mann seiner Frau die Berufsausübung verbieten durfte, wenn diese darüber Mann & Kinder vernachlässigte, aber auch das fiel. Zwar hatte noch bis in die 90er das Jugendamt automatisch die Vormundschaft über jedes unehelich geborene Kind (es sei denn, die Mutter beantragte dieses vor Gericht für sich selbst, nachdem sie nachgewiesen hatte, dass sie volljährig war und ein anständiges Leben führte), aber auch das fiel. Jetzt können die Frauen endlich ihr Leben wieder selbst organisieren - nur dass sich nicht mehr wie früher die Horde (Grossfamilie) um die Kinder kümmert, wenn sie Nahrung herbeischafft. Auch die Väter denken häufig nicht daran, ihre Vaterpflichten zu erfüllen. Überhaupt kommt in der deutschen Diskussion der Begriff *Vaterpflichten* im Sinne von *Kinderbetreuung* nicht vor. *Kinderbetreuung* ist Frauensache (zuletzt gehört bei Frau Christiansen: *„Erziehung ist Mutterpflicht“* (http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E6503E9DC6C7747819084ADAB0EEABF7A~ATpl~Ecommon~Scontent.html) und gelesen hier im Forum dutzendfach (z.B. als: "meine Frau erzieht unsere Kinder nach unseren Vorstellungen zu Hause, während ich (m) Vollzeit arbeiten gehe"). *DAS läuft schonmal völlig schief in Deutschland, dass Männer sich nur als Erzeuger & Ernährer verstehen, und selten als aktive Väter).* Daher müssen qualifizierte, bezahlbare Kinderbetreuungsplätze her, damit die Kinder versorgt sind, während die Mütter arbeiten gehen. Denn die Grossfamilie gibt es nicht mehr und die Väter fühlen sich in D häufig nicht zuständig. Wie M.Metternich im Nachbarforum schrieb, könnte man eine familienfreundliche Umstrukturierung der männerzentrierten Arbeitswelt dadurch erreichen, indem man Unternehmen, die kinderbetreuung und teilzeitarbeitsplätze anbieten, Steuervergünstigungen bietet. Denkbar wäre auch ein Erziehungsgehalt von 1000,- Euro, das jede Familie (Mutter) pro Kind bekommt, und das sie dann nach Belieben verwenden kann. So dass Mütter, die das wollen, zu Hause bleiben können und Mütter, die arbeiten gehen müssen oder wollen, die optimalste Kinderbetreuung bezahlen können. ---Zitat--- Ich denke, es ist an der Zeit, dass die Menschen beginnen, sich selbst zu helfen, in Form von selbst organisierten Vereinigungen, wo Weisheit und Vernunft herrscht, und keine Habgier. ---Zitatende--- die Menschen sind schon *organisiert*. Das nennt man "Staat"...
inci 26.02.2007
4.
---Zitat von Statikus--- Eine wie ich finde ziemlich gute Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft! ---Zitatende--- dem schließe ich mich an! mit der kleinen einschränkung, der staat wird schon mittel und wege finden, die eigeninitiative, die er ansonsten mantrenhaft beschwört, in diesem falle zu beschränken.
Querverweis, 26.02.2007
5. Macht?
---Zitat von Antje Technau--- ... alles begann wohl damit, dass die Männer die Frauen von Bildung und Macht ausschlossen. ---Zitatende--- Ihr Argument mit Bildung, keine Frage, aber Macht ist etwas negatives (zumindest, wie es heute und schon seit geraumer Zeit definiert wird). Niemand sollte Macht haben. Heute wollen Frauen an die Macht, und damit dreht sich die Misere weiter, verschiebt sich halt.
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