Fotografin Orly Zailer Zeitreise mit Familienporträts

Den Zauber des Augenblicks zurückholen: Die Fotografin Orly Zailer stellt jahrzehntealte Familienfotos nach - mit Kindern oder sogar Urenkeln der Personen auf den Originalbildern. Was passiert, wenn wir in die Rolle unserer Vorfahren schlüpfen?

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Orly Zailer

Das Foto hat sie zehn Jahre lang begleitet, verstaut in einer kleinen Box. Es ist kein künstlerisches Bild, die Farben sind verblasst und milchig, auf der rechten Hälfte sieht man nicht viel mehr als eine weiße Wand. Aber auf der anderen Hälfte des Bildes, da strahlen zwei Menschen in die Kamera, die Orly Zailer wichtig sind. Ihre Eltern halten sich im Arm: Sie, 29 Jahre alt, weißes Poloshirt, Seitenscheitel. Er, 35, längsgestreiftes Hemd, brauner Wuschelkopf. So wie das Anfang der Siebziger eben Mode war. Sie strahlen in die Kamera. Und wie.

Ob ihre Eltern damals tatsächlich glücklich waren? Zailer, 32, weiß es nicht. "Es ist ja nur eine winzige Momentaufnahme", sagt sie. Sie hat ihre Eltern auch nie gefragt. Aber sie liebt dieses Bild. Deshalb begleitete es sie in der Box von Israel nach London. Bis sie 2012 endlich die Idee hatte, was sie damit anstellen wollte.

Zailer war zum Fotografiestudium in London, eine der Aufgaben hieß "Familienalbum". Und Zailer entschied sich, das Bild von einst ins Heute zu übertragen. Also schnappte sie sich ihren Freund Nadav. Zog sich eine weiße Bluse an, ihm ein längsgestreiftes Hemd. Sie stellten sich vor eine weiße Wand, sie musste auf eine Kiste steigen, damit sie und ihr Freund genauso groß aussehen wie ihre Eltern. Dann mussten sie lachen. Eine Stunde lang machte Nadav Witze, erzählt Zailer. Ihr Freund sieht ihrem Vater fast ähnlicher, als sie ihrer Mutter. Es dauerte zwar lange, aber dann sah die Aufnahme endlich perfekt aus - so ungestellt wie das Original aus dem Jahr 1972.

Die Zeit, die zwischen zwei Bildern vergeht

Es war der Beginn von Zailers Fotoprojekt "The Time Elapsed Between Two Frames". Zwölf weitere Aufnahmen kamen noch hinzu, weitere sollen folgen*. Zailer fragte Freunde und Bekannte, von denen sie wusste, dass sie ihren Vorfahren ähneln, ob sie einen Blick in deren alte Familienalben werfen dürfe. Sie durfte. Und suchte gezielt nach Fotos, auf denen die Gemeinsamkeiten unübersehbar waren. Dann machte sie sich an die Arbeit.

Da ist zum Beispiel das Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1947, eine Schwarzweißaufnahme von Rishek und Zosha. 65 Jahre später stellte Zailer das Bild mit Enkelin Naama und deren Freund Amir nach - der gleiche Gesichtsausdruck, der weiße Hut mit kleinem Schleier, der Brautstrauß, der abgeschnitten in der unteren Mitte des Bildes zu sehen ist. Da ist auch das abgenutzte Foto aus dem Jahr 1910, Maria sitzt auf einem Holzstuhl, den linken Arm auf der Lehne abgestützt, den Blick aus dem Bild gerichtet. 102 Jahre später stellte Zailer die Aufnahme mit Marias Urenkelin Claire in Italien nach. Claire und Maria sehen sich sehr ähnlich. Kennengelernt haben sie sich nie.

Nur einer ihrer Freunde, den sie für das Fotoprojekt haben wollte, habe abgelehnt, sagt Zailer. Er hatte das gleiche Gesicht, die gleiche Statur wie sein Vater. Und das hätte der Freund am liebsten vergessen. Seit Jahren hatte er keinen Kontakt mehr zu dem Mann. "Und er wollte nicht daran erinnert werden, wie ähnlich er ihm sieht", sagt Zailer.

Natürlich wirft das Fragen auf. Geht mit der äußeren Ähnlichkeit auch eine innere einher? Was werden wir selbst an unsere Kinder und Enkel weitergeben? Wie definieren wir uns als Individuum, wenn wir aussehen wie ein anderer?

Wer war meine Mutter, bevor ich sie kennenlernte?

Zailer hat keine Antworten auf diese Fragen. "Es geht mir eher darum, sie zu stellen und nicht darum, sie zu lösen", sagt sie.

"Die Frau auf dem Bild von 1972 ist meine Mutter. Aber sie war damals eine andere Person, als die, die ich später kennengelernt habe." Auch das ist eine der Fragen, die ihre Aufnahmen auslösen: Was wenn wir diese so vertraut aussehenden Menschen auf den Fotos zum Zeitpunkt der Aufnahme kennengelernt hätten? Würden wir sie verstehen? Sie mögen?

Und welche Gefühle löst es in uns aus, wenn wir in die Rolle unserer Vorfahren schlüpfen? Wir übernehmen ihre Posen, ihren Gesichtsausdruck, versetzen uns in die Lage, in der sie damals waren - und Zailer wählte als Vorlagen nur Fotografien, die glückliche Menschen zeigen. Dabei wissen die Hinterbliebenen längst, was nach der fröhlichen Originalaufnahme mitunter kam: Krankheiten, Scheidungen, Tod. Der Rollenwechsel zwingt uns, die Leichtigkeit des Moments zu erkennen. Denn die Zeit, das Glück - sie können für jeden von uns genauso schnell vergehen wie für die Personen in den alten Familienalben.


*Derzeit sucht Orly Zailer in Deutschland nach Personen, die ihren Vorfahren sehr ähnlich sehen. Hier geht's zur Internetseite der Fotografin.

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